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Wiedersehen mit Tanze Fihnchens Plüschmöbeln

von Alma Mühlhausen

Wer um die Verhältnisse der alten Zeit im Bergischen weiß, wird verstehen, dass die Erbschaft Tante Finchens, die in einer grünen Plüschgarnitur bestand, berechtigtes Aufsehen im Ort hervorrief. Gehörte doch schon damals der­jenige, der in seiner „Staatsstuov" ein mit Leder bezogenes Sofa stehen hatte, zu den „besseren" Leuten. Und mit welcher Ehrfurcht setzte man sich — sofern man dazu aufgefordert wurde — auf solch ein Möbelmonstrum.

Tante Finchen besaß ein Plüschsofa mit zwei dazu passenden Plüschsesseln. Zu dieser Pracht gehörte auch noch ein beplüschtes Fußbänkchen, das allerdings auf dem Gipfel des Vertikos thronte, damit ihm nichts geschah. Wer aber nun denkt, dass Tante Finchen ihr Prunkzimmer für ihre Kaffeevisiten benutzte, der irrt gewaltig. Lieber wäre sie gestorben, als sich ihr Plüscherbe abnutzen zu lassen. Vor dem Abendmahlsbild, auch ein Erbstück Tante Finchens, hingen Sommer und Winter die Fliegenfänger. Damit aber die nichtsnutzigen Sonnenstrahlen die grünen Plüschfarben nicht verwuschen, blieben die Fensterläden dicht geschlossen. Nur wenn Tante Finchen, was jeden Monat geschah, in ihrem Plüschzimmer hausputzte, wurde gelüftet und die Schonbezüge ausgeklopft. Da ist sie dann einmal von Pastor Thümmel überrascht worden, als er einen kranken Mieter im Hause besuchen wollte. Als der Pfarrer durch die offene Tür das Abendmahlsbild sah, schritt er, zum Entsetzen Tante Finchens, über den seiner Schrubtuchhollen entblößten Teppich, um das Bild aus der Nähe in Augenschein zu nehmen. Doch als sich Pfarrer Thümmel anschickte, auf dem Plüschsessel Platz zu nehmen, schrie Tante Finchen auf: „Waitense, Herr Pastor, ich tu eher wat drauf, sonst leidet dat all so". Und ungeachtet der geistlichen Würde des Bildinteressierten, drängte sie ihn zurück und schob ihm rasch ein Tuch unter den Hosenboden. Der Pfarrer, der den nicht zu überbietenden Putzfimmel Tante Finchens kannte, lächelte finnig: „Aber, liebe Frau Schmitz, das ist nicht schlimm, wenn meine Hose schmutzig wird; sie ist sowieso kein Glanzstück mehr." Und lachend entfernte sich der geistliche Herr, Tante Finchen in begreiflicher Empörung zurücklassend.

Da das Staatszimmer selten gelüftet wurde, herrschte eine Luft darin wie in einer Grabkammer. Dass aber Onkel Theo, Tante Finchens Ehepartner, das Plüschzimmer wie nichts auf der Welt hasste, hatte seinen berechtigten Grund. Seit seine Gattin die Erbschaft angetreten hatte, befand sich das eheliche Schlafgemach auf dem „Uohler", unter den Dachpfannen. Und das verzieh sich Onkel Theo nie, dass er um des lieben Friedens willen dem Umzug zugestimmt hatte. „Fröten die verd . .. Brocken doch de Motten op" war Abend für Abend der fromme Wunsch Onkel Theos, des armen Ausquartierten, wenn er auf den „Uohler" kletterte, nicht begreifend, dass seine Gattin ihr Plüscherbe unmöglich unter den Dachpfannen placieren konnte. Anscheinend aber hatten die Motten keinen Appetit auf grünen Plüsch, oder sie hatten, was noch wahrscheinlicher sein konnte, viel zu viel Respekt vor Tante Finchens Erbe.

Sooft ich einen Blick in Tante Finchens Prunkzimmer tun konnte, hielt ich einen Augenblick den Atem an. Waren wir doch zu Hause nur im Besitz einer hölzernen Lehnebank und eines Holzkastens, der sich und auch uns in der Ofennähe wärmte; eine „Staatsstuov" hatten wir nicht. So ging dann mein Kinderverstand durchaus mit Tante Finchens Auffassung einig: dass so eine geplüschte Pracht nicht abgenutzt werden durfte.

Dann wechselten wir die Wohnung, und meine Besuche bei Tante Finchen wurden seltener. Und mit den Jahren verblasste die Erinnerung an sie und ihr Plüschzimmer immer mehr. Doch da brachte mir nach vielen Jahren ein Erlebnis Tante Finchen und ihr Plüschzimmer wieder in Erinnerung.

Wir saßen in der Nachbarstadt in einem hellen, saalartigen Raum, in dem mir eine Ecke durch ihre hübsche Ausstattung besonders auffiel. Ein grünes Plüschsofa und zwei grüne Plüschsessel, die einer vergangenen Zeitepoche angehörten, fesselten meinen Blick. Irgendwie kamen mir die Möbel bekannt vor. Ich hatte sie bestimmt schon einmal gesehen. Aber wo? Während ich noch in meiner Erinnerung kramte, umgaukelte mich plötzlich eine Vision: Ich sah mich als Kind in der offenen Zimmertür Tante Finchens stehen und mit kindlicher Ehrfurcht die Plüschherrlichkeiten bestaunen. Doch meine kindliche Bewunderung kam mir heute so komisch vor, dass ich darüber laut lachen musste. Und dann erzählte ich den Anwesenden von Tante Finchen. Doch es sollte anders kommen. Mein Lachen kehrte sich in Erstaunen, als ich sah, wie die Gesichter ringsum mich verblüfft anblickten. Was ich dann zu hören bekam, verschlug mir schier die Sprache. Es waren tatsächlich Tante Finchens Plüschmöbel, und Tante Finchens Verwandte waren es, in deren Gaststätte ich weilte. Nun war ich die Lauschende, die sich von Tante Finchens letzten Lebensjahren erzählen ließ.

Nach ihrem Tode hatte Onkel Theo die Plüschmöbel einem Schwesternkind geschenkt, das damit den Erker der Gaststätte möblierte, nachdem die Bombennacht die eigenen Möbel zertrümmert hatte. Hübsch sah nun der Erker aus mit den geplüschten Möbeln, die vor dem auf dem Speicher untergebracht waren. Und wie gut hatten sie sich durch bald sechs Jahrzehnte erhalten.' Die Federn waren noch stabil, und das Mahagoniholz spiegelte noch in unverblasstem Glanz. Und, so versicherten die Gaststättenbesitzer, sie seien eine weiche, warme Sitzgelegenheit, die von alt und jung gerne benutzt würde. Dann aber musste ich wieder lachen und dachte: „Tante Finchen, du würdest dich im Grabe umdrehen, wenn du sehen könntest, wie sich alle in deinen einstigen, wohlbehüteten Plüschmöbeln breit machen, und — das würde dich am meisten treffen — sogar ohne Schutzhüllen!“ Auch für mich war Wirklichkeit geworden, was ich in meinen kühnsten Kinderträumen nicht zu träumen gewagt hätte: ich saß in einem der grünen Plüschsessel und schmunzelte in mich hinein. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

 

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