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Pfingsten, oder: Zauber der „Pengslosthusker“

von Alma Mühlhausen

Damals, als noch die Postkutsche durch die Täler der Wupper fuhr und das Posthorn des Schwagers seine Weisen über die blühende Landschaft schmetterte, feierte die Bürgerschaft das Pfingstfest noch so recht nach den überlieferten Sitten der biederen bergischen Vorfahren.

Am Tage vor Pfingsten begann um Häuser, Schmieden und Werkstätten ein emsiges Großreinemachen. Mit einem riesigen Reiserbesen wurde alles blitzblank gefegt. Zum „Splengdern" benutzte man das Regenwasser aus der Re­gentonne, die fast vor jedem schwarz-weiß-grünen Haus unter der Dachrinne zu finden war. Sogar die Schmiedefenster wurden mit dem weichen Wasser aus der „Rehntonn" vermittels eines Handfegers für das Auge wieder durchsichtig geputzt. Und alles geschah in einer frohen, festlichen Stimmung. Die Hessenli'ehr/öngker, falls sie zum Feste nicht zu Muttern fuhren, vergaßen an diesem Tage ihr „Muttendriewen" on „Pöhlschesschi'eten".

Nachdem alles reingefegt war, ging's in den Busch, man holte „Maischlöite" und Birkenreiser, die dann an die Haustürenpfosten und Fensterläden ge­steckt wurden. Mittlerweile war der Nachmittag unter den Vorbereitungen vergangen, die ersten Abendschatten fielen über die friedlich atmende Landschaft. Das war dann die Zeit, die den Familienvater in den Busch führte, um Ausschau nach einem geeigneten Platz für die Pfingstlaube zu halten. Schon beim ersten Hahnenschrei des Festmorgens herrschte ein reges Leben im Busch. Laube bei Laube wuchs aus dem Grün des Waldes, und jeder Baumeister zeigte den Ehrgeiz, die schönste und geräumigste Laube zu bauen. Anderntags, in aller Herrgottsfrühe, sah man dann die Familien, festtäglich gekleidet und mit Henkelkörben bepackt, dem Walde zugehen. Für Sitzgelegenheit sowie für das übrige Inventar der Laube hatten die Väter schon vorgesorgt. So saß man bald schmausend um den roh gezimmerten Brettertisch und ließ sich Muzen und Ballebäuschen gut schmecken. Bei fröhlichem Kindertreiben und anregendem Kartenspiel der Männer wurde es Mittag. Schon hatten sich die Hausfrauen mit den Körben entfernt, um daheim nach dem Festessen zu sehen, das in der Regel aus Fleischsuppe, Kartoffeln und Eingemachtem bestand. Der Nachmittag und auch der Abend sah dann die meisten Familien wieder in der Waldlaube versammelt, und der Jubel der Kinder mischte sich mit dem Gesang der Vögel, die zutraulich näher kamen, die Kuchenkrümel aufzupicken.

 

Das war die Pfingstfeier der Familien der breiten Bürgerschaft. Die Familie Mannesmann feierte oft mit einer großen Gesellschaft auf ihrem Besitztum, der Bliedinghauser Insel, die damals noch ein herrliches, waldumstandenes Fleckchen unterhalb des Röhrenwerkes war. Auf der eigentlichen Insel, die dem Ort seinen Namen gegeben hat, stand in der Mitte eine große Lärche, unter der sich die Musikkapelle gruppierte. Auf den breiten, schattigen Wegen, die um den großen Teich liefen, ergingen sich die Gäste, und auf dem weiten halbrunden Platz, den riesige Tannen überdachten, wurde getanzt. Doch auch die märchenschöne Tannenallee, die Zierde des südlichen Waldgeländes, die unterhalb der Bliedinghauser Straße durch den Rattenberg bis nahe an den idyllisch schöngelegenen „Engels Diek" lief, war bis vor einigen Jahrzehnten noch die Stätte geselliger Pfingstfeiern. Und wiederum war es eine Familie Mannesmann, die hier zu Pfingsten ihre Frühlingsfeste feierte, die allemal sehr originell gestaltet wurden. Da ist dann einmal ein „Wild-West-Fest" gegeben worden, bei dem alle Teilnehmer Indianerkostüme trugen und die „Kriegspfeile" nur so schwirrten.

Das Besondere aber waren ein am Spieß gebratener Hammel und Fässer voller Wein und Bier. Wohlweislich hatte man den Festplatz in der Nähe der Wiese gewählt, an deren Saume „et Waterpüehlschen" war, das die Bewohner der oberen Wermelskirchener Straße mit Wasser versorgte, da Remscheid noch nicht die Segnungen der Talsperre kannte. So hatten die Gäste „fließendes Wasser" in der Nähe; eine Bretterbude war zum An- und Um­kleiden vorhanden. Hunderte Menschen freuten sich an diesem Schauspiel, das als ein pfingstliches Trachtenfest erschien, und auch die Zaungäste be­kamen manch Stück des saftigen Bratens und durften sich an Wein und Bier gütlich tun.

Dann ist noch eine andere volkstümliche Pfingstsitte im Südbezirk zu verzeichnen, die schon vor dem Deutsch-Französischen Kriege 1870-71 bekannt war: Auf dem „Sti'enacker", einem Wald unterhalb des jetzigen Bliedinghauser Friedhofs, versammelten sich die Sangesbrüder zu fröhlichem Liedersingen im schattigen Waldesgrün. Doch auch Körbe mit Bratwurst und Brotschnitten sowie Kasten voll des braunen Kipperbieres wurden abgeladen. Auch hier war das „Püehlschen" in unmittelbarer Nähe, das diesmal die Anwohner der unteren Wermelskirchener Straße mit Wasser zu versorgen hatte. Für das Kühlhalten der Bierflaschen aber war die Quelle der idealste Kühlschrank; auch für die durstige Jugend, die sich beim ersten Hahnenschrei am Pfingstmorgen den Vätern und Brüdern angeschlossen hatte. Da ist dann manches frohe Lied aus rauhen Männerkehlen bis weit über den Eschbach erklungen, begleitet vom Konzert der gefiederten kleinen Sänger, die im „Sti'enackerbosch" ihr Paradies hatten.

Die märchenschöne Tannenallee ist abgeholzt, die „Insel" ist nur noch ein kläglicher Wassertümpel, die Familie Mannesmann feiert ihr Pfingstfest nicht mehr, und das Laubenbauen (Pengslosthüsker) wird noch sehr selten geübt. Wie so manches schöne bergische Brauchtum sind auch die Pfingstbräuche im Strudel des modernen Zeitalters versunken.

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