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Die Volkshochschule prägte Herta Gläß

In der Zeit vom 12. bis 17.11.1934 fand vor dem II. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm in Wuppertal der Prozess „Andreas Pflüger“ statt. Von den 62 Angeklagten waren zwölf Frauen. Die Gestapo hatte zunächst gegen 91 Angeklagte, darunter 22 Frauen, ermittelt.

Herta Gläß geb. Berk: „Ich bin im Jahre 1900 geboren. Wir haben während des 1. Weltkrieges eine traurige Jugend gehabt. Als der Krieg ausbrach, war ich 14 Jahre alt, als er zu Ende war 18 Jahre. Ich habe mich da der Volkshochschulbewegung angeschlossen. Resch hatte sie in Remscheid gegründet. Wir machten Volkstänze, wanderten und sangen. Ich habe auch Kurse belegt, z. B. ‚Einführung in die Philosophie‘ und ‚Mo­derne Dramen‘. Das war eine Starthilfe für mein späteres Leben. Wir haben eine Gruppe gebildet, zu der meine Freundin Emmi Kubatz, Teo Otto, Ernst Kunst und mein späterer Mann gehörte. Wir strebten einen neuen Menschen an und wollten zurück zur Natur. Wir jungen Frauen trugen zwar noch lange Röcke, aber gingen ohne Strümpfe und mit Sandalen, so dass ein Stück unserer nackten Beine zu sehen war. Die Spießbürger entsetzten sich darüber, und manche Leute nannten uns die ‚Resch-Indianer‘. In den 20er Jahren wurde auch die Spielschule für die Kinder auf dem Honsberg und später die Reschhütte gebaut. Mit dem Blech der großen Corned-Beef - Dosen ist auf der Resch-Hütte das Dach gedeckt worden.

Emmi Kubatz wurde Ende der 20er Jahre Mitglied der KPD. Als die Nazis an der Macht waren, ist die Schreibmaschine, auf der die Emmi die Matrizen für die illegalen Flugschriften schreiben wollte, aus ihrem elterlichen Haus der Sicherheit halber zu mir in die Uhlandstraße gebracht worden. Unser Haus steht nicht weit von der Polizei. Als die Nazis Emmi verhaftet hatten, wollten sie wissen, wo die Schreibmaschine stand. Emmi ist durch die Polizei sehr misshandelt worden und hat eine Woche standgehalten. Als man aber ihr drohte, ihre Mutter zu holen, die alles wusste, hat sie meinen Namen genannt.

Sie kamen des Nachts zu uns und haben meinen Mann mitgenommen, mich nicht, ich hatte ja ein Kind von vier Jahren, das ich nicht alleine lassen konnte. Mir haben sie gesagt, ich sollte am nächsten Tag zum Verhör bei der Polizei in der Uhlandstraße kommen. Es war ein Sonntag, als sie mich verhört haben. Sie haben alles so niedergeschrieben, wie ich geschildert habe. Mein Mann und ich hatten einen Tag zuvor abgesprochen, was wir sagen würden, wenn die Gestapo kommt. So sagten wir beide dasselbe aus. Meinen Mann haben sie furchtbar misshandelt. Das wusste ich aber noch nicht bei meinem Verhör. Nach drei Tagen haben sie meinen Mann entlassen. Er hatte lauter blaue Flecken, und ich habe mich gewundert, dass sie ihn so entlassen haben. Sie hatten ihn mit Gewehrkolben und Fäusten bearbeitet. Mich haben sie nach dem Verhör gehen lassen und haben gesagt, das dicke Ende käme noch.

Ein Jahr später schellt es, und ich gehe an die Türe. Ein Polizist teilt mir mit, dass ich ins Amtsgericht kommen müsse. Ich habe gesagt, ich könne nicht mitkommen, da mein Kind draußen spiele. Da hat er geantwortet, ich müsste mich nachmittags stellen. Draußen sehe ich einen offenen Lastwagen mit Leuten, die sie zu unserem Prozess holten. Ich habe alles noch geregelt und mit meinem Mann besprochen. Dann bin ich nachmittags ins Amtsgericht gegangen. Da bin ich denn drei Monate geblieben. Ich kam in eine Zelle, da war die Liesbeth Stillger drin, die habe ich dort kennengelernt, und wir haben uns angefreundet. Sie litt sehr darunter, dass ihr Mann weg war und sie keine Nachricht von ihm bekam.

Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich einen eigenen Rechtsanwalt nehme statt des Pflichtverteidigers. Das habe ich auch getan. Der Rechtsanwalt kam zu mir und hat sich alles erzählen lassen. Ich habe immer gesagt, ich hätte nicht gewusst, was Emmi geschrieben hätte. Und sie hat dasselbe gesagt. Sie hatte aber bei Schorsch, in seinem Speicherzimmer, über uns geschrieben, weil in unsere Wohnung manchmal noch eine Nachbarin kam, und das wäre zu gefährlich gewesen. Emmi und ich haben beide gesagt, bei mir in der Küche habe sie geschrieben, damit der Schorsch nicht noch mit hineingezogen wurde.Alle Remscheider Frauen kamen mit der grünen Minna nach Wuppertal zum Prozess. Mit Lieschen Henkel und Grete Alders kam ich in eine Zelle. Dann kam der Rechtsanwalt zu mir und sagte: ‘In Ihrem Protokoll steht aber etwas anderes, als Sie mir gesagt haben!‘ Ich habe gesagt: ‘Das ist alles nicht wahr. Das habe ich niemals gesagt!’ Er schaute sich das Protokoll noch einmal an und sagte: ‘Die Möglichkeit der Fälschung besteht; denn auf einem Blatt fehlt Ihre Unterschrift! Aber sagen Sie auf keinen Fall, dass das Protokoll gefälscht sei. Das dürfen Sie vor Gericht nicht sagen. Sehen Sie, wie Sie zurechtkommen!’ Die Gestapo hatte geschrieben, ich hätte gewusst, was Emmi getippt hat. Doch ich wurde mangels Beweisen freigesprochen. Das habe ich dem Rechtsanwalt zu danken, denn die Pflichtverteidiger haben überhaupt nicht mit uns gesprochen. Zeugen im Gerichtssaal haben gesehen, dass mein Rechtsanwalt lebhaft mit dem Gericht geredet hat.

Mit dieser Broschüre hat die Stadt Remscheid den vielen Remscheider Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, menschlichen Verantwortung oder aus ganz persönlichen Gründen während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und inhaftiert wurden, ein Denkmal gesetzt. Die teilweise umfangreich geschilderten Lebensschicksale waren ganz unterschiedlich und haben mich sehr berührt. Ich lernte die politisch engagierten Frauen als starke, selbständig denkende und handelnde Persönlichkeiten kennen, die teilweise ihre männlichen Partner an Aktivität und Kreativität übertrafen. Viele hatten auch vor der Nazizeit wichtige politische Funktionen bekleidet. Nur wenige Frauen standen im Schatten ihrer männlichen Partner oder sonstigen Familienangehörigen. Ihren Beitrag zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ans Licht treten zu lassen und sie nicht zu vergessen, ist die Absicht dieser Broschüre.
Die 2. Auflage dieser Broschüre aus dem Jahr 2007 hält die Erinnerung wach an die vielen Frauen und Männer, die in der Zeit des Nationalsozialismus litten und ermordet wurden.

(Christel Steylaers, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte)

Auch die beiden Hagenböckers, die alten Leute, sind freigesprochen worden. Es war erwiesen, dass sie schuldig waren. Aber alle hatten Mitleid mit ihnen. Ede Schumacher, der Verlobte von Trude Wybierala, hatte sich eine Rede zurechtgemacht. Das war alles gelogen, nur um die alten Leute zu entlasten. Das war wirklich nett von ihm. Ich war 3 1/2 Monate in Untersuchungshaft. Nach dem Prozess bin ich aber freigelassen worden.“

