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Wer arbeitete, hatte bessere Überlebenschancen

Hermine Schmidt lebte und arbeitete ihr ganzes Leben (mit Ausnahme ihrer Haftzeit) in dem kleinen bergischen Haus an der Straße zwischen Remscheid-Lennep und Wuppertal-Beyenburg, in dem sie am 28. Juli 1905 geboren wurde. In diesem Häuschen haben der Vater, Hermine Schmidt und ihre beiden Brüder als Bandwirker gearbeitet. Nach dem ersten Weltkrieg war Hermine Schmidt aber auch in dem Nachbarörtchen Dahlerau als Weberin tätig. Hier beteiligte sie sich schon mit 18 Jahren an dem Generalstreik im Jahre 1923 zur Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Mit dieser Broschüre hat die Stadt Remscheid den vielen Remscheider Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, menschlichen Verantwortung oder aus ganz persönlichen Gründen während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und inhaftiert wurden, ein Denkmal gesetzt. Die teilweise umfangreich geschilderten Lebensschicksale waren ganz unterschiedlich und haben mich sehr berührt. Ich lernte die politisch engagierten Frauen als starke, selbständig denkende und handelnde Persönlichkeiten kennen, die teilweise ihre männlichen Partner an Aktivität und Kreativität übertrafen. Viele hatten auch vor der Nazizeit wichtige politische Funktionen bekleidet. Nur wenige Frauen standen im Schatten ihrer männlichen Partner oder sonstigen Familienangehörigen. Ihren Beitrag zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ans Licht treten zu lassen und sie nicht zu vergessen, ist die Absicht dieser Broschüre.
Die 2. Auflage dieser Broschüre aus dem Jahr 2007 hält die Erinnerung wach an die vielen Frauen und Männer, die in der Zeit des Nationalsozialismus litten und ermordet wurden.

(Christel Steylaers, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte)

Obwohl sie nie einer Partei angehörte, nahm sie doch an der politischen Entwicklung von Jugend an regen Anteil, denn sie kam aus einer politisch engagierten Familie. Ihr Vater war bis zur kommunalen Neugliederung kommunistischer Stadtverordneter in dem Städtchen Lüttringhausen, das 1929 nach Remscheid eingemeindet wurde.

Gleich nach der Machtübernahme der Nazis war in dem Schmidt’schen Haus eine Durchsuchung. Die SS suchte eine Schreibmaschine und einen Vervielfältigungsapparat. Der Vater und die beiden Brüder wurden zum Verhör in das berüchtigte „Hermann-Göring-Haus“ (heute Kreishaus) in Remscheid-Lennep gebracht.

Während der Zeit des Faschismus haben sich in ihrem Haus von Anfang an Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen verborgen. Zu Beginn des Jahres 1943 kam es dann zu der großen Verhaftungswelle, der auch Hermann und Hermine Schmidt zum Opfer fielen.

Hermann und Hermine Schmidt kamen nach ihrer Inhaftierung zur Untersuchungshaft in das Polizeipräsidium Wuppertal, auch viele andere ihrer Leidensgefährten. Hermine Schmidt berichtete, dass sie zehn Wochen in Einzelhaft gewesen sei und die ganze Untersuchungshaft neun Monate gedauert hätte. Es wurde Hermann und Hermine Schmidt zur Last gelegt, die beiden kommunistischen Funktionäre Wilhelm Knöchel und Willi Seng in ihrem Haus versteckt zu haben. In den Verhören habe sie sich dumm gestellt, berichtete Hermine Schmidt. Auf die Frage, warum Willi Seng bei ihnen gewesen sei, habe sie geantwortet, sie habe gedacht, er wolle sie heiraten. Geheime Nachrichten aus dem Gefängnis habe sie in die Säume ihrer Schlüpfer eingenäht. Ihre Schwester habe sie beim Besuch gebeten, neues Gummi einzuziehen. Das habe immer wieder funktioniert.

Obwohl der Generalstaatsanwalt das Verfahren einstellen wollte, setzte die Gestapo eine Überführung in das Frauen-Konzentrationslager durch. Mit Hermine Schmidt kamen in dieses KZ Frau Kaps, Waltraud Ebbinghaus sowie Hedwig Müller. Hedwig Müller aus Solingen schrieb in ihrem gleich nach der Befreiung verfassten Bericht: „Das Lager Ravensbrück lag ca. 80 km von Berlin entfernt in einer einsamen Gegend. 32 größere und kleinere Baracken dienten als Unterkunft. Eine hohe Mauer trennte die Gefangenen von der Außenwelt. Spanische Reiter und ein mit Starkstrom geladener Stacheldraht an der Mauer sollten Fluchtversuche verhindern. Die Lagerwache setzte sich aus SS-Männern und SS-Frauen zusammen. Mitten in der Nacht kamen wir im Lager an. Obwohl wir schon 24 Stunden außer einem kleinen Stück Brot nichts zu essen und trinken bekommen hatten, bekamen wir erst am nächsten Tag ein kleines Stück Brot und Kaffee. In einem Bad wurden wir lagermäßig eingekleidet, d.h. wir erhielten schmutzige Wäsche und ein dünnes gestreiftes Lagerhemd. Wir wurden mitten im Winter ohne Strümpfe, Kopftuch, Handschuhe und Mantel einem Zugangsblock zugewiesen.

