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Mit Herbert Wehner über den Roten Platz

Mit dieser Broschüre hat die Stadt Remscheid den vielen Remscheider Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, menschlichen Verantwortung oder aus ganz persönlichen Gründen während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und inhaftiert wurden, ein Denkmal gesetzt. Die teilweise umfangreich geschilderten Lebensschicksale waren ganz unterschiedlich und haben mich sehr berührt. Ich lernte die politisch engagierten Frauen als starke, selbständig denkende und handelnde Persönlichkeiten kennen, die teilweise ihre männlichen Partner an Aktivität und Kreativität übertrafen. Viele hatten auch vor der Nazizeit wichtige politische Funktionen bekleidet. Nur wenige Frauen standen im Schatten ihrer männlichen Partner oder sonstigen Familienangehörigen. Ihren Beitrag zur Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ans Licht treten zu lassen und sie nicht zu vergessen, ist die Absicht dieser Broschüre.
Die 2. Auflage dieser Broschüre aus dem Jahr 2007 hält die Erinnerung wach an die vielen Frauen und Männer, die in der Zeit des Nationalsozialismus litten und ermordet wurden.

(Christel Steylaers, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte)

Margarete Müller wurde am 7.8.1904 in Lennep, das 1929 nach Remscheid eingemeindet wurde, geboren. Sie kam aus einer Arbeiterfamilie: Die Mutter war von Beruf Köchin und der Vater Heizer und Maschinist. Sie und ihre Geschwister erlebten die schwere Zeit des 1. Weltkrieges als Heranwachsende. Der Vater war im Krieg und die Mutter musste die Familie ernähren und Feilen im Schraubstock bearbeiten. „Wir Kinder mussten mit hungrigem Magen den schweren Wagen voll beladen mit den Feilen zur Feilenfabrik Offermann in Lennep fahren“, berichtete Margarete Müller in ihren Aufzeichnungen. „Meine Mutter kämpfte wie ein Löwe um etwas Milch für meine kleine Schwester, die 1915 geboren wurde. Sie beschwerte sich am Rathausamt Lennep über schlechtes Brot, in dem Steine und Asche waren.

Margarete Müller hat schon mit 13 Jahren in der Granaten-Fabrik Haas in Lennep an einer Drehbank arbeiten müssen. Sie schreibt: „Im Winter bei bitterer Kälte mussten wir jungen Mädchen die Rohlinge, die auf dem Fabrikgelände aufgestapelt waren, von Hand zu Hand in den Betrieb bringen. Dabei klebten die Rohlinge an den erstarrten Händen und rissen die Haut ab.

Nach dem Krieg war sie als Spinnerin und als Zuschneiderin in Textilbetrieben tätig. Die Eltern waren zunächst Mitglieder der USPD. Die Mutter war später Mitbegründerin der KPD in Lennep. Auch Margarete Müller wurde Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD) und der KPD. Sie arbeitete aber auch in einer Reihe anderer Arbeiterorganisationen mit: dem Arbeiter-Sportverein, den Naturfreunden, dem Freidenkerverband, dem Esperanto-Club und dem Arbeiter-Fotografenverein.

Die Machtübernahme Hitlers erlebte sie 28-jährig. Gleich schaltete sie sich aktiv in den Widerstand der verbotenen KPD ein, verteilte illegale Flugschriften und schrieb Parolen in öffentlich ausliegende Telefonbücher oder in Illustrierte bei ihrem Zahnarzt. Schon im November 1933 wurde sie verhaftet. Es konnte ihr aber nicht nachgewiesen werden, dass sie die Parolen geschrieben hatte. Ihre Genossen hatten mit ähnlicher Schrift dieselben Parolen an anderer Stelle geschrieben und so die Gestapo verwirrt. Darum musste Margarete Müller nach sechs Wochen wieder entlassen werden.

1934 drohte erneute Verhaftung, so dass sie in die Illegalität ging. Nun organisierte sie den Widerstand in Düsseldorf und Lüdenscheid. Als in Düsseldorf immer mehr Menschen verhaftet wurden, emigrierte sie nach Holland. Sie wurde dort durch die illegale Leitung der KPD zum Kurier ausgebildet und reiste jede Woche einmal über die Grenze, um in Köln und Düsseldorf Kontakte zu illegalen Gruppen aufzunehmen.

Von Mai 1935 bis Frühjahr 1938 studierte sie an der Leninschule der Kommunistischen Internationale in Moskau, gemeinsam mit ihrem späteren Lebensgefährten Willi Seng. Ein Lehrer von beiden war Herbert Wehner. „Mit dem bin ich per Arm über den Roten Platz spaziert“, berichtet Margarete Müller. Nach dieser Studienzeit wurden Margarete Müller und Willi Seng von Holland aus in Deutschland als Instrukteure eingesetzt. Willi Seng war u.a. im Bergischen Land tätig, Margarete Müller in Essen und Umgebung.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Holland erfolgte 1940 die Verhaftung von Margarete Müller in Amsterdam. Die Gestapo brachte sie nach Deutschland, und das Oberlandesgericht in Hamm verurteilte sie für ihre Tätigkeit in Remscheid zu 3 Jahren Zuchthaus, die sie im Zuchthaus Ziegenhain bei Kassel verbrachte. Hier lernte sie eine Reihe bekannter Frauen des Widerstandes kennen, u.a. die Schriftstellerin Lore Wolf, die für sie einige Gedichte schrieb.

