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Die Haft als eine einzige eine lange, dunkle Nacht

In der Zeit vom 12. bis 17.11.1934 fand vor dem II. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm in Wuppertal der Prozess „Andreas Pflüger“ statt. Von den 62 Angeklagten waren zwölf Frauen. Die Gestapo hatte zunächst gegen 91 Angeklagte, darunter 22 Frauen, ermittelt. Emmi Leyendecker geborene Kubatz:
„Die Haft war für mich eine lange, dunkle Nacht!“ Mit 77 Jahren schrieb sie, die als junge Frau durch ihre Heirat nach Düsseldorf verzogen war, ihre Lebenserinnerungen auf. Sehr liebevoll beginnt sie über die Jahre ihrer Kindheit in Remscheid:

„Wenn ich die Augen schließe, sehe ich einen Hof – so nannte man ein Zusammenhocken von einigen Ein- und Zweifamilienhäusern mit Stall für eine Ziege und einige Hühner. Eine kleine Gastwirtschaft hielt den Hof zusammen. Die Lehmhäuschen waren weiß getüncht und mit schwarzgeteerten Längs- und Querbalken wie verziert. Kleine, grüne Schlagläden rahmten die Fenster ein, dann die übliche Regenwassertonne. Manchmal lag auch ein ausgedienter Schleifstein in einer Ecke - ein Spielzeug für viele Zwecke für uns Kinder. ‘Holz’ hieß die kleine Ansiedlung am äußersten Stadtrand von Remscheid-Hasten gelegen...."

Dies ist die erste Wohnung der Eltern nach ihrer Übersiedlung aus Ostdeutschland nach Remscheid. Der Vater will schnell zu Geld kommen und arbeitet in Tag- und Nachtschicht als Schmelzer in einem Stahlwerk. Der Mutter hat er einen Tabakladen gemietet, den sie neben Haushalt und Kindern versorgt. Emmi schickt der Vater zur Oberschule, aber nur vier Jahre, dann muss sie der Mutter im Tabakladen helfen. Berufsausbildung gibt es nicht. Inzwischen ist das Haus an der Ecke Freiheitstraße/Südstraße, in dem sich der Laden befindet, von der Familie Kubatz gekauft worden, und die Familie zieht um.

Im Tabakwarenladen bekommt Emmi Kubatz die erste Berührung mit der Arbeiterbewegung. Auf dem Ladentisch liegt sichtbar die ‘Arbeiterstimme’. Emmi Kubatz fragt sich in ihren Erinnerungen:

Wann war das eigentlich - als mir die anderen Gedanken kamen, die über den Alltag hinweggingen, als mir bei allem Zweifel kamen, als alles Bisherige an Wert verlor, das Warum, das Woher und Wohin? Alles verlor seinen bisherigen Sinn. Ich versah meinen Ladendienst unverdrossen, jeden Tag fast dieselben Kunden. Morgens in der Frühe zogen sie an dem Laden vorbei - scharenweise - in die Fabrik. Trotteten, trabten eilig, eilig - eben schnell ein paar Zigaretten kaufen, eilig weiter, immer dieselben - Jahr für Jahr - hier und da flog auch mal ein Gruß, ein Witz von einer Straßenseite hinüber zur anderen. Manche trugen ihr Essen in einem zweiteiligen Emaille-Kessel - sie nannten ihn ‘Elberfeld und Barmen’ - in ein großes, buntgeblümtes Taschentuch gebunden, bei sich.

Ich hatte als Kunden viele ‘Prühmer’ 1. Es war Kautabak, ein in Rum und andere Zutaten getränkter, kurzer Tabakstrang. Meist waren es Schleifer, die bei ihrer Arbeit immer eine trockene Kehle hatten und deshalb priemten. Täglich kam ein alter Schleifer: ‘Mojen, diet Se mir en Keutabak, en decken.’ Er holte den Groschen mit seinen ‘abgeschliffenen’ restlichen schwarzen Fingernägeln aus einem zerfledderten Portemonnaie ohne Verschluss, was immer umständlich lange dauerte.