Monatelang, einmal sogar acht Monate lang gab es keine Leibwäsche und auch keine Bettwäsche. Strohsäcke, Bettdecken, Essgeschirre und sonstige Gebrauchsgegenstände, die von Häftlingen mit ansteckenden Krankheiten (Typhus, Ruhr u.a.) benutzt worden waren, wurden nicht vernichtet oder desinfiziert, sondern an andere Häftlinge wieder ausgegeben. Da auch die Waschgelegenheiten wegen der Überfüllung völlig unzureichend waren und auch die Insassen mangels Zeit kaum zum Waschen kamen, blieb es nicht aus, dass viele Frauen mit Ungeziefer behaftet waren. Hin und wieder durchgeführte Entlausungen bedeuteten neue Qualen und Tortouren. Stundenlang mussten die Frauen in der bittersten Kälte vor dem Bad anstehen. Bekleidet nur mit dem dünnen Lagerhemd mussten sie nach der Entlausung in einem ungeheizten Block tagelang ohne Decken auf nacktem Steinboden liegen. Viele, die sich hierbei den ersten Todeskeim holten.

Hermine Schmidt ergänzt: „Das Essen war schlecht und völlig unzureichend. Es gab täglich einen halben bis dreiviertel Liter von schmutzigen und ungeschälten Steckrüben gekochte Suppe, ein Stück Brot und etwas Kaffee. Dabei mussten wir täglich zwölf Stunden schwere körperliche Arbeit leisten. Ich habe mich zuerst für die Weberei gemeldet. Wenn man arbeitete, hatte man bessere Überlebenschancen. In der Weberei arbeiteten wir in Tag- und Nachtschicht jeweils 12 Stunden. Bei Tagschicht standen wir um 4 Uhr auf und mussten bis 6 Uhr Appell stehen. Die Aufseherinnen nahmen den Appell ab und es erfolgte der Arbeitsappell. Erst dann gingen wir in die Weberei zur Arbeit.

Die Nachtschicht war von abends 6 Uhr bis morgens 6 Uhr. Danach standen wir zwei Stunden Appell. Erst dann konnten wir in unsere Blocks, wuschen uns und schliefen sofort ein. Aber mittags mussten wir uns um unser Essen kümmern und um 17 Uhr machten wir uns wieder fertig für die Arbeit. Es wurde auch samstags und sonntags gearbeitet. Für die Nachtarbeit gab es eine Schnitte Brot.

Später habe ich mich für die Arbeit auf einem Gut gemeldet. Da mussten wir auch hart arbeiten: Es wurde uns nichts geschenkt; aber wir bekamen mittags Pellkartoffeln zu essen. Einen Teil habe ich ins Lager für die Kameradinnen geschmuggelt. Das war streng verboten. Vierzehn Tage habe ich auf dem Gut Zimmermann gearbeitet. Da bekam jeder samstags ein Brot. Das konnte man sich mit ins Lager nehmen. Einmal haben wir sonntags bis 12 Uhr Kartoffel aufgesucht. Dann war für uns auf dem Hof ein Tisch rich­tig gedeckt mit Tellern und Bestecken. Und es gab Suppe, Kartoffel und Fleisch. Der Verwalter hat gesagt: ‘Wir wissen, was im Lager los ist !" -

"Ich könnte das auch bezeugen“, sagte Hermine Schmidt. „So etwas vergisst man nicht. Später habe ich in einer Gärtnerei gearbeitet. Schikanen im Lager gab es fortlaufend. Wenn es tagsüber geregnet hatte, haben wir uns nachts auf das nasse Zeug gelegt, damit es etwas trocknete. Wir durften die nasse Kleidung nicht zum Trocknen aufhängen und zogen sie morgens wieder an. Wenn schönes Wetter war, wuschen wir unsere Hemden und haben eines auf der Brust und eines hinten auf dem Rücken festgemacht. Eine von uns passte auf, damit die Aufseherin es nicht sah."

Es waren auch viele Kinder mit ihren Müttern in Haft. Die Kinder mussten mit ihren Müttern Appell stehen, sogar Dreijährige.“ Voller Mitleid berichtet Hermine Schmidt von einer halbjüdischen Familie, von der die Großmutter, die Mutter und drei Kinder eingeliefert worden waren, darunter ein Zwillingspärchen. Als ein Kind von diesen Zwillingen gestorben war, hat die SS auch das andere Kind für Untersuchungen getötet. Viele Kinder von Juden, Sintis und Romas seien sterilisiert worden, ohne Betäubung. Sie hätten furchtbar geschrien.

