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Bildung daheim und in Übersee

von Alma Mühlhausen

Der Feilenschmied Wilhelm Erlenkötter hatte es durch Fleiß und Tüchtigkeit zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Der Erlenköttersch Welm war ein schollenverbundener Remscheider und Vater zweier prächtiger Jungen. Und dennoch waren diese oft die Ursache des Kummers der Mutter, da sie sich nicht nach ihrer ortsfremden Weise — Frau Albertine entstammte einer mitteldeutschen Beamtenfamilie — bilden ließen. Walter, sowie auch Friedrich, verleugneten ihre bergische Art nie, für die sich die Schmiedsfrau als Hergeluopene nicht erwärmen konnte.

Im Hause Erlenkötter wurden vier Sprachen geredet: Das reine Schrifthochdeutsch der Hausfrau, das Schollenplatt des Hausherrn, der Kinder und Gesellen, das Remscheider Hochdeutsch der Magd Emma und das Nationalsprachtum der Hessenli'ehrjüngker. Die köstlichste aber war Emmas Sprache, die ein Gemisch von Hochdeutsch und Platt war, und die von den Kindern genauso abgelehnt wurde wie das Hochdeutsch der Mutter. Und doch durfte Emma mit den Kindern auf Befehl der Hausfrau niemals platt sprechen, denn Frau Albertine hielt sehr auf Bildung.

Walter und Friedrich waren gutgeartete, gesunde Kinder, aufnahmefähig für jeden Lausbubenstreich, und auf vornehme Art ließen sie sich schon gar nicht drillen. Wenn Emma, die Perle, verzweifelt ob der Streiche der Beiden jammerte: „Wat soll eure Mutter gleich wieder schängen, wennse hört, dat ihr wieder sowat Gewöhnliches gemacht habt, wo ihr doch später mal feine Herren werden sollt", wurde sie Don den Rounüeseln ausgelacht.

Und wenn sich Frau Albertine ob der ungebildeten Art ihrer Sprößlinge beklagte, bekam sie von ihrem Mann folgende Antwort: „Sulang die Blagen geng Ondout donnt, lotse en Rouh. Sie lohten sech dien vüernehm Gedüehns nit entrechtern. Em üewregen hat en iehrlegen Remscheder noch emmer gefallen, wenn he uoch platt kallden. Mingen Frönk, dr Huonsbergs Pitter en Amereka, kallt fouf Sproken, am li'evsten äwwer sien Remscheder Platt. On dat derr Beldengk hat, kassde nit afstrieden."

Eines Tages fand der Schmied unter den Postsachen einen Brief aus Amerika. „Vam Pitter", rief der Welm und eilte mit dem Brief ins Haus. Nachdem der Schmied Kenntnis von dem Inhalt des Briefes genommen hatte, reichte er den Brief freudestrahlend seiner Frau. „Wat sehste dann nu, Frau, dat dr Pitter noh Remsched kömmt on us besüeken well?"

 

Auch Frau Erienkötter freute sich und sagte: „Wilhelm, du musst ihn unbedingt einladen, wenn er hier ist, denn nicht alle besitzen einen Millionär zum Freund." – „Dat es jo Quatsch, Frau, wat du do sehs. Dr Pitter es mr genau su li'ev, wenn he äs en armen Döiwel köhm. Äwwer enladen donnt vier denn Jongen, dat es klor. Doch ech mot gonn", sagte der Schmied und wollte sich entfernen. Ein Ruf Albertines hielt ihn jedoch zurück. „Mann", meinte sie kläglichen Tones, „die Kinder aber können unmöglich dann mit am Mittagstisch sitzen. Ich fürchte, sie benehmen sich nicht gebildet und werden außerdem ihr schreckliches Platt sprechen. Sie müssen dann eben zu Mittag essen, wenn der Herr fort ist."

„Du haß dr en Gedüehns, Frau, ech han dir doch geseit, dat dr Pitter en all denn Joehren, dat he en Amereka es, us Remscheder Platt noch nit verliehrt hat. Derr wüed sech bestemmt freuen, wenn de Blagen platt met em kallen. Äwwer mak, wat de woß, ech mot en de Schmette", polterte der Schmied und klapperte mit seinen Blotschen kurz darauf über den Hof.

Et Emma hatte die Unterhaltung des Ehepaares mit angehört und meinte, als sich die Tür hinter dem Schmied geschlossen hatte: „Ne, ne, Frau Erienkötter, dat könnense nit verantworten mit den Jungen. Da habense ganz recht dran, datse die nit dabei haben wollen. O Goddegott, wat geh ich mr doch Müh, dattse orndlich sprechen lernen, aber se hören nit drauf. Ne, ne, mr kann en de Bildengk nit beibringen."

Als wenig später die Kinder nach Hause kamen, erzählte ihnen die Mutter von dem Besuch des vornehmen, reichen Herrn aus Amerika. Da müssten sie dann sehr gebildet sein, wenn der hier wäre. „Und dass ihr mir nicht euer gewöhnliches Platt sprecht, der Herr kann das sowieso nicht verstehen", sagte sie. „Och", meinte Walter, „wenn derr äwer su i'efeileg vüernehm es, dann lotte dobliewen." Und Friedrich war der gleichen Meinung. Dann hatten die beiden nichts Eiligeres zu tun, als den Blagen draußen die Geschichte von dem märchenhaft reichen Onkel aus Amerika, der nur in einem vornehmen Kutschwagen führe, zu erzählen.

