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"Die ersten türkischen Zuwanderer waren schon viel weiter!"

Von Dr. Christian Henkelmann, Kultur- und Schuldezernent der Stadt Remscheid

Angesichts "brauner" Trittbrettfahrer zum Diskussionsthema „Teilnahme von muslimischen Mädchen am Sport- und Schwimmunterricht“ scheinen mir einige klärende Worte angebracht, um meine Grundhaltung zu verdeutlichen:

  1. Remscheid ist mit über 100 verschiedenen Nationen eine internationale, exportstarke, vielsprachige Stadt, zu der auch die muslimischen Türken eine absolute Bereicherung darstellen!
  2. Die Türkei, auch Anatolien, die ich viele Male bereist habe, ist mit ihren gastfreundlichen, höflichen, warmen und liebenswerten Menschen ein reizvolles bezauberndes Land. Türken werden aufgrund ihrer Sauberkeit und Disziplin nicht zu Unrecht „Preußen des Orients“ genannt. Türkische Literatur (z.B. Nazim Hikmet), Musik (z.B. Cemal Resid Rey) und Philosophie (z.B. der türkische Sufismus, Rumi etc.) sind für mich wie jeden Interessierten ein Erlebnis.
  3. Auch die türkischen Bürger in Remscheid sind fleißige, ehrenhafte und liebenswerte Menschen mit Stolz und Familiensinn. Das Zusammenleben mit ihnen läuft nach dem Motto „Leben und leben lassen“ weitgehend reibungslos. Wer wie ich muslimische türkische Freunde hat, weiß, dass er sich in jeder Lebenslage auf deren Freundschaft und Hilfsbereitschaft verlassen kann.
  4. Auch ich persönlich empfinde vieles, was Türken als „zu freizügig“ beurteilen – wie z.B. die Bauchfrei-Mode oder angesichts von knappsitzenden Hüftjeans entblößte Hirschgeweih-Tattoos über dem weiblichen Steißbein – als geschmacklos und als eine hoffentlich vorübergehende Modetorheit. Andererseits halte ich in einer entsexualisierten westlichen Gesellschaft, in der Schwedinnen das Recht auf Topless-Schwimmen im öffentlichen Hallenbad gerichtlich erstreiten, Schwimm-Burkas (Ganzkörper-Verhüllungen beim Schwimmen) für lächerlich. Aber das alles gibt es und kann es geben – in einem friedlichen und toleranten gesellschaftlichen Miteinander.
  5. Ich muss und will aber prinzipiell davon ausgehen, dass diese kulturelle Vielfalt von allen, die in Deutschland dauerhaft leben wollen, ertragen, bejaht und geduldet wird, sonst würde man sich ja nicht Deutschland als dauerhaften Lebensort aussuchen wollen. Nach meinen Lebens- und Reiseerfahrungen ist es beispielsweise in Anatolien undenkbar, dass ein Mädchen bauchfrei herumläuft oder Bikini trägt oder nach ihrer körperlichen Reife mit Jungen in einem Schulraum gemeinsam unterrichtet wird. So sind die „anatolischen Verhältnisse“, die in einem islamischen Land wie der Türkei im agrarisch orientierten Anatolien mit einer nach wie vor sehr ländlich und einfach lebenden Bevölkerung zur Normalität gehören. In der Weltstadt Istanbul, zumindest im europäischen Teil, ist das Modeverhalten und Toleranzverständnis der Bevölkerung ein gänzlich anderes und wesentlich liberaleres.
  6. Was die Stellung der Frau in Deutschland angeht, hat die deutsche Schule einen klaren staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag: Erziehung und Heranbildung von Mädchen zu selbstbestimmten autonomen Menschen. Dazu gehört die Aufklärung über die Sexualfunktionen des Körpers ebenso wie die Teilnahme am Sport- und Schwimmunterricht.
  7. Nun kollidiert der deutsche schulische Bildungs- und Erziehungsauftrag angeblich mit der staatlich zugesicherten Religionsfreiheit. Zu dieser Kollision haben deutsche Gerichte mit ihrer widersprüchlichen Rechtsprechung teilweise kräftig beigetragen. Die von muslimischen Eltern zur Abmeldung ihrer Kinder vom Schwimmunterricht in Anspruch genommene deutsche Religionsfreiheit gibt es auf Seiten des Islam so nicht. Der von den Eltern im konkreten Remscheider Fall eingeschaltete Anwalt schreibt in einem islamischen Internetforum: „Der Islam ist eine normative Religion. Der Erwerb eines gesunden Rechtsbewusstseins ist die Pflicht eines jeden Muslims“ (DelikanForum.net).
