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Ötzi aus Rheinbach lebte vor ca. 4.500 Jahren

von Claudia Holtschneider

So mancher Remscheider kennt mich durch mein Wirken als Historikerin in der Agentur „Via Temporis“, als Ausbilderin der Remscheider Stadtführer oder auch durch meine Tätigkeit als Stadtführerin in Remscheid. Dass ich aber auch Archäologin bin, wissen nur Wenige. Nach meinem Studium der Archäologie habe ich nicht nur viele Jahre lang Ausgrabungen im Rheinland geleitet, sondern war auch mehrere Jahre die Stadtarchäologin von Rheinbach, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bonn. Aber die Arbeit einer Archäologin, die in der praktischen Archäologie arbeiten möchte und somit in ganz Nordrhein-Westfalen tätig sein muss, ist nur schwer mit dem Wunsch nach Familie zu vereinbaren. Als ortsansässige Historikerin war für mich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einfacher.

Vor drei Jahren habe ich mich jedoch entschieden, wieder als Archäologin zu arbeiten. Viele meiner ehemaligen Kommilitonen haben Ende der 1980er Jahre „archäologische“ Firmen gegründet, die im Auftrag unterschiedlichster Auftraggeber archäologische Untersuchungen durchführen. Und in eine dieser Firmen bin ich nun „eingestiegen“: Die arthemus GmbH hat ihren Sitz in Frechen. Unsere Auftraggeber sind im gesamten Rheinland ansässig, von Emmerich bis Bad Honnef. Es sind Städte und Gemeinden, Energieträger wie RWE, Verbände wie der Erftverband, Straßen NRW oder auch private Bauherren u.v.m. Unsere archäologischen Untersuchungen  waren in den vergangenen Jahren u.a. in Schloss Burg, an der Großen Ledder in Wermelskirchen, aber auch in Weeze, Dormagen und Bonn.

Seit 2017 sind wir in der Stadt Rheinbach tätig. Rheinbach liegt in der Nähe von Bonn, nur wenige Kilometer vor der Grenze nach Rheinland-Pfalz. Das Stadtgebiet ist landwirtschaftlich geprägt, vorrangig wird hier der Anbau von Äpfeln und Birnen betrieben. Durch ihre Lage an der Autobahn A 61 ist die Stadt Rheinbach verkehrstechnisch gut angebunden. Dies und die vielen unbebauten Flächen begünstigen in Rheinbach seit vielen Jahren die Erschließung großer Gewerbegebiete, die sich in einem Gürtel östlich um den Stadtkern gruppieren. Das jüngste projektierte Gewerbegebiet in Rheinbach Wolbersacker wird sich über eine Fläche von ca. 39 ha ausdehnen. Der Verkauf der Flächen hat begonnen. Und als der erste Käufe – DHL – 2017 die Errichtung eines großen Logistikzentrums plante, kam die Archäologie ins Spiel.

Die fruchtbaren Lößböden in Rheinbach förderten seit tausenden von Jahren die Ansiedlung von Ackerbau und Viehzucht treibenden Kulturen. Vor ca. 7.500 Jahren siedelten sich die ersten sesshaften Bauerngemeinschaften in Rheinbach an. Nach der Bänderverzierung auf ihrer Keramik werden sie Linearband- oder Bandkeramiker genannt. Die weilerartigen, bäuerlichen Ansiedlungen bestanden aus mehreren Gebäuden, die aus Holz und Lehmfachwerk errichtet waren. Große Gruben, die parallel zu den teilweise bis zu ca. 30 Meter langen Häusern lagen, dienten zur Lehmentnahme beim Hausbau und später als „Mülltonnen“ der Bewohner. Heute sind die Gebäude obertägig nicht mehr sichtbar, aber kreisrunde, dunkle Verfärbungen im Boden lassen erkennen, wo einst die Pfosten der Häuser im Boden standen. Dunkle, große und unregelmäßige Verfärbungen, die meist mit Scherben und Erde verfüllt sind, sind die Reste der „Mülltonnen“.

