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Güte und Weichheit, Willenskraft und Stärke

Unter den 59 Angeklagten des nach Hans Salz genannten Prozesses, der vom 11. bis 19.11.1935 vor dem Sondergericht Hamm in Wuppertal stattfand, waren zehn Frauen. Da in diesem Prozess neue Gesetze der Nationalsozialisten angewandt wurden, war das Strafmaß bedeutend höher. Auch einige Frauen erhielten mehrjährige Zuchthausstrafen. Nachstehend einige Lebensberichte, Kurzbiographien oder Briefe dieser Frauen:

Cläre Stölting geb. Engels wurde am 1.5.1892 geboren. Ihr Vater war Remscheider Schlittschuhfabrikant, der jedoch nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation in Konkurs ging. Cläre Engels hat in diesen Jahren ein Studium als Englischsprachlehrerin absolviert und danach zusammen mit einem Kollegen eine private Sprachschule in Remscheid, Grafenwald, geführt. Die Geldentwertung und das Elend der Arbeiter bewog sie Mitte der 20er Jahre, Mitglied der KPD zu werden. Auch wurde sie in dieser Zeit Mitglied der Remscheider Naturfreunde. Im Jahre 1930 hat sie an einem Internationalen Kongress der Naturfreunde in England teilgenommen.

Nach dem Beginn des Faschismus war sie weiterhin in der jetzt illegalen KPD organisiert, hat Beiträge entrichtet und Flugblätter entgegengenommen, die sie auch an ihren Verlobten Hans Stölting weiterreichte. Hierfür wurde sie in dem Prozess „Hans Salz“ zu zwei Jahren und zehn Monaten Zuchthaus verurteilt, die sie in den Zuchthäusern Ziegenhain, Aichach und Lauffen mit fünf anderen Leidensgefährtinnen aus Remscheid verbringen musste. Ihr damaliger Verlobter Hans Stölting war in dem Prozess „Hans Salz“ freigesprochen worden. Die Gestapo hat ihn aber in Schutzhaft genommen und er war mehr als zwei Jahre in Haft, u. a. in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen.

Als Cläre Engels und Hans Stölting wieder frei waren, haben sie 1938 geheiratet und sind nach Ratingen gezogen. Nach dem Krieg haben sich beide den Quäkern angeschlossen. Cläre Stölting starb im hohen Alter von fast 94 Jahren am 21. 4. 1986. Die jüdische Emigrantin Ilse Karger berichtet im Januar 1998 (Ilse Karger, geb. 1902, ist jüdische Emigrantin und lebt in York, England. Sie hat während der Nazizeit einen jüdischen Kindertransport aus Deutschland nach England begleitet. Cläre Stölting und Ilse Karger haben sich 1969 in der Quäker-Organisation kennengelernt und wurden Freundinnen):  

Cläre Stölting war damals schon 77 Jahre und Ilse Karger 67 Jahre alt.Der Widerstand Remscheider Frauen 51: „Cläre Stölting geb. Engels war im wahrsten Sinne des Wortes ein Engel. Für mich war es ein großes Glück, dass ich sie kennengelernt habe, leider erst im Alter von 77 Jahren. Ich kam nach 37jähriger Abwesenheit zum ersten Mal wieder nach Deutschland. Als Quäkerin sah ich es als einen Akt des guten Willens an, möglichst viele Deutsche zu besuchen. So auch Cläre. Auf dem Weg vom Autobus zu ihrem Haus kam sie mir schon entgegen. Das erste Wort, das zwischen uns fiel, kam von ihr, es war bestimmt, klar, herzlich und warm, noch heute klingt es in meinen Ohren: ‘Ich glaube, wir zwei suchen einander’. Das war der Auftakt zu unserer Freundschaft, 16 Jahre lang, bis zu ihrem Tod.

