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Ausländische Widerstandskämpfer im Zuchthaus Lüttringhausen

von Armin Breidenbach

Wenn auch in den vergangenen Jahren verschiedene kleinere Beiträge über die Geschichte des Zuchthauses Lüttringhausen in den Jahren 1933 bis 1945 veröffentlicht wurden, teilweise auch im „Waterbölles“, so dürfte nach wie vor die Aussage des Wuppertaler Historikers Dr. Stephan Stracke gelten, dass über das Zuchthaus Lüttringhausen während des Nationalsozialismus bisher nur wenig bekannt ist. An Hand der heute im Landesarchiv NRW in Duisburg archivierten, allerdings nicht vollständigen „Gefangenenkartei der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen zur NS-Zeit“ kann geschätzt werden, dass dort in den Jahren 1933 bis 1945 insgesamt etwa 10.000 Häftlinge inhaftiert waren. Die Gesamtzahl der zwischen 1933 und 1945 dort inhaftierten politischen Häftlinge ist bis jetzt nicht bekannt; vermutlich waren es weit mehr als 1.000.

Verschiedene Dokumente belegen, dass dort während des Krieges insgesamt mehr als 1.000 ausländische Gefangene inhaftiert waren, die aus 20 Ländern stammten; darunter waren mehr als 400 Niederländer und 100 Belgier. Einige dieser Häftlinge haben nach dem Zweiten Weltkrieg in Buchform oder im Internet über ihren Widerstand gegen das NS-Regime und die spätere Haft berichtet, so zum Beispiel die deutschen politischen Häftlinge Hans Müller, Hermann Runge und Victor Weimer sowie die niederländischen politischen Häftlinge Theo Pordon und Derk Heero Schortinghuis.

Ferner existieren zwei Filme, die den Widerstand von zwei Männern gegen das NS-Regime thematisieren, die später wegen dieses Widerstands im Zuchthaus Lüttringhausen inhaftiert waren: Der Niederländer Piet Mathijssen, 1922 in Roosendaal geboren, wurde am 23. Oktober 1943 in seiner Geburtsstadt von den Deutschen festgenommen. Am 23. Juni 1944 wurde er in einem Massenprozess gegen insgesamt etwa 50 niederländische Widerstandskämpfer vom deutschen Luftgaufeldgericht verurteilt. Gerichtsherr war damals Friedrich Christiansen, der als Wehrmachtsbefehlshaber in den Niederlanden das Recht besaß, Gnadenerlasse auszusprechen oder die Urteile zu bestätigen. Insgesamt wurden in jenem Prozess 45 Todesurteile und vier Freiheitsstrafen verhängt; die Todesurteile wurden allerdings nicht vollstreckt. Mathijssen, der ebenfalls zum Tode verurteilt worden war, wurde – wie die meisten anderen Verurteilten aus diesem Prozess - noch im selben Jahr als „Nacht und Nebel“-Gefangener über die Strafanstalt Anrath in das Zuchthaus Lüttringhausen eingeliefert. Bereits am 2. November 1944 wurde er von dort in das Zuchthaus Hameln überführt. Piet Mathijssen überlebte die Haft in Hameln und gegen Kriegsende auch einen Todesmarsch. Mehmet Ülger und Astrid van Unen haben über sein Verfolgungsschicksal einen Dokumentarfilm produziert, dessen deutsche Fassung „Nacht und Nebel – die Geschichte meines Opas“ 2013 uraufgeführt wurde.

Der Belgier Gaston Vandermeerssche, 1921 in Gent geboren und 2010 in den USA gestorben, studierte zunächst an der Universität Gent, bevor er sich nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien (1940) zunächst nach Frankreich begab. Einige Zeit später kehrte er in seine Geburtsstadt Gent zurück, wo er bald im Widerstand gegen die deutschen Besatzer aktiv wurde. Unter anderem war er an der Verteilung der Untergrundzeitung „La Libre Belgique“ beteiligt. Nach dem Buch von Derk Heero Schortinghuis war es Gaston Vandermeerssche, der 1942 die Widerstandsorganisation „Dienst Wim“ gründete, der auch Schortinghuis selbst angehörte. Ziel dieser Organisation war es gewesen, in den Niederlanden politische, ökonomische und militärische Informationen zu sammeln und nach Großbritannien zu bringen.

Vandermeerssche, dem es gelang, unter dem Decknamen „Rinus“ ein Netzwerk von etwa 2.000 niederländischen und belgischen Informanten aufzubauen, wurde am 8. Mai 1943 festgenommen. Am 23. Juni 1944 wurde er im selben Massenprozess wie Piet Mathijssen und Derk Heero Schortinghuis - wegen Spionage - ebenfalls zum Tode verurteilt. Wenig später wurde er in die Strafanstalt Anrath überstellt, um von dort aus am 5. September 1944 in das Zuchthaus Lüttringhausen eingeliefert zu werden. Im Gegensatz zu Mathijssen und Schortinghuis wurde Gaston Vandermeerssche nicht im November 1944 in das Zuchthaus Hameln überstellt, sondern blieb in Lüttringhausen, wo er – wie die anderen Häftlinge auch - entsetzlich hungerte. Am 15. April 1945 wurde er dort durch amerikanische Truppen befreit; aus der Haft entlassen wurde er aber erst am 8. Mai 1945.

