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Shonas Story

Auszug aus dem Buch „Worte ohne Grenzen“,
Erzählungen deutsch-indischer Schreibwerkstätten“,

das Herausgeber Rajvinder Singh, 2004 Stadtschreiber in Remscheid, und Wolfgang Luge (die Lütteraten, Interkulturellen Lesereihe) gestern druckfrisch an Schülerinnen und Schüler der Nelson-Mandela-Sekundarschule, GHS Hackenberg, Albert Schweitzer Realschule und Sophie-Scholl-Gesamtschule verteilten, die im vergangenen Jahr an einer Schreibwerkstatt ebenso teilgenommen hatten wie Schulen in Solingen und Wuppertal. Rajvinder Singh lebt seit 38 Jahren in Berlin und bietet seit 1994 bundesweit interkulturelle Schreibwerkstätten an, u. a. von Schulen. „Über den Horizont hinaus“ und „Zwei Vögel unter einer Linde“ heißen seine ersten beiden Taschenbücher, die nach Schreibwerkstätten entstanden.

Von Schülerinnen der Nelson-Mandela-Schule,
Städtische Sekundärschule Remscheid, und Rajvinder Singh

Die Ankunftshalle am Frankfurter Flughafen. Shona, eine hübsche, junge Frau, steht in der Warteschlange an der Passkontrolle. Etwas verärgert dreht sie sich um und fragt sich: „Warum schauen mich diese Menschen so an? Komme ich ihnen so fremd vor, dass sie mich anstarren müssen? Oder bin ich zu empfindlich und komme ihnen unbeholfen vor?"

Shona kommt aus Neu-Delhi und ist wegen eines traurigen Anlasses hier. Anita, ihre einzige Tante, die seit Jahren in Remscheid lebte und als Wissenschaftlerin bei der Firma MIR tätig war, ist gerade verstorben. Sie hatte nie geheiratet und so auch keine Kinder. Seit kurzem, seit sie wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, sah sie Shona wie ihr eigenes Kind an. Shona war darüber sehr glücklich, hatte aber noch keine Zeit gehabt, sie zu besuchen, denn sie hatte an der Universität von Delhi eine Dozentenstelle bekommen. Sie hatte sich vorgenommen, die Tante in den Ferien zu besuchen.

Von Ihrer Hautfarbe und Kleidung her war klar, dass sie aus Indien stammte. Der rot-goldene Sari, den sie trug, war ein Geschenk ihrer Tante gewesen. Die Musterung mag etwas fremd auf die Menschen hier wirken, aber sie war mit der langen Familientradition verbunden. Shonas Großmutter führte diese Tradition mit Stolz und Würde weiter.

Ihre Mutter Sita hatte Shona einmal die Geschichte der Tante erzählt. Anita hatte eine große Liebe, mit der sie sich ein wunderbares Leben vorgestellt hatte. Sie wollte mit diesem Mann Kinder haben, vor allem eine Tochter und wusste auch schon für sie einen Namen: Shona. Nachdem Anita entschieden hatte, nie mehr zu heiraten, hat­ten Rakesh und Sita ihrer Tochter den Namen Shona gegeben. Ihre Stimme im Inneren fragte: „Tante Anita muss eine sehr starke Person gewesen sein. Warum habe ich nur so wenig Kontakt mit ihr gehabt?"

Einige Tage waren vergangen. Anita war in einem Krematorium feuerbestattet worden. Martin, der mit Anita bei der Firma MIR arbeitete und in demselben Haus wohnte, versuchte Shona behilflich zu sein, bei den Behörden die notwendigen Papiere zu besorgen. Er hatte oft von Anita gehört, dass sie das alles, was sie besaß, ihrer Nichte überlassen werde. So gingen sie zum Notar und eröffneten das Testament. Es war wirklich so.

In der nächsten Woche fing Shona an, einen Blick in die Papiere ihrer Tante zu werfen. Außer Martin kannte sie niemanden in der Stadt und war auf seine Hilfe angewiesen. Auch der junge Wissenschaftler mochte sie sehr, und daraus wurde immer mehr. Als sie eines Tages nebeneinander saßen, empfing er positive Schwingungen, die von ihr zu ihm eilten. So wurden sie zu mehr als nur zu guten Freunden. Die Zeit, die Shona mit Martin verbrachte, ließ die junge Frau vergessen, wie traurig sie eigentlich doch war.

Mehrere Wochen vergingen, und sie wurden unzertrennlich. Sie bewerteten die Forschungsunterlagen von Anita gemeinsam. Shona machte das Ganze viel Spaß, und sie wurde wieder glücklich. Woran Martin nicht gedacht hatte, war, dass Shona nur für einen Monat gekommen war.

