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1929: Sühne für Raubmord in Bliedinghausen

Mit dem Stadtfest „90 Jahre Großstadt Remscheid“ wurde am 10. August an die Eingemeindung Lenneps am 1. August 1929 erinnert. Dazu gehörte auch eine Art „Extrablatt“, von  einem „Zeitungsboten auf dem Rathausplatz den Besuchern angeboten, das in der vor 90 Jahren in Zeitungen üblichen Schrift (da ungewohnt, heute nur noch schwer zu lesen) Zeitungsberichte aus damaliger Zeit wiedergab. Dazu gehörte auch der folgende Bericht (Rechtschreibung im Original), der hinter dem heutzutage oft kritisierten Sensationsjournalismus nicht hintanstehen muss:

„Sühne für Raubmord in Bliedinghausen. 12 ½ Jahre Zuchthaus für den 20jährigen Paul Wieber. Ein grausiges Verbrechen, das mit einer entsetzlichen Gefühlsrohheit verübt sein muß, wurde am Vormittag des 11. April in der Rheinstraße in Rd.-Bliedinghausen entdeckt. Die im Hause Nr. 12 wohnende 64 Jahre alte Lebensmittelhändlerin Emma Meyer  wurde in der hinter ihrem Laden befindlichen Küche  blutüberströmt aufgefunden. Vor ihr auf dem Fußboden war eine große Blutlache und alles, was sich in der Nähe befand, wies zahlreiche Blutspritzer auf. Der hinzugerufene Arzt Dr. Rödmann leistete die erste Hilfe, und dabei stellte sich heraus, daß  die Frau ganz fürchterlich mißhandelt  worden war. Die Schädeldecke war zertrümmert, das Nasenbein eingeschlagen, auf dem Hinterkopf und an der Stirn befanden sich große Wunden, beide Augen waren blutunterlaufen, auch die Lippen blutig geschlagen, einige Zähne fehlten. Die Frau war bewußtlos und vermochte keine Auskunft über den Täter und die Tat  zu geben. Auf Anordnung des Arztes wurde sie schnell in die Krankenanstalten gebracht, und dort ist sie, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, am 16. April an den Folgen der erlittenen Verletzungen gestorben.

Bald nach Entdeckung der Tat erschien auch die Polizei, besichtigte den Tatort und stellte die ersten Ermittlungen an. Man gewann sofort die Ueberzeugung, daß ein ganz brutal ausgeführter Raub vorliege; die Ladenkasse stand offen, in der Küche waren Schränke und Schubladen durchwühlt und anscheinend nach Geld durchsucht worden. Einen Geldbetrag von 158 Mark in Hartgeld und Papiergeld, den man noch vorfand, hatte der Täter in der Hast liegen lassen. In dem Garten, etwa zehn Meter hinter dem Hause, wurde ein 24 Zentimeter großes Stück Eisenrohr gefunden, es war blutig und offenbar zu der Tat benutzt worden. Durch eine Untersuchung des Blutes wurde festgestellt, daß es Menschenblut war.

Die Nachforschungen nach dem Täter, an denen sich auch die Wermelskirchener und Elberfelder Kriminalpolizei beteiligten, führten bald zum Ziel; schon am 18. April konnte der 20 Jahre alte, schon wiederholt wegen Diebstahls bestrafte Schlosser Karl Wieber in Wermelskirchen in der Wohnung seiner Mutter als der Tat dringend verdächtig festgenommen werden. Er war mehrere Tage vor der Tat am Tatorte gesehen und beobachtet worden und war nach der Tat plötzlich verschwunden gewesen, auch war festgestellt worden, daß er in den letzten Tagen verhältnismäßig gut bei Kasse gewesen war, obwohl er arbeitslos war. Besonders verdächtig war auch, daß er in einem Geschäft 22 Mark Nickelgeld  in größere Münzen hatte umwechseln lassen, denn bei dem Raubüberfall war aus der Ladenkasse da§ Wechselgeld gestohlen worden.