Bereits seit 2004 war bekannt, dass auf dem Gelände des geplanten Gewerbegebietes eine bandkeramische Siedlung zu erwarten war, die im Vorfeld der geplanten Bebauung archäologisch untersucht werden musste. Und muss. Seit November 2017 graben wir diese bandkeramische Siedlung aus, die sich als bisher größte bekannte bandkeramischen Ansiedlung im Rheinland entpuppt hat. Voraussichtliches Grabungsende wird Ende 2019/Anfang 2020 sein. Das DHL Logistikzentrum wurde übrigens mittlerweile auf den von uns untersuchten und frei gegebenen Flächen errichtet.

Aber nicht nur die Bandkeramiker ließen sich auf den fruchtbaren Böden nieder. Ihnen folgten in den tausenden von Jahren zahlreiche weitere Bevölkerungsgruppen. Heute noch deutlich fassbar ist die römische Besiedlung im 2./3. Jahrhundert n. Chr., als dort im Abstand von wenigen Kilometern eine römische Villa neben der anderen stand.

Weniger gut erforscht ist der Zeitraum nach dem Ende der bandkeramischen Kultur im Rheinland, ab ca. 5.000 bis 4.900 v. Chr. bis zum Erscheinen der Römer im 1. Jh. v. Chr. Sicher ist, dass neue Siedler folgten, ihre Siedlungen sind jedoch selten und kaum nachweisbar. Aber genau aus dieser Zeit stammt ER, der so genannte Ötzi aus Rheinbach, der in den vergangenen Wochen im Fokus des öffentlichen Interesses stand. Im Gegensatz zum Südtiroler Ötzi handelt es sich hier aber nicht um den Fund einer Mumie, sondern „lediglich“ um einen Skelettfund. Zudem ist der Rheinbacher „Ötzi“ vermutlich ca. 700 Jahre jünger.

Da ca. 150 Meter südlich der bandkeramischen Siedlung der Boden tiefgründig abgetragen werden sollte, war es unsere Aufgabe, im Vorfeld dieser Arbeiten zehn Meter breite und bis zu 250 Meter lange Sondagen anzulegen (Abb.1). Diese waren ca. 0,70 m tief, da wir in dieser Tiefe archäologische Befunde, also Verfärbungen, vermuteten. Wir fanden zwar Fahrspuren der mittelalterlichen Aachen – Frankfurter Krönungsstraße, aber sonst eigentlich „nichts“. Bei einer Nachkontrolle fiel mitten in einer der Sondagen eine ca. 1,80 m x 1,00 m große, leicht rechteckige Verfärbung auf. Sie zeigte sich in einem sehr hellen Beigegrauton und hob sich kaum vom umliegenden Lehmboden ab. Die rechteckige Form ließ auf einen anthropogenen Bodeneingriff schließen. Nachdem wir diesen Befund in der Aufsicht= Planum tachymetrisch eingemessen hatten, folgte als nächster Arbeitsschritt das sog. „Schneiden“ des Befundes. Dabei wird dieser der Länge nach halbiert, so dass hinterher eine Hälfte noch unangetastet steht, die andere Hälfte aber „entnommen“ und somit zerstört ist. So entsteht ein Profil, an dem Archäologen erkennen können, um welche Art Bodeneingriff es sich einst handelte. War es ein Pfosten, eine Grube oder nur ein Tierbau? Für diese Arbeit des „Schneidens“ kommen Spaten und Schaufel zum Einsatz, nicht gerade Feinwerkzeuge.Nach dem „Schneiden“ war im Profil des Befundes fast nichts zu erkennen, lediglich kleine weiße Pünktchen fielen auf. Und diese weißen Pünktchen sind häufig Indizien für ein Grab, denn es können Reste von Knochen sein. Daraufhin wurde das oben erwähnte Profil nochmals vorsichtig abgestochen und es kam ein fest im Profil steckender, scheinbar vollständiger Topf aus Keramik zum Vorschein (Abb. 4). Aber noch war diese Verfärbung nichts Außergewöhnliches. Zwar deuteten die Knochenpünktchen und der Topf auf ein Grab, aber die Lößböden im Rheinland sind für ihre schlechte Knochenerhaltung bekannt. Durch die Lagerung im Boden wird den Knochen der Kalk entzogen und sie lösen sich auf, erst recht nach vielen tausenden von Jahren. So erwarteten wir nicht viel... (siehe Seite 2)

