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Druckfrisch: Das erfundene Leben des Rolf vom Busch

von Viola Meike & Sarah Baldy

Schon seit vielen Jahren widmet sich das Stadtarchiv Remscheid im Rahmen historischer Bildungsarbeit der Darstellung nationalsozialistischen Unrechts an konkreten, auf Remscheid bezogenen Einzelschicksalen. Die Rekonstruktion dieser Schicksale bedingt häufig Recherchen im Internet, in deren Zuge vor einigen Jahren auch der Name Rolf vom Busch auftauchte. Dieser war Ende April 1936 vor dem berüchtigten Volksgerichtshof angeklagt worden wegen „Verleumdung des Führers“ und „Gräuelpropaganda“. Doch anders als zunächst vermutet, führte die Spurensuche nicht zu einem „klassischen“ Fall von Widerstand gegen das NS-Regime; die Recherche führte vielmehr zu einem Mann mit einer außergewöhnlichen Biografie, einem aus Remscheid stammenden Mörder und Hochstapler. Seine Geschichte spielt im Berlin der Weimarer Republik und im Wien der Nachkriegszeit:

Der wegen sexuellen Missbrauchs vorbestrafte Remscheider, der trotz hoher Intelligenz und vielfältiger Begabung nie einen Schulabschluss erringen konnte, arbeitete als Page in einem Berliner Hotel, gab sich aber stets als Adeliger, als Gouverneurs- oder Industriellensohn aus. Im Sommer 1932 geriet er unter Verdacht, den 16jährigen Strichjungen Kurt Schöning ermordet und grausam verstümmelt zu haben. Rolf vom Busch leugnete zunächst, gab die Tat aber schließlich zu und wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Man verdächtigte ihn ebenfalls, den in der Tatausführung identischen Mord an dem Gladbecker Abiturienten Helmut Daube im Jahre 1928 begangen zu haben. Dieser Mord gehört zu den spektakulärsten ungelösten Mordfällen der deutschen Kriminalgeschichte und erregte seinerzeit weltweit Aufsehen. Doch bevor die Täterfrage im Mordfall Daube wirklich abschließend geklärt werden konnte, kam es zu dem erwähnten Prozess vor dem Volksgerichtshof. Rolf vom Busch hatte behauptet, homosexuelle Kontakte zu zahlreichen NS-Größen, darunter zu Hitler selbst, unterhalten zu haben.

Die Verschärfung der Strafgesetze in der NS-Zeit führte dazu, dass Rolf vom Busch als verurteilter Sexualverbrecher entmannt wurde; später wurde er ins Konzentrationslager Mauthausen überstellt, was eigentlich eine Reise ohne Wiederkehr hätte sein sollen: er wurde mit vielen anderen der „Vernichtung durch Arbeit“ anheim gegeben. Doch Rolf vom Busch überlebte nicht nur Zuchthaus und KZ, er schaffte es auch, sich als eine Art Kronzeuge in den Dachauer Prozessen einen ewigen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern – zumindest in denen des Konzentrationslagers Wiener Neudorf. Seine neue Identität: Dr. Rolf Busch-Waldeck, Chirurg. Nach dem Krieg blieb er in Wien, lebte dort unter dem selbstgewählten Doppelnamen mit Doktortitel und gab sich fortan als Graf aus. Sein restliches Leben verbrachte er an der Seite einsamer älterer Frauen, denen er immer phantastischere Details aus seinem angeblichen Leben verriet.

Rolf vom Busch starb 1971 in Wien. Sein Grabstein auf dem Neustifter Friedhof trägt den Namen Dr. Dr. Rolf Graf von Busch-Waldeck. Das Stadtarchiv hat die Lebensgeschichte des Remscheiders in vierjähriger Arbeit zusammengetragen und verschriftlicht. Entstanden ist ein Buch mit 214 Seiten, das dem (seit einiger Zeit stark im Trend liegenden) Genre „True Crime“ zuzurechnen ist (ISBN 978-3-945763-86-5, Herausgeber: Bergischer Geschichtsverein Abteilung Remscheid e.V.; Stadt Remscheid, Stadtarchiv. Herstellung und Vertrieb: Bergischer Verlag RS Gesellschaft für Informationstechnik mbH & Co. KG). Diese Art der Geschichtsvermittlung in ungewöhnlichem Gewand bietet die Möglichkeit, auch jüngere Bevölkerungsschichten zu erreichen und sie auf eine archivische Spurensuche mitzunehmen.

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Nach Mitteilung des Bergischen Verlag ist das Buch ab sofort lieferbar.

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