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Ab 1933 auch politische Häftlinge in Lüttringhausen

von Armin Breidenbach

Seit Anfang September 2019 ist in der Remscheider Gedenkstätte „Pferdestall“ die sehenswerte Wanderausstellung „‚Was damals Recht war...‘ Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ zu besichtigen, die über Unrecht und Willkür der nationalsozialistischen Militärjustiz informiert. Bei den dort präsentierten Fallgeschichten geht es nicht nur um Personen, die als Deserteure verurteilt wurden, sondern auch um „Wehrkraftzersetzer“ und „Volksschädlinge“. Außerdem werden Biografien von Angehörigen des Widerstandes in besetzten europäischen Ländern dargestellt. Mindestens 22.000 Menschen wurden aufgrund von Urteilen der NS-Militärjustiz hingerichtet; unbekannt ist aber die Zahl derjenigen, die in Lagern, Strafeinheiten oder Strafanstalten (wie zum Beispiel im Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen!) umkamen.

Eine der Ausstellungsobjekte zeigt die „Haftorte und Hinrichtungsstätten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1942“. Remscheid bzw. Remscheid-Lüttringhausen sind auf dieser Karte als Haftorte allerdings nicht aufgeführt. Dies ist unverständlich, denn auch in Remscheid gab es im „Dritten Reich“ verschiedene Haftorte bzw. Orte der Unterdrückung: zu nennen sind etwa das Polizeigefängnis in der Uhlandstraße, das Amtsgerichtsgefängnis in der Freiheitstraße und das Zuchthaus Lüttringhausen in der Masurenstraße. Diese Haftorte haben zumindest teilweise einen Bezug zum Thema der Wanderausstellung. Während im Polizeigefängnis Remscheid 1944/45 nachweislich einige Personen für kurze Zeit inhaftiert waren, die im Verdacht der Fahnenflucht bzw. Entfernung von der Truppe standen, mussten im Zuchthaus Lüttringhausen einige verurteilte Fahnenflüchtige ihre Strafen verbüßen.

Von den drei genannten Haftorten in Remscheid dürfte jedoch das Zuchthaus Lüttringhausen, das 1935 über eine Belegungsfähigkeit für 553 männliche Häftlinge verfügte, in der Zeit des Nationalsozialismus die größte Bedeutung gehabt haben. Es war wie alle Strafanstalten des „Dritten Reiches“ mehr oder weniger ständig überbelegt. Wie viele Häftlinge in der Zeit von Januar 1933 bis Mai 1945 in jener Strafanstalt einsaßen, ist zum gegenwärtigen Forschungsstand nicht genau bekannt. Allerdings kann an Hand der heute noch existierenden, allerdings nicht vollständigen „Gefangenenkartei der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen zur NS-Zeit“ geschätzt werden, dass dort in den Jahren 1933 bis 1945 insgesamt etwa 10.000 Häftlinge eingeliefert waren. Neben kriminellen Häftlingen waren im Zuchthaus Lüttringhausen vor allem auch Häftlinge eingekerkert, die aus politischen, religiösen oder rassischen Gründen verurteilt worden waren. Auch deren jeweiliger Anteil an der Gesamtzahl der Häftlinge ist bisher unbekannt. Unter den insgesamt etwa 1.000 ausländischen Gefangenen befanden sich viele, die während des Zweiten Weltkriegs in den von der Wehrmacht besetzten Ländern von deutschen Kriegsgerichten zu Zuchthausstrafen oder gar zum Tode verurteilt worden waren. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Strafanstalten wurden nach bisherigem Forschungsstand in Lüttringhausen keine Todesurteile vollstreckt.

Dennoch hat auch das Zuchthaus Lüttringhausen in der Zeit des Nationalsozialismus eine große Zahl an Toten zu verzeichnen. Wie die Sterbebücher des Standesamts Remscheid-Lüttringhausen belegen, kamen in jenem Zuchthaus im Zeitraum vom 30. Januar 1933 bis zur Befreiung durch die US-Armee am 15. April 1945 aufgrund der damaligen Haftbedingungen (unter anderem harte und lange Arbeit bei gleichzeitig unzureichender Ernährung) insgesamt 111 Häftlinge ums Leben, darunter auch zwei französische politische Häftlinge.