Im Winter, wenn die Arbeiter früh im Dunkeln zur Arbeit gingen und es war Glatteis, besonders gefährlich in dem bergigen Remscheid, lagen später vor dem Laden auf dem Bürgersteig Füßlinge von alten Männersocken, die sich Arbeiter über die Schuhe gezogen hatten, um etwas Halt auf den vereisten Steinen zu haben, sie aber leider oft verloren und im Dunkel nicht wiederfanden. So kamen sie Tag für Tag, Sommer und Winter, Jahr um Jahr, derselbe Trott, derselbe ‘Kostmüter’, wie sie ihr Esskesselchen auch nannten. Mit den Jahren wurde ihr eiliger Trott immer langsamer, der Rücken krümmte sich mehr und mehr - und eines Tages blieb einer von ihnen ganz weg, aus - vorbei - einer weniger im täglichen Trott. Ich machte mir Gedanken darüber, sie wirbelten durcheinander. Viele Möglichkeiten, welche von ihnen war anwendbar, um solchen Trott mit Leben zu füllen? (Ich zog Vergleiche - was ich dachte - entschied mein Herz - ich ließ mir Zeit.) Ich wusste nicht wohin mit meinen Erkenntnissen. Es war die Zeit, da entfernte ich mich innerlich von meinen Eltern. Sie wurden mir fremd.

Es begann eine bewegte Zeit. Streiks - Revolution - Streiks. Neue Gedanken bewegten die Menschen. Man sprach vom ‘Alten’, was hinter uns lag, und noch unsicher vom ‘Neuen’. In der Luft lag ein Knistern, nur dem Suchenden hörbar. Die Volkshochschule machte von sich reden. Ich begann die ‘Arbeiterstimme’, die auf dem Ladentisch lag, aufmerksamer zu lesen als bisher und fand mit der Zeit immer mehr Parallelen zu meinem inneren Suchen. Ich begriff vieles noch nicht, war aber wachsam geworden. Die Inflation begann erst langsam - als man begriff, ging es sehr schnell. Was war gestern? Was im Augenblick? Was würde morgen sein? Was war mit dem Geld los? Mit einem großen Waschkorb voller Geldscheine rannten meine Schwester und ich kurz vor Schalterschluss zur Post, um noch den jeweiligen Tageskurs des Geldes auf dem Einzahlschein gestempelt zu bekommen. Täglich - bis eine Mark gleich einer Billion war.N

Mit dieser Broschüre hat die Stadt Remscheid den vielen Remscheider Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, menschlichen Verantwortung oder aus ganz persönlichen Gründen während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und inhaftiert wurden, ein Denkmal gesetzt. Die teilweise umfangreich geschilderten Lebensschicksale waren ganz unterschiedlich und haben mich sehr berührt. Ich lernte die politisch engagierten Frauen als starke, selbständig denkende und handelnde Persönlichkeiten kennen, die teilweise ihre männlichen Partner an Aktivität und Kreativität übertrafen. Viele hatten auch vor der Nazizeit wichtige politische Funktionen bekleidet. Nur wenige Frauen standen im Schatten ihrer männlichen Partner oder sonstigen Familienangehörigen. Ihren Beitrag zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ans Licht treten zu lassen und sie nicht zu vergessen, ist die Absicht dieser Broschüre.
Die 2. Auflage dieser Broschüre aus dem Jahr 2007 hält die Erinnerung wach an die vielen Frauen und Männer, die in der Zeit des Nationalsozialismus litten und ermordet wurden.

(Christel Steylaers, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte)

ach dem ersten Weltkrieg war das Ruhrgebiet unter den Siegermächten in Zonen aufgeteilt worden. Remscheid war englische Zone. Abends - ich glaube um 9 Uhr - mussten die Häuser alle verdunkelt sein. Kein Lichtschein durfte nach draußen dringen. Eine Patrouille von englischen Soldaten ritt abends durch die Straßen und kontrollierte. Wo ein Lichtschein erblickt wurde, verschafften sich die Soldaten Einlass und schlugen die Lampen entzwei.

