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Der preußische Kronprinz im Handelshaus Hasenclever

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In der preußischen Heeresreform hatte Gerhard von Scharnhorst unter dem Eindruck der Niederlage gegen Napoleon ab 1807 das Militärwesen neu organisiert. Seit 1813 galt deshalb in Preußen die allgemeine Wehrpflicht, die mit dem „Gesetz über die Verpflichtung zum Kriegsdienst“ vom September 1814 gesetzlich verankert wurde. Damit waren alle preußischen Untertanen ab dem vollendeten 20. Lebensjahr zum Dienst in Heer oder Marine verpflichtet. Die aktive Dienstzeit betrug drei Jahre. Dieser Verpflichtung musste sich auch Ernst Hasenclever stellen und so verzeichnete seine Mutter in ihrer „Epochentabelle“ unter dem 5. August 1832: „Vormittags reisten David und Ernst nach Düsseldorf, der Militär-Pflichten von ihm und Richard wegen.“ 41

David Hasenclever kümmerte sich frühzeitig um die Militärbelange seiner beiden Söhne Ernst und Richard (1813 – 1876), denn es gab für sie die Option, ihre Dienstzeit bedeutend zu verringern. Diese sollten sie auf jeden Fall nutzen, denn so standen sie schneller wieder für den „Dienst“ im Familienunternehmen zur Verfügung. „Jungen Leuten von Bildung“, wie es die „Deutsche Wehrordnung“ von 1822 formulierte, stand die Möglichkeit einer Verkürzung der aktiven Dienstzeit zu. Sie dienten dann als sogenannte „Einjährig- Freiwillige“. Wobei der Ausdruck „Freiwillige“ irreführend war, den auch sie waren zur Leistung des Dienstes verpflichtet. Um diese Verkürzungsangebot in Anspruch nehmen zu können, mussten bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Erforderlich waren die freiwillige Meldung zwischen dem 17. und 20. Lebensjahr und der Nachweis der „wissenschaftlichen Befähigung“. Diese konnte entweder mit Hilfe von Schulzeugnissen oder in einer besonderen Prüfung nachgewiesen werden. Die Prüfung erstreckte sich auf drei Sprachen (Deutsch und zwei Fremdsprachen) sowie Geographie, Geschichte, Literatur, Mathematik, Physik und Chemie.

Als weitere Voraussetzung musste der jeweilige Vormund eine Erklärung abgeben, dass er für die Ausrüstung, Einkleidung und den Unterhalt während der Dienstzeit des Kandidaten selber aufkommen würde. Je nach Truppenteil waren diese Kosten unterschiedlich hoch und lagen 1814 zwischen 58 und 214 Talern. Diese Kosten für Ausstattung und Unterkunft stellten den Gegenwert des Jahresverdienstes eines Handwerkers dar. Die Entscheidung, bei welchem Truppenteil die Dienstpflicht zu leisten war, lag in der Regel beim Einjährig-Freiwilligen. Die vielen Voraussetzungen für den Antritt als Einjährig-Freiwilliger erfüllten in der Regel nur die Söhne des wohlhabenden Bürgertums und somit war Ernst für diese Form der Wehrpflicht natürlich besonders „geeignet“. Da sich Ernst für den Dienst bei den prestigeträchtigen Husaren entschied, lagen seine Kosten eher im oberen Bereich der oben genannten Summe. Die Angelegenheiten der „Militärpflicht“ müssen an diesem 5. August 1832 zur allseitigen Zufriedenheit gelöst worden sein, denn Ernst führte bis zu seinem Eintritt in das aktive Militär sein normales Leben in Ehringhausen im Dienst des Familienunternehmens weiter.

Im Jahr 1833 bewegte ein besonderes Ereignis die Gemüter in Ehringhausen. Auch Ernst war bei dieser Begegnung zu Hause und als junger Mann von gerade 19 Jahren sicherlich davon beeindruckt. Am 17. Oktober 1833 beehrte der Kronprinz und spätere preußische König Friedrich Wilhelm IV. das Handelshaus Hasenclever mit seiner huldvollen Anwesenheit. Schon seit langem pflegte vor allem der Onkel von Ernst, Josua Hasenclever, Beziehungen zu preußischen Regierungskreisen und der Aristokratie des Königreiches. Dieser Besuch adelte die Bemühungen der Familie Anschluss an die feine, bessere Gesellschaft zu finden und war gleichzeitig Zeichen ihres Aufstiegs in ein neues Groß- und Bildungsbürgertum. Selbstverständlich stand dieses wichtige Geschehen auch in den „Epochentabellen“: „Am 17. Abends kam unser Kronprinz hier an. Logierte bei Josua. Wir waren alle dort versammelt. Alles geriet gut. Am 18. Morgens besuchte der Prinz unser Stammhaus, nahm hier im Hause ein Dejeuner und fuhr nach Remscheid zu Herrn Scharf wo die Behörden und Prediger versammelt waren. Von dort nach Lennep.“

