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Beinahe wurde sie mit dem Kind ausgewiesen

Elisabeth und Ludwig StillgerIn der Zeit vom 12. bis 17.11.1934 fand vor dem II. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm in Wuppertal der Prozess „Andreas Pflüger“ statt. Von den 62 Angeklagten waren zwölf Frauen. Die Gestapo hatte zunächst gegen 91 Angeklagte, darunter 22 Frauen, ermittelt.

Elisabeth Stillger wurde am 28.5.1907 in Remscheid geboren. In den letzten Jahren der Weimarer Republik heiratete sie Ludwig Stillger, und sie bekamen einen kleinen Sohn. Nach der Machtergreifung der Nazis beteiligte sich das Ehepaar aktiv am antifaschistischen Widerstand. Sie zogen illegale Flugschriften ab und Elisabeth Stillger verteilte sie mit Hilfe eines Kinderwagens in verschiedenen Stadtteilen. Auch die Schreibmaschine, mit der zunächst Luise Klesper und später Emmi Kubatz illegale Schriften in der elterlichen Wohnung von Emmi Kubatz geschrieben haben, wurde durch Elisabeth Stillger und Gertrud Münstermann eines Tages in einem Wäschekorb versteckt in die Wohnung von Herta Gläß in der Uhlandstraße getragen, wo weiter die illegalen Schriften getippt wurden.

Mit dieser Broschüre hat die Stadt Remscheid den vielen Remscheider Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, menschlichen Verantwortung oder aus ganz persönlichen Gründen während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und inhaftiert wurden, ein Denkmal gesetzt. Die teilweise umfangreich geschilderten Lebensschicksale waren ganz unterschiedlich und haben mich sehr berührt. Ich lernte die politisch engagierten Frauen als starke, selbständig denkende und handelnde Persönlichkeiten kennen, die teilweise ihre männlichen Partner an Aktivität und Kreativität übertrafen. Viele hatten auch vor der Nazizeit wichtige politische Funktionen bekleidet. Nur wenige Frauen standen im Schatten ihrer männlichen Partner oder sonstigen Familienangehörigen. Ihren Beitrag zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ans Licht treten zu lassen und sie nicht zu vergessen, ist die Absicht dieser Broschüre.
Die 2. Auflage dieser Broschüre aus dem Jahr 2007 hält die Erinnerung wach an die vielen Frauen und Männer, die in der Zeit des Nationalsozialismus litten und ermordet wurden.

(Christel Steylaers, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte)

Da Ludwig Stillger Funktionär der KPD war und sich nach dem 30. Januar 1933 am Aufbau der illegalen KPD beteiligt hatte, musste er bei einer evtl. Verhaftung mit einer hohen Haftstrafe rechnen. Dieser entzog er sich, als die Gestapo kam, indem er aus dem Fenster sprang. Er ging zunächst in den Untergrund und später in die Emigration in die Niederlande und nach Belgien. 1936 - 1939 beteiligte er sich am Kampf der Internationalen Brigaden gegen Franco Spanien. 1939 haben ihm die Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.

Elisabeth Stillger wurde an dem Tag, als Ludwig Stillger sich der Verhaftung durch Flucht entzog, am 11.9.1933, verhaftet. Ihr kleiner Sohn musste durch die Großmutter betreut werden. Elisabeth Stillger wurde in dem Prozess „Andreas Pflüger“ zu einem Jahr und 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Sie war inhaftiert in folgenden Haftanstalten: Polizeigefängnis Remscheid, Amtsgericht Remscheid, Gefängnis Wuppertal Bendahl, Gefängnis Anrath. Als sie im Juli 1935 entlassen wurde, gingen die Schikanen weiter. Man drohte ihr, die Staatsangehörigkeit wie ihrem Mann abzuerkennen, wenn sie sich nicht von ihm scheiden lassen würde. Unter Druck hat sie es getan. Wenn das nicht geschehen wäre, hätte die Gefahr bestanden, dass sie mit dem Kind ausgewiesen worden wäre.

In dem betreffenden Schreiben des Standesamtes Wuppertal sieht das ganz anders aus. Dort heißt es u. a.: „Die Klägerin begehrt die Scheidung wegen Verschulden des Beklagten, weil dieser sie am 11.9.33 mit unbekanntem Ziel verlassen hat und in der Folgezeit weder für sie und ihr Kind gesorgt, noch sonst wie ein Lebenszeichen von sich gegeben hat. Wegen ihres sonstigen Vorbringens wird auf den vorgetragenen Inhalt der Schriftsätze verwiesen. Der Beklagte ist im Prozess nicht vertreten, er ist öffentlich geladen. Zur Folge der glaubwürdigen Aussage der Klägerin, die insoweit auch durch die Feststellung des Polizeiamtes Remscheid bestätigt wird, steht fest, dass der Beklagte im Jahre 33 aus politischen Gründen seine Wohnung verlassen hat und nicht zurückgekehrt ist. Da der Beklagte sich seitdem in keiner Weise mehr um Frau und Kind gekümmert, ihnen auch nicht einmal geschrieben hat, so ist kein Zweifel, dass die eheliche Liebe der Parteien erkaltet und durch schweres Verschulden des Beklagten eine so tiefgreifende Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses eingetreten ist, dass die Wiederherstellung einer dem Wesen der Ehe entsprechende Lebensgemeinschaft nicht zu erwarten ist. Die Ehe der Parteien ist daher auf die Klage zu scheiden.

Als Ludwig Stillger 1946 in die zerstörte Stadt Remscheid zurückkehrte, fand er eine Frau vor mit Wasser im Bauch von Elend und Unterernährung. Haft, Entbehrungen und Leid hatten die Gesundheit von Elisabeth Stillger schwer geschädigt. Der Amtsarzt der Stadt Remscheid bescheinigte ihr einen gesundheitlichen Schaden von 50 Prozent, was in dem Schreiben des Kreissonderhilfsausschusses vom 1.12.49 bestätigt wurde. Dreizehn lange Jahre hatte Elisabeth Stillger mit ihrem Sohn auf die Rückkehr ihres Ludwigs gewartet. Aber dann wurde nicht durch die Behörde die unter Zwang erfolgte Scheidung rückgängig gemacht; sondern Elisabeth und Ludwig Stillger mussten neu heiraten, um als Eheleute anerkannt zu werden. Trotz der erduldeten Verfolgung und Leiden in der Nazizeit haben sich beide nach dem 2. Weltkrieg dem Wiederaufbau des zerstörten Landes zur Verfügung gestellt. Sie waren lange Jahre Mitglieder der KPD und der DKP. (Quellen: Unterlagen der VVN Remscheid; Text des Films „Unversöhnliche Erinnerungen“ von Klaus Volkenborn)

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