Für unseren Tabakladen bekamen wir auch Ware von Zigarettenfabriken, die in anderen Zonen lagen, z.B. Dresden oder München. Die Ware landete oft in Lennep. Das war französische Zone. Hier musste ich also die Ware bei der Zollkontrolle abholen. In dieser Zeit befreundete ich mich mehr und mehr mit Herta Berk, später Gläß, der Nachbarstochter. Wir wurden engste Freundinnen, nachdem sich in Gesprächen herausstellte, dass wir gleiche Interessen, gleiches Suchen nach einer ‘neuen Welt’, die sich vor unseren Augen auftat, hatten. Bald waren wir mittendrin. Es war die Volkshochschule, die zu der Zeit in vielen Städten gegründet wurde, von Menschen, die gleich uns versuchten, die Folgen des verlorenen Krieges umzumünzen, in lebensbejahende, vor allem positive Bahnen zu lenken.

Das große Wort ‘Menschwerdung’ entstand. Es war auch viel Schwärmerei, viel Überschäumendes, viel Unausgegorenes dabei - aber Aufgeschlossenheit und ein guter Wille waren immer dabei. Wir fanden uns zu einer Gruppe von fünf Mädchen und fünf Jungen zusammen, unter ihnen u.a. Teo Otto, der spätere Bühnenbildner, und Ernst Kunst, der später Bildhauer wurde. Wir belegten verschiedene Kurse, u.a. Philosophie, Literatur, Volkstanz und Gymnastik. Jeden Sonntag wanderten wir und diskutierten mit den Menschen, die sich bei unseren Volkstänzen einfanden. Mit der Zeit bekamen wir in einer alten verrotteten Schmiede ein Landheim, das wir säuberten und wohnlich machten. Teo bemalte die Wände, ein anderer schnitzte Holzleuchter. Das Landheim lag in der ‘Aue’, einem kleinen Hof am Stadtrand Remscheids.

Unseren Gymnastikkurs leitete Käthe Wolf, die damalige Frau des Stadtarztes und Schriftstellers Dr. Friedrich Wolf. Zu der Zeit hatte auch Pfarrer Loew Kurse in der Volkshochschule. Hinzu kam noch die Schauspielgruppe Willy Schürmann-Horster aus Düsseldorf, der sich Karl Leyendecker zugesellt hatte, mein späterer Mann. Zu diesen vorbildlichen Streitern der neuen Richtung gehörte das Ehepaar Wirthmann, beide an einem Remscheider Konservatorium tätig. Frau Wirthmann war meine Klavierlehrerin. Es war eine große Kontaktfreudigkeit in dieser Bewegung, ja, in der ganzen VHS, die bei gemeinsamen Wanderungen und vor allem bei den Sonnenwendfeiern noch gefestigt wurde.

Professor J. Resch war der damalige Leiter der VHS, ein lebhafter und feuriger Geist. In Gemeinschaft wurde im Arbeiterviertel Honsberg, am Abhang zum Hammertal, die Reschhütte gebaut. Es wurde nach und nach ein geräumiges Haus - Treffpunkt aller ‘Resch-Indianer’ - wie man uns nannte wegen unserer Kittelkleider und San­dalen. Kopfschüttelnd und verständnislos nahm die Bürgerschaft von uns Kenntnis. Als Professor Resch 1921 in die KPD eintrat, wurde seine Stelle als Leiter der städtischen Volkshochschule unhaltbar. So entstand die Freie Volkshochschule unter seiner Leitung.“

Einige Jahre später wird Emmi Kubatz Mitglied der KPD. Sie schreibt in ihren Erinnerungen:

