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Bei Kriegsende 9.000 Zwangsarbeiter in der Stadt

Geschichtlicher Rückblick von Prof. Dr. Jörg Becker auf das Kriegsende in  Remscheid und die Zeit unter US-amerikanischer Besatzung vom 15. April bis zum 23. Mai 1945

Teil 8: Feindbild Russland und „Russenguthaben“ (I)

Vorabdruck aus dem Buch "Remscheid 1945", das Ende
des Jahres von Jörg Becker und Armin Breidenbach
herausgegeben werden wird.

Feindbilder haben keinen wahren Kern. Vielmehr speisen sie sich aus verzerrten und selektiven Wahrnehmungen; sie gehorchen angstbesessen Projektionen. Das Feindbild Russland – mit oder ohne Antikommunismus – war das wichtigste Bindeglied zwischen deutschem Faschismus und Westdeutschland. In der NS-Zeit bedeutete Heinrich Himmlers widerliche Broschüre „Der Untermensch“ [1]on 1942 den nicht zu übertreffenden Höhepunkt eines antirussischen und antikommunistischen Feindbildes. Hatten die USA die Befreiung Deutschlands lange Zeit zusammen mit der alliierten UdSSR geführt und hatten die USA anfangs noch oft links-liberale Besatzungsoffiziere, darunter auch viele deutsch-jüdische Intellektuelle aus den USA, nach Westdeutschland geschickt, so kippte dieser US-amerikanische Antifaschismus schon bald nach 1945 in einen Antikommunismus um. Das hing in den USA auch mit dem Präsidentschaftswechsel zusammen. Der links-liberale Präsident Franklin D. Roosevelt war am 12. April 1945 kurz nach der Jalta-Konferenz gestorben und seine Nachfolge hatte der konservative Antikommunist Harry S. Truman übernommen.

Auch in Remscheid zeigte sich dieser alt-neue Antikommunismus in Form von Russenfeindlichkeit im Alltag recht deutlich. Da heißt es beispielsweise im Polizeibericht über einen Straßenraub und den Diebstahl eines Schafes am 1. Juni 1945: „Der Tatausführung nach kann wohl angenommen werden, dass die Täter in beiden Fällen Russen sind.“ [2] Für die Woche vom 25. Juni bis zum 1. Juli 1945 heißt es: „Für die Viehdiebstähle kommen sehr wahrscheinlich Russen in Betracht. Es sind jedoch nicht alle Fälle restlos aufgeklärt.“ Ganz ähnlich der Tenor in einem Bericht für die folgende Woche: „Auch in diesem Fall dürfte es sich bei den Tätern um Russen, die in dem Lager in Ronsdorf untergebracht sind, handeln.“[3] Es handelt sich also bei diesen Fällen nicht um Fakten, sondern um polizeioffizielle Vermutungen, Unterstellungen und Wahrscheinlichkeiten im Konjunktiv.

Im gesamten Deutschen Reich gab es 1945 10,8 Mio. Zwangsarbeiter und laut Bericht des 376. Infanterie-Regiments der US-amerikanischen Armee waren es im Gebiet Wuppertal, Remscheid, Lennep und Lüdenscheid 30.000; sie lebten dort in insgesamt 198 Lagern.[4] Nach dem Bericht des 376. Infanterie-Regiments waren die Lebensumstände in diesen Lagern furchtbar: „Familien lebten mit Dutzenden anderer Menschen zusammen auf engstem Raum, und zwar in kleinen, stinkenden, ungelüfteten, dunklen und verlausten Räumen.“

Von den ungefähr 9.000 Zwangsarbeitern, die sich am Ende des Zweiten Weltkriegs in Remscheid aufhielten, war die sowjetische Gruppe aus Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern mit einer Anzahl von rund 2.500 Menschen die größte.[6] Und weil diese Gruppe in Remscheid so stark war, mussten alle öffentlichen Verlautbarungen der US-amerikanischen Militärregierung auch in russischer Sprache plakatiert werden. Auch im Remscheider Polizeigefängnis stellten die Russen die bei weitem größte Gruppe der dort inhaftierten Personen. Laut Aufnahmebuch[7] gab es in diesem Gefängnis 1944/45 364 russische Männer und 168 russische Frauen, also 532 Menschen.[8] Die meisten Gefangenen stammten aus der Ukraine bzw. aus den von der Deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten.

