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"Böswillige pflegen nur ihr verqueres Weltbild!"

von Andreas Stuhlmüller

Wir leben in bewegten Zeiten. Bewegt einmal deswegen, weil wir im wahrsten Sinne des Wortes Bewegung weltweit feststellen, nicht immer gewollt. Menschen machen sich auf den Weg, weg aus ihrer Heimat, teils weil die Lebensumstände nichts Besseres zulassen. Wir nennen diese Menschen Flüchtlinge oder Asylbewerber. Derzeit sind rd. 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Die größte Volksgruppe mit über 6 Millionen ist die der Syrer.  Daneben sind auch Angehörige ärmerer Länder unterwegs, die sich einen wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg erhoffen. Deutschland als eines der reichsten Länder der Welt ist dabei naturgemäß ein gefragtes Ziel, und so haben wir in Remscheid und auch in unserem Stadtteil Lüttringhausen insbesondere seit dem Jahr 2015 einen erheblichen Zuzug ausländischer Staatsangehöriger verzeichnet.

Bewegt sind die Zeiten aber auch, weil die Auswirkungen dieser Veränderungen, die landläufig als Flüchtlingskrise bezeichnet wird, sehr kontrovers diskutiert wird. Kontrovers diskutiert trifft es leider auch nur zum Teil, wenn wir uns insbesondere die Vorfälle der letzten Tage in Chemnitz und der Stadt Köthen betrachten, in denen eine Ansammlung gewaltbereiter Nationalisten und Nationalsozialisten unter dem Deckmantel angeblicher Trauer und Besorgnis ihre widerlichen Parolen skandierten und auch vor tätlichen Angriffen auf Menschen fremder Herkunft auch auf Polizisten nicht zurückschreckten.

Bezirksbürgermeister Andreas Stuhlmüller (CDU) gestern auf dem Bürgerempfang der Bezirksvertretung Lüttringhausen im Ratssaal des Lüttringhauser Rathauses.

Nicht diese Vorgänge will ich heute analysieren; sie sind aber Anlass genug, sich über unsere Situation Gedanken zu machen. Schenkt man denen Glauben, die montags bei Pegida mitlaufen, oder andere Zeitgenossen, die sogar in unseren Parlamenten sitzen, aber auch in nicht so seltenen Gesprächen  mit besorgten Mitbürgern , so soll es eine Relation zwischen Staatsangehörigkeit bzw. Herkunft oder Abstammung und  Kriminalitätsrate geben. Kurz gesagt, je mehr  Menschen ausländischer Abstammung desto mehr Verbrechen.

Aus unserem Erleben hier vor Ort ist dies nicht zu bestätigen. Gemäß dem statistischen Jahrbuch der Stadt Remscheid wohnten 2016 in Lüttringhausen 16.219 Einwohner, davon 1.796 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit und in etwa die gleiche Zahl Deutsche mit einer zweiten Staatsangehörigkeit. Nimmt man noch die Gruppe hinzu, die ausländischer Abstammung ist und in der Zwischenzeit die deutsche Staatsangehörigkeit, und zwar ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hat, – das sind rund 1000 Personen - beträgt der Zahl der sogenannten Personen mit Migrationshintergrund 4.532. Das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 28 Prozent.

Wem das hoch vorkommt, dem sei gesagt, dass dies die deutlich niedrigste Quote in unserer Stadt ist. Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund beispielsweise im Südbezirk beträgt 40 %, der Durchschnittswert der gesamten Stadt Remscheid 36 %.

Der innerstädtische Vergleich ist aber nicht das, was uns hier interessieren soll. Würde die behauptete Relation zwischen Nicht-deutscher-Abstammung und Verbrechensrisiko zutreffen, so müsste in Lüttringhausen und noch viel mehr im übrigen Stadtgebiet eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Verbrechen verzeichnet sein. Die Statistik sagt jedoch etwas Anderes, sogar Gegenteiliges, und sie deckt sich dabei mit unserem eigenen Erleben und Empfinden. Die von der Polizei veröffentlichten Zahlen weisen unserer Stadt als sehr sicheren Ort zum Leben aus. In meiner Eigenschaft als Bezirksbürgermeister – genauer muss ich eigentlich sagen – unserer Eigenschaft als Bezirksbürgermeister, da ich hier den Kollegen Heuser mit einbeziehe, haben wir anlässlich unserer regelmäßigen Besuche bei Gratulation zu Geburtstagen und Jubiläen viele Kontakte, die uns ein zuverlässiges Bild über Empfindungen und Einschätzung des Lebens in unserem Lüttringhausen gibt. Es besteht eine grundsätzliche Zufriedenheit mit den Lebensumständen in unserem Stadtteil. Er wird als liebens-und lebenswerter Ort angesehen, in dem man im Allgemeinen gerne wohnt. Das Empfinden einer konkreten Bedrohung oder eine ängstliche Einschätzung bestimmter Sachverhalte stellen wir nicht fest. Das gilt im Übrigen auch gegenüber unserer Justizvollzugsanstalt, die seit 112 Jahren mitten im Ort liegt und von den Einwohnern nicht als Problem angesehen wird.