„Ich war nun in der Partei und hatte Genossen. Ich war nicht mehr allein. In Stubenversammlungen, die in unserem Haus stattfanden, entschied man, mich nicht so sehr der Öffentlichkeit auszusetzen; denn meine Eltern hatte ich nicht über meine Entscheidung informiert. Ich kassierte eine Zehnergruppe. Dann mussten Flugblätter verteilt werden. Das machte ich frühmorgens, 1⁄2 6 am Alexanderwerk. Viele Arbeiter erkannten mich und grüßten. In einer halben Stunde war die Aktion beendet. Ich eilte nach Hause auf mein Zimmer, schnell noch eine Handvoll Wasser durchs Gesicht, dann runter in den Laden. Guten Morgen Mama! Halb sieben war der Laden offen, ich hatte eine ‘Schicht’ hinter mir. Es war für mich ein gutes Gefühl.

Immer schneller rollte das Rad der Zeit. Die Arbeitslosigkeit stieg, die Inflation auch, Kanzlerwechsel, Unruhe auf der Straße, Demonstrationen, alles sich steigernd. Und dann kam Hitler an die Macht.

Längst schon tippte Luise Klesper in meinem Zimmer über dem Laden auf der Schreibmaschine die Matrizen für die Flugblätter. Dann kam sie nicht mehr - sie wurde anderswo eingesetzt. Da machte ich mich selbst daran, auf der fremden Schreibmaschine die Matrizen zu schreiben, langsam, mühselig, mit zwei Fingern - aber sie wurden fertig. Dann kam ein Genosse und holte sie im Laden ab und übergab mir stumm neues Material. Einmal beobachtete meine Mutter den Vorgang und sagte: Was will der, der kauft ja nix? Ich lenkte sie ab.

Der Sicherheit halber tippte ich bald das illegale Material in der Wohnung meiner inzwischen verheirateten Freundin Herta Gläß in der oberen Uhlandstraße, direkt neben dem Polizei-Präsidium. Verdeckt in einem Wäschekorb haben die Genossinnen Liesbeth Stillger und Trautchen Münstermann die Schreibmaschine dorthin getragen.

Im Frühsommer 1933 setzte die Verhaftungswelle auch bei uns ein. Die Gestapo wütete in den Arbeitervierteln. Ein Genosse nach dem anderen wurde aus dem Verkehr gezogen. Da besuchte mich Teo Otto, der inzwischen weltbekannt und berühmt geworden war. Ohne zu zögern machte er die ‘Köpfe’ der Matrizen fertig, und die Arbeit ging weiter. Es war ein merkwürdig intensives und anstrengendes Leben in der Zeit - wo alles immer gefährlicher wurde - selbst das Denken. Autoladungen von Verhafteten fuhren täglich an unserem Laden vorbei. Der ist verhaftet, der auch und die auch.

Am 6. September 1933, auf meinem 30. Geburtstag, wurde ich verhaftet. Die Durchsuchung der Wohnung ergab nichts. Meine Mutter bekam während der Durchsuchung einen Herzanfall und musste ins Bett. Ich telefonierte mit meiner Schwester und bat sie, zu meiner Mutter zu kommen. Draußen wartete der Überfallwagen der Polizei, der Flitzer. Neugierige sammelten sich an. Einer der Gestapoleute sagte, er wolle mit mir zu Fuß zur Polizeiunterkunft gehen - aus Rücksicht. Unterwegs meinte er noch, wenn das zuträfe, was man mir zur Last lege, würde ich ihm jetzt schon leidtun.

So verließ ich mein bisheriges Leben und kehrte erst nach bald zwei Jahren Gefängnishaft zu meinen Eltern zurück. Die Haft war für mich eine lange, dunkle Nacht. Die nächtlichen Verhöre und die Misshandlung ließen mich zweifeln. Machte ich was falsch? Wie antwortet man auf die Fragen im Verhör? Wann leugnet man und wann gibt man zu, ohne andere zu belasten?

