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Die Uhr der gizzigen Scheiberschen

von Alma Mühlhausen

In einem schönen altbergischen Schieferhause wohnte die vornehme Frau Scheiber mit ihrer halbtauben Magd Jettchen, die schon über fünfzig Jahre dort in Diensten stand. Als Vollwaise war Jettchen mit vierzehn Jahren dort­hin gekommen und hatte die Jahre hindurch Lasten und Entbehrungen mit rührender Geduld ertragen. Die alte Scheibersche, die sehr reich war, wurde im Umkreis nur „Die gizzige Scheibersche" genannt. Sogar die Kinder nützte sie aus, wo sie nur eben konnte. Mit dem Versprechen, sie reich zu belohnen, ließ sie die Kinder stundenlang in ihrem herrlichen Garten Unkraut jäten, um sie am Ende mit einer Krautbutter oder einem halbfaulen Apfel nach Hause zu schicken. Dafür rächten sich die gefoppten Blagen dann, indem sie abends ihren immer schmaitrigen Spitz an die Pumpe banden und den Schellenzug an der Haustür in Bewegung setzten.

Da Jettchens Kräfte nicht mehr ausreichten, das große Haus allein in Ordnung zu halten, sah sich die Scheibersche gezwungen, eine Hilfe hinzuzuziehen. Aber wer wollte schon zu dem alten Gizzdier? Außer Jettchen hatte es bisher noch keine Magd länger als vierzehn Tage bei ihr ausgehalten. Spärliches Essen und ein Übermaß an Arbeit trieb die Mädchen schon nach kurzer Zeit aus dem Haus.

So stand die Scheibersche eines Tages wieder einmal ohne Zweithilfe da. Als sie dem Milchmann ihre Not klagte, musste dieser Rat.

„Madamm, ech wi'et en Staats We'it, dat en denn Dahlluohn wäschen on schrubben gi'eht. Äwer Sie mot et guot behangeln on betahlen wie et sech gehüet."

„O", meinte die Alte, „ich gebe zwei Groschen Stundenlohn und gutes Essen. Ich denke, dass damit ein Mädchen zufrieden sein kann."„Ne, Madamm", erwiderte der Bauer, „dat batt nit. Entweder gött Sie demm We'iten en Kastemännschen, uder et bliet weg." Mit diesen Worten ergriff der Milchmann seine Kanne und entfernte sich.

 

Da Jettchens Kräfte immer mehr nachließen und die Arbeit sich in beängstigender Weise häufte, entschloss sich die Scheibersche, das „teure" Mädchen kommen zu lassen. Und Aline kam und schaffte sauber und fleißig. Abends aber, als die Alte dem Mädchen für sechs Arbeitsstunden 1.50 Mark bezahlen musste, zitterten ihre Hände vor Wut und Geiz.

Am übernächsten Tage war große Wäsche bei Scheibers. Aline arbeitete tüchtig, und abends hing die Wäsche in schneeiger Weiße auf dem Trockenspeicher. Nach dem mehr als bescheidenen Abendessen sagte Frau Scheiber: „Aline, Sie wissen ja, wann Sie gekommen sind. Gehen Sie ins Wohnzimmer und rechnen Sie sich ihre Stunden selbst aus. Die Uhr an der Wand geht genau und richtig, da achte ich besonders drauf."

„Madamm, dat stimmt aber nit", erwiderte Aline, „die Uhr geht nit richtig, et is als ganz düster vor dr Tür." Doch als die gizzige Scheibersche immer wieder beteuerte, dass die Uhr richtig ginge, nahm Aline zögernd das Geld in Empfang und ging nach Hause. Dort belehrte sie ihre eigene Uhr, dass die Scheibersche Uhr anderthalb Stunden gestanden hatte und nicht richtig ging. Oder — hier kam dem Mädchen plötzlich ein Gedanke — hatte die gizzige Schei­bersche vielleicht. . . ? Zuzutrauen war es ihr schon.

Einige Tage später war Aline zum Bügeln bestellt. Abends, als sie fertig war, und die Scheibersche sich für einen Augenblick nach oben begeben hatte, huschte das Mädchen schnell ins Wohnzimmer und drehte an der Uhr. Als dann die Alte wieder nach unten kam, stand Aline an der Treppe und sagte: „Madamm, ich bin fertig. Wir können abrechnen." „Gehen Sie noch einen Augenblick in die Küche, ich rufe sie gleich", erwiderte die Alte und wollte das Mädchen fortschieben. Doch resolut öffnete Aline die Wohnzimmertür und sagte: „Ich hab et arg eilig; ze Hause wartense auf mich."

Frau Scheiber, die dem Mädchen auf dem Fuß gefolgt war, warf einen Blick auf die Uhr und rief erregt: „Was ist dann mit der Uhr los? So spät kann es unmöglich sein. Draußen ist ja noch heller Tag." „Doch, Madamm", stellte Aline richtig, „dat stimmt mit der Zeit. Sie wissen doch selber, dat Ihre Uhr richtig geht, un da halt ich mich dran."

Alles Protestieren half der Alten nichts. Wohl oder übel musste der überlistete Geizkragen dem Mädchen den Stundenlohn nach dem Stand ihrer so rühmlichst gepriesenen Uhr bezahlen. Aline aber hat sich seit dieser Zeit nie mehr über falschgehende Uhren im Hause Scheiber zu beklagen brauchen. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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