Wieber wurde, wie es verabredet worden war, der Polizei in Elberfeld vorgeführt und dort von dem Kriminalkommissar Beermann vernommen. Den Grund seiner Verhaftung hatte man ihm, ebenfalls verabredetermaßen, verschwiegen. Auch Beermann fiel, als er ihn vernahm, nicht mit der Tür ins Haus, befragte ihn vielmehr zunächst, wo er in den letzten Tagen nach der Tat sich aufgehalten habe. Erst als Wieber, der sich ziemlich frech benah, durch unvorsichtige Bemerkungen selber sich verdächtig machte, kam er dem Zwecke der Vernehmung näher. Anfangs     leugnete  Wieber frech, etwas mit der Sache zu tun zu haben und erklärte, wenn der Kommissar ihn noch weiter mit verdächtigen Fragen belästige, werde er ihm überhaupt keine Antwort mehr geben. Als der Kommissar aber trotzdem weiter in ihn drang, ihm sagte, daß er schon so gut wie überführt sei und ihm nahelegte, nur durch ein reuiges Geständnis seine Lage zu verbessern, wurde er unsicher, und auf nochmaliges Zureden  gestand  er dann, daß er der Täter gewesen sei. Auf weiteres Befragen hat er anschließend daran die Tat in allen Einzelheiten geschildert und dieses Geständnis bei seinen späteren richterlichen Vernehmungen in vollem Umfange wiederholt."

Einige Tage vor dem Raubüberfall hatte er, um sich Geld zu verschaffen, schon auf dem        Wochenmarkt  in Remscheid einen  Diebstahl  ausgeführt. Er hatte beobachtet, wie eine Frau M., nachdem sie etwas gekauft hatte, ihr Portemonnaie in ihre Manteltasche steckte, war ihr nachgegangen und hatte ihr im Gedränge das Portemonnaie, das noch 19 Mark enthielt, aus der Tasche herausgeholt und gestohlen. Auch diese Tat, einen Diebstahl im Rückfalle, hatte er zugegeben.

Gestern, Mittwoch, stand er vor dem Schwurgericht, angeklagt des zuletzt erwähnten Rückfalldiebstahls, dann eines schweren Raubes mit Todeserfolg, der nach dem Gesetz mit Zuchthaus bis zu 10 Jahren oder mit lebenslänglichem Zuchthaus bestraft werden soll. Vor dem Richtertische stand ein von der Polizei angefertigtes Modell des Tatortes. Der aus der Untersuchungshaft vorgeführte Angeklagte machte einen fast  knabenhaften Eindruck, zeigt jedoch keine Spur von Reue. Auf Befragen erklärt er, daß er sein früheres Geständnis in vollem Umfang aufrecht erhalte. Danach schildert er seinen Werdegang.

Er ist in Wermelskirchen geboren und aufgewachsen und hat drei Geschwister, die erheblich jünger sind als er. Er hat acht Jahre die Volksschule besucht, aber wenig gelernt, weil er die Schule oft geschwänzt hat. Infolgedessen ist er sitzengeblieben. Nach Entlassung aus der Schule hat er wiederholt, angeblich von früheren Schulkameraden angestiftet, Schokolade und Zigaretten gestohlen, ist dafür bestraft und schließlich einer Fürsorge-Erziehungsanstalt überwiesen worden. Weil es ihm dort nicht gefiel, ist er vier- bis fünfmal ausgekniffen, dreimal aber freiwillig dahin zurückgekehrt, zweimal zwangsweise zurückgebracht worden.

Zu Ostern herum hatte er von der Anstalt einen achttätigen Urlaub bekommen, am 4. April sollte er sich wieder einfinden. Er kehrte aber nicht zurück und seiner Festnahme entzog er sich dadurch, daß er sich in verschiedenen Orten der Nachbarschaft herumtrieb. Etwas Geld hatte er von seiner Mutter bekommen, weitere zehn Mark verschaffte er sich, indem er ein Fahrrad versetzte. Allerhand Räubergeschichten, die er gelesen hatte, brachten ihn, als sein Geld alle geworden war, auf den Gedanken, sich neue Mittel durch einen  Gewaltakt  zu verschaffen, nämlich durch einen      Überfall auf Frau Meyer. In ihrem Laden hatte er öfter Zigaretten gekauft, er kannte die Oertlichkeit und die Gewohnheiten der Frau.