Man ließ mich drei Wochen schmoren, ehe die ersten Verhöre begannen. Zu der Zeit hatte ich im Laden viele Polizisten als Kunden. Sie trugen grüne Uniformen und wurden, glaube ich, Sicherheitspolizei genannt (es sollen viele von der SPD dabei gewesen sein). Einige dieser Kunden sah ich in der Polizeiunterkunft wieder. Sie kauften weiter bei meinen Eltern, einige zahlten monatlich ihre Tabakschulden ab, brachten mir Grüße von meinen Eltern und Zigaretten, mir aber war die Lust zum Rauchen vergangen.

Einmal besuchte mich mein Vater dort, die Bewacher vermittelten es heimlich. Es stieg mir heiß in die Augen, als ich ihn so plötzlich vor mir sah, da ich so viele schwerwiegende Geheimnisse vor ihm hatte. Meiner Mutter ginge es besser, er hoffe, dass ich bald frei käme, sagte er.

Ich leugnete lange und hartnäckig - alles. Als man dann verhaftete Genossen vorführte und sie hinter einer Stellwand alles, was wir an Parteiarbeit gemacht hatten, wiederholen mussten, war ich entsetzt. Als sie wieder abgeführt wurden, sagte ich: ‘sie lügen’.

September 1933: nächtliche Verhöre in der Polizeiunterkunft in Remscheid.

Die Gestapo tobt: ich soll auf einer primitiven Schreibmaschine tippen, irgendwas. Was soll ich schreiben, ich weiß nichts. Ich weiß nur, dass dies nicht die gesuchte Schreibmaschine ist. Los, schreibe! Schreibe: Korruption! Ich weiß nicht, was das ist, auch nicht wie es geschrieben wird, weil es das früher nicht gab. Die Gestapo brüllt, wiehert - hahaha - das hat es früher nicht gegeben! Ich schreibe ein anderes Wort, um Zeit zum Atmen zu gewinnen. Die Maschine war kein Ergebnis für die Gestapo. Während des Verhörs kommen mehrere SS-Leute herein, bilden einen Kreis um mich und schlagen mit einem kurzen, lederartigen Gegenstand blitzschnell zu.

Ich schreie. Man schließt das Fenster. Die Gestapo schäumt. Runter mit ihr in den Hof, wir fahren jetzt die Eltern holen, mal sehen ob wir sie nicht .... Die SS verschwindet, bis auf einen. Ich soll aussagen. Er drängt mich in eine Ecke an einen Schrank. Plötzlich fasst er meinen Kopf mit beiden Händen und stößt ihn immerzu an den Schrank. Die Schranktür kracht, da lässt er ab. ‘Hackfleisch’ würde er aus mir machen, wenn ich seine Tochter wäre.

Einige SS-Leute kommen herein, bringen mich auf den Hof, fesseln mich mit Ketten an ein eisernes Gitter und gehen weg. Kurze Zeit darauf höre ich in der Nacht den Flitzer wegfahren. Ich denke: jetzt holen sie meine Eltern. Rund um den Hof sind die kleinen Fenster der Einzelzellen mit den Genossen, die vor mir verhaftet wurden. Ich rufe leise ihre Namen und bitte in meiner Not um Rat. Nichts rührt sich. Bei jeder Bewegung rasseln die Ketten. Ich friere erbärmlich in meinen dünnen Kleidern. Als man mich wieder heraufholt, sagt man mir, meine Mutter sei nicht transportfähig gewesen.

Da bricht mein Widerstand zusammen. Ich werde wieder in die Zelle geführt. Vorher bitte ich um ein Glas Wasser und schimpfe lauthals über derartige Verhöre und Misshandlungen. Ich komme zu einer Genossin in die Zelle, der ich meine blutunterlaufenen Stellen am Körper zeige. Am andren Tag komme ich in Einzelhaft.

