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Kleine Fabrik stellte noch 88-mm-Geschossteile her

Geschichtlicher Rückblick von Prof. Dr. Jörg Becker auf das Kriegsende in  Remscheid und die Zeit unter US-amerikanischer Besatzung vom 15. April bis zum 23. Mai 1945

Teil 7: Waffen und Gewalt,
Mord und Totschlag

Vorabdruck aus dem Buch "Remscheid 1945", das Ende des Jahres von Jörg Becker und Armin Breidenbach herausgegeben werden wird.

Der Frühling/Frühsommer 1945 war in Remscheid gewaltig und zwar im wortwörtlichen Sinn. Zwar lag die große Zerstörung Remscheids durch ein britisches Bombardement in der Nacht vom 30. auf den 31. Juli 1943 schon lange zurück, doch vereinzelte Bombardierungen gab es noch im Frühjahr 1945. Am 15. März 1945 wurde Remscheid ganztägig bombardiert und am 19. März 1945 – also nur rund 4 Wochen vor der Befreiung durch US-Truppen – wurde das Amtsgericht in Lennep durch einen Volltreffer vernichtet und bestand Ende April eigentlich nur noch aus zwei Privatzimmern bei einem Kaufmann in der Schwelmerstraße 38 [1]. Im gesamten Deutschen Reich war in den Anfangsmonaten 1945 Gewalt das herausragende Thema: Mit 1,35 Mio. toten deutschen Soldaten nur in den Monaten Januar bis April 1945 summierten sich diese Toten auf ein Drittel aller im Zweiten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten und das zu einem großen Teil auf deutschem Boden. [2]  

Auch in Remscheid ergeben sich Mord und Totschlag für diesen Zeitraum aus vielen Dokumenten. Ist es das Dornröschen-Schicksal von einem verschlafenen und tumben Remscheid Hinter-den-Sieben-Bergen oder sind es bewusste Remscheider NS-Unternehmer, die den Einmarsch der US-Armee am 15. April nicht mitbekommen haben? Man weiß das nicht. Aber da heißt es in der offiziellen Regimentsgeschichte des 376. US-Infanterie-Regiments, halb schmunzelnd, halb ironisch: „Die meisten Betriebe lagen still. In Remscheid aber wurde eine kleine Fabrik entdeckt, die noch munter Teile für deutsche 88-mm-Geschosse herstellte. Niemand hatte hier die Einstellung der Produktion angeordnet.“ [3]

In einem ersten öffentlichen Aufruf des kommissarischen Oberbürgermeisters Georg zur Hellen vom 21. April 1945 „An alle Remscheider Einwohner“ ging es nicht nur um Ausgehzeiten bis um 20 Uhr, sondern detailliert auch um eine Waffenabgabe bis spätestens bis zum 24. April. Und nur wenige Tage später, nämlich am 23. April, wurde das Städtische Museum aufgefordert, eine Liste aller Museumswaffen zu erstellen. [4]

Zwischen dem 15. und 25. April wurde ein Triebwagen der Stadtwerke „von Ostarbeitern erbrochen“. [5] Im Wochenbericht der Remscheider Polizei wurden für die Woche vom 21. bis 27. Mai 1945 insgesamt 126 Strafen notiert. Davon u. a.: Straßenraub 10, Einbrüche 18, Viehdiebstahl 16, einfache Diebstähle 13, Fahrraddiebstähle 15 und 4 Selbstmorde. Hilflos notiert die Polizei zum Schluss ihres Berichtes: „Sollte das eingeschlagene Tempo betreffs Diebstähle so anhalten, so wird in Kürze der Großviehbestand in Remscheid vollständig aufgebracht sein.“ [6]          

Guckt man sich für den Zeitraum der US-amerikanischen Besatzung von Remscheid z. B. das Sterbebuch von Lennep[7] an, dann ergeben sich folgende statistische Werte. Im Zeitraum zwischen dem 16. April und 24. Mai gab es insgesamt 60 Tote. Davon waren „nur“ 29 Menschen eines natürlichen Todes gestorben. Einige Tote waren an schlimmen Seuchenkrankheiten gestorben: an Fleckfieber, an TBC oder an Auszehrung. Wieder andere waren noch Kriegsopfer, und zwar insgesamt 20: „Herzschuss, Feindeinwirkung“, „Bauchschuss“, „Granatsplitterverletzungen mit nachfolgendem Gasbrand“, „Schädelschussbruch“, „multiple Granatsplitterverletzungen, Brust, Rücken, Abriss beider Unterschenkel“ oder „Panzergrenadierverwundungen erlegen“. Es gab drei Selbstmorde, und bei zwei Toten vom 3. Mai 1945 heißt es „erschossen von Fremdarbeitern“. Einer dieser Toten war ein Unteroffizier Walter Zimmer, der andere war ein Obergefreiter Heinz Teuber. Waren sie unvorsichtigerweise noch in Uniform herumgelaufen? War es ein politischer oder ein normaler Raubmord? Warum gab es am 25. April 1945 einen Antrag der Polizei an das Besatzungsamt auf Freigabe der „Leiche eines Russen im Lager der Fa. Edmund Nohl, der an Methylalkoholvergiftung verstorben ist“? [8] Und was war mit der Ermordung durch „mehrfache Rumpfschüsse“ der „Ostarbeiterin Jestofinija Kowno“ aus Demitroka im sogenannten Lager Kammgarn in der Wülfingstraße 1 am 15. April, also genau am Tag des Einzugs US-amerikanischer Truppen in Remscheid? Wurden alle diese Morde polizeilich erfasst und juristisch aufgearbeitet? So unklar alle diese Todesfälle sind, so bleibt aber nüchtern festzuhalten, dass es vereinzelten unkontrollierten Waffenbesitz gab.

Harmlos gegenüber Mord und Totschlag ist eine Beschwerde der Evangelischen Gemeinde Remscheid an den Oberbürgermeister vom 28. Juli. Da nimmt eine leitende Kindergärtnerin daran Anstoß, dass italienische Zwangsarbeiter das Kindergartengelände durch „fortgesetztes Durchschreiten und Herumliegen empfindlich stören.“ [9]

Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, die wahrlich noch bis zum März 1945 geführt wurden, wussten sehr genau über die Verzweiflung der Bevölkerung Bescheid. Ende März 1945 hielten sie fest: „Die Nachfrage nach Gift, nach einer Pistole und sonstigen Mitteln, dem Leben ein Ende zu bereiten, ist überall groß. Selbstmorde aus echter Verzweiflung über die mit Sicherheit zu erwartende Katastrophe sind an der Tagesordnung.“ [10] 

[1] StArchRem: D 100/7. </a>&nbsp;</p>
[2] Vgl. dazu Overmans, Rüdiger: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, München: Oldenbourg 2009.</p>

[3]Vgl. United States Army: History of the 376th infantry regiment between the years of 1921-1945" (1945). World War Regimental Histories. 94 (= <a href="http://digicom.bpl.lib.me.us/ww_reg_his/94">http://digicom.bpl.lib.me.us/ww_reg_his/94</a>. S. 198 (Abruf am 29. Januar 2020).</p>
[4] Vgl. StArchRem: D 100/9.&nbsp;</p>
[5] Vgl. ibid.&nbsp;</p>
[6] StArchRem: D 100/13.</p>
[7]Vgl. StArchRem: Sterbebuch. Standesamt Lennep, Jahrgang 1945.</p>
[8] StArchRem: D 100/9.</p>
[9] Vgl. StArchRem: D 100/34.&nbsp;</p>
[10]Boberach, Heinz (Hrsg.): Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lagebrichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938.1945. Bd. 17,

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