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Von einem interessanten Vierergespann

Geschichtlicher Rückblick von Prof. Dr. Jörg Becker auf das Kriegsende in  Remscheid und die Zeit unter US-amerikanischer Besatzung vom 15. April bis zum 23. Mai 1945

Teil 14: Ein interessantes Vierergespann.
Vorabdruck aus dem Buch "Remscheid 1945", das Ende
des Jahres von Jörg Becker und Armin Breidenbach
herausgegeben werden wird.

Neben Erich Hoch war in den ersten Tagen nach der Machtübernahme durch die USA besonders das Vierergespann Ernst Zulauf, Albert Issel, Max Blank und Max Dominicus politisch aktiv. Das war ein interessantes Vierergespann: Ernst Zulauf und Albert Issel waren Kommunisten, Max Blank war Sozialdemokrat und Max Dominicus war ein liberaler Unternehmer. [1]

Der Schriftsetzer Albert Issel (1896-1957) war als Kommunist von 1919 bis 1929 Stadtverordneter und arbeitete als Aquisiteur für die „Bergische Volksstimme“. In der NS-Zeit konnte er sich politischen Repressionen entziehen. Am 15. Mai 1945 – also unter US-amerikanischer Herrschaft – nahm er als Delegierter der KPD an der 1. Sitzung des neuen Verwaltungsbeirats teil. Im Mai 1946 wurde Issel nach parteipolitischen Querelen zum ehrenamtlichen Leiter des Ernährungsamtes A (Erfassung der Lebensmittel) ernannt.[2] Am 22. Juni 1946 taucht Albert Issel in den Akten als Vorsitzender einer Gruppe von „Antifaschistischen Gewerbetreibenden Remscheids“ auf. Er wollte sich bei seinem guten KPD-Freund, Genossen und Oberbürgermeister Gustav Flohr dafür verwenden, dass zu den Schutträumaktionen nur Nationalsozialisten herangezogen werden sollten: „Wenn diese Menschen heute zur Schutträumaktion herangeholt würden, dann ist dieses gerecht. Falsch ist es, die Schuttarbeiten von allen Schichten des Volkes durchführen zu lassen. Solch ein Unrecht wird noch größere Verbitterung hervorrufen, besonders bei den vielen Gewerbetreibenden, die Gegner der Nazis blieben.“[3] Ohne dass aus dieser Akte hervorgeht, wie Gustav Flohr dieses Problem beurteilt hat, ist anzunehmen, dass er die Position von Albert geteilt hat.

Der Kommunist Ernst Zulauf (1878-1960) war Schriftleiter der „Bergischen Volksstimme“ und bis 1928 Stadtverordneter der KPD. 1930 wurde er aus der KPD ausgeschlossen und trat in die KPD[4] über. In der NS-Zeit war er wegen Hochverrats in verschiedenen Gefängnissen eingekerkert. Nach den Erinnerungen seiner Parteigenossin Luise Paul war „Ernst Zulauf mit anderen Genossen den Amerikanern im April 1945 auf der Bliedinghauser Straße mit weißer Fahne entgegengegangen, damit in Remscheid nicht mehr gekämpft wurde.“[5] Auch Zulauf nahm als Delegierter der KPD an der 1. Sitzung des neuen Verwaltungsbeirats am 15. Mai 1945 teil. Später leitete er das Fürsorgeamt in Remscheid und arbeitete als Journalist für die KPD-Zeitung „Freiheit“.

Der Arbeiter Max Blank (1879-1974) war Gewerkschafter und Sozialdemokrat. 1933 war er Stadtverordneter im Rat der Stadt Remscheid. In der NS-Zeit war er mehrfach in Haft. Nach 1945 war er Beigeordneter und später Leiter des Wohnungsamtes. Auch Max Blank hatte an der Sitzung des neuen Verwaltungsbeirates am 15. Mai 1945 teilgenommen.     
Es waren diese Drei Issel, Zulauf und Blank, die direkt nach der Machtübernahme durch das US-amerikanische Militär sozialistisch aktiv wurden. Außer ihnen hatte als vierter im Boot auch Max Dominicus an der 1. Sitzung des neuen Verwaltungsbeirats am 15. Mai 1945 teilgenommen. In dieser „Vierergruppe“ war er möglicherweise die spannendste Persönlichkeit, da er ja Fabrikant und Unternehmer war.

[1] Max Dominicus war nicht Mitglied der NSDAP.

[2] Vgl. Vgl. StArchRem: D 100/121b.

[3] Zit. nach StArchRem: D OB 1/11, Blatt 42.

[4] Der kommunistische Politiker Heinrich Brandler (1881-1967) war im Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht organisiert. Anfang der zwanziger Jahre war er in Moskau in der Leitung der Komintern und der Gewerkschaftsinternationale tätig und stand von 1921 bis 1923 zusammen gemeinsam mit August Thalheimer der KPD vor. Weil sie u. a. die Sozialfaschismus-These und die bedingungslose Unterordnung unter die sowjetisch dominierte Komintern ablehnten, wurden Brandler und Thalheimer Ende 1928 aus der KPD ausgeschlossen und gründeten die Kommunistische Partei Deutschlands-Opposition (KPD-O). Die KPD-O forderte ein einheitliches Handeln von SPD und KPD und kritisierte die Unterordnung der KPD unter den Führungsanspruch der KPdSU. Ihr gehörten viele Intellektuelle wie Wolfgang Abendroth (später Universität Marburg) oder Theodor Bergmann (später Universität Hohenheim) oder kreative Querköpfe wie Änne Wagner aus Solingen an. Grundlegend und sehr fundiert vgl. zu Brandler: Becker, Jens: Heinrich Brandler. Eine politische Biographie, Hamburg: VSA 2001 und Bergmann, Theodor: „Gegen den Strom“. Die Geschichte der KPD (Opposition), Hamburg: VSA 2001. Änne Wagner, einfaches Parteimitglied der KPD-O, hat erstmals 1988 ihre Autobiographie veröffentlicht und damit ein tief beeindruckendes und identitätsstiftendes Werk von der gesamten Arbeiterbewegung im Bergischen Land hinterlassen. Vgl. Wagner, Änne: Gegen den Strom?
Lebenserinnerungen 1904-1945, Solingen: Stadtarchiv 2000.

[5] Zit. nach Faeskorn, Ilse: Es ging um Kopf und Kragen. Leben und Widerstand von Hugo und Luise Paul, Remscheid: Eigenverlag 1998, S. 73.

 

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