Schon am 8. April wollte er den Plan ausführen. Reger Verkehr auf der Straße hielt ihn aber davon ab. Zwei Tage später beging er dann den bereits erwähnten Taschendiebstahl auf dem Wochenmarkt in Remscheid. Mit den dabei erbeuteten 19 Mark fuhr er nach Barmen. Dort suchte er zwei alte Bekannte aus der Erziehungsanstalt auf und brachte mit ihnen zusammen das Geld auf der Kirmes durch. Nun stand er wieder mit leeren Taschen da, und wieder tauchte der alte, schon beinahe aufgegebene Plan auf, Frau Meyer zu überfallen. Seinen beiden Bekannten sagte er, er wolle sich Geld von seiner Mutter holen, er fuhr ab nach  Remscheid und begab sich vom Bahnhof nach Bliedinghausen. m 8. April habe er geglaubt, so fuhr er in seinem Geständnis vor Gericht fort, Frau Meyer durch einen Faustschlag wehrlos zu machen, als er aber auf dem Wege zu ihr an der Fabrik von Mannesmann auf einem Schutthaufen ein  eisernes Rohr erblickt habe, sei ihm dies als ein geeignetes Werkzeug erschienen, einen etwaigen Widerstand der Frau zu brechen, und er habe das Rohr mitgenommen. Um 9 Uhr 45 sei er am Tatorte angekommen. Die Straße sei menschenleer gewesen, die Gelegenheit also günstig. Im Laden sei niemand anwesend gewesen, er sei sofort durch die offenstehende Tür in die  Küche gelaufen und habe Frau Meyer dort  überfallen. Durch einen Schlag mit dem Eisenstück habe er geglaubt, sie  betäuben zu können, aber sie habe  u m           Hilfe geschrieen, und da habe er noch vier bis fünf Schläge mit dem Rohr auf den Kopf versetzt, bis sie still war. Daß er durch derartige Schläge mit dem schweren Eisen die Frau tödlich verletzen mußte, daran will er nicht gedacht haben; es sei ihm nur darum zu tun gewesen,  sie  bewußtlos zu machen.

Nach der Tat, sagte er, habe er das blutige Eisen durch das Fenster  in den Garten geworfen, sich seine blutigen Hände gewaschen und dann nach Geld gesucht. Auf dem Fensterbrett in der Küche hätten zwei Rollen Nickelgeld gelegen, er habe sie eingesteckt und dann die Ladenkasse durchsucht, in der sich aber auch nur wenig Geld befunden habe. Insgesamt habe er nur 45 Mark erbeutet. Es hieß, Frau Meyer habe mindestens 2000 bis 3000 Mark im Hause gehabt, Wieber blieb aber dabei, daß er nur 45 Mark mitgenommen habe. Er ist dann nach Barmen zurückgefahren und hat dort das kleine Geld in größere Stücke umwechseln lassen. Die ganze Beute will er mit seinen beiden Freunden in Barmen geteilt haben, jeder habe ein Drittel bekommen. Von der Herkunft des Geldes hätten sie nichts gewußt. Alle drei sind damit nach K ö l n  gefahren und haben es gemeinsam ausgegeben.

Der Staatsanwalt beantragte  lebenslängliche Zuchthausstrafe, Ehrverlust und Polizeiaufsicht, der Verteidiger bat, über die geringste zulässige Strafe  von zehn Jahren Zuchthaus nicht hinauszugehen. Das Gericht sah von lebenslänglicher Zuchthausstrafe ab, hielt aber andererseits mit Rücksicht auf die außerordentliche Rohheit und Verworfenheit, die Wieber an den Tag gelegt hatte, die geringste zulässige Strafe nicht für ausreichend, es erkannte wegen schweren Raubes auf zwölf Jahre Zuchthaus, wegen Diebstahls im Rückfalle auf 1 Jahr Gefängnis, gleich  8 Monate Zuchthaus, und bildete daraus eine Gesamtstrafe von  12 Jahren und  6 Monaten Zuchthaus. Es erkannte ferner auf  10 Jahre Ehrverlust  und Zulässigkeit der Stellung unter Polizeiaufsicht. Staatsanwalt und Angeklagter erkannten das Urteil an. Es ist damit rechtskräftig geworden.“

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