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Die Kräutergret

von Alma Mühlhausen

Wer von der Tallandstraße den Blick zur Höhe wirft, sieht zwischen den Wiesen ein Häuschen stehen. Schief und winzig klebt es am Bergabhang, und beim Hinschauen hat man das Gefühl, jeden Augenblick könnte ein Windstoß es hinunterwehen. Doch blank und fröhlich blinken die kleinen Fensteraugen zum nahen Wald herüber, der just zur Herbstzeit in bunten Farben loht.

In dem windschiefen Häuschen wohnte Witwe Wendler, und von hier aus unternahm sie fast täglich ihre Gänge durch den Wald, um Kräuter zu sammeln, die sie an die Apotheken verkaufte. Durch dieses Verdienst konnte sie sich recht und schlecht durchs Leben schlagen. Zudem war die Kräutergret klug, und eine gewisse Bildung war ihr nicht abzusprechen und machte sie weithin beliebt.

Es war Oktober, die Zeit der Preiselbeerenernte. Winterwaldbeeren nannten die Einheimischen die in dem strengen Grün wie rote Korallen schimmernden Früchte. An einer Stelle, von der man das Schloss der Grafen von Berg gut sehen konnte, bemühte sich die Kräutergret, in ihr Körbchen die hier in verschwenderischer Fülle leuchtenden Winterwaldbeeren zu sammeln. Schon war es zur Hälfte gefüllt, als sich die Gret aus ihrer hockenden Stellung erhob und sich mit einer schmerzlichen Gebärde an den Rücken griff. Dann setzte Gret sich auf einen in der Nähe liegenden Baumstamm, um ein wenig zu verschnaufen.

Wie schön und still war es hier . . . Das Lärmen der beerensuchenden Kinder von der gegenüberliegenden Bergkuppe drang nur gedämpft in den Waldfrieden. Die Sonnenstrahlen ließen die Blätter der Bäume golden aufleuchten. Der Grafenburg aber streifte die Oktobersonne ein Märchengebilde über, und auf den Fenstern der Kemenate lag ein roter Schein, so dass man meinte, die Burgfrau befände sich im Frauengemach und schüre die Glut des Herdfeuers. Plötzlich ließ ein Geräusch Gret den Kopf wenden, und sie schaute dem Revierförster entgegen, der aus dem schwarzen Tann trat und die ihm bekannte Kräutergret freundlich begrüßte. Ob ihr das Bücken nicht zu beschwerlich sei und der Korb heute noch voll werden solle, fragte der Förster und nahm neben Gret Platz. Die nickte lächelnd und erwiderte, dass nichts herrlicher zum Wildbraten schmecke als eingemachte Preiselbeeren. Und wenn ihr der Herr Förster zu Weihnachten wieder ein Stück Rehkeule oder einen halben Hasen schicken wolle, so..."

„Schon gewährt", unterbrach der Förster sie lachend. Dann aber wurde seine Miene ernst und auf die Grafenburg zeigend, meinte er: „Die Fensterscheiben der Schloddkemenate sehen im roten Schein der Sonne wie bewohnt aus". Gret nickte und sagte: „Wenn man, wie ich, sein ganzes Leben in dieser Gegend verbracht hat, ist man besonders für solche Bilder aufgeschlossen und macht sich seine Gedanken darüber. Da gibt es so manches Geheimnis, das einem die Heimatliebe auf irgendeine Art entschleiert. Diese Waldstelle hier, von der man die Burg so deutlich sieht, soll der Lieblingsspielplatz eines Grafenkindes gewesen sein, das im Spiel das Nachhausegehen vergessen hat, bis das Hörn des Vaters von der Burgzinne sie daran gemahnt. Dann aber sei es geschehen, dass eines Tages, just zur Erntezeit der Winterwaldbeeren, das Grafenkind beim Spiel mit den Waldgeisterchen dem Mahnruf des Vaters nicht gefolgt und seit diesem Tag verschwunden geblieben sei."

„Eine Sage ist das?" fragte der Förster, ein wenig spöttisch. „Nein, Herr Förster", entgegnete Gret, „eine Sage ist das nicht. Es ist nur ein Volksgeraune, das mit den Generationen der Bergischen hier durch die Zeiten gegangen ist und so leicht nicht verstummen wird. Das Einmalige des Naturbildes hier, vor allem die hohen düsteren Tannen, die so gespenstisch im Hintergrund stehen, und die Sicht auf die Grafenburg, umweben den Ort hier mit einem etwas unheimlichen Märchenzauber, der besonders die Kinder fernhält. Die Erwachsenen aber beschleicht beim Passieren der Stelle hier stets ein beklemmendes Gefühl, das sich noch verstärkt, wenn die Winterwaldbeeren reif sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass es zuweilen wie Seufzen klingt, wenn der Wind in den Tannen geigt. Da spielt dann oft die Phantasie den Furchtsamen einen Streich und lässt sie zwischen den Bäumen ein schattenhaftes Gebilde sehen, das einem Mädchen gleicht."

„Das ist also der Grund, dass die Stelle hier so selten von beerensuchenden Kindern aufgesucht wird. Ja, der Aberglaube ..." – „Sagen Sie das nicht, Herr Förster, dieses Empfinden und Geraune hat mit Aberglauben kaum etwas gemein. Ich selbst habe mit alledem wenig zu tun, wenn ich auch Verständnis für Vieles habe", unterbrach Gret den Förster. „Schon die historischen Stätten um die Burg, die in ihren Heimatsagen vom Leben der Grafengeschlechter erzählen, geben der Phantasie der Bergischen weitesten Spielraum. Und da die Sage die Mutter der Märchen ist, darf es uns nicht wundern, wenn in jeder Schlucht, in jedem noch so kleinen Strauch die Heimatmärchen wispern. Das alles trägt dazu bei, den Glauben zu erwecken, dass es an dieser Stelle spukt. Aber Sie sind Ortsfremder, Herr Förster, da wird Sie meine Auffassung wenig überzeugen." „Doch, Frau Wendler, es interessiert mich schon, aber jetzt muss ich mich verabschieden, der Dienst ruft." Und mit einem freundlichen Händedruck erhob sich der Förster, und bald danach hatte der Tann den Forstbeamten verschluckt.

Eine Weile saß die Gret noch träumend auf dem Stamm, und die Wirklichkeit rückte immer weiter fort. Immer tiefer sank die Sonne, und ihr Feuerball verschwand zusehends hinter der „Galoppa", die ihren Namen von der Sage des „Gottesurteils" erhalten hatte. Vom „Weißen Stein" trug der Wind Kindergesang, der sich dem Weg näherte, der nahe der Stelle, an der die Gret saß, vorbeilief. Über die Zinnen der Grafenburg aber hatte der nahe Abend schon seinen Schattenmantel gehängt. Totenstill war es im Wald geworden, nur der Wind sang in den Tannen sein Abendlied, als Gret jäh mit einem Schrei in die Wirklichkeit zurückkehrte. Huschte da nicht hinter dem Strauch her, an dem ihr Körbchen stand, ein schattenhaftes Wesen hervor, das sogleich rasch wieder im Tann verschwand? Hastig schritt die Gret zu der Stelle, an der ihr Beerenkörbchen stand. Doch wie erschrak sie, als sie sah, dass ihr Körbchen randvoll mit Beeren gefüllt war. Hatte es der Förster heimlich gefüllt, als sie träumend hier gesessen hatte? Sie wusste es nicht zu deuten; und in tiefe Gedanken versunken schritt die Kräutergret durch die Dämmerung, in die nun das Geläut der Abendglocke klang, ihrem Hause zu. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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