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Huldas triftige Gründe

von Alma Mühlhausen

Wer früher wegabwärts ins Tal schritt, blieb unwillkürlich vor einem kleinen Hause stehen, das, wie in einen bunten Blumenstrauß hineingestellt, dem Vorübergehenden zur Sommerzeit seinen Gruß herüberwinkte. Auf der angrenzenden Wiese weideten im fetten Gras zwei Ziegen, und das Gackern der Hühner flog bis auf den breiten Fahrweg. Der Besitzer des Anwesens war ein kleiner, krummbeiniger Mann, dessen rechter Augapfel etwas aus der Mitte gerutscht war. Böswillige Menschen behaupteten, dass der Küebes scheel sei. Auch für seinen Namen war der Mann nicht verantwortlich zu machen, wer hieß im Bergischen wohl Kapphues? Jakobs Eltern hatten ihn damals mitgebracht, als sie von der holländischen Grenze ins Bergische einwanderten, und so blieb er an dem Sohn haften. Und doch war der Kappes Küebes, wie er von allen genannt wurde, trotz seines Namens und seiner vielen Schönheitsfehler ein tüchtiger, fleißiger Feilenhauer, der feierabends noch stets ein Stündchen fand, seiner Haushälterin im Garten zu helfen.

Verheiratet war der Küebes nicht. Hulda Fahrenbach, eine Vollwaise, führte ihm seit dem Tode seiner Mutter den Haushalt und hielt auch den Nutz- und Ziergarten in schönster Ordnung. Sie war ein gutgewachsenes Mädchen, und im Gegensatz zu ihrem Dienstherrn hübsch zu nennen. Gewiss, et Hulda war keine „Leuchte", was ihren Geisteszustand betraf; dass dennoch der Küebes durchaus mit ihr zufrieden war, bewies die Tatsache, dass bereits drei Nachkommen von ihm und dem Hulda in Haus und Hof lärmten. Zudem sollte zurzeit, als nachstehende Begebenheit sich zutrug, ein vierter unterwegs sein. Doch alle Vorwürfe und Hinweise der Leute auf die unwürdigen Zustände zwischen Hulda und Jakob fruchteten nichts. Et Hulda war einfach nicht zu einer Heirat mit dem Küebes zu bewegen. Sie erklärte allen Moralpredigern, dass sie hinreichend Gründe gegen eine Heirat mit ihrem Dienstherrn hätte. So ließ man dann die Sache laufen, da man ohnehin nichts daran ändern konnte.

Niemals ließ et Hulda sich öffentlich mit dem Küebes sehen, wenn sie ihre Einkäufe tätigte oder mit ihren Trabanten spazieren ging. Fragte man, warum sie dann den Küebes, der doch der Vater der Kinder wäre — was Hulda auch nie abstritt — nicht mitnähme, so erwiderte sie: „Do han ech ming Gröng füer, on die gönnt gi'enen gett aan."

An einem frühen Morgen traf Pfarrer Seh den Küebes beim Mähen an und stellte ihn nach einem allgemeinen Gespräch wegen der unmoralischen Verhältnisse in seinem Hause zur Rede. „Herr Paschtuor", soll der Küebes gesagt haben, „ech kann et doch nit met Gewault nom Rothus schleppen. Vle'its können Sie em es de Wacht aanknöppen, wo et doch nu baul et vi'ede kritt." „Was?", hat sich der geistliche Herr entsetzt, „Das vierte uneheliche Kind ist unterwegs? Schämen Sie sich denn nicht, Kapphues?" „Doch, Herr Paschtuor, mir es dat arg schennant, doch et Hulda seht, et heär sing Gröng dofüer, dat et mech nit äs Mann han wüel. Wat sall ech dogeen maaken? Ech kann doch uoch nit dofüer."