  8. Es steht also schulischer Bildungs- und Erziehungsauftrag gegen „gesundes muslimisches Rechtsbewusstsein“. Dabei ist der Islam keineswegs eine so normative Religion. Denn richtig betrachtet erfolgte seine Auslegung seit dem Tode des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert historisch-kritisch in den so genannten „Haditen“, Text- und Überlieferungssammlungen von Taten und Aussprüchen des Propheten. Entstanden aus der Notwendigkeit, über den Koran hinaus angemessene Quellen zur Bestimmung der richtigen Verhaltensweise zu erhalten. Die ersten Hadit-Sammlungen waren der Art, dass sie die einem bestimmten Überlieferer zugeschriebenen Hadite (wörtlich: Mitteilungen) enthielten (mussad-Werke). Im 9. Jahrhundert setzte sich die durch die praktischen Bedürfnisse der Rechtssprechung bedingte Anordnung nach Sachgebieten durch, die das Auffinden eines bestimmten Hadit erleichterte (musannaf-Werke). Die berühmteste Hadit-Sammlung ist das Werk as-Sahih („Das Richtige“) von al-Buhari. Mit ihm werden fünf weitere Sammlungen zu den kanonischen Werken des Hadit gezählt Alle sechs Sammlungen sind als musannaf-Werke angelegt, welche ein breites Spektrum auch an zeitgemäßen modernen Auslegungsmöglichkeiten zulassen – insbesondere auch was die schamhafte Bedeckung der Frau anbelangt. Insofern ist das rechtsanwaltlich eingeforderte „gesunde Rechtsbewusstsein“ eines Muslims sehr gestaltungs- und interpretationsfähig.
  9. Hierin liegt auch die Chance eines dialogischen Aufeinanderzugehens von Muslimen und Interessenwahrern des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags. Wie ich bereits im Herbst 2003 in meinen Integrationsthesen gefordert habe, ist es hohe Zeit, dass an den Schulen in deutscher Sprache mit an deutschen Universitäten ausgebildeten Religionslehrern islamischer Religionsunterricht erteilt wird, um gesellschaftsspalterischen fundamentalistischen Auslegungen entgegentreten zu können.
  10. Die erste türkische Zuwanderergeneration war schon viel weiter als heutige Streitigkeiten über die Teilnahme von muslimischen Kindern und Jugendlichen am Schwimmunterricht erahnen lassen. Die Nicht-Teilnahme von türkischen Kindern am Schulunterricht war bei den türkischen Familien, deren Kindern (Mädchen wie Jungen) ich als studentischer Nachbar kostenlosen Nachhilfeunterricht gab, gar kein Thema. Das speist meine Zuversicht, dass es gelingen müsste, mit vernünftigen und für ihre Kinder fortschrittlich denkenden Muslimen eine Vereinbarung zu erzielen, die dem schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrag ebenso entgegenkommt wie den religiösen Gefühlen der muslimischen Eltern. Um das zustande zu bringen,  brauchen wir in Remscheid keine ungebetenen Zaungäste vom rechten Rand.

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Kommentare

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Lothar Kaiser am :

Eine Neuauflage der "Schwimm"-Diskussion ist das nicht - und wird es auch nicht werden, darum werde ich mich bemühen. Die Gedanken des Remscheider Kulturdezernenten gehen weit über den Einzelaspekt "Schwimmen" hinaus, betreffen das Miteinander von Deutschen und Türken viel grundsätzlicher. Und deshalb besteht keine Veranlassung, eine Diskussion hierüber zu unterbinden. Vielleicht wird es ja eine Diskussion auf höherer Ebene. Vorsorglich sei gesagt: Demagogen und Ideologen bitte draußen bleiben!

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