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Aus der Groß-Remscheider Jubiläums-Rundschau

Remscheid hat eine neue Zeitung: Die „Groß-Remscheider Jubiläums-Rundschau, Haupt-Anzeigenblatt für den Geschäfts- und Arbeitsmarkt des Stadtkreises Remscheid anlässlich des 90. Großstadtjubiläums“. Oberbürgermeister Burkhard mast-Weisz, Andreas Meike (stellvertretender Fachdienstleiter Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing) und Inna Safenreider vom Stadtmarketing stellten die Nummer 1 des in Frakturschrift (wie 1929 üblich, siehe Foto) erschienenen Blattes gestern auf einer Pressekonferenz zum Stadtjubiläum vor. Das soll, wie der Waterbölles bereits am 26. Juli berichtete, am 10. August im und vor dem Rathaus groß gefeiert werden. Und deshalb trägt das achtseitige Blatt auch eben dieses Erscheinungsdatum. Ein „Zeitungsjunge“, wie es sie vor 90 Jahren noch gab, wird an diesem Tag die „Rundschau“ zum Preis von einem Euro verkaufen. Sämtliche darin enthaltenen Artikel sind original so im Remscheider General-Anzeiger 1929 erschienen. Für den Nachdruck ausgewählt wurden sie vom Archiv der Stadt Remscheid. Das gilt auch für „Remscheid im Jahre 1938. Eine Silvesterphantasie“, in der der ungenannt gebliebene Autor 1929 ein prophetisches „Bild des Werdens und Wachsens unserer lieben Stadt Remscheid innerhalb der nächsten zehn Jahre“ (bis 1938) wagte. Darin lassen sich sogar überraschende Bezüge zum Remscheid unserer Tage entdecken. Aber lesen Sie selbst (Rechtschreibung aktualisiert):

Ausschnitt aus dem Remscheider General-Anzeiger im Jahre 1929.„Der Name „Remscheid“ wird dann gewiss gänzlich verschwunden sein. Entweder heißt es „Großremscheid“, oder man hat, um den bis dahin eingemeindeten Nachbarstädten Lennep, Wermelskirchen, Cronenberg, Burg und Lüttringhausen gleiches Recht an dem großen Gemeinwesen zu dokumentieren, für das neue größere Gebilde aus den ersten Silben der sechs vereinigten Städte den Namen: „Remlewemcrobulü“ gebildet. Dieser Vorschlag wurde bereits in Hasten, wo bekanntlich unsere fähigsten Köpfe sitzen, gemacht und seinerzeit mit großem Beifall aufgenommen.

Wie wird nun „Großremscheid“ oder „Remlewemcrobulü“ im Jahre 1939 aussehen?
Beginnen wir am westlichen Ausfalltor Remscheids, in Müngsten, und  machen einen Rundgang durch das Stadtgebiet!

Am H a u s e   M ü n g s t e n  kreuzt die durch die Solinger Straße von Remscheid nach Solingen fahrende Straßenbahn die neue Bahn, die von Cronenberg kommt und über Schloss Küppelstein nach der Reinshagener Straße und von  da entweder direkt zum Kaiserplatz oder über den neuen Damm zwischen Reinshagen und Ehringhausen, der durch Entleeren sämtlicher Müllabfälle ins Hammertal entstanden ist, über Ehringhausen nach Lennep usw. führt.

Die M ü n g s t e n e r   B r ü c k e   ist bedeutend vorbereitet worden, so dass sie auch von Fuhrwerken und Fußgängern benutzt werden kann. Am S t r a n d  b a d  im Eschbachtal erhebt sich auf dem dem jetzigen Restaurant gegenüberliegenden Berge ein großes Strandhotel mit Fremdenzimmern, Tennis – und Kinderspielplätzen, das mit dem Hauptbahnhof Remscheid durch die Straßenbahn (Fahrpreis 10 Pfg.) verbunden ist. Auch das Restaurant an der T a l s p e r r e, zu dem eine bequeme Autostraße emporführt, ist bedeutend vergrößert und enthält besondere Räume für Besucher aus Barmen, Elberfeld, Düsseldorf, Köln usw., damit diese sich hier unter sich wie zu Hause fühlen können. Auch für Remscheider Besucher ist ein Saal vorgesehen.

