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Altbergische Weihnacht

von Alma Mühlhausen

In der heutigen Zeit erleben wir die Stille des Heiligen Abends schon in den frühen Nachmittagsstunden. Der Verkehrslärm der Straße ebbt früh ab, und nur noch vereinzelt huschen die Menschen ihren Heimen zu. Die Ursache der frühen Stille ist darin zu suchen, dass der weitaus größte Teil der Bevölkerung seine Bescherungsfeier am Heiligen Abend hält. In alter Zeit war das anders. Da herrschte „Chreßowend" Hochbetrieb. Die Geschäfte waren am Weih­nachtsabend bis in die späte Nacht hinein geöffnet. Die Sitte der Bergischen, am ersten Weihnachtsmorgen zu bescheren, war fast allgemein in den hiesi­gen Familien. Es war gewissermaßen Tradition, „Cheßowend ennet Dorp te gönn", um die letzten Einkäufe zu erledigen. Es war damals alles ganz anders, und ich möchte hier einmal oon einem Weihnachtsfest erzählen, wie ich es als zehnjähriges Mädchen erlebt habe.

Mit zehn Jahren durfte ich in unserer Weihnachtsstube zum ersten Mal einen Tannenbaum „brennen sehen, in der vorher nur die „Chreßkruon" unter der Zimmerdecke hing. War das ein Jubel, als der Vater am letzten Adventssonntag ein grün-weißes Christbaumzäunchen aus der Stadt mitbrachte! Und zusätzlich noch eine Schachtel mit Hirtenfiguren.

Tiefverschneit war die Landschaft, als wir Heiligen Abend aufstanden. Dabei wollten wir doch im nahen Busch samtgrünes Moos für den Boden des Christbaumzäunchens stechen. Doch der tiefe Schnee war für uns Kinder kein Hindernis. Die Moosstellen im Papenberger Busch waren uns gut bekannt. So zogen wir vier Trabanten mit „Peckhökelschen" und einer alten Schüssel los und kamen mit einer derartigen Menge zurück, dass unsere Mutter lächelnd bemerkte, die gehäufte Schüssel reiche für den ganzen Hof aus.

Als der Tag in den Nachmittag sank, kamen wir Kinder „ins Kübel" und wurden einer festlichen Säuberung unterzogen. Dann ließen wir uns die Blut-und Leberwurstbuttern gut schmecken, um anschließend in die Betten verfrachtet zu werden, da unsere Eltern noch „ennet Dorp" mussten. Wie aufgeregt wir Kinder waren. Bei jedem Schlittengeläut glaubten wir das Christkindchen vorbeifahren zu hören. Ich sehe meine Mutter noch ausgehfertig vor mir stehen, als sie sich vor ihrem Fortgang von uns verabschiedete: Ein kariertes großes Umschlagtuch um die Schultern, über dem „Uohren-wärmken" einen Spitzenschal, derbe Rindslederschuhe an den Füßen und am Arm den brauen Henkelkorb, während der Rock des dicken Winterkleides sie wie eine Glocke weit umbauschte. Mein Vater trug einen kurzen, pelzgefütterten Winterrock, einen langen gestrickten Wollschal und eine Art Bärenfellmütze mit Ohrenklappen. Die enge Schlauchhose aber steckte in den Schaftstiefeln. Nach dem Fortgang der Eltern trat die alte Händlersche ihr Amt als „Aufsichtsbeamtin" an. Doch viel war nicht mit uns anzufangen, da wir „Rounüeseln" vor freudiger Erwartung schier aus dem Häuschen waren.

So rann Stunde um Stunde in den späten Abend hinein. An Schlaf war bei uns Blagen nicht zu denken, und als wir die Eltern heimkehren hörten, schlugen wir Purzelbäume in den Betten. Wenn nur der Tannenbaum nicht so wunderbar stark geduftet hätte. Doch endlich gelang es unserem Vater, Klapse verteilend, uns ruhig zu bekommen.