Dennoch blieben wir vorsichtig und entschieden uns, die noch unberührte Hälfte des Befundes in feinen Schichten abzutragen und nach wenigen Zentimetern zeigten sich erste, relativ gut erhaltene Knochen. Große Aufregung kam auf, besonders bei den Studenten, die bei uns arbeiten und zum ersten Mal mit einem Skelett in Berührung kamen.
Behutsam und mit feinstem Werkzeug, u.a. Zahnarztbesteck, wurde das komplette Skelett freigelegt (Abb. 5). An seinem Fußende lag ein vollständiges Gefäß, dass eine charakteristische Verzierung aufwies und uns eine Einordnung in die schnurkeramische oder Glockenbecher Kultur (ca. 2.800/2.600 v. Chr.) annehmen ließ. Diese „Kulturen“ markieren den Übergang von der Jungsteinzeit zur Kupferzeit. Funde dieser Kulturen sind im Rheinland selten, da das Rheinland nicht zu ihren zentralen Siedlungsgebieten gehörte.

Das Skelett lag in einer Hockerstellung auf der linken Körperseite, mit Blick nach Osten (Abb.7). Der linke Arm war lang ausgestreckt, der rechte Arm war angewinkelt, die rechte Hand stützte das Kinn. Der rechte Teil des Schädels war eingedrückt, ein Unterkieferstück mit einem Zahn ließ sich erkennen. Die angewinkelten Beine lagen eng beieinander, die Füße waren kaum erhalten. In Höhe des Beckens lag ein bearbeitetes Stück Feuerstein, ursprünglich wahrscheinlich in einem Lederbeutelchen liegend. In der Nähe des ausgestreckten Arms lag eine Pfeilspitze aus Feuerstein, der dazu gehörige Holzpfeil war vergangen. Der Keramiktopf zu seinen Füssen war mit Sediment gefüllt.

Ein so gut erhaltenes Skelett zu finden und dazu mit einem vollständigen Grabgefäß, das eine genauere Datierung des Skelettes ermöglicht, das war die Sensation.  Übrigens war es ein kleines Wunder, dass wir beim „Schneiden“ des Befundes mit dem Spaten (s.o.) das Skelett nicht zerstört haben. Wir haben den Profilschnitt genau „am Po vorbei“ angelegt, ohne zu dem Zeitpunkt zu ahnen, dass sich dort ein Skelett verbergen könnte.

In einem nächsten Schritt informierten wird den Auftraggeber und die Fachämter, das LVR-Amt f. Bodendenkmalpflege in Bonn sowie das LVR-Landesmuseum in Bonn. Ansonsten galt es den Fund geheim zu halten, um der Beraubung des Grabes durch Grabräuber vorzubeugen. Schon zu diesem Zeitpunkt war allen Beteiligten die Bedeutung dieses Fundes bewusst. Schnell wurde entschieden, es Teil der bis 2020 neu gestalteten archäologischen Ausstellung des Landesmuseums werden zu lassen. Das bedeutete gleichermaßen auch, dass alle heute bekannten naturwissenschaftlichen Methoden angewandt werden würden, um die Geheimnisse des Skeletts zu lüften. Aufgrund der Beifunde, den Feuersteinen, nahmen wir zwar an, dass es ein Mann gewesen sein könnte, sicher waren wir aber nicht.

Zusammen mit den Restauratoren des LVR-Landesmuseums musste daraufhin ein Plan zur Bergung des Skeletts erarbeitet werden. Eine sog. Blockbergung sollte es sein. Das bedeutet, dass der Boden rund um das Skelett abgetragen werden muss, damit es hinterher frei auf einem Sockel zu stehen kommt. Und dieser Sockel wird dann später, nachdem er vom Unterboden gelöst wurde, zusammen mit dem Skelett auf einen LKW gehievt und zur Restaurierung nach Bonn in das Landesmuseum transportiert. Unsere Arbeit am Skelett selbst war somit beendet, jetzt galt es, das Skelett zu bergen, ohne es zu zerstören.