In  E h r i n g h a u s e n  haben sich sämtliche Bewohner auf Sommerfrischler eingestellt. Auch viele Gartenrestaurants sind hier entstanden. Aus den  K r a n k e n a n s t a l t e n  ist eine kleine Stadt geworden. Für jede Krankheit ist ein besonderes Gebäude errichtet worden. Ebenso wie die Ärzte sind auch die Schwestern, die Küchenmädchen, die Geflügelmädchen und die Schweinemädchen in besonderen Gebäuden untergebracht. Dem Direktor steht innerhalb der Krankenstadt ein Dienst-Hanomag zur Verfügung.

Am  Z e n t r a l p u n k t  ist die bekannte Wirtschaft zwischen den Straßenbahngleisen längst verschwunden. Stattdessen ist das dritte Polizeirevier dort in einer großen Tonne untergebracht. Auf dem Gelände hinter der jetzigen Wirtschaft sind eine Jugendherberge und ein zweites Oberlyzeum erbaut worden. Die alte Wagenhalle in der Kölner Straße ist als Stadtverordnetensitzungssaal ausgebaut worden. Hier tagen die Großremscheider Stadtverordneten in Permanenz, und zwar zunächst die Stadtverordneten der Großremscheider Gemeinden gesondert unter dem Vorsitz ihrer Bürgermeister, die sämtlich ihre Posten behalten haben. Allmonatlich findet eine Sitzung des Großremscheider Plenums statt, die von dem Landrat des früheren Kreises Lennep, der der seine Geschäfte nach Opladen abgegeben hat, geleitet wird. Zu den Stadtratssitzungen werden die Stadtverordneten in Sonderwagen der Straßenbahn befördert, die mit kaltem Büfett und Schlafgelegenheiten ausgerüstet sind.

Die Strecke zwischen Kleinremscheid und  L e n n e p  ist natürlich vollständig bebaut. Es befinden sich besonders viele Restaurants, die den nach Remscheid fahrenden Besuchern des Finanzamtes und des Standesamtes angenehmen Aufenthalt bieten. Die Straßenbahnwagen zum Finanzamt sind mit einem großen Geldschrank, die Wagen zum Standesamt mit einer Ausstellung von Möbel und Kinderwäsche versehen.

Die Bewohner von  B ö k e r h ö h e  dürfen in zehn Jahren auch den Theaterwagen nach Lennep benutzen. Auf dem   H o h e n h a g e n  sind weitere Siedlungen entstanden. Der ganze Kopf ist bebaut. Die Straßenbaukommission erwägt mit Wohlwollen den Antrag der Hohenhagener, den alten Schlammpfad, der den hochtrabenden Namen: „Metzer Straße“ führt, wirklich als Straße auszubauen.  Sieben Besichtigungen an Ort und Stelle haben bereits stattgefunden. Der Schlammpfad ist übersät mit steckengebliebenen Stadtratsstiefeln. Inmitten der Siedlungen erhebt sich ein 200 Meter hoher Rundfunksender, von dem aus der Remscheider Polizeibericht erst dreimal um die Erde gefunkt wird, ehe er in Remscheid bekanntgegeben wird. Auch schweben  Verhandlungen mit England, um den Meridian von Greenwich nach Hohenhagen zu verlegen. Die Besichtigung des Meridians wird ohne Eintrittsgeld gestattet sein. Bei   H e r m a n n s m ü h l e   führt anstatt des früheren geländerlosen Steges eine auch für Lastwagen passierbare Brücke nach dem Vorort Lüttringhausen.

G o l d e n b e r g  ist mit dem Stadtkegel von Kleinremscheid durch eine eiserne Brücke verbunden: Die Häuser von Platz mussten von den Bewohnern im Zwangsverfahren geräumt werden und sind sämtlich für Obdachlose hergerichtet worden. Der Vorort  H a s t e n  hat eine ungeahnte Entwicklung genommen. An der Kratzbergerstraße, wo früher die Reibekuchen nur auf einer Seite gebacken wurden, ist durch Ansiedlung sämtlicher Lehrer, die noch nicht in der Siedlung Heidhof untergebracht sind, ein neuer Stadtteil entstanden, der „Rote TinteⅡ“ genannt wird. Weiter besitzt Hasten im Jahre 1939 ein eigenes Krankenhaus, Badeanstalt, Theater, Sängerhalle, Asyl für kranke Katzen und ein Krematorium. Die Hastener Bürgergesellschaft verfügt über ein eigenes Haus mit Restauration, Saal, Skat- und Billiardzimmer, Kegelbahn und Bürgermeisterwohnung. Der alte Kohlenschuppen hinter dem Marktplatz hat im Garten des Heimatmuseums Auffstellung gefunden. Sämtliche Schulsysteme Hastens sind aufgelöst worden.