Der Flugschüler Raymond Canvel und der Mechaniker Auguste Zalewski, beide Jahrgang 1921, gehörten zu einer Gruppe von 15 jungen französischen Patrioten, die versucht hatten, am 12. Februar 1941 mit dem alten Fischkutter „Le Buhara“ von der Normandie aus nach England zu gelangen, um sich den freien französischen Streitkräften in England anzuschließen. Der Kutter wurde jedoch von einem deutschen Patrouillenboot aufgebracht; seine Besatzung wurde festgenommen und zunächst in Cherbourg inhaftiert.

Am 3. März 1941 wurden die 15 Festgenommenen nach Saint-Lô überstellt, wo am 20. März 1941 ein deutsches Feldkriegsgericht die Urteile fällte. Zwei der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt und am 12. April 1941 erschossen. Der jüngste Angeklagte, erst 16 Jahre alt, wurde zu sieben Jahren Zuchthaus, die anderen wegen Feindbegünstigung jeweils zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt, die sie einige Zeit später, in den meisten Fällen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, im Zuchthaus Lüttringhausen verbüßen mussten. Während Raymond Canvel am 16. August 1944 im Zuchthaus Lüttringhausen starb, kam Auguste Zalewski am 16. September 1944 dort um.

Zum Kreis der Opfer des NS-Strafvollzugs zählt beispielsweise auch der niederländische Flugzeugführer Jakobus („Dick“) Winterdijk, Jahrgang 1918, der am 20. Juli 1943 festgenommen worden war. In einem Prozess gegen insgesamt 51 niederländische Widerstandskämpfer, darunter auch Jakobus Winterdijk, wurden am 23. Juni 1944 vom deutschen Luftgaufeldgericht insgesamt 45 Todesurteile und in vier Fällen Freiheitsstrafen verhängt. Die Todesurteile wurden jedoch nicht vollstreckt, vielmehr wurden die meisten Verurteilten in das Zuchthaus Lüttringhausen überstellt. Auch Winterdijk, der zu den zum Tode Verurteilten gehörte, wurde in das Zuchthaus Lüttringhausen eingeliefert, wo er am 9. April 1945 verstarb.

Ein Besuch der in der Remscheider Gedenkstätte „Pferdestall“ gezeigten Wanderausstellung „‚Was damals Recht war...‘ Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ ist sehr empfehlenswert. Dass die Ausstellungsmacher nur anhand einer begrenzten Zahl von Fallbeispielen die Brutalität der NS-Militärjustiz dokumentieren und nicht auch noch auf die konkreten Verhältnisse in Remscheid eingehen können, ist bedauerlich, kann ihnen aber nicht vorgeworfen werden. Erfreulich hingegen ist, dass - entgegen der sonst meist üblichen Praxis bei den in Remscheid gezeigten Geschichts-Ausstellungen - diese Wanderausstellung durch Informationen mit Bezug auf die damaligen Verhältnisse in Remscheid bzw. auf die Remscheider Deserteure Karl-Wilhelm Altena und Fritz Gass ergänzt wird.

Quellen:
-       Arolsen Archives, Bad Arolsen: Der Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen: „Liste aller ausländischen und staatenlosen Personen die in der Zeit zwischen 3.9.39 und 8.5.45 von deutschen Gerichten verurteilt wurden und hier eingesessen haben.“
-       Hans, Florian: Wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Die Erschießung von Deserteuren der Wehrmacht in Wuppertal 1940 - 1945, hrsg. vom Trägerverein Alte Synagoge Wuppertal e.V., Wuppertal 2017
-       Historisches Zentrum Remscheid: verschiedene Bestände
-       Inventar archivalischer Quellen des NS-Staates. Die Überlieferung von Behörden und Einrichtungen des Reichs, der Länder und der NSDAP, Teil 1, bearbeitet von Heinz Boberach, München, London, New York und Paris 1991
-       http://memoiredeguerre.free.fr/ph-doc/buhara.htm
-       https://brabantsegesneuvelden.nl/persoon/dick-winterdijk-den-haag-1918
-       www.gelderblom-hameln.de/zuchthaus/nszeit/auslhaeftlinge/schortinghuis.html

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Kommentare

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Johann Max Franzen am :

Herr Breidenbach, da haben Sie Recht. Leider wird nichts in der Ausstellung im Pferdestall über die Haftorte im Bergischen Land berichtet. Ich vermisse z.B. eine Aufstellung von den 23 erschossenen Deserteure der Wehrmacht in Wuppertal-Ronsdorf.

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