Zu Weihnachten 1933 kommen einige frei, die bei Prozessbeginn erneut in Haft kommen. Die Bemühungen meines Vaters beim Untersuchungsrichter, auch für mich eine Haftunterbrechung zu bekommen, schlagen fehl. Meine Belastungen und mein Verhalten sind ausschlaggebend. Meine Eltern daheim werden von vielen Genossen und Sympathisanten besucht. Sie trösten sie und sagen, ich hätte mich gut gehalten. Als Untersuchungsgefangene werde ich öfter verlegt. Die Stationen sind: Polizeigefängnis Remscheid, Brauweiler, Düsseldorf, Remscheid-Amtsgericht, Wuppertal-Bendahl.

Auf dem Transport nach Brauweiler kommen wir in Köln für zwei Tage in den Klingelpütz (alte Haftanstalt in Köln), damals ein unheimlich alter Bau und - wie man sagte - voller Ungeziefer. Wir müssen viele Gänge und Treppen hinuntersteigen, bis uns eine große Sammelzelle aufnimmt. Es ist Buß- und Bettag im November 1933. Bei uns sind auch einige Dirnen, die für zwei Jahre ins Arbeitslager Brauweiler kommen sollen. Als wir abends dicht bei dicht auf Holzpritschen mit Strohsäcken liegen, beginnen die Dirnen schlüpfrige Geschichten ihres Gewerbes zu erzählen. Trautchen Münstermann unterbricht sie im guten Remscheider Platt und sagt: „Loffer es dovan ophüren, vir können och üewer jett angersch vertellen!“ („Lassen wir mal davon aufhören, wir können uns auch über etwas anderes unterhalten!“)

Der Prozess findet Ende 1934 in Wuppertal statt. Es werden für mich zwei Jahre Zuchthaus beantragt, ich komme auf 22 Monate Gefängnis. Im Laufe des Prozesses spreche ich von den Misshandlungen während der Verhöre. Der Vorsitzende fragt kühl: Haben sie daraufhin falsche Aussagen gemacht? Ich antworte: Nein! Er bemerkt daraufhin kühl: Was wollen Sie denn? Die Kriminalbeamten, die uns verhört haben, schwören, dass keine Misshandlungen vorgekommen seien.

Ich bleibe nach dem Prozess in Wuppertal-Bendahl. Die anderen Frauen kommen nach Anrath. In Bendahl werde ich Flurmädchen und kann vielen politischen Verhafteten durch geschlossene Zellentüren Nachrichten überbringen von anderen Verhafteten; denn es hatte eine neue Verhaftungswelle eingesetzt, und die Gefängnisse sind wieder überfüllt.

Auch meine Haft geht einmal zu Ende. Meine Schwester und eine mütterliche Freundin holen mich in Wuppertal ab. Vor dem Gefängnistor empfangen mich Genossinnen mit Blumen. Ich bin wie betäubt. Aus weiter Ferne kommt die Freiheit auf mich zu und würgt in meinem Halse. Ich lasse so viele Frauen und Männer im Bau zurück, und draußen ist die Freiheit auch keine Freiheit. Die Wohnung meiner Eltern ist überfüllt mit Blumen, mit und ohne Namen der Absender.

Unfrohe und bedrückende Jahre folgen, bis ich 1937 einen alten Freund wiedertreffe: Karl Leyendecker aus Düsseldorf. Ich kannte ihn gut aus der Volkshochschulzeit mit der Schauspieler-Gruppe um Willi Schürmann-Horster. Er hat davon gehört, dass ich politisch inhaftiert war, und sein Interesse ist groß. Wir treffen uns also nach vielen Jahren wieder und - reifer geworden - finden wir uns bald auf einer anderen Ebene zusammen. Wir heiraten am 9. Mai 1938. Ich gehe der Erfüllung meines Lebens entgegen. Ein Kind wächst in mir. Wir ziehen nach Düsseldorf und im September 1938 wird mein Sohn Peter geboren.“