Mit einem Blick, in dem vieles unausgesprochen lag, schaute der Pfarrer den Küebes an. Dann wandte er sich zum Gehen und sagte: „Ich werde in den nächsten Tagen einmal bei Ihnen vorsprechen und mir ihre Haushälterin einmal vornehmen."

Und der Pfarrer hielt Wort. Et Hulda setzte gerade Pflanzen um ein Beet, als sie den Pfarrer den Gartenweg herunterkommen sah. Den erdbekrusteten Setzpinn in der Hand, begrüßte sie den Pfarrer. Als der aber meinte, es sei richtiger, die Angelegenheit, die ihn hierher geführt hätte, im Hause zu besprechen, erklärte et Hulda: „Herr Pastor, dat können wir auch in der Laube tun, da hört und sieht uns keiner. Im Dingen is et Fränzken grad am Schulsachen machen, und der Oost hat große Ohren." Also ging der Pfarrer mit dem Hulda in die Eschenlaube und setzte ihr dort seinen Standpunkt auseinander.

Doch et Hulda hatte auch seinen Standpunkt, denn als Pastor Seh. sie fragte, ob sie sich nicht schäme, das vierte uneheliche Kind zur Welt zu bringen, schaute ihn die Haushälterin mit einem treuherzigen Blick an und erwiderte: „Ne, Herr Pastor, warum sollte ich mich dann schämen? Et hat doch alles seine Ordentlichkeit. Dat ich mich mit dem Jakob nit bestaaden will, dat hat seine Gründe."

„Die Sie mir jtzt endlich nennen sollen", erzürnte sich der geistliche Herr. Doch als die Widerborstige immer wieder den Kopf schüttelte, schlug der Pfarrer erbost auf den Laubentisch und rief: „Entweder Sie heiraten den Jakob Kapphues oder Sie verlassen sein Haus." Bei diesen Worten wurde et Hulda zusehends kleiner, und der Pfarrer sah, wie sie mit sich kämpfte. Dann hob sie entschlossen den Kopf und rief zornig: „Herr Pastor, wenn Sie sich so schrieben wie der Jakob, dann hättse Ihre Frau auch nit genommen." Pfarrer Seh wollte etwas erwidern, doch et Hulda kam ihm zuvor: „Oder glauben Sie, Ihre Frau hätt' Frau Kappes heißen wollen?" Und einmal in Schwung, redete sie sich ihre sämtlichen Vorurteile oom Herzen. „Wissense, Herr Pastor, wenn mr einen heiratet, dann muss mr den auch leiden können . . ." Hier fiel ihr der Pfarrer entrüstet in die Rede. „Ist denn das die Möglichkeit? Nicht leiden können, wo soviel lebendige Zeugen das Gegenteil beweisen? Dabei erwarten Sie noch das vierte Kind in Bälde von Jakob Kapphues."

„Dat hat da all nix mit ze tun, Herr Pastor, wenn ich den Jakob bei Tag beseh, dann wird mir et Bestaaden leid. Nähmen Sie als Frau en Mann, der so krumme Beine hat und auch noch en scheel Aug? Meine Großmutter hat immer gesagt, nimm keinen Mann, den de nit leiden kannst, sonst gibt et en Onglück — und da denk ich dran."

Darauf wusste der Pfarrer keine Antwort zu geben, hier ließ ihn seine Gelehrsamkeit im Stich. Und als et Hulda ihren Setzpinn ergriff und sich mit den Worten „Ad;'öh, Herr Pastor, ich muss foetens meine Planten setzen" entfernte, fand der Herr vor lauter Verblüffung keinen Gegengruß.

Eine Überlieferung aber besagt, dass Hulda, als nach dem sechsten Kind der Küebes schwer erkrankte, sich bereitfand, am Krankenbett mit dem vom Tode Gezeichneten, um den Kindern einen ehrlichen Namen zu geben, trauen ließ. Wer et Hulda aber mit Frau Kappes angeredet hätte, wäre bei ihr schlecht angekommen. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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