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Der Beitelschmied und sein altes Grundstück

von Alma Mühlhausen

Seit mehreren Monaten polterten an der großen Baustelle die Bagger, kreischten die Kreissägen, und die Kompressoren heulten ihr monotones Lied. Immer weiter gruben sich die Eisenschaufeln der Bagger in die Erde hinein und leerten die Schollen in die bereitstehenden Lastwagen. Schon erhoben sich an einer Seite der schmalen Straße, die mitten durch den Hof führt, moderne schmucke Häuser, die sich den anderen Häusern gegenüber wie Vil­len ausnahmen. Doch auch hier ist der Bau neuer Häuser geplant, und was sich der Fluchtlinie hindernd in den Weg stellt, soll abgerissen werden. Ge­rade hier aber stellen sich den Planungen der Baukommission große Schwierigkeiten entgegen und als einer der größten Widersacher erwies sich der Beitelschmied Weber. Zäh kämpfte er um sein Besitztum, das eins der gepflegtesten im Ort war. Doch gerade das Wohnhaus des alten Webers war es, das die Fluchtlinie am meisten störte, da es sich beinahe in die Mitte der Straße schob. Als alle Verhandlungen an dem Dickschädel des Alten scheiterten, wandte sich das Bauamt an den Sohn, der in der nahen Großstadt Lehrer an einer höheren Schule war. Man bat ihn, den Vater doch auf die Einhaltung der Fluchtlinie hinzuweisen, die eine „dringende Notwendigkeit" sei. Dabei ließ man durchblicken, dass, wenn sich der Vater weiterhin so starrköpfig zeige, es zum zwangsläufigen Abbruch kommen würde.

An einem lichtblauen Frühherbsttage sah man Vater und Sohn im erregten Gespräch auf der Holzbank sitzen, die um den Stamm des alten Apfelbaumes lief, der sich unter der rotbäckigen Früchtelast schier bis ins taufeuchte Gras neigte.

,,Jong", sagte der Beitelschmied und zeigte mit der Pfeife auf die Obstbäume und den blumenbunten Garten, „dat alles sall ech hergewen, weil denn Heären die Fluchtlinie nit passt?" Ärgerlich sprang der Sohn auf: „Vater, lässt du es hart auf hart kommen, bist du der Dumme. Dann wird das Ganze hier taxiert, und die Summe, mit der du dich abfinden musst, ist weit geringer als diejenige, die du bei einer gütlichen Einigung erzielst. Zudem, was soll die Schmiede noch? Ewald ist gefallen, und sein Junge will Architekt werden, was dir längst bekannt ist."

Eine Weile schwieg der Schmied und sog heftig an seiner Pfeife. Dann richtete er seine Blicke wie abschiednehmend auf die Schmiede, die etwa zwölf Meter hinter dem Wohnhaus stand, und während es um seine Lippen zuckte, sagte er: „Derr Schmette, Jong, derr gi'eht et wie mir, die heet utgedennt. Ehr Tied es öm. Awer derr Platz hie, derr üewer honget Joehr us gehuot heet, denn gev ech nit her ..." „Vater, du musst", fiel ihm der Sohn ins Wort.

„Ech mot nit, Jong", erregte sich der Schmied. „De Schmette on uoch et Hus könnense affrieten, wennse mr op denn Platz, wo de Schmette sti'eht, en nöi Hus bouen, gi'enen gruoten Sti'enkasten. Förr mech on denn Ewald on wat noch kömmt".

„Hast du den Herren bereits den Vorschlag gemacht, Vater?" fragte der Sohn. „Noch nit, Jong, äwer subaulse kuomen, donn ech dat." Bedenklich schüttelte der Lehrer den Kopf: „Vater, darauf wird man nicht eingehen. Man will das Ganze."

„Watse nit kriegen, Jong. Dr Buomhoff metsamt demm Garen hant nix met ehrer Fluchtlinie te donn. On sulang ech lev, gev ech dat nit her, do hang ech te arg an allem hie. Ne, ne, Jong, schwieg stell, do bliev ech hatt. Denn Appelbuom han ech gesatt, äs ech dech ahnschriewen li'et. Dat sind nu viewnoi'ezeg Joehr her. En kli'en spillereg Büemken woer et, äs ech et metbreit — on nu? Bekiek du denn Garen. Sulang ech teröckdenken kann, hant am Tuun em Suomer on Hewst de Klemöppe gerankt. On do hengen dat Losthüsken heet ding Motter emmer su geän gehatt. Bis kott Dörr ehrem Duod sootse mols emmer an netten Daagen drennen. Ne, do kann mech gi'ener tu twengen, dat hie heet met dr Fluchtlinie nix te donn. On dornet basta."

Mit diesen Worten wandte sich der Alte und schritt dem Hause zu. Nachdenklich ließ der Lehrer seine Augen über das Anwesen schweifen. Die Worte des Vaters hatten ihren Eindruck nicht verfehlt, und ein eigenartiges Gefühl beschlich ihn. War es die Scholle, deren Atem ihn hier umwehte? Die Scholle, deren Sprache im Hasten und Treiben der Großstadt geschwiegen hatte? Hier, wo er sich ins Leben spielte, wo ihn die Klänge des Ambosses am Morgen aus Kindheits- und Jugendträumen geweckt hatten, hörte er die Scholle wieder deutlich seinem Herzen zureden. Und da wusste er: keine Zeit war so stark und rasch, dass sie alles Tiefvoerwurzelte und Althergebrachte in die Vergessenheit wehen konnte. Und war das Fleckchen hier nicht eine Oase inmitten des nüchternen Ortsteils?

Mit ernstem Gesicht stand der Sohn von der Bank auf und ging dem Hause zu, in dessen Nähe der Vater vor einem buntblühenden Dahlienbeet stand. „Vater", sagte der Sohn, während er ihm die Hand auf die Schulter legte, „mache es dir nicht so schwer. Ich werde mit den Herren verhandeln. Haus und Schmiede musst du hergeben. Doch auf dieser Stelle hier soll man dir ein neues kleines Haus bauen. Alles andere aber" — hier zeigte der Sohn mit ausgestrecktem Arm über Baumhof und Garten — „soll man dir lassen. Das Grundstück hat sowieso für die ersten Jahrzehnte keine Bedeutung für die Stadt. Unter diesen Bedingungen kannst du verkaufen. Bist du mit meinen Vorschlägen einverstanden?"

Der alte Beitelschmied nickte bejahend: „Jo, Jong. Et Lewen gi'eht wieder, demm können vier us nit entgeenstemmen, wenn et dat Aul üewerrollt. Ämer gett dovan möttense us loten, wenn et nit onbedengt sin mot. Wo kömen vier söss hen?". (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)

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