Unter der zwölfjährigen Naziherrschaft, von der sie drei Jahre lang als politische Gefangene inhaftiert war, hat Cläre seelisch sehr gelitten. Sie hat nicht viel über die Grausamkeiten der Behandlung während der Haft gesprochen, aber sie sagte mir, dass sie Tag und Nacht in Todesangst gelebt hat. Jedes Mal, wenn man Schritte im Korridor hörte, dachte sie: ‘Jetzt holen sie mich ab und erschießen mich.’ Die Auswirkungen dieser seelischen Angst ist sie nie losgeworden, sehr oft ist sie aus furchtbaren Träumen in der Nacht aufgewacht, in Schweiß gebadet. Verzweifelt stieg sie dann aus dem Bett und rannte aus dem Zimmer um Hilfe zu suchen.

In ihrer Jugend hat Cläre keine gute Schulausbildung haben können, denn durch die schwere Erkrankung ihrer Mutter musste sie diese sechs Jahre lang pflegen. Nebenher hat sie es trotzdem fertiggebracht, sich weiterzubilden. Sie war eine diplomierte Sprachlehrerin, als nach dem ersten Weltkrieg und der Inflation das väterliche Geschäft bankrott ging. Ganz allein hielt sie die Familie über Wasser. Dies ist auch die Zeit, dass sie in die kommunistische Partei eintrat. Bei ihrer Vernehmung vor den Nazis sagte sie später aus, sie habe den Menschen auch durch bessere Ausbildung helfen wollen. Cläres Persönlichkeit? Sie verband eine unglaubliche Güte und Weichheit mit einer unerhörten Willenskraft und Stärke. Praktisch veranlagt, war sie immer bereit, schnell entschlossen zu helfen. Diskriminierung war ihr fremd, jedoch hatte sie eine Abneigung gegen reiche Leute. Sie betonte immer: ‘Ich bin vom Arbeiter­stand’. Nicht einmal im Alter von 93 Jahren ließ sie sich überreden, in der ersten Klasse zu reisen: ‘Da gehöre ich nicht hin’, sagte sie energisch, ‘und da sind auch keine netten Leute, mit denen man sich unterhalten kann.’

Mit dieser Broschüre hat die Stadt Remscheid den vielen Remscheider Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, menschlichen Verantwortung oder aus ganz persönlichen Gründen während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und inhaftiert wurden, ein Denkmal gesetzt. Die teilweise umfangreich geschilderten Lebensschicksale waren ganz unterschiedlich und haben mich sehr berührt. Ich lernte die politisch engagierten Frauen als starke, selbständig denkende und handelnde Persönlichkeiten kennen, die teilweise ihre männlichen Partner an Aktivität und Kreativität übertrafen. Viele hatten auch vor der Nazizeit wichtige politische Funktionen bekleidet. Nur wenige Frauen standen im Schatten ihrer männlichen Partner oder sonstigen Familienangehörigen. Ihren Beitrag zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ans Licht treten zu lassen und sie nicht zu vergessen, ist die Absicht dieser Broschüre.
Die 2. Auflage dieser Broschüre aus dem Jahr 2007 hält die Erinnerung wach an die vielen Frauen und Männer, die in der Zeit des Nationalsozialismus litten und ermordet wurden.

(Christel Steylaers, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte)

Noch im hohen Alter war Cläre jung, unternehmend und begeisterungsfähig, in Wort und Tat war sie ihrer Zeit weit voraus. In unseren vielen Gesprächen fragte ich sie einmal, was für sie das Wichtigste bei einer Freundschaft sei, sie antwortete: ‘Wärme’. Ein paar Wochen vor ihrem Tod fragte ich sie: ‘Was hältst Du für das Wichtigste im Leben?’ Cläres Antwort war: ‘Vielen Menschen zu helfen’. Und das hat sie getan, sogar während der Hitlerzeit im Gefängnis. Trotz allem Schweren, das Cläre durchgemacht hat, war ihr eine große Liebe zur Natur erhalten geblieben. Auf unseren Spaziergängen blieb sie oft stehen, um ein neues junges Blatt liebevoll und voller Bewunderung anzu-schauen. Sie blieb bis zuletzt einerseits voller Pflichtgefühl und andererseits voller kindlich natürlicher Heiterkeit. P.S. Jetzt, zwölf, Jahre nach ihrem Tod lebt Cläre noch in mir und mit mir weiter ...“ (Quellen: Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gestapoakte 29375; Mündlicher Bericht von Frau Doris Rath, Düsseldorf)