Inzwischen war für Shona die Zeit gekommen, nach Indien zurückzufliegen. Shona musste es ihm sagen, auch wenn es ihr schwer fiel. Er war schockiert, als ihm bewusst wurde, dass Shona tatsächlich gehen musste, wenn er nichts dagegen unternimmt. „Sie könnte doch Anitas Stelle bekommen und weiter mit mir an der Forschung arbeiten", dachte er und versuchte Shona dazu zu überreden. Nach mehreren Diskussionen kamen sie zu dem Entschluss, dass sie ein Stipendium beantragen sollte. Shona wartete einige Tage auf eine Antwort, die dann eine Woche später auch eintraf. Darin stand, dass ihr ein dreimonatiges Stipendium bewilligt worden war.

Die ersten zwei Monate liefen wunderbar. Eines Tages wurde Martin klar, dass er für Shona viel mehr empfand als er ihr bislang gezeigt hatte. Ohne zu zögern suchte er die passende Gelegenheit, Shona seine Liebe zu gestehen. Außerdem wollte er wissen, was sie für ihn empfand. Shona freute sich riesig über Martins Geständnis, weil sie dasselbe für ihn empfand. Sie waren schon längst ein Paar geworden, auch wenn sie es nicht klar aus­gesprochen hatten. Ihnen wurde bewusst, wie schwer das Leben für sie ohne den anderen wäre. Doch die Tatsache, dass Shona bald zu­rück nach Indien muss, hing wie eine mächtige Gewitterwolke über ihnen.

Sie versuchten ein weiteres Stipendium zu beantragen, doch daraus wurde nichts. Schon nach einigen Tagen, nachdem Shona zurück nach Indien geflogen war, wurde Martin traurig. Er fragte sich: „Warum können wir Menschen nicht einfach zusammen sein, ohne heiraten zu müssen?"

In Neu-Delhi hielten die Eltern Sita und Rakesh daran fest, dass Shona einen Mann namens Ranjeet heiraten müsse, den sie für sie ausgesucht hatten. Shona war da anderer Meinung, denn sie wollte niemanden heiraten, den sie nicht liebte. Doch sie konnte es ihren Eltern nicht ins Gesicht sagen. Doch eines Tages stellten ihre Eltern sie zur Rede. Ihr Vater verlor die Beherrschung, und ihre Mutter erklärte ihr leise: „Mein Kind, ich liebte meinen Mann erst auch nicht, aber mit der Zeit habe ich ihn schätzen gelernt. Du wirst Ranjeet früher oder später auch lieben lernen. Er ist ein guter Junge. Wir kennen die Familie seit langer Zeit und wissen, dass du dort gut behandelt wirst. Wenn du ihn einmal getroffen hast, wirst du auch so denken wie ich."

Ihre Eltern arrangierten ein Treffen für die beiden. So gingen sie eines Vormittags ins Revolving Tower Restaurant, das bekannt für seinen Brunch war. Doch Shona war schnell klar, dass sie ihn nicht sonderlich mochte. Er war das totale Gegenteil von Martin, ihrer Liebe in Remscheid.

Als Shona nach Hause kam, fragte ihre Mutter: „Wie ist dein Treffen mit Ranjeet gelaufen?"

Shona antwortete: „Es war langweilig. Er hat mich kaum beachtet. Die ganze Zeit beschäftigte er sich mit seinem Handy, das für ihn interessanter war als alles andere!" Ihr Vater, der draußen auf dem Flur gelauscht hatte, kam aufgebracht ins Zimmer und schrie: „Du wirst ihn heiraten, ob du willst oder nicht!"

Am nächsten Morgen fragte ihre Mutter: „Shona, mein Kind, hast du es eingesehen, dass wir nur ,Gutes' für dich wollen? Wir wollen dir auf keinen Fall etwas einreden, was nicht in deinem Interesse wäre." Als Shona das hörte, flog das Brot aus ihrer Hand und landete mit der bestrichenen Seite auf dem Boden. „Was Gutes? Was ist so gut daran, wenn ihr mich mit einem Typen verheiratet, den ich gar nicht ausstehen kann?" Shona stand auf, ging in ihr Zimmer und rief Rita an. Nachmittags trafen sie sich in der Stadt und überlegten, wie Shona die Situation retten könnte. Sie war jetzt bereits drei Monate in Indien. Je mehr sie von ihren Eltern unter Druck gesetzt wurde, Ranjeet zu heiraten, desto mehr dachte sie über ihre Zeit mit Martin nach. In Remscheid war sie sehr glücklich gewesen. Sie erlebten die Bergische Landschaft, die vielen Wälder und Bäche sowie die anderen Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel die Müngstener Brücke, Schloss Burg, das Werkzeugmuseum und die vielen Hämmer und Rotten entlang des Baches. Auch die wunderschönen Stadtzentren von Lennep und Hückeswagen, die ihr wie im Märchen vorkamen, durch die sie mit Martin wanderte, schien sie zu vermissen. Sie war der Meinung, niemals zuvor so schöne Städte gesehen zu haben. Und jetzt brauchte sie Martin bei sich in Indien, doch er war von ihr tausende von Meilen entfernt.