1988 veröffentlichte Allan J. Mayer einen Roman über Gaston Vandermeerssche mit dem Titel „Gaston’s War. A True Story of a Hero of the Resistance in World War II”. Auf Basis dieses Romans wurde einige Jahre später ein Spielfilm („Gaston’s War“) über Vandermeerssche und seinen Widerstand gegen die Nazis gedreht; dieser Film ist mittlerweile auf YouTube abrufbar.

Quellen:

  • Breidenbach, Armin: Antifaschistischer Widerstand im Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen/Der Massenmord in der Wenzelnbergschlucht am 13. April 1945, Hrsg.: Die Grünen, Kreisverband Remscheid, Selbstverlag Armin Breidenbach, Remscheid 1992
  • Mayer, Allan J.: Gaston’s War. A True Story of a Hero of the Resistance in World War II, Novato/USA 1988
  • Müller, Hans: „Führung gut – politisch unzuverlässig“. Lebensstationen eines Nazigegners aus O., hrsg. von Annemarie Stern, Oberhausen 1994
  • Runge, Hermann und Runge, Wilhelmine: Die Moerser SPD im Kampf gegen die Nazis, in: Der rote Großvater erzählt. Berichte und Erzählungen von Veteranen der Arbeiterbewegung aus der Zeit von 1914 bis 1945, hrsg. von Erasmus Schöfer mit der Düsseldorfer Werkstatt des Werkkreises und dem Werkkreis-Lektorat, 4. Aufl., Frankfurt/M. 1977, S. 177 – 191
  • Schortinghuis, D(erk) H(eero): Met de dood voor ogen, Bedum 2000
  • Stracke, Stephan: Die Morde in der Wenzelnbergschlucht, in: Lieselotte Bhatia und Stephan Stra>http://resolver.kb.nl/resolve?urn=urn:gvn:EVDO02:NIOD05_7426&role=pdf 
  • https://www.youtube.com/watch?v=Lpx9V2y0jZs 
  • http://www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de/mathijssen/mathijssen2.php

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Kommentare

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Jürgen Koball am :

Wenn ich richtig informiert bin, soll der damalige Anstaltsleiter (glaube Engelhardt) eine Vielzahl an Politischen als Kriminelle deklariert haben, um sie so vor dem sicheren Tod zu schützen.

Diedericke Maurina Oudesluijs am :

Ich habe einiges geschrieben (NL, bisher) über die Gruppe um DIENST WIM sowie ZENDERGROEP Barbara (beide Prozess in Haaren, 23.6.1944). Mein Vater war Mitglied im Dienst Wim, ist jedoch nie verhaftet worden (und war damals noch sehr jung). Die Mitglieder sind mit belgischen Medaillen ausgezeichnet worden.

Anita Schwerdtfeger am :

Frage: Gibt es Informationen über das Wachpersonal in den Jahren 1938 bis 1941? Mein Vater war in einem Außenlager des Zuchthauses Lüttringhausen tätig, so hieß es. Als er 1941 seine Versetzung in ein anderes Lager verweigerte, wurde er an die Ostfront geschickt und dort schwer verwundet. Ich wüsste gerne Näheres über seinen Einsatz in Lüttringhausen, ich habe ihn leider nie gefragt. Herzlichen Dank für Hinweise und Dokumentationen, falls es sie gibt!

Johann Max Franzen am :

Sehr geehrte Frau Schwerdtfeger, nach mir vorliegenden Unterlagen gab es zwei Außenkommandos und zwar das "Lager Homann-Werke" in Wuppertal und das Außenkommando "Vorwerk & Co." in Wuppertal-Barmen, sowie die Außenarbeitsstelle "Lager Neuenhof" in Remscheid-Neuenhof. Ferner die drei "Sprengkommandos" in Blankenstein, Ratingen und in Breitscheid. Weiter würde Ihnen das Buch von Armin Schulte "Zwangsarbeit in Remscheid 1939 bis 1945" helfen und vor allem Herr Armin Breidenbach, der "die Geschichte" des Zuchthauses Remscheid-Lüttringhausen intensiv erforscht.

Anita Schwerdtfeger am :

Sehr geehrter Herr Franzen, Ihre Antwort habe ich jetzt erst entdeckt, herzlichen Dank dafür und für Ihren Buchtipp. Von Herrn Breidenbach habe ich inzwischen auch gute Hinweise bekommen. Herzliche Grüße aus dem Norden.

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