Bergische Chorlieder steuerte zum gestrigen Bürgerempfang in Remscheid-Lüttringhausen der Lüttringhauser Männerchor bei.

Zu ihrem jährlichen Bürgerempfang hatte die Bezirksvertretung Lüttringhausen gestern Abend ins Rathaus Lüttringhausen eingeladen. Bezirksbürgermeister Andreas Stuhlmüller und die Mitglieder der Bezirksvertretung begrüßten dazu eine überschaubare Anzahl von Vertretern aus Politik, Verwaltung, Vereinen und Lüttringhauser Institutionen. Diese konnten sich in zwangloser Atmosphäre über wichtige und weniger wichtige Lüttringhauser Themen austauschen.
In seiner Rede ging Stuhlmüller auch auf aktuelle kommunalpolitische Thermen ein, zum Beispiel auf das umgestaltete Umfeld des Rathauses im Allgemeinen und den geplanten Brunnen im Besonderen. In diesem Zusammenhang bat er die interessierten Bürger/innen und den Heimatbund Lüttringhausen um Geduld.

Also alles gut? Wohnen in Remscheid und in Lüttringhausen die besseren Menschen und  ist deshalb hier die Kriminalität unterdurchschnittlich vertreten? So einfach ist es leider nicht. Spricht man mit den Mitbürgern über ihre empfundene  Lebenssituation, so erhält man die angesprochene positive Einschätzung. Kommt man dann auf das Thema „Zuzug von Flüchtlingen“, kann sich diese dahingehend verflüchtigen, dass man eine Verschlechterung unserer Lebensumstände befürchtet. Hier hat sich auch schon eine deutliche Angleichung zwischen Bürgern deutscher und Bürgern ausländischer Abstammung ergeben, also von denen die einst selbst nach Deutschland eingewandert sind oder deren Folgegeneration. Auch bei letzteren ist eine Furcht vor einem – so wird er häufig bezeichnet – „unkontrollierten“ Zuzug aus dem Ausland gegeben. Die Aussage lautet also: „Ja es geht uns gut. Die Lebensumstände stimmen. Wir wohnen gerne in Lüttringhausen. Aber wir haben Angst, dass sich das ändern könnte wegen der Flüchtlinge“.Warum ist das so? Und ist diese Auffassung berechtigt? Es lohnt sich, einen Blick auf die langfristige Entwicklung unseres Orts zu werfen.

Nach einer Volkszählung betrug die Einwohnerzahl Lüttringhausens im Jahr 1880  rd. 9.600. Bis dahin war die Bevölkerungsstruktur wahrscheinlich so, wie sie sich ein Herr Gauland heute noch wünscht. Es gab nur eine äußerst geringe Fluktuation. Zuzug fand kaum statt, aus dem Ausland schon mal gar nicht. 20 Jahre später, im Jahr 1900, war die Einwohnerzahl bereits auf 11.200 gestiegen also um über 16 %. Im Jahr 1910 – anzumerken: 1906 war das königliche Gefängnis gebaut und in Betrieb genommen worden – wohnten bereits 13.600 Menschen in Lüttringhausen, eine Steigerung von 2.400 Einwohnern in 10 Jahren. Durch das Gefängnis gab es einen Zuzug von außen, der auch kulturell und religiöse Auswirkungen hatte. Lüttringhausen – seit der Reformation eindeutig protestantisch geprägt – hatte nun auch eine katholische Kirchengemeinde, die zunehmend wuchs und an Bedeutung gewann. Die Einwohnerzahl wurde in den nächsten 20 Jahren gehalten. Durch die Eingemeindung und den verbundenen Wegfall bestimmter Teile Lüttringhausen ergab sich 1929 nur noch eine Einwohnerzahl von 9.500. Es folgten ab 1933 unselige 12 Jahre, die zu allem möglichen, aber nicht zu einer positiven Entwicklung führten und in der bekannnten Katastrophe endete. Die Nachkriegszeit war geprägt vom Zuzug durch von Flucht und Vertreibung Betroffenen und zunehmend auch von benötigten und angeworbenen Arbeitskräften im Zeichen des Wirtschaftswunders. Hier kamen zunächst Arbeitskräfte aus verschiedenen – meist strukturschwachen – Regionen Deutschlands, seit Ende der 1950 er Jahre aber auch aus dem europäischen Ausland, vornehmlich Italien, Griechenland und Spanien. In den sechziger und siebziger Jahren gab es einen weiteren Zuzug insbesondere aus der Türkei. Die Spitze der Einkommensentwicklung wurde im Jahr 1987 erreicht, indem man  insgesamt 18.500 Lüttringhauser Männer, Frauen und Kinder zählte. Seit den 2000 er Jahren liegt die Zahl konstant zwischen 16.000 und 17.000.