In dem Bericht von Hedwig Müller aus Solingen heißt es weiter: „Für die geringsten Vergehen wurden die wehrlosen Frauen bestraft. Entweder kam der Häftling monatelang in den Bunker oder in den Strafblock, eine von den übrigen Baracken durch Stacheldrahtumzäunung isolierte Baracke. Dort war er täglichen Misshandlungen ausgesetzt und erhielt noch weniger Essen. Frauen, die Prügelstrafen erhalten sollten, mussten sich bis auf den Schlüpfer entkleiden und wurden dann auf einen Holzbock geschnallt. In Gegenwart des Schutzhaftlagerführers, der Oberaufseherin und eines SS-Arztes wurden mit einem schweren Ochsenziemer 25 Schläge ausgeteilt (auch 50 und 75). Um das Schreien der Frauen abzuschwächen, wurde ihnen vorher ein Tuch über den Kopf gestülpt. Bei eintretender Ohnmacht wurden die Schläge so lange ausgesetzt, bis die Frauen wieder bei Bewusstsein waren. Dann ging die Qual weiter.

Der am meisten gefürchtete Mann im Lager war der Leiter der Gestapo Ramdor. Er hatte besondere Methoden, bei Vernehmungen solche Geständnisse zu erpressen, wie er sie gerade haben wollte. Im Bunker befand sich eine Spezialzelle, welche völlig wasserdicht war. In diese Zelle wurde der Häftling gebracht. Plötzlich drang eiskaltes Wasser in die Zelle, welches immer höher stieg, kaum dass der Häftling das Gesicht noch über Wasser halten konnte. In dieser Stellung musste er eine Zeitlang verbringen. Langsam floss das Wasser wieder ab. War der Häftling dann noch nicht bereit, das gewünschte ‘Geständnis’ abzulegen, wurde diese Tour solange wiederholt, bis Ramdor sein Ziel erreicht hatte. Viele haben diese Qual nur einmal ausgehalten. Ein Herzschlag machte ihrem Leben ein Ende.

Im Herbst 1944 wurde das Lager Uckermark eingerichtet. Dieses Lager hatte neben dem Krematorium auch einige Gaskammern. Anfang Februar 1945 wurden alle Frauen über 50 Jahren und Kranke in das Lager Uckermark überführt. Es hieß, Behandlung und Verpflegung seien viel besser und es gebe auch keinen Appell mehr. Aber es kam noch viel schlimmer. Trotz der großen Kälte lagen sie ohne Decken auf schlechten Strohsäcken. Das Wasser aus dem nahegelegenen See, das für Trink- und Kochzwecke verwandt wurde, war verschmutzt, da die Kanalisation des Lagers in den See geleitet wurde. In der Frühe mussten die Frauen zum Appell antreten und bis zu vier Stunden stehen. Am Nachmittag standen sie wieder zwei Stunden...“

Von 120.000 Häftlingen in Ravensbrück, Frauen und Kindern, überlebten nur 30.000. Drei davon waren Hedwig Müller aus Solingen, Waltraud Eb­binghaus aus Wuppertal-Ronsdorf und Hermine Schmidt aus Wupertal-Beyenburg. Hermine Schmidt wurde Ende 1944 nach Hamm transportiert, weil ihr noch ein Prozess gemacht werden sollte. Dazu ist es aber wegen der Bombenangriffe nicht mehr gekommen. Von Hamm kam sie nach Wiedenbrück. Dort blieb sie bis zur Befreiung durch die Amerikaner. Ihr Vater, Hermann Schmidt, ehemaliger Lüttringhauser Ratsherr, starb in faschistischer Haft. Seine Tochter sah ihn zuletzt bei ihrer gemeinsamen Verhaftung am 1. Februar 1943. Auch ihre beiden Brüder kamen nicht zurück. Sie haben ihr Leben im Krieg verloren.

Nach ihrer Rückkehr arbeitete Hermine Schmidt wieder im elterlichen Betrieb als Bandwirkerin, bestellte ihren Garten, was sie sehr gerne machte, und wurde Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) sowie der „Lagergemeinschaft Ravensbrück.“ Sie war eine der bekanntesten Widerstandskämpferinnen des Bergischen Landes. Viele Medien haben über sie berichtet, viele Menschen ihr Sympathie und Hochachtung entgegengebracht. 1990 wurde ihr kleines bergisches Haus mit Werkstatt und Garten unter Denkmalschutz gestellt. Bis zum Schluss hat sie ihren Garten bestellt und war geistig rege. Sie starb am 25. Januar 1995 nach kurzer Krankheit.

Quellen: Tonbandprotokolle mit Hermine Schmidt im Besitz der VVN Remscheid; „Remscheid in der Zeit des Nationalsozialismus“, darin Beitrag „Es erblüht eine weiße Rose...“; Beatrix Harleman: „Auf verlorenem Posten - Kommunistischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg - Die Knöchelorganisation“; Schriftlicher Bericht von Hedwig Müller aus Solingen)

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