Skip to content

Anzeige

Bau-Innung Remscheid Innung für elektrotechnische Handwerke Remscheid Fachinnung für Metall- und Graviertechnik Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Remscheid
Dachdecker-Innung Remscheid Friseur-Innung Remscheid Maler- und Lackierer-Innung Remscheid Kraftfahrzeughandwerk Remscheid

Zunächst mit Politik gar nicht beschäftigt

Mit dieser Broschüre hat die Stadt Remscheid den vielen Remscheider Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, menschlichen Verantwortung oder aus ganz persönlichen Gründen während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und inhaftiert wurden, ein Denkmal gesetzt. Die teilweise umfangreich geschilderten Lebensschicksale waren ganz unterschiedlich und haben mich sehr berührt. Ich lernte die politisch engagierten Frauen als starke, selbständig denkende und handelnde Persönlichkeiten kennen, die teilweise ihre männlichen Partner an Aktivität und Kreativität übertrafen. Viele hatten auch vor der Nazizeit wichtige politische Funktionen bekleidet. Nur wenige Frauen standen im Schatten ihrer männlichen Partner oder sonstigen Familienangehörigen. Ihren Beitrag zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ans Licht treten zu lassen und sie nicht zu vergessen, ist die Absicht dieser Broschüre.
Die 2. Auflage dieser Broschüre aus dem Jahr 2007 hält die Erinnerung wach an die vielen Frauen und Männer, die in der Zeit des Nationalsozialismus litten und ermordet wurden.

(Christel Steylaers, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte)

Elfriede Bohlen wurde am 30.12.1903 in Remscheid geboren. Sie besuchte vier Jahre die evangelische Volksschule im Eschbachtal und anschließend vier Jahre die katholische Volksschule in Menninghausen. Da die Mutter früh gestorben ist, musste sie schon mit 18 Jahren den Haushalt des Vaters mit 6 Geschwistern führen. Von 1930-1933 war sie als Helferin im Röntgen-Licht- und -Heilinstitut in Remscheid-Lennep tätig.

Im Januar 1931 lernte sie ihren ersten Mann Otto Gilde kennen, der in Wuppertal-Elberfeld ein Lebensmittel-, Obst- und Gemüsegeschäft hatte und Mitglied der Kommunistischen Partei war. „Bis dahin hatte ich mich nie mit Politik beschäftigt“, schreibt sie in einem handgeschriebenen Lebenslauf 1945. „Wohl sind der Weltkrieg und die Nachkriegsjahre nicht ohne Einfluss auf mich geblieben. Schon während des Krieges entfernten sich meine Eltern, die beide katholisch, aber schon nie eifrige Kirchgänger waren, immer mehr von der Kirche. Nach dem Kriege war mein Vater seiner politischen Einstel­lung nach Kommunist. Mitglied der KPD ist er nie gewesen. Er besuchte die öffentlichen Versammlungen der KPD und war abonniert auf die Bergische Volksstimme. Er hat uns Kinder auch später, als wir wahl­berechtigt waren, immer dazu angehalten, die Liste der KPD zu wählen ...

Mit meinem Mann führte ich stundenlange Diskussionen über politische Probleme. Ich las damals ein paar Elementarbücher und mein Mann sorgte auch für entsprechende Unterhaltungslektüre. Wir heirateten am 21. No­vember 1933. Damals fühlte ich mich innerlich schon mit der KPD verbun­den. Im Laufe des Sommers 1933 war mein Mann schon dreimal verhaftet wor­den. Das erste Mal wollte man ihn in einen Prozess einbeziehen, er wurde aber, Dank sei der geschickten Haltung der Genossen, mit verschiedenen anderen Genossen nach einer Woche in Freiheit gestellt. Das zweite Mal war er nur für einen Tag in Haft, das dritte Mal 14 Tage vor unserer Verheiratung wegen angeblicher Greuelpropaganda 1 1/2 Tag. Dazu kam noch Haussuchung, die von einer ganzen Horde SA durchge­führt wurde, wo man ihn ins Gesicht schlug und ihn dauernd mit Revolvern bedrohte. Danach hatten wir eine Zeitlang Ruhe. Mein Mann machte nach wie vor seine Parteiarbeit. Ich selbst war vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Geschäft und Haushalt tätig. Der Widerstand Remscheider Frauen 84 Zum Lesen blieb mir wenig Zeit, ebenso wenig zur Parteiarbeit. Ich muss noch bemerken, dass unsere Wohnung Zentralstelle war für das Einkassieren von Beiträgen für die KPD und die Rote Hilfe sowie für die Verteilung von Material. Anfang Februar 1934 erfolgten in unserem Viertel die ersten Verhaftungen zu dem großen Wuppertaler Prozess. Sie erfolgten im Ab stand von fünf Tagen.

