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Sein eigenwilliger Humor war gewöhnungsbedürftig

von Dr. Wilhelm R. Schmidt

Liebe Freunde des Bergischen Landes, liebe Lenneper,
dieser Tage war ich wieder einmal „am Ausmisten“ historischer Bestände, die ich vor knapp zwanzig Jahren u.a. vom „Lemper Koch“ übernommen hatte. Der Genannte bezeichnete sich ja selbst bewusst immer wieder als „Lennepsammler“, womit er ausdrücken wollte, dass das Sammeln und Besitzen von Lennep betreffenden Dokumenten und Gegenständen ihm weit mehr am Herzen lag als die fachhistorische Beschäftigung damit. Über Jahrzehnte stand dieser Herr in der ganzen Bundesrepublik mit Anbietern von „Lennepensien“ in Verbindung und gab beim Erwerb tausender Einzelstücke dafür viel Geld aus.

Er sammelte allerdings auch zunächst Wertloses, z.B. Einzelstücke historischer und zeitgenössischer Presseprodukte. Man weiß ja nie, welche Erkenntnisse man daraus irgendwann einmal gewinnen kann. Beim Ausmisten von Kochs alten Kartons stieß ich jetzt auf eine Extraausgabe der Bergischen Morgenpost aus dem Jahre 1993, in der ein Artikel über ein lange Zeit sehr bekanntes „Lenneper Original“ enthalten war. Ich selbst hatte in meinem Text- und Bildband „Aus dem Alten Lennep“ (2004, 2007 u. weiter) das Thema „Lenneper Originale“ behandelt und zahlreiche Beispiele aus früherer Zeit dargestellt. Ein ausgesprochener Renner waren über Jahre hinweg auch meine dazu gehörigen Lenneper Stadtführungen.

Der gennannte Artikel aus der Extraausgabe der Bergischen Morgenpost im Jahre 1993 schilderte ein „Lenneper Original“, das ich bisher nicht berücksichtigt hatte, obwohl mir dessen Familie aus der Kindheit bekannt war. Dies wollen wir hier und heute nachholen, gerne auch deshalb, weil es sich bei dem schildernden Autor „Kurt vom Drieselshäuschen“ um einen Jugendfreund von mir handelt, den viele Remscheider Leser eher unter seinem wirklichen Namen Rolf Lotzmann kannten. Er war lange Zeit vor Ort als Lokalreporter tätig und verfasste u.a. eine Unmenge kleinerer Arbeiten zum Thema „Lenneper Straßen“. Bei unserem heutigen Thema war sozusagen die untere Kölner Straße dran, da wo die Splittergasse auf sie trifft und sich seit 1976 die Lenneper Altstadtgalerie Wroblowski befindet. Die dick gedruckte Überschrift in der Extraausgabe der Bergischen Morgenpost lautete damals: „Wer mit großen Scheinen bezahlte, bekam von „Alli” haufenweise Kleingeld zurück“.

Folgen wir nun dem Text von Kurt vom Drieselshäuschen alias Rolf Lotzmann, der sich übrigens sein Pseudonym nach dem Ort seiner Kindheit ausgesucht hatte. Er wohnte nämlich wie auch ich am heutigen Mollplatz, vor dem früheren „Lüttringhauser Tor“, wo der Lenneper Überlieferung nach einst ein drehbarer Pranger gestanden haben soll, das Drieselshäuschen.

„Wer hat nicht schon vom „Schnidder Halsöverkopp", vom „Schlüffken" aus der Jägergasse und von dem Girlanden-Verkäufer „Aapen-Matthias" aus der Splittergasse gehört, der seine verkauften Girlanden nachts wieder abnahm und sie am nächsten Tag erneut anbot. Zu den „Typen”, die jeder kannte, gehörte auch Ernstfred Allmacher, der meist „Alli" genannt wurde. „Alli” betrieb ein Lotto/Toto- und Zigarrengeschäft in der Lenneper Altstadt an der Ecke Splittergasse/Kölner Straße. Sein eigenwilliger Humor wurde nicht von jedem geteilt; aber alle, die den Lenneper, der seine Heimatstadt über alles liebte, näher kannten, hatten ihn „einfach gern". Von und über „Alli" gibt es viele Geschichten; sie alle zeugen von seiner Fähigkeit, spontan zu handeln, gepaart mit urigem „Mutterwitz". An einige Episoden soll hier erinnert werden; vielleicht erkennt sich der eine oder die andere hier wieder.