Friedrich verstieg sich in seiner Prahlerei so weit, dass er erklärte: „Demm Uehm gehüet baul et ganze Amereka. Bluos Platt kann he nit verstonn, weil he märr amerekanesch gelieht hat."

Peter Honsberg weilte seit einiger Zeit in der Bergischen Heimat und hatte für heute seinen Besuch angesagt bei seinem Freund Erienkötter. Der Schmied hatte ihm zu Ehren die Sonntagslüsterjoppe angezogen und seine allerbeste „Lütterkusser"   aufgesetzt.  Zu   einem  Nochfeinermachen  konnte  ihn  seine Frau nicht bewegen. Diese stolzierte auf ihre vornehme Art im besten Schwarzseidenen einher, und Emma hatte zur Feier des Tages eine weiße Schürze vorgebunden. Und der Besuch kam. Kam in einem prächtigen Kutschwagen vorgefahren, bestaunt von der Hofblagenschaft, die sich zahlreich zum Empfang eingefunden hatte. Friedrich und Walter hingegen waren in der Schmiede eingesperrt.

„Gen Dag, Welm, do wör ech dann", begrüßte der Exportkaufmann seinen Freund, der ihn herzlich umarmte. Dass der Kaufmann Bildung hatte, erfuhr Frau Albertine, als sich der Herr in weltmännischer Weise verneigte und sie in vornehmster Art begrüßte.

Dann saß man um den reichgedeckten Mittagstisch, und der Gast lobte das auserlesene Essen und ließ es sich trefflich munden. Nach einer Weile, als man gemütlich plaudernd beisammen saß, stellte der Kaufmann die Frage nach den Kindern.

„Die sind leider im Augenblick nicht hier", bedauerte die Hausfrau. Da aber wurde der Schmied ärgerlich, und barsch beauftragte er seine Gattin, die Kinder zu suchen, da sie bestimmt in der Schmiede sein würden. Die Schmiedsfrau warf ihrem Mann einen „freundlichen" Blick zu und entfernte sich schweigend, die Jungen zu holen, die in der Schmiede vor Hunger brüllten. Schnell säuberte Emma die beiden vom Schmettendreck und steckte sie in die Sonntagsanzüge. Frau Albertine aber schärfte den Kindern ein, nur gar nicht ungezogen zu sein und den Herrn artig zu begrüßen. Und zu Mittag würden sie essen, wenn der Besuch fort wäre. Walter und Friedrich versprachen unbegrenzte Folgsamkeit, nur in Bezug auf das späte Mittagessen hatten sie kein Einsehen. Der Magen verlangte sein Recht. Dann standen die Jungen im Esszimmer. Doch als die Hungrigen den vollbesetzten Tisch sahen, vergaßen sie ihre Versprechungen mitsamt dem ganzen Erziehungsklimbim und Walter rief: „Wat han ech Schmeit, dobie sollen vier waren, bis derr futt es."

Und Friedrich fügte hinzu, als er den Herrn bemerkte, der etwas im Hintergrund saß: „Derr kuon uoch kuomen nom Meddageten."

Frau Erlenkötter, die einer Ohnmacht nahe war, stöhnte: „Mir hat es geahnt, wie die sich benehmen." Der Gast aber beschwichtigte sie und erklärte, sich den Bauch vor Lachen haltend, dass ihm die Worte der Kinder wie Musik geklungen hätten. Wer aber schadenfroh grinste, war unser Schmied, als der Kaufmann sagte: „Das war uverfälschte bergische Art: ehrlich und freimütig." Und zu den Kindern gewandt, sagte er herzlich: „Nu setten önk an denn Desch on etent önk es rechteg satt, dann kallen vier wieder tesamen." Mit offenem Munde starrten die beiden den Herrn an, und ihre sonst so beredten Zungen wussten keine Antwort zu finden. Dann aber brach es aus den Überrasehten los und Walter rief: „Fein, dat du platt kaß, de Motter seit, dat küens du nit." Und Friedrich fügte noch hinzu: „On i'efeileg böß du uoch nit."

Peter Honsberg lachte Tränen und erwiderte: „Ne, Kenger, gottseidank nit" und nahm mit offenem Herzen den Begrüßungsreim der Jungens entgegen. Dann aber schattete ein tiefer Ernst über das Gesicht des Kaufmanns: „Welm, sagte er, „du glüeos nit, wie ech mech en Amereka döckes noh der baschen Remscheder Aat gesehnt han. On wenn et mir alt es nit möngkesmohte gong, dann flockden ech es rechteg op Remscheder Platt, on dat gou mr Muot." Und, zu der Hausfrau gewandt, fuhr er fort: „Liebe Frau Erlenkötter, drillen Sie nicht zu sehr an den Kindern. Bergische Art und bergische Sprache sind Erbteile unserer Vorfahren, die sich nicht verbilden lassen. Ich bin überzeugt, dass die beiden einmal tüchtige Kaufleute werden, die ihrer Vaterstadt alle Ehre machen."

„Du, Üehm", strahlte Walter, „wenn ech gruot sin, kuom ech noh Amereka on besüek dech." „On ech gönn met", sagte Friedrich und häufte sich gleich seinem Bruder den Teller beängstigend voll. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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