Skip to content

Bie mir heeste utewitt

von Alma Mühlhausen

Bei Frau Anna war wieder einmal der Hausputz fällig. Da war die große Stube, deren Balkendecke unbedingt gekalkt werden musste. Als Anna ihrem Mann davon sprach, dass sie den Anstreicher bestellen wollte, meinte der Paul: „Nee, Frau, die Decke kalk ech selwer. Dat es en Kengerspell förr mech, am Soderschdag fang ech dornet ahn." — „Nee, Paul, erwiderte die Frau, „du maks mr te völl Dreck." — „Dreck?" entrüstete sich der Ehegatte. „Ech haul en aul Reendaak dronger, wenn ech affkratz. Dat gött nit suvöll Souere'i, äs wenn't dr Ahnstrieker makt."

Anna, die ihren Mann kannte, wusste, dass weitere Einwände nichts nützten und räumte samstags, soweit es ging, die Stube aus.

Als der Paul mittags aus dem Schleifkotten kam, brachte er soviel Material mit, dass es für fünf Decken reichte. Nachdem er seine Erbsensuppe ausgelöffelt hatte, rollte er die Hemdsärmel hoch, ergriff das bereitstehende „Reendaak", kletterte in Ermangelung einer Treppenleiter auf einen Tisch und begann mit dem Abkratzen der Decke. Frau Anna stieß einen spitzen Schrei aus, als sie den Kalksegen neben dem „Fallschirm" herunterrieseln sah. „Och", entschuldigte sich der treusorgende Hausvater, „do kann ech nit für. En betschen Dreck motste dir gefallen lohten. Met schwatte Si'epe gi'eht dr Kalk tereck äff." Hier aber irrte der Paul. Als die Decke dann abgewaschen war, sah der Stubenboden wie festgetretener Schnee aus. Und weil es damals noch nicht die heutigen, hochentwickelten Putzmittel gab, war das Säubern für die Hausfrau eine mühsame Angelegenheit.

 

Am nächsten Morgen begann dann das Kalken. Paul sparte durchaus nicht mit dem Material. Schwer durchtränkt kam jedesmal der Wittquast aus der Kalkbrühe herauf. Durch das „Zoppen" blieb es verständlicherweise nicht aus, dass Pauls Montur aussah, als hätte er sich im Schneegestöber befunden. Während sich so Annas Mann, getreu dem Leitspruch: „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann" — in unserem Fall: „Der Wittquast im Hause erspart den Anstreicher" — betätigte, behalf sich diese auf der Deel mit der Wirtschafterei. Und als der letzte Balken gewittquast war, stieg Paul befriedigt vom Tisch.

„Pass op, Frau", strongste der Kalkbeschmierte, „moen kassde ees en fresche Decke senn." „Et wüed wall wohr sinn", meinte Anna etwas skeptisch. Dann machte sie sich ans Kalkfegen, und anschließend wurden die Möbel wieder eingeräumt.

Am nächsten Morgen, als Frau Anna beim Betreten der Stube die Augen zur Decke hob, erstarrte sie schier vor Schreck. Breite braune Streifen liefen wie Erdbänder über die Balken. „Böss doch röiheg", beschwichtigte der Paul seine Frau, „die Decke mot iehr rechteg drüg sinn, dann beätse angersch." Mittags musterte Paul unbehaglich die Stubendecke, an deren Aussehen sich durchaus nichts geändert hatte. „Dö Nowend striek ech noch ees üewer de schlemmsten Plaatzen, dat gött gi'enen Dreck", erklärte er, als er sich wieder in den Schleifkotten begab.

Abends ging es dann wieder los. Trotz Schutzhüllen über den Möbeln rieselten die „Kalksplenktern" natürlich neben die Schutzvorrichtungen und beschneiten den Boden. Anna fegte bis Mitternacht, um dann am Morgen festzustellen, dass die Decke schlimmer als vorher aussah. „Jo, Frau", sagte sich der Selbst-ist-der-Mann, „do bliet us nix angersch üewreg, äs amDonnerschdag wier utterümen on ganz van nöiem wir te källken." Auf den Protest seiner Frau versicherte der Unentwegte, dass sie sich am Freitag dafür einer schneeweißen Decke erfreuen könne.

Es muss zwischendurch erklärend gesagt werden, dass der Paul eine Kapazität auf dem Gebiete der Kaninchenzüchterei war und schon zahlreiche wertvolle Preise auf Ausstellungen erworben hatte. Da nun in den nächsten Tagen wieder einmal eine Ausstellung im Kohlenpott startete, beabsichtigte der Züchter, mit zweien seiner wertvollsten Tiere dorthin zu fahren und erst Sonntagabend zurückzukommen.

Donnerstags hatte Anna, um des lieben Friedens willen, ihre Wohnstube von Neuem ausgeräumt. Da der Ehegatte am Freitag mit dem ersten Zug fahren wollte, ging es schon spätnachmittags mit der Kalkerei los. Und wieder stieg der Paul nach getaner Arbeit befriedigt vom Tisch — und anschließend in den Kübel. Anna aber verschob ihre Generalsäuberung bis nach der Abreise ihres Gatten. Da dieser schon um vier Uhr aufstehen musste, lag die Stube im blassen Schein der Petroleumfunzel noch im Halbdunkel. Beim Abschied aber sagte der Paul: „Pass op, Anna, wenn die Decke drüg es, dann es se schni'ewitt."

Auch diesmal irrte sich Paul gehörig. Als die Decke gegen Mittag trocken war, sah sie wie mit Ackererde beschmiert aus. Nun war es mit Annas Geduld zu Ende. Wütend rannte sie zum Anstreichermeister Dehle, erzählte ihm die Bravourleistung ihres Pauls und bat inständig, ihr zu helfen. Dem Meister tat die aufgeregte Anna leid. Nachmittags fand er sich ein und kratzte bis zum Abend einen Sack voll Kalk herunter. Dann wusch er die Unglücksdecke gründlich ab. Als samstags das Kalken beendet war, säuberte Anna mit Hilfe einer Nachbarin und einer Riesentüte Soda die Stube, bis der letzte Kalkspritzer weggeschwemmt war. Dann wurde eingeräumt, und, das schwor sich die Hausfrau, diesmal endgültig. Am Sonntag leuchtete die Decke mit der strahlenden Hausfrau um die Wette. Ein Stein plumpste Anna vom Herzen.

Abends, als der Paul mit seinen Kaninchen und zwei Preisen heimkehrte, warf er einen ersten Blick zur Stubendecke. „Sühste Frau, dat ech reit han", rief er erfreut. „Jo", lächelte Anna bestätigend. Doch als Paul hinzufügte, dass er den Dreh nun soweit heraushätte, dass er auch die Decke der „Staatsstuov" kalken wolle, vergaß Anna ihre guten Vorsätze und rief: „Zelewesdags packste mir gi'enen Wittquast mihr ahn. Die Decke heet dr Dehle gewitt, weil se noch schlemmer als iehr beäden. Bie mir heeste utgewitt, do kaffier ech dr für."

(aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!