„Noch eines möchte ich erzählen, von einem kleinen jüdischen Mädchen, welches im Remscheider Krankenhaus umgebracht worden ist. Es war ein Töchterchen von Zauderers, die wohnten mit uns auf der Freiheitstraße. Zauderers hatten ein vierjähriges Mädchen und ein ganz kleines. In den ersten Jahren der Naziherrschaft gab es noch ein einziges jüdisches Kinderheim im Schwarzwald. Weil die vierjährige Hanna so zart war, wollten die Eltern es in dies Kinderheim schicken. Das Kind sollte auch aufgenommen werden. Die Eltern mussten aber erst ein Zeugnis schicken, dass das Kind nicht diphtherieverdächtig sei. Sie sind mit dem Kind in das Krankenhaus gegangen. Es sollte ein Abstrich gemacht werden, der bewies, dass das Kind nicht diphtherieverdächtig ist. Man hat das Kind dort behalten. Aber nach drei Tagen war das Kind tot. Begründung: An Diphtherie gestorben. Stelle Dir mal so etwas vor! Das weiß ich ganz genau. Das ist ganz bestimmt wahr. Das ist hier im Krankenhaus passiert. Meine Mutter hatte ja ein Lebensmittelgeschäft an der Ecke Freiheitstraße/Südstraße. Eine Frau, die im Haus von Zauderers wohnte, hat uns das gesagt. Zauderers hatten ein Haus gegenüber der großen Fortbildungsschule. Zauderers kamen auch in unseren Laden; aber sie waren viel zu bange, so etwas zu erzählen. Das Kind war tot, das wussten wir ja auch, und es war vorher gesund gewesen.“ (Quelle: Tonbandprotokoll mit Herta Gläß im Besitz der VVN Remscheid)

Elfriede Eisenberg geb. Müller wurde am 2.4.1897 in Remscheid geboren. Sie ist 1933 zunächst wegen illegaler Betätigung in sogenannte Schutzhaft in das KZ Brauweiler gekommen. In dem Prozess „Andreas Pflüger“ wurde sie am 17.11.1934 zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Sie war nach dem Urteil in den Gefängnissen Remscheid, Wuppertal und Anrath inhaftiert und hatte zu jener Zeit einen kleinen Sohn. (Quellen: Liste der VVN Remscheid über Remscheider Inhaftierte während der Nazizeit; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933 - 1945“)

Maria Bernotat geb. Förster wurde am 26.4.1882 geboren. In dem Prozess „Andreas Pflüger“ wurde sie am 17.11.1934 zu 14 Monaten Gefängnis wegen illegaler Betätigung für die KPD verurteilt. Sie war im Gefängnis Anrath inhaftiert und starb im Dezember 1948. (Quellen: Liste der VVN über Remscheider Inhaftierte in der Nazizeit; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933 - 1945“)

Gertrud Münstermann geb. Hofmann wurde am 11.3.1901 in Remscheid geboren. Sie wurde 1933 zunächst in sogenannte Schutzhaft genommen und kam in das KZ Brauweiler. In dem Prozess „Andreas Pflüger“ wurde sie am 17.11.1934 zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Sie war nach dem Urteil in den Gefängnissen Remscheid, Düsseldorf und Wuppertal inhaftiert. (Quellen: Liste der VVN über Remscheider Inhaftierte während der Nazizeit; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in der Nazizeit 1933 - 1945“, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gestapoakte 27168)

Hedwig Grünewald wurde in dem Prozess „Andreas Pflüger“ wegen Widerstandstätigkeit gegen die Nazis zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und war in den Gefängnissen Wuppertal, Düsseldorf und Anrath inhaftiert. (Quellen: Unterlagen der VVN Remscheid; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933 - 1945“)

Maria Alders geb. Asel wurde im Jahre 1876 in Forst/ Lausitz geboren. Sie war zu Beginn des Faschismus schon verwitwet. Ihre Familie hatte einem il­legalen Funktionär der KPD Unterschlupf gewährt, wofür Maria Alders 1933 in sogenannte Schutzhaft im KZ Brauweiler kam. In dem Prozess „Andreas Pflüger“ wurde sie am 17.11.1934 zusammen mit ihrer Tochter Grete und ih­rem Sohn Otto verurteilt. Sie erhielt 13 Monate Gefängnis und war in dieser Zeit in dem Gefängnis Anrath inhaftiert. Sie starb am 29.12.1950. (Quellen: Liste der VVN Remscheid über Inhaftierte in der Nazizeit; Armin Breidenbach: Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933 - 1945 )

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