War es noch Nacht oder schon Morgen, als uns aus der Nachbarswohnung Trommelschlag, Tuthorn- und Mundharmonikamusik weckte? Da schrien wir im Chor: „Wie spät es et? Können wir opstonn?" In das ohrenbetäubende Lärmen der mit fünf Kindern gesegneten Nachbarn klang nur schwach verständlich die Stimme des Vaters, der uns aufstehen hieß. Mit Indianergeheul stürmten wir in unseren Nachthemden in die Stube, und mit großen, glänzenden Augen standen wir dann unter dem strahlenden Weihnachtsbaum, der erste, der bei uns leuchtete. In unseren „Naitski'edeln" tanzten wir um den Gabentisch. Anziehen wäre für uns geradezu eine Zeitverschwendung gewesen, da wir erst einmal unsere „Chreskengker" besehen mussten. Wie bescheiden, äußerst bescheiden waren doch die Geschenke, die uns Kinder damals märchenhaft schienen. Und die gehäuften Weihnachtsteller... Schokolade und Pralinen kannten wir nicht. Äpfel, dicke und kleine Nüsse, Feigen, „Schneelshüsker", Zuckerzeug, Berliner Brot, ein Weckmann und ein Ballen lockten aus den tiefen Porzellantellern.

Das schönste aber war der Christbaum, der im moosausgelegten und mit Hirtenfiguren sowie mit Schäfchen, allerliebsten Wollschäfchen, geschmückten Gärtchen stand.

Nein, verwöhnt waren wir Kinder der alten Zeit nicht. Unsere Geschenke waren meistens praktischer Art. Gewiss, es gab für jedes Kind ein Spielzeug. Die Jungen bekamen Baukasten, troddelnbehängte Tuthörner, Trommeln oder Mundharmonikas. Und der Lärm der Musik gehörte zum Christfest wie die lichtergeschmückte Tanne. Wir Mädchen freuten uns an Märchenbüchern, Puppen, Kochgeschirr und vielem anderen. Für die Mutter brachte „et Chreßkeng-ken" ein neues Tuch, schwarze Lastingshausschuhe, ein von uns Kindern gestricktes neues „Uohrenwärmken", eine schöne Siamesenschürze, einen Zwiebelbeutel, auf den wir „Zwiebel" gestickt hatten, oder auch eine Tasche, auf der zu lesen stand: „Vergiss es nicht am Morgen, die Lampen zu besorgen" u. a. Kleinigkeiten dazu noch. Vater erhielt eine Pfeife mit Troddeln und buntem Pfeifenkopf, Plüschschuhe, ein mit Perlen besticktes schwarzes Vorhemd­chen, auch einen neuen Spazierstock. Doch nie durfte die Flasche mit dem „Stakeser" fehlen. Die musste bereit stehen, wenn die Nachbarn „nobern" kamen.

In vielen Familien waren die Weihnachtsteller von den Kindern schon am frühen Morgen leergegessen, und das Bauchweh brachte keinen Appetit mehr auf den mit Rosinenplatz, Feinbrot, Muzen und dergleichen bedeckten Kaffeetisch.

Am schönsten aber waren unsere Weihnachtsfeste immer, wenn das „Nobern" einsetzte, und immer spazierten wir Kinder mit. Ach, wie waren die Tage so schön in ihrer glücklichen Bescheidenheit. Und nicht zu vergessen: das traditionelle Gericht am zweiten Weihnachtstag: Grünkohl mit Bratwurst! Und auch die kleinen „Koffeemüehlen-Schlitten" müssen erwähnt werden, die an den Festtagen eingeweiht wurden.

Das waren unsere Weihnachtsfeste damals vor vielen, vielen Jahren, die uns die Erinnerung wie ein köstliches Märchen zurückbringt. Und wie vieles wäre da noch zu erzählen, wenn es der Raum zuließe. Wir aber, die wir diese Weihnachtsfeste gekannt haben, möchten sie niemals anders erlebt haben.

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