Genau fünf Tage später, an einem Samstagmorgen war die Gestapo bei uns. Mein Mann hatte die Nacht nicht zu Hause geschlafen, er musste auf dem Nachhauseweg sein. Ich hatte noch Gelegenheit, eine Nachbarin zu bitten, ihm entgegenzusehen und ihn zu warnen. Nach eingehender Haussuchung blieb ein Gestapobeamter bei der Haustür stehen, um die Rückkehr meines Mannes abzuwarten. Ich selbst wurde verhaftet. Im Laufe des Tages erfolgten noch drei oder vier Haussuchungen, und man verhaftete unsere Hausangestellte, die uns in Haushalt und Geschäft zur Seite stand. Nach sechs Tagen wurde ich aus der Haft entlassen und blieb die erste Woche bei meinem ältesten Bruder in Remscheid, der Bürgschaft für mich übernehmen sollte. Schon am zweiten Tage fand bei meinem Bruder eine Haussuchung statt. Ich wurde zusammen mit ihm und unserer Hausangestellten, die mir gerade ein paar Kleider gebracht hatte, wieder verhaftet. Wir wurden am gleichen Tage wieder freigelassen. Am selben Tage verhaftete man meinen jüngeren Bruder (er hatte meinen Mann des nachts im Auto weggebracht), doch man ließ ihn am folgenden Tag wieder frei. Nach einer Woche erhielt ich die Erlaubnis, in meine Wohnung und in das Geschäft zurückzukehren. Danach folgten wieder Haussuchung und Verhöre, in deren Verlauf man immer danach trachtete, durch mich meinen Mann in die Hände zu bekommen und mich selbst in den Prozess hineinzuziehen.

Nach vier Monaten wurde unser Geschäft durch die Gestapo geschlossen. Ich selbst musste mich einem langen Verhör unterziehen. Danach habe ich noch verschiedene Verhöre mitgemacht und entschloss mich endlich, da ich mich in Deutschland nicht mehr sicher fühlte, meinem Mann in die Emigration zu folgen. Am 27. Dezember 1935 traf ich in Holland ein und wurde 14 Tage später nach einer Überprüfung in die politische Emigration aufgenommen.“

Ihr erster Mann ist im Oktober 1936 nach Spanien gegangen, um als Freiwilliger der Internationalen Brigaden gegen den spanischen Faschismus zu kämpfen. Sie schreibt: „Ich hatte mich auch gemeldet und war im Januar 1937 mit der ersten Frauengruppe auf dem Weg dorthin. Leider sind wir nur bis Paris gekommen, man wollte uns nicht haben, wir mussten zurück.“ Sie bekam den Auftrag, politische Arbeit in Holland zu leisten und arbeitete für die Zeitung der illegalen KPD, die „Rote Fahne“. Von 1937 bis 1939 fuhr sie als Kurier nach Deutschland und wurde erst 1939 als Mitglied der KPD aufgenommen. Nach dem Beginn des Krieges wurde ihrr Kuriertätoigkeit eingestellt und sie arbeitete wieder an der Zeitung „Rote Fahne“.

Nach dem Kriege kehrte die damalige Elfriede Gilde nach Remscheid zurück, um sich am Wiederaufbau zu beteiligen. Sie heiratete in zweiter Ehe den Kommunisten Erich Bohlen, den sie in holländischer Emigration kennengelernt hatte. Erich Bohlen war nach 1945 Sekretär der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, Ortsverwaltung Remscheid. Das Ehepaar ist in den sechziger Jahren nach Köln verzogen.

(Quellen: Handgeschriebener Lebenslauf von Elfriede Bohlen, geschiedene Gilden, geborene Winsen; Aussage der ehemaligen Nachbarin Frau Hildegard Schommers, Remscheid)

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!