Der Schießstand auf dem  H o l z  ist auch für Ferngeschütze eingerichtet worden.
Gänzlich unberührt von allen Veränderungen ist der liebliche Flecken  M o r s b a c h  geblieben.
Die Morsbacher sträuben sich immer noch mit aller Energie gegen jede Verbindung mit der Außenwelt durch Autobus oder Straßenbahn. Werfen wir jetzt einen kurzen Blick auf den  S t a d t k e g e l   v o n   R e m s c h e i d !

Der  M a r k t  ist in großzügiger Weise verbreitert worden. Von der Neustraße führt eine Umgehungsstraße unter dem Vereinshaus durch in die Villen-  und Schützenstraße hinein. Sämtliche Häuser zwischen dieser Straße und der Kronenstraße sind wegrasiert worden, nur das Haus Auweiler ist stehen geblieben, weil es gerade frisch gestrichen war.

Der  S c h l a c h t h o f  brauchte nicht vergrößert werden, da er schon 1928 für ein größeres Remscheid vollauf genügt hätte. Doch hat man zur Herbeischaffung des Schlachtviehs Lastautos in Dienst gestellt, die auf Anregung des Tierschutzvereins gepolstert sind (Polsterklasse). Andere Autos, die das Fleisch zu den Metzgereien in Lennep, Wermelskirchen usw. fahren, sind mit einer Kühlvorrichtung für das Fleisch und einer Heizung unter dem Führersitz versehen. Diese Autos sind nicht gepolstert, sondern gehören zur Holzklasse.

Der  H a u p t b a h n h o f  ist bis an die Freiheitsstraße herangerückt worden, so daß man von der Straßenbahn direkt in den Zug einsteigen kann. Neben dem Hauptportal ist eine Haltestelle für Hannomaxe, mit denen man an einem Tage den neuen „Wanderweg um Großremscheid“ durchfahren kann.  Auf jedem Hannomax sitzt ein Sachverständiger im Städtebau ausgebildeter Führer, der besonders die Umgemeindungsfragen beherrscht. Der Hauptbahnhof weist einen wesentlich stärkeren Verkehr auf als 1928, weil man den Personenbahnhof in Lennep hat eingehen lassen. Lennep hat nur den Güterverkehr behalten. Eine direkte Bahnverbindung ist über Bergisch – Born nach Hückeswagen eingerichtet, um die Hückeswagener Käferladungen schneller nach dem Remscheider Heimatmuseum schaffen zu können. 

Schließlich wollen wir noch einen Blick in die  A l l e e s t r a ß e  werfen! Auf dem  K a i s e r p l a t z  halten an dem unterirdischen „Hüsgen“  die Straßenbahnen von Elberfeld, Barmen und Solingen. Ringsum neue Gebäude. Die Ecke  H a l b a c h  an der Hochstraße wurde von einem Konsortium angekauft, das ein großes Bürohaus für Rechtsanwälte errichtet hat. Die Rechtsanwälte sind jetzt leicht zu erreichen, wenn man mit Prozessabsichten aus dem Rathaus, dem Finanzamt oder dem Amtsgericht herauskommt.

Nicht alles was, hier geschrieben wurde, ist nur das Produkt der Phantasie. Man munkelt doch schon jetzt, anno 1929, so mancherlei von Millionenprojekten, die in der Luft liegen und vielleicht schon bald verwirklicht werden. Und wer Augen hat zu sehen, und Ohren hat, zu hören, der hat gewiss erkannt, dass in den vorstehenden, so lustig erscheinenden Ausführungen doch manches Körnlein ernster Wahrheit verborgen ruht.  Hoffen wir, dass alle die großen Projekte zur Wahrheit werden und dass in zehn Jahren, also 1939, Remscheid, oder „Großremscheid“ oder „Remlewemcrobulü“, ein stolzes blühendes Gemeinwesen sein möge!“

Übrigens: Mit einer weiteren Ausgabe der „Groß-Remscheider Jubiläums-Rundschau" ist nicht zu rechnen.

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