Also fingen wir an, den Lehm um das Skelett herum abzutragen, so dass es danach einsam auf einem Sockel stand. Dabei war es wichtig, vorsichtig und ruhig zu arbeiten und Erschütterungen zu vermeiden. Es gelang.

Zur weiteren Stabilisierung des Skelettes legten wir vorsichtig Frischhaltefolie über die Knochen. Damit wir unsere DNA nicht übertrugen, trugen wir dabei Latexhandschuhe. Als nächstes deckten wir die Frischhaltefolie mit feinem Sand ab, so dass die Knochen fest in Sand gebettet waren. Dann folgten Gipsbinden, wie man sie in der Medizin bei Knochenbrüchen benutzt Wir hatten dazu, um genügend Gipsbinden zur Verfügung zu haben, zwei Rheinbacher Apotheken leer gekauft. Diese Gipsbinden wurden angefeuchtet und als oberste Lage auf die bereits gut verpackten Knochen gelegt. Und zum Abschluss wurde der Block nochmals mit großen Folien umwickelt und eingewickelt (Abb.10).

Nun lag es sicher verpackt und bereit für das nächste, diffizile Abenteuer. Der Lehmblock mit dem Skelett musste vom anstehenden Boden gelöst werden, im selben Arbeitsgang musste eine Platte darunter geschoben werden. Nur so konnte man den Block auf eine Europalette schieben, die von einem LKW ins Landesmuseum befördert werden konnte. Hier waren Ideen gefragt. Aus einem Stück Stacheldraht konstruierten wird eine Art Säge. Zwei Mitarbeiter sägten damit den Block durch, während weitere Mitarbeiter gleichzeitig eine dicke Kunststoffplatte darunter schoben (Abb.11). Den freien Block hoben wir dann auf eine bereitstehende Europalette (Abb.12). Alles klappte gut und ohne Zwischenfälle. Der Lkw vom Landesmuseum kam, die Palette wurde verladen (Abb.13). und weg war er - unser Skelett aus Rheinbach. Wir haben übrigens keine weiteren Gräber gefunden.

Wie geht es nun weiter mit „unserem“ Skelett? Die Restauratoren des LVR-Landesmuseum sind seit Frühjahr 2018 mit den Untersuchungen des Verstorbenen beschäftigt. Mittlerweile wissen wir, dass es ein Mann war, der älter als 35 Jahre alt war. Er lebte vor ungefähr 4.500 Jahren (Ötzi vor ca. 5.250 Jahren).

Weitere anthropologische Untersuchungen, so zum Beispiel zum Gesundheitszustand oder zu seinen Ernährungsgewohnheiten, werden folgen. Wir wissen bereits, dass eine Verdickung am linken Unterarm auf die Nutzung eines Bogens zurückzuführen ist. Die Sehne des Bogens hat beim Abschuss der Pfeile den Unterarm berührt und über viele Jahre diese Verdickung am Knochen entstehen lassen.

Auch Strontium-Isotopen-Untersuchungen werden folgen. Sie können uns Informationen zur Herkunft des Mannes und den Regionen liefern, in denen dieser Mann sein Leben verbracht hat. Obwohl die rechte Schädelhälfte schlecht erhalten ist, konnten Zähne frei gelegt werden. Wenn Zähne erhalten sind, können genetische Untersuchungen vorgenommen werden. Man könnte so vielleicht die DNA des Individuums entschlüsseln.

Untersuchungen, wie diese, dauern lange. Wer mehr wissen möchte und immer auf dem Laufenden sein möchte, der kann sich den Blog des LVR-Landesmuseums in Bonn anschauen. Dort werden die aktuellen Ergebnisse regelmäßig veröffentlicht:

Werden wir von der archäologischen Fachfirma arthemus Gmbh jetzt berühmt oder haben wir dadurch finanzielle Vorteile? Nein, leider nicht. Aber stolz sind wir auf unseren Fund, der ab 2020 in der neuen Ausstellung des LVR-Landesmuseum zu sehen sein wird.

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Kommentare

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Horst Kläuser am :

Toll und spannend. Mehr davon!

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