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Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe warnen in Brief

Mehr als 30 Unterschriften trägt der Brief, den die Gruppe der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe in Remscheid an Kommunal- und Landespolitiker, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Remscheider Ratsfraktionen und -gruppen, Staatssekretärin Andrea Milz, Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz, Minister Dr. Joachim Stamp, NRW-Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration Integrationsausschuss NRW, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und an verschiedene Medien geschrieben haben. In diesem Brief berichten Ursula Wilms und die übrigen Unterzeichner über ihre Erfahrungen mit Geflüchteten in Integrationskursen. Es verstärke sich „der Eindruck, dass in den diversen Geschäftsmodellen der zahlreichen Bildungsträger nicht adäquat ausgebildete Lehrer tätig sind, die Fluktuation der Lehrkräfte ist hoch, da diese wechseln, wenn eine besser honorierte Arbeit angeboten wird.“ Rion Thema, das „von erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung ist“, so Ursula Wilms in ihrem Anschreiben. Der Waterbölles dokumentiert den Warnruf der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer nachfolgend.

„Sehr geehrte Damen und Herren,
im vergangenen Herbst haben ein Vertreter der Stadt Remscheid, Sven Wolf, und ein Vertreter des Integrationsausschusses des Landtags, Ibrahim Yetim, einen Gesprächstermin in der Wülfingstraße in Remscheid mit der Gruppe der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe wahrgenommen. Im Nachgang zu diesem Gespräch möchten wir Ihnen gerne einen Maßnahmenkatalog überreichen, der die aus unserer Sicht noch erforderlichen Schritte für eine gelingende Integration von Geflüchteten enthält. Wir greifen dabei auf unsere Erfahrungen aus der direkten ehrenamtlichen Arbeit mit vielen betroffenen Menschen zurück. Der Katalog erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Wir hoffen, dass Sie die Anregungen hieraus in geeignete Anträge in den Integrationsrat oder den Landtag einbringen können.

Wir sind uns sicher darin einig, dass die sprachliche und die gesellschaftliche Integration eines unserer Ziele ist, an dem wir gemeinsam arbeiten und damit nicht zuletzt auch den sozialen Frieden in unserem Land stärken wollen.

Die Integration ist eine Herausforderung, die bei vielen Akteuren und Betroffenen noch auf diverse Problematiken und Hindernisse stößt, sie ist zugleich ein Prozess, der immer wieder der Revision bedarf.

Aus unserer praktischen Arbeit mit den Geflüchteten haben wir vor allem zwei Handlungsfelder ausgemacht, in denen deutlich nachgebessert werden müsste:

  • Sprachliche Integration und Ausbildungsqualifikation
  • Berufliche Integration, Eingliederung in den Arbeitsmarkt

Vorab eine ganz wichtige Feststellung von unserer Seite: Entgegen vieler Vorurteile wollen der größte Teil der Geflüchteten ihren Lebensunterhalt selbstständig verdienen. Solange dieser Wunsch nicht umgesetzt werden kann, entgehen dem Land wichtige Ressourcen, Vorurteilen und Anfeindungen wird der Nährboden bereitet.

Sprachliche Integration

Die sprachliche Integration soll durch die Integrationskurse erreicht werden, in denen auch die deutsche Sprache vermittelt wird. Leider wird dieses Ziel häufig verfehlt. Dies ist auch den Mitgliedern des Integrationsrates bewusst, haben doch die Parteien zur Sitzung am 02.10.2019 Anträge zur Verbesserung der Situation gestellt.

Wir sind der Überzeugung, dass diese Kurse noch häufiger Anlass zur Überarbeitung geben werden und möchten daher unsere Erfahrungen mit einbringen. Aus unserer Sicht muss das Konzept in wesentlichen Zügen überarbeitet werden, vor allem sollte es besser an die Adressaten angepasst werden, d. h. die Inhalte müssen für sie nachvollziehbar werden.  Die Progression ist deutlich zu steil, besonders was die Übergänge von A2 zu B1 und von B1 zu B2 angeht.