Arbeitsausweis von Natalia Kostenko 1945. Foto: Stadtarchiv SolingenNicht alle Gefängnisinsassen waren aus Remscheid, sondern auch aus dem bergischen Umland. So saßen dort auch Zwangsarbeiter aus Solingen ein. Hier seien vier Beispiele herausgegriffen: Maria Bondarenko (geb. am 1. Mai 1924 in Charkow/Ukraine), die als Zwangsarbeiterin bei der Firma Rautenbach arbeitete, einem zentralen Rüstungs- und NS-Musterbetrieb, Nadja Bakutina (geb. am 23. Januar 1925 in Smolensk/Russland), die als Zwangsarbeiterin bei der Solinger Firma Rob. Hermes beschäftigt war oder die beiden Arbeiterinnen Sara Orlowa (geb. am 4. Oktober 1925 in Saporoske/Ukraine) und Natalia Kostenko (geb. 25. Juni 1923 in Alexandrowka), die beide in den Zwillingswerken der Firma J. A. Henckels arbeiten mussten. Als Ursachen für die Festnahmen im Remscheider Polizeigefängnis galt „Arbeitsvertragsbruch“ – was auch immer hinter diesem Begriff für eine scheußliche NS-Rechtsfigur gestanden haben mag.       

Wie sehr Russen verhasst waren, zeigt auch die Ermordung einer rumänisch-sowjetischen Familie am 15. April 1945, also dem Tag des Einzugs US-amerikanischen Truppen in Remscheid. Im sogenannten Lager Kammgarn in der Wülfingstraße 1 wurden vier Leichen einer Familie gefunden: der Ehemann Karl Batzina aus Rumänien, seine Ehefrau Ljubo Batzina (geb. Savhorodnja) aus dem ukrainischen Pavlograd und ihre beiden Babys Karl, 1 ½ Jahre alt und Johannes, 9 Monate alt. Doch dieser Eintrag aus dem Lenneper Sterbebuch hält nur dünne Fakten fest, gibt aber keine Auskunft über die Täter und ist nicht mit einer Akte über strafrechtliche Ermittlungen durch die Polizei zu verwechseln.           

Zahlreiche Remscheider Augenzeugen berichteten in ihren persönlichen Aufzeichnungen von russischen Übergriffen. So berichtete z. B. eine Bürgerin: „Es ist gegen Abend. Plötzlich auf der Straße großes Geschrei: ‚Die Russen plündern’. Da kommen die ersten Russinnen und haben Säcke voll Mehl, Zucker und Gott weiß was für Sachen. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen, da wir nicht wissen, wie sich der Amerikaner dazu stellt. Wir müssen also zusehen, wie die Geschäfte ausgeraubt werden. Sollen wir denn jetzt den Russen wehrlos ausgeliefert sein? […] Jetzt waren 12 Russen da. Mit Stöcken werden sie von den Männern der Nachbarschaft vertrieben.“[9] Auch im Tagebuch einer anderen Frau taucht die Russenangst auf. Da schrieb sie am 20. April 1945: „Noch ist der Krieg ja nicht zu Ende, wie der Kampf gegen den Bolschewismus weitergetragen wird, darüber wird die Zeit entscheiden,“[10] Deutlich schwingt bei ihr noch der Rettungsgedanke einiger NS-Politiker mit, man könne ja gemeinsam mit dem Westen nun gegen die UdSSR weiterkämpfen. Am 26. April 1945 gab ein Remscheider Bürger dem Besatzungsamt folgenden Fall bekannt. „Die von der deutschen Wehrmacht [bei der Neyetalsperre] zurückgelassenen etwa 20 Baracken sind von Russen belegt. Die Russen haben sich mit Gewehren ausgerüstet und sollen im Niederschlagsgebiet die Jagd ausüben und mit Handgranaten in der Trinkwassertalsperre Fische fangen. Die umliegenden Dörfer sollen von diesen Russen – etwa 2 – 300 Personen – Tag und Nacht sehr belästigt werden. [Ein Zeuge] hat gesehen, dass sich die Leute im Staubecken waschen, dass Knochen- und Fleischreste im Becken herumschwimmen und sonst in der Nähe des Barackenlagers große Unordnung und Unsauberkeit herrscht.“[11] Laut Tagesbericht der Polizei gab es am 1. Juni 1945 einen weiteren Konflikt mit Russen: Da hatten nämlich unbekannte Russen deutsche Passanten überfallen.[12]Doch hat sich die oben erwähnte Bürgerin wohl folgende Fragen gestellt: Waren Russen in den Remscheider Lagern nicht ebenfalls ihrem Schicksal „wehrlos ausgeliefert“? Hat die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion angegriffen oder die Sowjetunion das Deutsche Reich? Was ist Ursache, was ist Wirkung? Hätte ein Normalbürger wissen oder ahnen können, dass im NS-Stammlager 326 in Stukenbrock-Senne zwischen 1941 und 1945 rund 60.000 sowjetische Kriegsgefangene zu Tode gekommen waren?[13]   

