Skip to content

Vier Farben waren für Mützen verboten

Geschichtlicher Rückblick von Prof. Dr. Jörg Becker auf das Kriegsende in  Remscheid und die Zeit unter US-amerikanischer Besatzung vom 15. April bis zum 23. Mai 1945

Teil 5: Man kommt sich näher…

Vorabdruck aus dem Buch "Remscheid 1945", das Ende des Jahres von Jörg Becker und Armin Breidenbach herausgegeben werden wird.

Im offiziellen Bericht des 376. Infanterie-Regiments der US-Armee von 1945 tauchen erotische Beziehungen zwischen G.I.s und Frauen in Remscheid in einer uns heute nicht mehr akzeptablen sexistischen Sprache auf: „Da die hübschen und promiskuitiven deutschen Fräuleins für unsere G.I.s auf das Strikteste ‚off limits‘ waren, wanden sie ihre Aufmerksamkeit den Mädchen in den Lagern der Displaced Persons zu. Obwohl diese seit Jahren nicht mehr in Schönheitssalons gewesen sein konnten, waren sie oft sehr attraktiv. In verschiedenen Lagern wurde getanzt. Die Tanzmusik kam entweder von eigenen Orchestern aus den Lagern oder von unserer Band der 94. Division. Die Amerikaner lernten es schnell so zu tanzen wie die Europäer und einige der Mädchen lernten sogar unseren Jitterbug-Tanz.“[1]   

Wenn es nicht so völlig absurd wäre und auch weil es eigentlich darum ging, das Tragen alter NS-Mützen zu verbieten, so bleibt trotzdem festzuhalten, dass es Ende 1945 in Remscheid eine Mützen-Ordnung gab, die das Tragen bestimmter Mützen unter Strafe stellte, nämlich eine „Prohibition of Wearing of any Form of Military Headdress by German Civilians“. Verboten waren der „Schirmmützen-Typ“, der „Lagermützen-Typ“ und der „Einheitsmützen-Typ“. „Eine solche Einheitsmütze ist eine Mütze, wie sie beim Ski-Fahren benutzt wird; sie ist aus weichem Material und hat einen Schirm. Folgende Farben sind verboten: Feldgrau, Khaki, Schwarz und dunkelblau.“[2]  

Erst für den 2. Juni 1945 verzeichnet eine Akte aus dem Aktenkonvolut „D 100 Besatzungsamt“ im Polizeigefängnis in der Uhlandstraße 1 drei politische Gefangene, nämlich Albert Esser, Johann Spehn und Hans Neumann.[3] Von diesen Gefangenen konnte Johann Spehn gut identifiziert werden. Er wurde um 1899 geboren und soll 1944/45 an der Misshandlung von Otto Hergerten, Otto Lambeck und Heinrich Limpert beteiligt gewesen sein. Bis zum April 1945 war Spehn stellvertretender Ortsgruppenleiter der NSDAP-Ortsgruppe Remscheid-Schüttendelle. Laut einem Zeitungsbericht wurde Spehn im August 1949 vom Schwurgericht Wuppertal wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu einer Gefängnisstrafe von acht Monaten verurteilt.[4] Albert Esser bleibt im Dunklen, doch für Hans Neumann steht fest, dass er sowohl Mitglied der NSDAP als auch der SS gewesen war.  

Sind die wöchentlichen Polizeiberichte von 1945 voll von Berichten über Straßenraub, Schafdiebstählen und Einbrüchen, so taucht für den 11. Oktober 1945 zwischen einem Bericht über geklaute Milchschafe und 11 Doppelzentner Mehl ein Polizeibericht über eine öffentliche Versammlung der KPD und SPD vom Vortage im „Gefolgschaftsraum“ der Mannesmann-Röhrenwerke auf: „Der Redner wies auf die Misswirtschaft der letzten 13 [!] Jahre durch den Nationalsozialismus hin. Er schilderte die Vorbereitung des imperialistischen Krieges durch die Nazis. Gegeißelt wurde insbesondere das Verhalten der Hochfinanz, die einerseits den Nazis diesen gewaltigen Aufschwung durch finanzielle Unterstützung ermöglicht hätte, andererseits der größte Nutznießer des Nazisystems unter Ausbeutung der werktätigen Massen gewesen sei.“[5] Mit anderen Worten: Die polizeiliche Bespitzelung von Kommunisten und Sozialdemokraten in der NS-Zeit fand nach 1945 ihre lückenlose Kontinuität – möglicherweise durch ein und dieselben Polizeibeamten!   

[1]United States Army: History of the 376th infantry regiment between the years of 1921-1945" (1945). World War Regimental Histories. 94 (= http://digicom.bpl.lib.me.us/ww_reg_his/94. S. 198 (Abruf am 29. Januar 2020). Der Jitterbug-Tanz ist seit den zwanziger Jahren ein bei Afro-Amerikanern beliebter Swing. Daraus folgt, dass es in Remscheid viele afro-amerikanische G.I.s gegeben haben muss.   

[2]Vgl. StArchRem: D 100/121b.

[3] Vgl. ibid., D 100/13.

[4] Vgl. Rhein-Echo (Ausgabe Remscheid), 6. August 1949.

[5] StArchRem: D 100/13.  

 

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!