Ein schlichter Vergleich macht das deutlich: in den öffentlichen Schulen wird ein B2 Niveau in der Regel nach der 10ten Klasse erreicht, in den Integrationskursen soll dies innerhalb von zwei Jahren erfolgen. Hinzu kommt, dass die Lehrwerke in den Schulen auf die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen abgestimmt sind. In den Integrationskursen wird jedoch nach dem Basiskurs die Lebenswirklichkeit der Geflüchteten schnell verlassen und sie werden mit Themen konfrontiert, die ihnen völlig fremd sind, die dazu in einer fremden Sprache präsentiert werden. Rasch macht sich bei vielen Frustration breit und die Chance der gelingenden Integration gerät in Gefahr.

Darüber hinaus verstärkt sich der Eindruck, dass in den diversen Geschäftsmodellen der zahlreichen Bildungsträger nicht adäquat ausgebildete Lehrer tätig sind, die Fluktuation der Lehrkräfte ist hoch, da diese wechseln, wenn eine besser honorierte Arbeit angeboten wird.

Die grammatischen Fachtermini, die bereits im Arbeitsbuch A2 verwendet werden, bleiben unverstanden, was nach einem Lehrjahr in einer fremden Schrift und Sprache auch kaum anders erwartet werden kann.

„Nominativ, Akkusativ oder Dativ? Markieren Sie die passenden Possessivartikel.“ 

Der Geflüchtete, der diesen A2 Kurs besucht, wird von dem betreuenden ehrenamtlichen Unterstützer als Analphabet eingestuft; es ist für ihn völlig unverständlich, warum der Geflüchtete einem A2 Kurs zugewiesen wurde. Die Prüfung wird er keinesfalls bestehen können. Dies ist kein Einzelfall, und damit ist nicht nur die Frustration des Teilnehmers, der Teilnehmer, groß, es werden auch unnötig Steuergelder verschwendet.

Während der oben abgedruckte Auszug noch auf allgemein bekannten Situationen basiert, müssen in den B1- und B2-Kursen Briefe geschrieben werden, die jenseits der Erfahrungs-welt der Teilnehmer liegen, die Briefe simulieren bereits deutsche Bürosituationen, die die Teilnehmer noch gar nicht kennen.

In einem B2-Kurs, in dem mit einem Lehrbuch vom Klett-Verlag gearbeitet wurde, sollte folgender Brief geschrieben werden: Herr X möchte sein Haus (Altbau) dämmen. Beantworten Sie seine Anfrage und erläutern Sie, warum er unseren Baustoff XY dazu nehmen sollte. Erläutern Sie die Vorzüge. (Aufgabenstellung aus dem Gedächtnis zitiert.) Auch die vorgelegten Zeitungsartikel entstammen nicht dem Erfahrungshorizont der Kursteilnehmer.

Die Lehrbücher stellen kein grammatisches Beiheft zur Verfügung, wie es bei Fremd-sprachenlehrbüchern an öffentlichen Schulen selbstverständlich ist. Die grammatischen Termini bleiben häufig unverstanden. Die grammatischen Kenntnisse bleiben punktuell und unstrukturiert. Viele Lehrbücher beinhalten dagegen eine Video- oder Audio CD, allerdings verfügen Kunden des Jobcenters nicht über Abspielgeräte, sinnvoller wäre hier eine App, die auf das Handy geladen werden kann. Diese App könnte auch Vokabellernprogramme etc. anbieten.