In Düsseldorf erlebt Emmi Leyendecker schreckliche Bombenangriffe und wird mit Peter in die Eifel evakuiert. Erst nach dem Kriege kehren sie nach Düsseldorf zurück. Sofort stellen sich Emmi und Karl Leyendecker in den Dienst des demokratischen Wiederaufbaus. Emmi Leyendecker arbeitet in der „Gemeinschaftshilfe“, einer sozialen Hilfsorganisation, im Demokratischen Kulturbund und in der KPD. Ihr Mann wird Redakteur beim KPD-Organ „Freies Volk“. Nach dem Verbot der KPD im Jahre 1956 wird er arbeitslos und muss in die Illegalität, da ihm ein Prozess wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ droht. Er stirbt 1965 in seinem Exil in der DDR, erst 63 Jahre alt. Es folgen Jahre der Bitterkeit und der materiellen Not für die ehemalige Widerstandskämpferin, die nun alleine hier in der Bundesrepublik zurechtkommen muss. 1967 zieht Emmi Leyendecker, erst 64 Jahre alt, in das Altenwohnheim in Langenfeld. Ein komplizierter Oberschenkelhalsbruch hatte sie gehbehindert gemacht. In Langenfeld schreibt sie den Bericht über ihr Leben und notiert auch einen Traum, der immer wiederkehrt:

„Gegen Morgen, es ist noch dunkel, wacht sie durch einen Schmerz auf - Schmerz? Wo? An einem Schmerz der linken Hand; Warum? Wieso Schmerz? Langsam beginnen die Signale im Gehirn zu funktionieren - Schmerz - alles kommt von weither. Sie macht Licht und sieht vor sich auf der Bettdecke einen großen dunklen Blutfleck, dann auf dem schmerzenden Finger die blutverschmierte Stelle. Woher kommt sie? Da ist sie wieder, die gähnende Leere - davor und dahinter - nichts, doch einige Fünkchen.

Das Telefonbuch liegt aufgeschlagen. Sie hat telefoniert und keinen Anschluss bekommen. Warum telefoniert sie? Lange schon hatte sie Sehnsucht nach Remscheid. Plötzlich musste sie telefonieren - zweimal, dreimal, kein Anschluss, dann muss sie in M. angerufen haben, das aufgeschlagene Telefonbuch beweist es. Was da gesprochen wurde? Das liegt schon in der Finsternis, der immer das Kettengerassel vorausgeht. In der Küche muss sie sich verletzt haben. Jetzt ist sie sehr abgespannt. Die Wolldecke ist vom Bett auf den Fußboden gerutscht. Bei dem Ketten­gerassel, das seit vielen Jahren wiederkehrt, muss sie sich niederlegen. Die gähnende Leere und die Finsternis nehmen sie auf.“

Emmi Leyendecker schrieb ihren Lebensbericht in der Zeit vom 25.2.1981 bis zum 23.4.1981. Sie starb am 26.5.1987.

Quellen: Persönlicher Bericht von Emmi Leyendecker im Besitz der VVN Remscheid und Tonbandprotokolle mit Emmi Leyendecker

(Teo Otto war mit Emmi Kubatz in der Volkshochschule und später in der Freien Volks­hochschule in Remscheid. Er hatte 1923 bis 1926 die Kunstakademie Kassel besucht und war schon 1932 Ausstattungs-Chef der Staatstheater in Berlin. 1933 emigrierte er in die Schweiz und wurde Ausstattungs-Chef am Züricher Schauspielhaus. Hier hat er Bühnenbilder entworfen für maßgebliche Erstaufführungen der Werke von Brecht, Frisch und Dürrenmatt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er Bühnenbildner an Theatern in Ostberlin (Berliner Ensemble) Wien, Salzburg, Paris, London, Edinburgh, New York und Tel Aviv.)

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Kommentare

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Fritz Beinersdorf am :

Schön, dass der Waterbölles das Gemälde von Teo Otto „Einer von Vielen – Ihnen danken wir alles“ (Bild- Titel) - dem bewegenden Text beigefügt hat.

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