Martin ging es auch nicht besser. Die Tage und Nächte ohne Shona wurden ihm unerträglich. Je mehr er von Shonas Kampf mit ihren Eltern hörte, desto schneller wollte er in Indien sein und ihr beistehen. Er kaufte er sich im Internet ein Flugticket, flog nach Neu-Delhi und nahm sich ein Hotel in der Nähe der Universität. Shona benutzte jede Gelegenheit, Martin zu treffen. Auch Rita half ihr dabei. Am vierten Tag kam Rita aufgebracht zu ihm ins Hotel: „Martin, Shona muss am Wochenende Ranjeet heiraten. Sie kann es alleine nicht mehr verhindern. Die beiden Familien fahren nach Manvar in Rajasthan, wo Ranjeets Onkel ein Palast-Hotel besitzt. Hier ist die Adresse. Kannst du etwas tun?"

Das Hotel, in dem die Hochzeit stattfinden sollte, hieß Manvar Palast. Es war ein wunderschöner Palast mit runden, in Marmor eingemeißelten Fenstern und prachtvollen Türen. Shona beeindruckte das Ganze nicht sonderlich. Als sie sich mit Martin in Manvar heimlich traf, überlegten sie, wie sie sich aus dieser unerträglichen Lage retten könnten. Sie entschieden sich, nachts in die Wüste zu reiten, wenn alle schlafen gegangen waren. Dort hätten sie genug Zeit, um alles in Ruhe zu besprechen.

Shona schlich sich nachts heimlich aus dem Zimmer, als ihre Mutter tief eingeschlafen war. Sie eilte zum hinteren Ausgang, wo sie mit Rita und Martin verabredet war, die mit zwei Kamelen auf sie warteten. Shona und Martin ritten auf einem Kamel zusammen. Rita ritt mit Abstand hinterher. Sie sahen von der Düne aus den Manvar Palast, der am Rande der Wüste wie ein perfekter Wachmann da stand. Das Kamel setzte sich in den kühlen Sand. „Ich reite dann jetzt zurück, damit wir nicht auffallen", sagte Rita. Doch daraus wurde nichts. Im nächsten Augenblick bekam Martin einen gewaltigen Tritt in den Rücken. Es war Ranjeet. Er packte Shona am Handgelenk und fragte gemeingefährlich: „Für wie blöd hältst du mich eigentlich?". Ranjeet schleppte sie weg.

Rita eilte Martin zur Hilfe, als die Männer fort waren. „Rita, kannst du meinen Taxifahrer anrufen? Ich muss schnell ins Hotel!" Sie packte ihr Handy aus und telefonierte. Kurze Zeit später kam der Fahrer und sie fuhren zum Parkplatz des Hotels.

Rita ging in ihr Zimmer zurück. Sie telefonierte noch einmal und wartete, bis Shona zu ihr kam. „So, Shona, Martin wartet auf dem Parkplatz. Nimm deinen Pass mit und fahr mit ihm nach Jodhpur. Ich habe für euch Tickets für Delhi gebucht und weiter für die Maschine nach Frankfurt. Du hast keine Zeit zu überlegen". Zusammen fuhren Shona und Martin so schnell es ging nach Jodhpur. Shona schaute aus dem Fenster und sah, wie Mond am Horizont noch heller strahlte. (gekürzte Fassung)

(Schülerinnen der Nelson-Mandela-Realschule Remscheid, die an dieser Schreibwerkstatt teilnahmen:
Slobodan Arsenovic, Denise Becker, Jessica Biedermann, Melisa Calikusu, Timo Chen, Franziska aus den Erlen, Joshua Fassbender, Mandy Klingler, Laura Laskowski, Gina Mewes, Noah-Sanzo Obradovic, Lara Pleiß, Svea Melissa Towstyka, Jasmin Wiechert.)

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