Besonders schwierig ist die Situation auch für alleinerziehende Mütter mit nicht schulpflichtigen Kindern. In Remscheid fehlen, wie fast überall, Plätze für die Kinderbetreuung. Wir wissen aber lediglich von einem Träger, der Frauenkurse, jeweils einen allgemeinen Integrationskurs mit Kinderbetreuung anbietet. Dies ist aus unserer Sicht zu wenig, als dass die Frauen an den für sie notwendigen Integrations- und Alphabetisierungskursen teilnehmen können.  Nur wenige Frauen sind in der Lage, die Betreuung ihrer Kinder sicherzustellen. Dies fällt selbst deutschen Eltern mit gesichertem sozialem Umfeld schwer. Idealerweise könnte diese begleitende Kinderbetreuung für die sprachliche Frühförderung genutzt werden. Damit würden auch die Grundschulen deutlich entlastet.

Aus unserer Sicht ist das Kurssystem ohne Berücksichtigung der Situation der Lernenden entworfen. Es ist auch so komplex, dass es für Betroffene unmöglich ist, sich einen eigenen Überblick von der Plausibilität und der Reihenfolge zu verschaffen. Die Seiten des BAMF dazu sind ausgesprochen anspruchsvoll, offensichtlich fällt es auch Mitarbeitern des Jobcenters schwer, das geeignetste Angebot herauszufinden. Hierzu mag man sich gerne selbst überzeugen:

http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Plakate/grafische-uebersicht-integrationskurs.pdf?__blob=publicationFile

http://www.bamf.de/DE/Willkommen/DeutschLernen/Integrationskurse/InhaltAblauf/inhaltablauf-node.html

Selbstverständlich sind wir keine universellen Experten, wir verstehen uns aber als Experten für die von uns begleiteten Geflüchteten. In unserem Team sind berufstätige Menschen aus verschiedenen Bereichen, ebenso wie pensionierte Lehrer und Ruheständler mit viel Lebenserfahrung. Aus dieser Sicht wollen wir die vorausgehenden Schilderungen verstanden wissen, aus dieser Sicht haben wir die ausgesprochenen Empfehlungen getroffen, die wir hier zur besseren Übersicht noch einmal systematisch auflisten:

  • Transparenz aller Maßnahmen für die Geflüchteten, wenn möglich Mitbestimmung
  • Berufsbezogene Kurse, nicht nur Antizipation eines deutschen Büroalltags
  • Sprachkurse mit Praxisanteil
  • Lehrbuchbegleitende Apps
  • Systematische Vokabellisten
  • Abstimmung der Lehrbuchthemen auf den Alltag der Lernenden
  • Ausrichtung der Lerngeschwindigkeit am Durchschnitt der Kursteilnehmer, nicht an der Lehrbuchvorgabe
  • Abgestimmte und angepasste Progression der Inhalte und Ziele
  • Kursbegleitende Kinderbetreuung
  • Frühförderung für nicht schulpflichtige Kinder, die keinen Kindertagesstättenplatz erhalten haben
  • Qualifiziertes und entsprechend honoriertes Lehrpersonal

Der Chef des Leibniz Instituts für deutsche Sprache, Henning Lobin, ebenso wie der Chef des Mannheimer Goethe Instituts, Ingo Schöningh, haben das Scheitern der Kursteilnehmer nach neuesten Untersuchungen sogar in einem noch höheren Prozentbereich feststellen müssen. Sie halten das Scheitern von 50 bis 95Prozent der Teilnehmer der Sprachkurse, ebenso wie wir, für äußerst bedenklich. (Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 21.11.2019) Diesem Bericht zufolge sieht das BAMF aber keinen Anlass, das Lernziel im allgemeinen Integrationskurs abzusenken. Es sieht offenbar nicht einmal Handlungsbedarf. Dies ist unvorstellbar und unverantwortlich den Betroffenen, dem Steuerzahler und dem Ziel der Integration gegenüber.

Selbstverständlich ist es wünschenswert, dass alle Zugewanderten die deutsche Sprache in einem gewissen Niveau beherrschen, dazu muss zumindest die Methodik dahingehend korrigieret werden, dass ein Bestehen zum Regelfall wird. Die Sprache ist und bleibt eines der wichtigsten Kriterien für die Integration.