Und nun die Erzählchen:

Ein Italiener, bereits seit Jahrzehnten in Lennep ansässig, „stürmte" vor Jahren an einem Freitag in den (wieder einmal) völlig überfüllten kleinen Laden, und rief aus der dritten Reihe nach vom: „Alli - ich brauche ein Paket Streichhölzer." So als hätte er nur auf diesen „Großauftrag” gewartet, ließ „Alli" auf der Stelle alle übrigen Kunden Kunden sein, verschwand in den schier unergründlichen hinteren Räumen, die als Lager, Küche und Aufenthaltsraum genutzt wurden, kramte dort lange herum, kam schließlich mit hochrotem Kopf, ein großes, schweres Paket in den Händen, wieder in den Laden und nannte dem völlig verblüfften Kunden den Preis für die hunderte von Streichholzdöschen, die sich in dem Paket befanden. „Ja aber,” stotterte der Italiener verlegen, „ich wollte doch nur ein Döschen.” „Nein,” erwiderte „Alli” verschmitzt, „Du hast ein Paket Streichhölzer verlangt.”

Ein anderes Mal kam eine elegant gekleidete Dame in den Laden und gab einen Lottoschein mit vier ausgefüllten Reihen ab. Als „Alli” ihr den zu zahlenden Betrag nannte, kramte sie demonstrativ in ihrer Handtasche und reichte „Alli” dann, ziemlich „von oben herab” einen sehr großen Geldschein, wobei sie, ohne eine Miene zu verziehen, säuselte: „Ich hab’s nicht kleiner.” Auch „Alli” verzog keine Miene: Er verschwand wieder im hinteren Raum und kam kurz darauf mit einem Bündel gerollter Pfennigstücke zurück, zerschlug die Rollen, begann die Münzen abzuzählen und erklärte der Dame: „Ich hab’s leider nicht größer. Ich muss Ihnen den Rest in Pfennigen rausgeben.” Die Dame sah’s mit Schrecken, hatte plötzlich den Betrag passend und verschwand — auf Nimmerwiedersehen.

Ein Lenneper Geschäftsmann kam einst zu „Alli” und verlangte eine Kiste Zigarren. Der Preis würde keine Rolle spielen, nur „leicht” sollten die Zigarren sein. Ohne aufzublicken griff „Alli” hinter sich, schnappte sich eine Zigarrenkiste, wog sie prüfend in der Hand und meinte: „Ich glaube, die sind leicht genug.”

„Alli” verkaufte damals auch Fahrausweise für die Stadtwerke; die ausgewählte Strecke musste mit einem Rotstift eingezeichnet werden. Je länger die Strecke, je teurer die Karte, je höher der Verdienst von „Alli”. Eines Tages kam eine Kundin und verlangte eine Fahrkarte für die Strecke von der Emil-Nohl-Straße zum Bismarckplatz. „Alli” fragte bauernschlau: „Über Kremenholl oder Gerstau?” Völlig konsterniert erwiderte die Kundin, was sie denn in Kremenholl oder Gerstau solle. „Das weiß ich auch nicht. Aber dann würde ich mehr Geld verdienen,” gab „Alli” ehrlich zu.

Leider verstarb Ernstfred Allmacher, gerade mal viereinhalb Jahrzehnte alt. Einige Lenneper denken oft an „Alli” zurück. Zu bemerken bleibt noch, dass „Alli” wohl erblich vorbelastet war: Sein Großvater, der das Geschäft an „Alli” übergab, war auch ein Spaßvogel der besonderen Sorte. So verschenkte er zuweilen Bonbons, die er zuvor in Salz gewälzt hatte ... auch der Verfasser dieser Zeilen kam einst in den Genuss von Opas präparierten „Süßigkeiten” - Ihr Kurt vom Drieselshäuschen.!

Liebe Freunde des Bergischen Landes, liebe Lenneper, soweit der Bericht über ein seinerzeit bekanntes Lenneper Original. Die damalige Zeitung enthielt natürlich auch viele Werbeanzeigen. Hier ein Beispiel für eine Lenneper Einkaufszone mit historischem Bezug zum Kreishaus. Noch historischer soll es ja nun werden, wenn das geplante Designer Outlet Center (DOC) direkt an die Lenneper Altstadt grenzt. Nun, schaun mer mal, dann sehn mer schon, wie positiv dies wirken wird ...

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