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Fraglich, ob alle Gesetzesbrüche geahndet wurden

Geschichtlicher Rückblick von Prof. Dr. Jörg Becker auf das Kriegsende in  Remscheid und die Zeit unter US-amerikanischer Besatzung vom 15. April bis zum 23. Mai 1945

Teil 6: Klagen und Eingaben

Vorabdruck aus dem Buch "Remscheid 1945", das Ende des Jahres von Jörg Becker und Armin Breidenbach herausgegeben werden wird.

Am 29. April 1945 – also einen Tag vor Adolf Hitlers Selbstmord in Berlin – fragte ein Zahnarzt beim Besatzungsamt an, ob eine „Abhaltung der Remscheider Zahnärzteschaft“ erlaubt sei und ebenfalls im April 1945 klagte jemand darüber, dass „russische Zivilarbeiter“ einem Notar aus dessen Garage einen Pkw der Firma Auto Union, Modell „Wanderer“, gestohlen hätten (im Übrigen ein Mittelklassewagen aus gehobenem Niveau). Am 9. Mai 1945 erbat eine Holzwaren-Fabrik einen „LKW-(Holzgenerator)“, um zu den Holzlieferanten „im Sauerland, im Hessischen und in der Eifel“ fahren zu können: „Es wäre uns auch möglich, diese Fahrten gleichzeitig mit Fahrten für das Ernährungsamt zu verbinden.“, am 19. Mai 1945 bot eine Werkzeugfirma einer Metzgerei eine „Wurstfüllmaschine 20 Liter zum Preis von RM 450,00“ an und am selben Tag bat eine Volkspflegerin beim Gesundheitsamt um „ein Fahrrad aus den beschlagnahmten Wehrmachtsfahrzeugen“, da ihr Fahrrad gestohlen worden sei.

Am 3. Mai 1945 klagten die Stadtwerke, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser wegen Strommangel nicht klappt und am 4. Mai 1945 funktionierte auch die Gasversorgung nicht. Noch schlimmer kam es für die Bevölkerung am 16. Mai 1945. Knapp 1.000 Menschen litten an Durchfall. [1] Es gab nicht nur diese Energieprobleme, es gab auch einen erheblichen Mangel an Lebensmitteln, denn nicht anders ist es zu erklären, dass für den Zeitraum vom 27. April bis zum 3. Juni 1945 eine Liste über das zur Verfügung stehende Obst und Gemüse vorliegt. [2]

Den 8. Mai 1945, den VE-Day (also Victory in Europa Day) – Kriegsende und gleichzeitig Befreiung vom Faschismus – feierten die US-amerikanischen Besatzungstruppen in Remscheid genauso jubelnd wie kurz danach den 16. Mai 1945. An diesem Tag verabschiedeten die US-amerikanischen G.I.s mit einer großen Feier in Remscheid Colonel Harold H. McClune, den Regiments-Kommandanten ihres 376. Infanterie-Regiments. Am 23. Mai 1945 war die Besatzungsmacht in Remscheid von den USA auf Großbritannien gewechselt, doch natürlich gingen in Remscheid auch unter britischer Militärverwaltung dieselben Alltagsprobleme durchaus weiter. An diesem 23. Mai beantragte ein normaler, klassischer Remscheider Werkzeugmacher, seine frühere Geschäftstätigkeit in einem Keller durchführen zu dürfen und am 4. Juni 1945 beklagte sich ein Remscheider Bürger darüber, dass bei der Beschlagnahmung seiner Wohnung durch US-amerikanische Truppen „1 Damenunterkleid 10,00“ entwendet worden sei.  

Am 16. Juni 1945 bat ein Arzt um Erstattung einer offenen Rechnung an einen früheren Obersturmbannführer der SA, da fragte am 28. Juni 1945 ein Remscheider Bürger, wie er erfahren könne, „ob und wo meine Familie, Frau, Kinder, Enkel noch leben und wo sie sind“ und da beschwerte sich am 10. Juli 1945 eine Frau über die „unrechtmäßige Beschlagnahme eines Kraftrades“. Es sei beschlagnahmt worden durch einen „Italiener namens Hermann Marmai“. In seiner Begleitung habe sich ein „amerikanischer Oberleutnant“ befunden, doch beide hätten „Französisch miteinander“ gesprochen. [3]
Bei den hier erwähnten Vorfällen tauchen dreimal Übergriffe durch US-amerikanische Armeeangehörige auf. 1. In der Nacht vom 18. auf den 19. April überfielen US-Soldaten ein Pfarrhaus, setzten es in Brand und belästigten die dort lebenden Frauen. 2. Am 4. Juni klauten US-Soldaten Damenunterwäsche aus einem deutschen Haushalt. 3. Am 10. Juli beschlagnahmte ein US-amerikanischer Offizier in Remscheid ein Kraftrad, obwohl er dort nicht mehr stationiert sein konnte, da Remscheid inzwischen unter britischer Militärverwaltung stand und es fraglich ist, ob er noch das Recht hatte, Dinge zu requirieren. Drei Vorfälle von Gesetzesbrüchen und Kriminalität, zwei eindeutig sexuelle Vorfälle und zwei dieser Vorfälle fielen in die Zeit, als die US-amerikanischer Herrschaft in Remscheid schon beendet war. Wurden diese kriminellen Akte (Raub, Diebstahl, Brandstiftung, sexuelle Belästigung, Amtsanmaßung) je geahndet? Sind sie juristisch aufgearbeitet worden? Passen sie in das Bild von den guten Amerikanern als Befreier? Stimmt es, dass bei US-Soldaten neben NS-„Devotionalien“, Armbanduhren und Fotoapparate hoch im Kurs standen? Oder sind das nur antiamerikanische Vorurteile? Warum tauchen solche Vorfälle in den Dokumenten von 1945 nicht auf? Doch, auf privater Ebene tauchen sie auf. Da berichtete der Remscheider Bürger Karl-Heinz Bodet als eine Art Hausbursche bei US-amerikanischen G.I.s genau darüber, denn  er verdiente sich sein Essen bei ihnen, indem er ihnen „eine 08-Pistole mit 60 Schuss Munition“ und „ein HJ-Fahrtenmesser mit dem eckigen Hakenkreuzemblem“ anbot. [4]

 

[1] Vgl. StArchRem: D 100/9.  

[2] Vgl. StArchRem: D 100/10.

[3] Alle diese einzelnen Vorfälle stammen aus der Akte StArchRem: D 100/67a.   

[4] Bodet, Karl-Heinz: „Hausbursche“ bei den Amerikanern, in: Werkstatt der Erinnerungen (Hrsg.): „Der Hunger war das A und O“. Remscheid zwischen Kriegsende und Währungsreform, Remscheid: RGA-Buchverlag 2000, S. 79-81.

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