Abschließend mag noch einmal ein Vergleich mit öffentlichen Schulen hilfreich sein. Wenn bei einer Klassenarbeit 50 Prozent nur die Note mangelhaft erreichen, so sollte die Arbeit wiederholt werden. Wenn aber 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler das Klassenziel nicht erreichen würden, so wäre das Anlass, das gesamte pädagogische Konzept zu hinterfragen. Die Eltern würden Sturm laufen.

Es scheint uns daher dringend erforderlich, hier grundlegend nachzubessern. Dies darf auch nicht an den Kosten scheitern, denn letztendlich wird es sogar rentierlich sein, wenn ein höherer Anteil der Geflüchteten aktiv am Arbeitsmarkt teilnehmen kann und die Integration gelingt.

Berufliche Integration, Eingliederung in den Arbeitsmarkt

Viele Geflüchtete, die in Deutschland ankommen, haben bereits Berufserfahrung in ihrem Heimatland. Natürlich sind nicht alle hochqualifizierte Fachkräfte, aber es sind Menschen mit handwerklichen, kaufmännischen oder anderen Fachkenntnissen und Erfahrungen.

Wir müssen anerkennen, dass die Ausbildungsgänge und Zugangsvoraussetzungen für Berufe in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich sind. Dies erschwert sicherlich die Anerkennung von Zertifikaten. Es kann aber nicht sein, dass erwachsene Menschen mit beruflichen Erfahrungen hier in eine Mühle aus Schulungen geraten, die praxisfern sind, ihre Fähigkeiten nicht treffen oder weit unter oder über ihrem Niveau liegen. Dies führt zu Frustration, Arbeitslosigkeit oder häufig wechselnden Aushilfsjobs. Nicht zuletzt belastet es auch den Steuerzahler.

Wir müssen Chancen entwickeln für Geflüchtete mit wenig oder gar keiner Schulbildung.  Diese Menschen sind oft äußerst praktisch begabt und haben in ihren Herkunftsländern schon als Kinder arbeiten müssen. Es mangelt ihnen nicht an Arbeitswillen, auch Verständnis für Arbeitsabläufe ist in den meisten Fällen vorhanden. An den theoretischen Anforderungen an der Berufsschule scheitern jedoch sehr viele!

Wir sehen daher die Notwendigkeit, für diese Geflüchteten Ausbildungsgänge mit dem Fokus auf der Praxis zu schaffen. Die schulische Ausbildung sollte auf das Nötigste begrenzt werden. Diese Maßnahmen könnten auch vielen deutschen "abgehängten" und schulmüden jungen Menschen helfen. Wir sind der Überzeugung, dass Integration so besser gelingen kann, und dass dies zu mehr Zufriedenheit auf allen Seiten führen kann. Somit sollte auch Fremdenhass weiter abgebaut werden.

Für die meisten Berufstätigkeiten sind auch digitale Arbeitsweisen selbstverständlich. Gerade hier jedoch bleiben viele Geflüchtete außen vor. Sie verfügen über keinerlei Hard-und Software, da sie nicht Teil des Grundbedarfes sind. Selbst wenn sie also in ihren Herkunftsländern digital gearbeitet haben, so werden sie jetzt sehr schnell abgehängt. Ein Handy, das über eine Vertragsbindung erworben werden kann, ersetzt diese Funktionen nicht.

Auch im Bereich der beruflichen Integration bedarf es also einer Nachbesserung der Maßnahmen. Wir schlagen daher vor:

  • Passgenaue, berufsbezogene Schulungen
  • Praxisorientierte Wortschatzarbeit und Sprachschulung
  • Praxisorientierte Abschlüsse, wie z.B. Kleiner Gesellenbrief
  • Unterstützung bei der Anerkennung von ausländischen Zertifikaten
  • Unterstützung bei der Digitalisierung
  • Adäquate Feststellung der Fähigkeiten und Fertigkeiten

Wir bitten Sie, unsere Anregungen aufzugreifen und in geeigneter Form in Ihrer politischen Arbeit umzusetzen.“

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