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Vom Ursprung unserer Heimatsprache

von Alma Mühlhausen

Wer Wesen und Art der bergischen Menschen spiegeln will, muss noch um die Charaktere des oorigen Jahrhunderts gewusst haben. Die technischen Er­rungenschaften der letzten sechzig Jahre haben hier uieles gewandelt. Und wenn das urwüchsige Wesen eines bergischen Menschen allzu sehr moderni­siert wird, bricht es damit der Scholle die Treue. Wie die Schluchten und Klüfte, so rauh und steinig ist der Menschenschlag früher gewesen. Wer aber nach verborgenen Schätzen sucht, findet nicht allein die eigenartigen Reize der Landschaft, sondern, wenn er sich der Mühe unterzieht, entdeckt er auch den goldenen Kern unter der rauhen Schale der bergischen Menschen und versteht auch ihre Sprache.

„In der Sprache derbem Worte hütet ihr der Ahnen Brauch. Und ihr Mahnen weht am Orte in der Scholle Atemhauch . . ."

Ein klarer Spiegel bergischer Wesensart ist auch der Schuhmacher Ben ge-wesen, der im Südbezirk eine gutgehende Schuhmacherei betrieb. Seine Frau Rosalchen hatte ihm sechs Kinder geschenkt. Da des Bens Ehegespons um einen Kopf größer als ihr Mann war, nannte er seine Frau, in zärtlicher Laune, „Mingen Buohnenstaaken". Armut kannten die Schuhmachersleute nicht. Zwei Hippen, ein Milchschaaf und ein stattliches Hühnervolk sorgten dafür, dass alle satt wurden. Außerdem mästete der Ben jedes Jahr zwei Schweine.

Während Ben die Woche hindurch fleißig arbeitete, wanderte er sonntags regelmäßig bei schönem Wetter mit seinen Trabanten in die Büsche. Und immer folgte dem beliebten Schuhmacher ein gutes Lächeln der Ortsbewohner, wenn sie ihn mit seinem Trupp losziehen sahen. Wer ihn aber begleitet hätte, wäre Zeuge gewesen, wie er seine Kinder auf die Schönheiten der Hei­mat aufmerksam machte. Alle Geheimnisse der versteckten Winkel kannte der Vater, und dank seiner weit und breit bekannten Erzählkunst wusste er sie ihnen verständlich zu machen. Und hier beginnt auch die eigentliche Geschichte vom Ben.

 

Wieder einmal saß er mit seinen Jungen an einem märchenschönen Fleckchen am Weiher, der wie verwunschen in der grünen Tiefe des Waldes lag, und erzählte ihnen von den Sagen und Märchen, die hier raunten und wisperten. Die Kinder lauschten mit angehaltenem Atem den Erzählungen ihres Vaters, die in ihrer Muttersprache erklangen, der Umgangssprache der Familie.

Während Ben mit seinen Gedanken weitab vom Alltag war und die Kinder im Lauschen Oit und Zeit vergaßen, näherten sich der Gruppe zwei Herren, die schon unbemerkt eine Zeitlang die Gruppe beobachtet hatten. Erstaunt Schaute Ben auf, als plötzlich die Herren oor ihm standen und nach der freundlichen Begrüßung fragten, ob sie Platz nehmen dürften. Ben nickte, während die Kinder die vornehm gekleideten Herren etwas scheu betrach­teten. Eine Weile lief das Gespräch über Allgemeines dahin, dann fragte der ältere Herr den Ben: „Sagen Sie einmal, lieber Mann, was ist denn das für eine unmögliche Sprache, dieses Kauderwelsch? Sind die Eltern, die Ihnen die Jungenschar anvertrauten, damit einverstanden?" „Das sind alles meine eigenen Kinder", belehrte lächelnd Ben den Frager in seinem etwas knubbeligen Hochdeutsch. Darauf hatte ihm der Herr geantwortet, dass er ihn ob solchen Kindersegens beneide, da ihm nicht ein einziges beschert sei. Als sich der jüngere Herr aber meldete und fragte, ob denn alle satt würden, lachte Ben lauthals und verfiel wieder in seine Plattsprache. „Bekiekense sie sich es." Der Herr musste es verstanden haben, da er nach einem prüfenden Über­blicken lächelnd genickt hatte.

Als später der ältere Herr den Ben fragte, warum hier in der Gegend eine so unschöne, gewöhnliche Sprache herrsche und woher die Laute stammten, hat sich Ben zuerst den Kopf gekratzt und eine Weile unschlüssig vor sich hingeschaut. Dann aber hat es in seinen Augen geblitzt, und während etwas von seiner Pfiffigkeit um den bärtigen Mund spielte, hat er die Antwort und mit ihr die Erklärung gefunden. Denn nicht umsonst war der kluge Schuhmacher überall als guter Erzähler bekannt.

Einmal, so begann er, sei ein Fremder hier in die noch unbesiedelte Gegend gekommen. Als er durchs Tal ging, sei ihm aus dem Felsen am Flussufer lautes Hämmern und Pochen entgegengeschallt. Neugierig habe er durch den Fels­spalt in die Höhle geschaut, und da sei ihm eine Schar kleiner Männer auf­gefallen, die auf glühendes Eisen, das auf einem Eisentisch lag, gehämmert hätten. Sogleich aber sei er bemerkt und von den Männlein in die Höhle ge­zogen worden. Dort sei ihm die Schmiedekunst beigebracht worden. Dann hätten ihm die Meisterzwerge noch eine Sprache geschenkt, die in die Gegend gepasst hätte. Das Brausen der Wehre, das Rauschen der Wälder, den Klang des Hammers, das Glucksen der Beeken, die Klarheit des Spiegels des kleinen Weihers, das Gemurmel der silbernen Quellen und das Echo der Fel­senwand seien von den Männlein gemischt worden, und daraus wäre dann die Sprache der Bergischen Heimat entstanden. Auch eine Schmiede hätten ihm die Geister gebaut, und als das Hämmern weit über die Berge dröhnte, seien Menschen in das Tal gekommen, und Diele hätten sich auf den nahen Höhen und im Tal angesiedelt, und er hätte sie nicht allein das Schmieden, sondern auch die Sprache der Landschaft gelehrt.

,,Ja", hat der Ben seine aufklärende Erzählung beendet, „so soll es sich vor vielen Jahrhunderten, in grauer Vorzeit, hier zugetragen haben. Die Zwerge sollen es gewesen sein, die das Wesen und auch die Heimatsprache geformt haben. Und die Scholle, hoher Herr, hat bei allem Pate gestanden."

Der Herr, der mit einem feinen Lächeln den Ausführungen des einfachen Schuhmachers gefolgt war, trat nun auf ihn zu: „Wer ist es gewesen, der Ihnen diese Weisheit und Erzählkunst ins Herz gelegt hat? Sie sind weit mehr, als Sie darstellen wollen." Dann hat der Herr noch eine Weile mit seinem jungen Begleiter verhandelt, und als sie sich von Ben und seinen Kindern verabschiedeten, hat ihm der jüngere Herr, bevor sie im Walddickicht verschwanden, noch einen wappengeschmückten Geldbeutel in die Hand gedrückt.

Wie Ben später erfahren hat, ist der ältere Herr ein reicher, vornehmer Graf gewesen, der sich mit seinem Sekretär auf einer Reise durch das Bergische Land befand. Dem Ben selbst hat die Geschichte, die er dem Herrn im Busch erzählte, auch Spaß gemacht. Und seinen Freunden und Bekannten sowie auch den neuen Kunden hat er sie des Öfteren wiedergegeben, das Märchen vom Ursprung unserer Heimatsprache. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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