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Ostarbeiter-Steuer ließ fast nichts mehr übrig

Geschichtlicher Rückblick von Prof. Dr. Jörg Becker auf das Kriegsende in  Remscheid und die Zeit unter US-amerikanischer Besatzung vom 15. April bis zum 23. Mai 1945

Teil 9: Feindbild Russland und „Russenguthaben“ (II)

Vorabdruck aus dem Buch "Remscheid 1945", das Ende
des Jahres von Jörg Becker und Armin Breidenbach
herausgegeben werden wird.

Was sich im Frühjahr 1945 auf der lokalen Ebene von Remscheid abspielte, galt auch für das gesamte Deutsche Reich. In den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS findet man für den 7. Februar 1944 den folgenden Eintrag: „Immer stärker empfinde die Bevölkerung den Russen und sein Land als ein unberechenbares und triebhaftes Element, welches sich mit gewaltiger Wildheit und Lebenskraft auf Europa zu stürzen drohe und deshalb bis zum letzten vernichtet werden müsste.“ [1] Nicht anders als in diesen NS-Geheimberichten heißt es über das Frühjahr 1945 bei gegenwärtigen Fachhistorikern: „Gerüchte und Nachrichten über die exzessive Gewalt russischer Soldaten auch gegen die Zivilbevölkerung, darunter  Massenvergewaltigungen, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.“ [2]

Doch eine kleine Zahl anderer Remscheider Augenzeugen berichtete mit Empathie für Russen. Da heißt es über russische Zwangsarbeiter noch während der NS-Zeit beispielsweise mitfühlend: „Russen wurden schlechter behandelt als Tiere. Sie wurden mit Lebensmitteln so knappgehalten, dass sie selbst in Mülltonnen nach Essbarem suchten. Wurden sie ertappt, schlugen die Wachsoldaten sie, bis Blut spritzte.“ Oder: „Wie eine graugelbe Masse strömten die Russen abends unter Bewachung ins Lager zurück. […] Es war schlimm, dass man sich schämte, Deutscher zu sein.“ [3] 

In Bezug auf die Interpretation von NS-Verbrechen an Russen, Polen und Juden gab es mit dem Buch „Vordenker der Vernichtung“ von Susanne Heim und Götz Aly 1991[4] einen Paradigmenwechsel. Nicht länger kann es mit dem Mainstream der deutschen Historiker seither angehen, den deutschen Faschismus mit Hass, Rassismus, Wahnsinn, Feindbildern usw. zu psychologisieren und zu erklären. Stattdessen hatten sowohl der Holocaust als auch die militärischen Eroberungen von Polen und der UdSSR handfeste ökonomische Motive.
Und was oben für das Deutsche Reich als ökonomische Ausbeutungsstrategie von Russen galt [5], galt auch unten bei der Ökonomie der Ausbeutung von „Ostarbeitern“ in Remscheid (und anderen Kommunen). Da gilt es zunächst festzuhalten, dass das NS-Regime die Entlohnung von Zwangsarbeitern unterschiedlich nach nationaler Zugehörigkeit geregelt hatte. Während Westeuropäer in der Regel wie Deutsche bezahlt wurden, erhielten die „Ostarbeiter“ am wenigsten. Alle Lagerarbeiter mussten für Übernachtung und Verpflegung 1,50 Reichsmark bezahlen. Zusätzlich dazu mussten Sowjetbürger eine sogenannte Ostarbeiter-Steuer bezahlen, so dass ihnen vom Lohn fast nichts übrigblieb. Nach Berichten einer Remscheider Firma kamen russische Arbeitskräfte 1942 bei einem Stundenlohn von 60 Pfennigen auf einen Monatslohn von etwa 20 Reichsmark [6]. Auf gut Deutsch: Die Remscheider Metallindustrie hatte an den Zwangsarbeitern gut verdient, allen voran die Bergische Stahlindustrie (BSI), die Deutschen Edelstahlwerke (DEW), das Alexanderwerk, die Barmer Maschinenfabrik (Barmag), die Dowidat-Werke, die Mannesmannröhren-Werke, die Ortlinghaus-Werke und die Firmen Rhewum, Vaillant und Wülfing. [7] 

 

[1] Boberach, Heinz (Hrsg.): Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938.1945. Bd. 16, Herrsching: Pawlak 1984, S. 6304.

[2] Overmanns, Rüdiger: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, München: Oldenbourg 2009, S. 299. 

[3] Zit. nach Wunder, Olaf: Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in Remscheid, in: Mahlke, Michael (Hrsg.): Remscheid in der Zeit des Nationalsozialismus, Remscheid: RGA-Verlag 1995, S. 159-169; hier: S. 161.

[4] gl. Aly, Götz und Heim, Susanne: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Hamburg: Hoffmann und Campe 1991; 2013 als erw. Neuausgabe im Frankfurter Taschenbuchverlag erschienen.

[5] Die sehr differenzierten ökonomischen Dimensionen der Zwangsarbeit arbeitet gut heraus Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Bonn: Dietz 1999.  

[6] Vgl. zu diesen Zahlen Schulte, Armin: „Die Arbeitskraft dieser Leute muss in größtem Maße ausgenutzt werden.“ Zwangsarbeit in Remscheid 1939-1945, Remscheid: Stadt Remscheid und Bergischer Geschichtsverein 2003, S. 73ff.   

[7] Vgl. ibid., S. 59. 

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