Anna Koch wurde am 7.8.1900 in Hamborn geboren und war seit 1921 Mitglied der KPD. Wegen Widerstandstätigkeit wurde die Köchin im Prozess „Hans Salz“ am 19.11.1935 zu zwei Jahren und fünf Monaten Zuchthaus verurteilt und war in den Zuchthäusern Ziegenhain und Lauffen inhaftiert. Anna Koch berichtet über die Arbeit im Zuchthaus Lauffen: „Wir mussten schwere Männerarbeit verrichten in dem Kommando Baumkultur und wurden statt Pferden vor den Jauchewagen gespannt. Ferner mussten wir ausschachten, Bäume fällen, roden u. dgl. schwere Arbeit verrichten.“ (Quellen: Liste der VVN Remscheid über Inhaftierte in der Nazizeit; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933-1945“; Wiedergutmachungsakten im Stadtarchiv Remscheid; Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gestapoakte RW 58-29375.; „Remscheid in der Zeit des Nationalsozialismus“, darin Beitrag „Es erblüht eine weiße Rose ...“)

Emmi Pfeil geb. Flögerhöffer wurde am 25.10.1886 in Remscheid geboren. Sie war seit 1931 Mitglied der KPD. In dem Prozess „Hans Salz“ wurde sie zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie zwei Flugblätter gekauft hatte. Begründung: Sie sei eine ganz versteckte Kommunistin. (Sie hatte andere Angeklagte aufgefordert, in den Vernehmungen nichts auszusagen.) Emmi Pfeil war inhaftiert im Gefängnis Wuppertal und im Zuchthaus Ziegenhain. (Quellen: Liste der VVN Remscheid über Inhaftierte in der Nazizeit; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933-1945“; Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gestapoakte 29375; „Remscheid in der Zeit des Nationalsozialismus“, darin Beitrag „Es erblüht eine weiße Rose...“)

Antonie Urbahn geb. Konopka wurde am 5.10.1897 in Wanne geboren. Sie war ab 1919 Mitglied der KPD und ab 1923 Mitglied der Roten Hilfe. Nach der Machtübertragung an die Nazis war sie Kassiererin für die illegale KPD. Dafür wurde sie in dem Prozess „Hans Salz“ am 19.11.1935 zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Sie war in den Gefängnissen Remscheid, Wuppertal und Anrath inhaftiert. (Quellen:Liste der VVN Remscheid über Inhaftierte in der Nazizeit; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933-1945“; Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gestapo-Akte 29375 ; „Remscheid in der Zeit des Nationalsozialismus“, darin Beitrag „Es erblüht eine weiße Rose...“)

Magdalene Rudolph, Arbeiterin, wurde am 7.5.1885 in Münsterappel/Pfalz geboren. Sie war seit 1923 Mitglied der KPD und wurde im Prozess „Hans Salz“ wegen Widerstandstätigkeit zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt. Sie war in den Zuchthäusern Ziegenhain und Lauffen inhaftiert. (Quellen: Liste der VVN Remscheid über Inhaftierte in der Nazizeit; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933-1945“; Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gestapoakte RW 58-29375; „Remscheid in der Zeit des Nationalsozialismus“, darin Beitrag „Es erblüht eine weiße Rose ...“)

Gertrud Rütten aus Viersen und Adele Kistner aus Wermelskirchen wurden in dem Prozess „Hans Salz“ am 19.11.1935 der Begünstigung beschuldigt. Gertrud Rütten erhielt eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten, die durch die Untersuchungshaft abgegolten war. Adele Kistner wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. (Quellen: Liste der VVN Remscheid über Inhaftierte in der Nazizeit; Armin Breidenbach: „Widerstand und Verfolgung in Remscheid 1933-1945“; Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gestapoakte 29375; „Remscheid in der Zeit des Nationalsozialismus“, darin Beitrag „Es erblüht eine weiße Rose...“; Wiedergutmachungsakte Christine Wink beim Stadtarchiv Remscheid)

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