Aus dem Tagebuch einer politisch Gefangenen:

An Margret Wie hast Du immer des Sommers geharrt. Nun ist es soweit - leb wohl, Kamerad! Noch ein kurzer Weg durch Dornengewind, noch einmal beweisen, was wir sind! Dann, wenn wir mit vereinter Kraft, uns aus dem Elend aufgerafft bringen wir mit neuem Brot und Wein die Ernte unseres Lebens ein. Du, mein Genosse, treu und gut, wie oft hat doch Dein heitrer Mut, Dein klarer, strahlender Kinderblick im tiefsten Innern mich entzückt. Ich hab’ Dich lieb, mein Kampfgefährte, weil Deine Treue sich bewährte. Hast tapfer mit Dir selbst gerungen und Deine Seelennot bezwungen. Wirst weiterhin auch mutig sein stehst ja im Kampfe nicht allein. Alle die Unsern sind Dir nah’ wir sind da - und wir bleiben da! Ich drücke Dich ans Herz voll Stolz. Wir sind doch von besonderem Holz. Wir werden niemals untergeh’n trotz alledem und alledem! Nun reifen die Ähren im Sonnenschein, rotfl ammend loht der wilde Mohn. Bald bringen wir die Früchte ein des bitteren Kampfes süßen Lohn! (Lore Wolf) Am 18.7.1943 hätte sie ihre Strafe abgesessen. Inzwischen war aber der Gestapo ihr Aufenthalt in der Sowjetunion, ihre Beziehung zu Willi Seng und ihre Arbeit ab 1938 von Holland aus bekannt. Es war eine große Verhaf tungswelle im Bergischen Land, im Ruhrgebiet, in Düsseldorf und Berlin erfolgt, der auch Willi Seng zum Opfer fi el. Margarete Müller wurde vom Zuchthaus Ziegenhain in das Düsseldorfer Gefängnis Ulmerhöh gebracht. Sie schreibt in ihren Erinnerungen:

Mehrere Wochen wurde ich von der Düsseldorfer Gestapo zum Polizeigefängnis gebracht und verhört, über meinen Aufenthalt in Moskau, über das Studium an der Leninschule, über mein Zusammenleben mit Willi Seng und meine Instrukteurtätigkeit nach Deutschland. Aus der mir vorgelegten Mappe mit Fotografien, sowie mir vorgelesenen Protokollauszügen konnte ich entnehmen, dass der größte Teil der Genossen, die mit mir auf der Leninschule gewesen, inzwischen inhaftiert war.

Nach dreitägigem Leugnen verlangte ich eine Gegenüberstellung von Willi Seng. Am nächsten Tag wurde ich Willi gegenübergestellt. Erst als ich nach ungefähr zehn Minuten Stillschweigen die Frage an Willi richtete: Kennen Sie mich? sah er mich erschrocken an, kam aber nicht mehr zum Antworten, weil er sofort von der Gestapo auf den Flur hinausgeführt wurde. Ich konnte hören, wie die Gestapo Willi anschrie und vernahm auch das Klatschen von Schlägen. Als Willi nach einiger Zeit ins Vernehmungszimmer geführt wurde, kam er sofort auf mich zu, gab mir die Hand und sagte, dass man alles über uns wisse und mein weiteres Leugnen meine Lage nur erschweren werde. Danach wurde Willi sofort abgeführt.

Da ich meine Instrukteurtätigkeit in Essen und Umgebung dahingehend abgeschwächt hatte, nur zweimal in Essen gewesen zu sein, wurde ich am nächsten Tag in Begleitung von drei Gestapo aus Düsseldorf nach Essen gefahren um die Stelle zu zeigen, wo ich gewesen war....“

Am Abend des gleichen Tages ist sie denn noch ein letztes Mal zu Willi Seng geführt worden. Ein Gespräch unter den Augen der Gestapo war sehr schwer für die beiden. Grete Müller hat ihn umarmt, geküsst und ihm die Hände gedrückt. Sie hat ihn danach nie wieder gesehen.

Willi Seng ist am 27.4.1944 in Köln hingerichtet worden. Margarete Müller wurde in ihrem 2. Prozess beim Oberlandesgericht in Hamm Ende 1943 zu neun Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der verbüßten Strafe verurteilt. Durch den Staatsanwalt war die Todesstrafe beantragt worden. Diese Haft verbrachte sie in verschiedenen Haftanstalten und wurde im April 1945 in Langenfeld bei Wiedenbrück durch die Amerikaner befreit. Nach Remscheid-Lennep zurückgekehrt, widmete sie sich mit anderen Nazigegnerinnen und Nazigegnern dem Wiederaufbau der zerstörten Städte, heiratete ihren Jugendfreund Hans Salz und war mit ihm aktiv in der KPD und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Sie starb am 31.3.1983 im Alter von 78 Jahren.

Quellen: Persönliche Berichte von Margarete Müller ; Tonbandprotokolle mit ihr im Besitz der VVN Remscheid; „Remscheid in der Zeit des Nationalsozialismus“, darin Beitrag „Es erblüht eine weiße Rose...“; Beatrix Herlemann: „Auf verlorenem Posten - Kommunistischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg - Die Knöchelorganisation“; Margarete (Grete) Salz, geb. Müller: Sie hat auf der Rückseite des Fotos geschrie­ben: Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1945 im März. Die Bluse habe ich mit der Hand genäht. Material: ein Bettlaken aus dem Lager. KZ-Lager Langenfeld bei Wiedenbrück)

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