[1] [1] Vgl. Himmler, Heinrich (Hrsg.): Der Untermensch, Berlin: Nordlandverlag 1942.

[2] StArchRem: D 100/13. 

[3] [3] StArchRem: D 100/13.

[4] United States Army: History of the 376th infantry regiment between the years of 1921-1945" (1945). World War Regimental Histories. 94 (= http://digicom.bpl.lib.me.us/ww_reg_his/94. S. 197 (Abruf am 29. Januar 02020).

[5] Ibid. 

[6] Zu diesen Zahlenangaben vgl. Schulte, Armin: „Die Arbeitskraft dieser Leute muss in größtem Maße ausgenutzt werden.“ Zwangsarbeit in Remscheid 1939-1945, Remscheid: Stadt Remscheid und Bergischer Geschichtsverein 2003, S. 104; generell zur Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen vgl. Streit, Christian: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Bonn: Dietz 1997; vgl. jüngst auch Scherbakowa, Irina (Hrsg.): Für immer gezeichnet. Die Geschichte der „Ostarbeiter“ in Briefen. Erinnerungen und Interviews, Berlin: Chr. Links Verlag 2019.     

[7] Vgl. StArchRem: Aufnahmebuch des Polizeigefängnisses Remscheid für den Zeitraum vom 1. März 1944 bis zum 14. April 1945. [8] Bei der Summierung auf insgesamt 532 Menschen ist aus methodischen Gründen Vorsicht geboten, da manche Männer und Frauen mehrfach in das Polizeigefängnis eingeliefert wurden. Es könnten also 1944/45 auch weniger russische Männer und Frauen im Polizeigefängnis Remscheid inhaftiert worden sein.

[8] Bei der Summierung auf insgesamt 532 Menschen ist aus methodischen Gründen Vorsicht geboten, da manche Männer und Frauen mehrfach in das Polizeigefängnis eingeliefert wurden. Es könnten also 1944/45 auch weniger russische Männer und Frauen im Polizeigefängnis Remscheid inhaftiert worden sein.

[9] Zit. nach Arbeitskreis Friedenserziehung der GEW (Hrsg.): Remscheid 1933-1945, Remscheid o. J., S. 28f.   

[10] Jäger, Lieselotte: „Das Allerschwerste ist nun vorbei“, in: Werkstatt der Erinnerungen (Hrsg.): „…als rundherum die Bomben fielen.“ Die Zerstörung Remscheids vor 50 Jahren, Remscheid: Bergischer Geschichtsverein 1993, S. 83-84; hier: S. 84.  

[11] Zit. nach StArchRem: D 100/9.

[12] Vgl. StArchRem: D 100/9. 

[13] Vgl. dazu Streit, Christian: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Bonn: Dietz 1991. 

[4] United States Army: History of the 376th infantry regiment between the years of 1921-1945" (1945). World War Regimental Histories. 94 (= http://digicom.bpl.lib.me.us/ww_reg_his/94. S. 197 (Abruf am 29. Januar 02020).

 

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