Warum erzähle ich das? Unser Ort hat über längere Zeit Immigration erlebt aus ganz unterschiedlichen Gründen und von Personengruppen verschiedener Herkunft. Wir sind dabei auf Dauer gut gefahren. Spricht man mit Zeitzeugen, so hat es in den jeweiligen Zeiten zunächst immer Vorbehalte gegeben. Ich komme noch mal zurück auf das Thema Besuche von Jubilaren durch die Bezirksbürgermeister. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, bietet die Stadt Remscheid an, bei bestimmten Jubiläen – Goldhochzeit, Diamantenhochzeit, Eiserne Hochzeit 90., 95. oder 100. Geburtstag – persönliche Glückwünsche der Stadt zu übermitteln. Die Aufgabe ist auf die Bezirksvertretungen delegiert. Seit acht Jahren teile ich mir diese Aufgabe zusammen mit Jürgen Heuser und ich muss sagen, ich habe an der Aufgabe nach wie vor große Freude. Sie vermittelt einen Einblick in teils hochinteressante Biografien, in Lebensleistungen, in Schicksale und nicht zuletzt in geschichtliche Zusammenhänge. Sowohl Personen, die ihr Leben lang in Lüttringhausen gewohnt haben, als auch Menschen, die aus aller Herren Länder hierhin gekommen sind, schildern Begebenheiten, Lebensumstände, Schönes und weniger Schönes, freudige und traurige Erlebnisse, warum sie in Lüttringhausen geblieben sind oder was sie hierhin gebracht hat. Die Frage der Heimat ist aktuell zu einem Thema der politischen und gesellschaftlichen Diskussion geworden. Sie hat sich bei den Menschen, die wir antreffen, ausgesprochen oder still, schon immer gestellt.
Ein Ausschnitt von Besuchen, die ich in den vergangenen Monaten und Jahren machen durfte:

  • 90. Geburtstag einer gebürtigen Lüttringhauserin mit einer Geburtstagsgesellschaft von über 100 Gästen
  • Diamantene Hochzeit eines Ehepaars, die kurz nach dem Krieg als Vertriebene aus dem Sudetenland ins Bergische Land kamen, materiell nichts vorweisen konnten, und in Lüttringhausen ihre Existenz aufbauten
  • Goldhochzeit eines Ehepaars, das Mitte der achtziger Jahre als Spätaussiedler nach Deutschland kam und in Lüttringhausen Fuß gefasst hat
  • Goldhochzeit eines griechischen Ehepaars, das - in Griechenland frisch getraut - 1965 nach Deutschland auswanderte, in Lüttringhausen die Familie gründete und entgegen der ursprünglichen Planung hiergeblieben ist, und stolz ist, damit alles richtig gemacht zu haben.
  • 90. Geburtstag eines Italieners, der Anfang der sechziger Jahre nach Deutschland kam und heute angesehenes Oberhaupt einer deutsch/italienischen Familie ist, die stolz auf ihre italienische Abstammung und ebenso stolz auf ihre Heimat in Lüttringhausen ist
  • 90. Geburtstag einer kölschen Frohnatur, die durch glückliche Umstände 1945 dem Volkssturm entging, in den fünfziger Jahre berufsbedingt im Bergischen Land und in den siebziger Jahren aufgrund einer Neubaumöglichkeit in Lüttringhausen landete
  • 90. Geburtstag einer in der Ukraine geborenen Deutschen, die 1936 mit ihren Eltern nach Deutschland zog, weil die Verhältnisse es erforderten („Heim ins Reich“) und die seitdem an der Olper Höhe wohnt.
  • Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der interessanten Anlässe und Personen, die ich kennenlernen durfte. Jürgen Heuser könnte seinerseits ebenso zahlreiche interessante Fälle benennen. Wenn wir alles festgehalten hätten, wäre sicherlich ein sehr interessantes Buch entstanden.

