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Plauderei mit einer alten Schiefertafel

von Alma Mühlhausen

Es ist eine Schiefertafel, in deren Rahmen die Zahl 1859 eingekerbt ist. Sinnend hängen meine Augen an der Tafel. Sie ist etwas größer als die üblichen Schultafeln, und an den Rahmenecken sind Metallbeschläge angebracht. Seitlich befindet sich eine handliche Drahtschlinge zum Aufhängen der Tafel.

Es ist die Stunde, in der alles Laute des Tages still im Dämmerschein des nahen Abends versinkt. Keine Türe knarrt mehr, und die Klingel hat sich müde geläutet. So kann ich meine Gedanken weit zurück in die Vergangenheit führen, als noch in Schmieden, Kotten, Haustuben, Werkstätten und Spezereigeschäften Tafeln ähnlicher Art an der Wand hingen, auf denen mitunter das kurioseste Zeug zu lesen war.

Auch et „Kroumen Lene" hatte in seinem „Schmeerwenkel" eine Schiefertafel auf der Tür hängen. Und was wurde da nicht alles auf der Tafel ange­priesen ... Da hieß es dann wohl: „Sauren Kappes, das Pfund einen Groschen, Thomas Mostert, das Glas 8 Pfennig, Kaffeebohnen, die besten, 9 Groschen das Pfund, Zucker 19 Pfennig und Reis 21 Pfennig das Pfund." Als ich aber las: „ff. Stinkkäse, das Pfund 35 Pfennig", musste ich lachen. Da aber schrillte die Stimme der Schmeerwenkelfrau: „Wat gött et dann do te lachen, du domm Blag?" Als ich zaghaft darauf hinwies, dass man statt Limburger Käse doch nicht Stinkkäse schreiben dürfe, hatte ich beim Lene vollends danebengetreten. „Wat?" schrie et, „dat soll nit rechteg sinn? Ewen wor noch de Mahd van Reinhads hie. „Und", su seit se, „geben Sie mir noch ein Pfund Stinkkäse." Also, du hees ömsöß üewer mech gelacht, du schäbeg Blag." Und nachdem mir die beleidigte Spezereiwaren-Ladeninhaberin die Petroleumkanne und vier Pfennig über die Theke gereicht hatte, lief ich schleunigst hinaus.

In Gedanken an das Gewesene lächle ich zur Tafel hinüber, und schon höre ich sie flüstern: „Das stimmt, eine meiner Schwestern hat tatsächlich im Krumm'schen Kramladen gehangen. Ich aber hing zwischen halbblinden Fenstern eines Wasserhammers im Tal, bis ich nach Jahrzehnten meinen Platz in einer Sägenschmiede auf dem Berge fand. Die Schrift, die des Schmieds Pranke auf mich malte, hättest du nicht entziffern können. Da war von Stahl und Lieferungen die Rede, doch lesen konnte es nur der Meister selbst, da es in einem fehlerhaften, konfusen Platt geschrieben war, dass es nur dem Schmied Hermann verständlich war. Und das genügte auch, wie er oft betonte". Die Tafeln in den Schmieden mit ihrer konfusen Schrift und den vielen ortho­graphischen Fehlern habe ich noch gekannt, und oft waren auf den Tafeln auch Zeichnungen von Werkzeugen zu sehen, die doch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem „Modell" aufwiesen. Aber auch Hinweise auf eine bevorstehende Versammlung und Geschehnisse innerhalb der Betriebe waren auf den Tafeln an den rußgeschwärzten Wänden zu finden. Und wie oft haben wir Blagen uns darüber amüsiert, wenn auf der Tafel beim Feilenhauer Kapp unter anderem zu lesen war, wieviel Taschen- und Kirmesgeld er dem Lehrjungen Pitter gegeben hatte.

„Ist dir denn auch bekannt, dass die Bauern meine Schwestern in ihren Stallungen hängen hatten?" fragte mich die 100-ährige Schiefertafel. — „O ja", erwiderte ich, „da wurde über den jeweiligen Viehbestand berichtet und alles registriert, was in der Landwirtschaft bedeutsam war, zum Beispiel der Termin, wenn eine Kuh kalben musste oder im Schweinestall Zuwachs zu erwarten war. Auch Änderungen der Butter- und Eierpreise waren auf der Tafel vermerkt. Aber auch von der Ernte konnte man dort lesen.

Und ich weiß auch noch, dass der alte Packermeister Weber auf der Packstube der Feilenfirma A. Mannesmann eine Tafel, genau wie diese, an der Türe hängen hatte. Die Aufzeichnungen, die der alte Weber auf seiner Wandtafel festhielt, waren klarer und oft bedeutender als die in den Geschäftsbüchern; und — darin konnte der Biedere etwas gehässig sein — hatte jemand von der Hauerei oder Packstube montags „blau" gemacht, erzählte es die Tafel bestimmt noch drei Wochen hernach. Auszuwischen hätte es niemand gewagt, der Alte hätte ihm den Laufpass gegeben." (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

Eine Weile träumte ich vor mich hin, dann sagte ich: Überhaupt waren Wand-Schiefertafeln in meiner Kinder- und Mädchenzeit noch zahlreich in deiner deftigen, robusten Art in den hiesigen Betrieben zu finden. Besonders aber in den Schmieden und Haustuben. Wohl hingen auch in den Küchen der Haushaltungen Schiefertafeln, aber ohne Metallecken und anders gerahmt; aber du warst ja damals auch schon viel älter als ich; denk mal nach."

„Gewiss, über fünfzig Jahre lag ich in der Mottenkiste, bis mich ein Sammler entdeckte und mitnahm. Von meinen Altersgenossinnen aber wird wohl kaum noch eine vorhanden sein. Heute würde man es lächerlich finden, wenn sich ein Werktätiger so ein plumpes Ding wie mich an die Wand hängte. Heute habe ich nur noch Sammlerwert." Schon wollte ich antworten, da riss mich das Hupen eines Autos in die Wirklichkeit zurück; Stumm und starr steht die alte Schiefertafel im Sessel. Da war ich tatsächlich ins Träumen geraten . . . Der Anblick der alten Tafel hatte mich weit in die Vergangenheit zurückgeführt. „Und doch", sagte eine Stimme in mir, „es war ein Stück Bergische Heimatgeschichte, die mit den klobigen Wand-Schiefertafeln verlorenging.

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