Was vielen geschilderten Fällen gemeinsam ist, ist die Tatsache, dass sich häufig erst nach einer Zeit herausstellt, wo und wie man sein Glück macht. Die Nachkriegsflüchtlinge hatten nicht den Eindruck, hier besonders willkommen zu sein. Vielfach schlug ihnen Skepsis, teilweise sogar offene Feindschaft entgegen. Die Frage: „was willst du hier?“ aber auch: „wäre es anderswo besser?“ trieb viele um. Im Laufe der Jahre haben aber Einheimische und Flüchtlinge festgestellt, dass man durchaus zusammen leben kann und auch Gemeinsamkeiten hat. Heute spielt bei dieser Generation die Frage der Herkunft im Zusammenleben keine Rolle mehr

Nicht viel anders sieht es bei den in den sechziger Jahren zu uns gekommenen „Gastarbeitern“ aus, die vielfach isoliert nur in der eigenen Community verweilten. Das Zitat Max Frischs: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ beschreibt die damalige Situation treffend. Die Notwendigkeit, sich um sprachliche Bildung und Integration aktiv zu kümmern, wurde nicht gesehen und war in der deutschen Gesellschaft aber auch bei den Neuangekommenen unterentwickelt.  Bis in die achtziger Jahre erhielt Kinder ausländischer Mitbürger den sogenannten „muttersprachlichen Unterricht“, weil man ja unverändert davon ausging, dass die Familien nach Beendigung der zeitlich begrenzten Tätigkeit wieder in ihr Heimatland zurückkehren würden. Die Lebenswirklichkeit ist eine andere. Wenn Kinder hier geboren werden,  Kindergarten und Schule durchlaufen, Freunde finden, ist eine feste Bindung an unser Land geschaffen. Diese wird noch enger, wenn später die berufliche Tätigkeit ebenfalls in Deutschland aufgenommen wird. Die Rückkehr in das Heimatland der Eltern würde Familien auseinanderreißen, weshalb viele vom ursprünglichen Plan abrückten.

Machen wir uns also nichts vor, machen wir nicht noch einmal den gleichen Fehler. Mit dem Aufwachsen der jungen Generation in Deutschland, hier geboren und ausgebildet, werden Fakten geschaffen. Die frühzeitige Integration der Familien muss Priorität haben, wenn sich nicht die gefürchteten Parallelgesellschaften bilden sollen.

Ich will jetzt die Themen nicht miteinander vermischen. Lange Ausführungen zu einem Einwanderungsgesetz, das kommen muss und kommen wird, würden den heutigen Rahmen sprengen. Aber es bleibt festzuhalten, dass wir in den kommenden Jahren auf Zuzug angewiesen sind. Für die Generation der sogenannten Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge 1955-1969 – danach kam der Pillenknick – beginnt aktuell die Zeit der Verrentung. Es ist absehbar, dass in einem Zeitraum von 20-40 Jahren eine erhebliche Anzahl von Beschäftigten in der Pflege benötigt werden,  um die hohe Zahl der dann Pflegebedürftigen zu versorgen. Auch unser Rentensystem wird eine entsprechende Anzahl von Beitragszahlern erfordern, wenn der Generationenvertrag Bestand haben soll. Beispiel: …

Und damit kein falscher Eindruck entsteht: ich bin durchaus der Meinung, dass nicht jeder der bereits nach Deutschland gekommen ist, hier unbedingt bleiben muss. Wer sich unter falschen Angaben Zugang verschafft hat oder wer schlichtweg als kriminell zu bezeichnen ist, sollte kein Gastrecht er-oder behalten. Ebenso hat für mich aber der Grundsatz bestand, dass wer aufgrund von Krieg oder Verbrechen aus seinem Land fliehen muss, hier Aufnahme finden kann. Gleiches gilt für politisch Verfolgte, die Anspruch auf Asyl haben. Dies selbstverständlich in Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn. Wer hier ausschert, muss Sanktionen fürchten (Stichwort Ungarn).

Wir sehen: die Frage unserer Bevölkerungsentwicklung überwiegend aus einer ängstlichen Sichtweise zu diskutieren, führt nicht zu zufriedenstellenden Ergebnissen. Die Entwicklung unserer Stadt Remscheid aber auch speziell unseres Stadtteils Lüttringhausen in den vergangenen Jahrzehnten zeigt, dass man auch mit einem hohen Anteil von Mitbürgern ausländischer Abstammung gut leben kann. Um das so zu sehen, muss man kein Sozialromantiker sein. Unsere erfolgreiche Entwicklung kann man ruhig auch kommunizieren und die Erklärung der Welt nicht nur denen überlassen, die für alles eine einfache Lösung parat haben.

Weder die Böswilligen, die ohnehin nur ihr verqueres Weltbild pflegen und mit einem dicken Brett vor dem Kopf herumlaufen, noch die Gedankenlosen, die schnell etwas nachplappern oder „auf neudeutsch“ twittern, noch die Überängstlichen, die die Welt nur als Ansammlung unlösbarer Probleme betrachten, leisten unserer Gesellschaft einen Dienst, im Gegenteil. Erfolgreich werden wir nur sein, wenn wir auf der Basis unseres Wertekanons, den uns unter anderem unser Grundgesetz vorgibt, mutig handeln. Dabei darf im Übrigen auch gestritten werden, wenn ich mir speziell im Hinblick auf meine Partei und ihre geliebte Schwester schon mal etwas weniger Streit vorstellen kann.

Das wäre schon beinah ein gutes Schlusswort gewesen. Weil die aktuellen Verhältnisse aber geradezu danach rufen, doch noch ein Wort zu unserem demokratischen Gemeinwesen. Viele hat es erschreckt und tut es immer noch, was sich in den letzten Tagen und Wochen in Chemnitz oder Köthen zugetragen hat. Mich auch. Nicht die Tatsache, dass es eine bestimmte Anzahl verblendeter, hasserfüllter und bösartiger Menschen – Nationalsozialisten - gibt, ist das Schlimme. So bedauerlich das ist, aber die hat es schon immer gegeben und das wird auch weiterhin nicht zu vermeiden sein. Aber die hohe Zahl an Teilnehmern, die für sich in Anspruch nehmen kein Nazi zu sein, die aber keine Berührungsängste mehr haben, an deren Veranstaltungen, Aufmärschen und Kundgebungen teilnehmen und die bis in unsere Parlamente hinein Verständnis für alles und jeden haben, wenn es nur extrem ist, die können einem schon die Schweißperlen auf die Stirn treiben.

Es ist vielfach zu hören und zu lesen: „Wir müssen Flagge zeigen, wir müssen zeigen, dass wir die Mehrheit sind.“ Dies ist alles richtig, wird auf Dauer aber nicht reichen.  Es ist in Ordnung auf seiner Facebook-Seite zu posten: „Wir sind mehr“. Bekenntnis zeigen ist immer wichtig. Ein Solidaritätskonzert der Toten Hosen und auch die Teilnahme daran eine gute Sache. Dies allein wird aber nicht reichen.

Natürlich sind wir mehr! Selbstverständlich – das ist auch richtig und wichtig festzustellen – ist die deutliche Mehrheit in unserem Land demokratisch gesinnt. Der Fortbestand unserer Demokratie ist aber davon abhängig, dass sich Menschen nachhaltig und zuverlässig um das politische Geschäft kümmern. Das fängt unten an, hier ganz konkret vor Ort zum Beispiel in der Bezirksvertretung Lüttringhausen. Wir benötigen Vertrauen in unser Gemeinwesen und dessen Vertretungen. Vertrauen entwickelt man aber nicht zu einem System, sondern zu Personen, die für Ideen und Meinungen eintreten, die der Politik ein Gesicht geben. Wir sind darauf angewiesen, dass sich eine genügende Anzahl Menschen politisch engagiert.

Es ist noch nicht sehr lange her, da hat man die Ansichten eines amerikanischen Präsidenten gerne zitiert. Barack Obama wies in seiner Abschiedsrede darauf hin: "Demokratie ist dann gefährdet, wo wir sie als selbstverständlich betrachten."  Mit anderen Worten: Wenn wir meinen, wir müssten uns nicht mehr für unsere Demokratie einsetzen, beginnt die Gefahr. Es ist wichtig, dass wir auch künftig Menschen finden, die sich an unserer Demokratie aktiv beteiligen, die Vertrauen schaffen!

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Kommentare

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Lothar Kaiser am :

Lieber Herr Stuhlmüller, meine Hochachtung für diese Rede in schwierigem politischen Umfeld.

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