Am 20. April 1835 trat Ernst Hasenclever seinen Dienst beim 8. Husaren- Regiment (1. Westfälisches) in Düsseldorf an. Die Einheit war nach der Flucht Napoleons von Elba durch den Preußischen König Friedrich Wilhelm III. im März des Jahres 1815 neu aufgestellt worden und hatte während der kurzen Dienstzeit von Ernst ihre Einheiten in Düsseldorf und Benrath stationiert. In seiner Uniform, im 19. Jahrhundert noch der sprichwörtliche bunte Rock, war er in Ehringhausen eine auffällige Erscheinung. Die typische, kurze Jacke der Husaren, Dolmann genannt, und die engen Reiterhosen in dunklem Blau mit weißen Verschnürungen. Dazu eine Pelzmütze aus Seehundfell mit einer Korkade in den preußischen Farben und hellblauem Kolpak.

In welcher Weise Ernst seinen Militärdienst erlebte, ob er begeistert war oder es als lästige Pflicht ansah, ist nicht bekannt. Betrachtet man die Einstellung seiner Familie zu Staat und Regierung, gehörte es für ihn sicherlich zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens, dem Land, in dem er lebte und arbeitete, zu dienen. Der vorgegebenen Ordnung war Folge zu leisten. Zu seinem Glück herrschte während seiner Dienstzeit für Preußen eine relativ friedliche Zeit. Sofern man bei den vielen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts überhaupt von friedlich sprechen kann. Ernst nahm an keinen Einsätzen teil. M(…)

In den Aufzeichnungen seiner Mutter erschien sein Militärdienst wie eine lange Aneinanderreihung von Urlauben, denn sie verzeichnete nur seine Besuche bei der Familie. Dadurch entsteht der Eindruck eines ruhigen Lebens, dessen einziger Unterschied zu der Zeit vor dem Militärdienst der neue Wohnort und die neue Kleidung war. Im Juni 1835 kam Ernst für drei Tage zu Pfingsten nach Hause. Auch zur Remscheider Kirmes Mitte Juli 1835 hatte er wieder Urlaub und verbrachte eine Woche im Haus seiner Eltern. Schon Ende Juli kam er in den Genuss von Sonderurlaub. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. feierte am 3. August seinen 65. Geburtstag und gewährte aus diesem Grund seinen Soldaten ein paar freie Tage.

Der Rest des Jahres 1835 verfloss ohne besondere Ereignisse, und erst im Februar 1836 gab es Berichtenswertes. Ernst kehrte mit seinem älteren Bruder Richard zum Urlaub nach Ehringhausen zurück. Im Jahr zuvor hatte Richard am 6. Februar 1835 in Bonn als Sekundant an einem Duell teilgenommen und sich einer Untersuchung des Vorfalls auf Anraten der Familie durch Flucht nach Amsterdam entzogen. Dort kam er bei Freunden der Familie unter und konnte erst ein Jahr später nach Preußen zurückkehren. Duelle, obwohl immer noch üblich, waren rechtlich bereits umstritten. Erst nach einem Jahr stellten die Behörden weitere Untersuchungen ein und Richard musste bei Rückkehr nicht mehr mit einer Verhaftung rechnen. Auch dieser Vorfall zeigt, dass der Aufstieg der Hasenclevers als Familie in die Schicht des Großbürgertums weit vorangeschritten war. Ehrenhandel dieser Art waren im 19. Jahrhundert der Ausdruck eines elitären Standesdenkens und mittlerweile betrachtete sich auch das Bürgertum als satisfaktionsfähig, lebte und handelte nach den ungeschriebenen Regeln der „besseren“ Gesellschaft, zu denen eben auch die Verteidigung der Ehre mit der Waffe gehörte.

Im Frühling 1836 neigte sich der Dienst von Ernst dem Ende entgegen. Am 31. März 1836 erhielt er das Zeugnis seines Eskadrons- Kommandeurs über die abgeleistete Dienstpflicht: Qualifikations-Zeugniß Ernst Hasenclever, 21 Jahre alt aus Remscheid gebürtig hat in der mir anvertrauten Eskadron des königlichen 8ten Husaren-Regiments die Dienstpflicht zum stehenden Heere geleistet. Er hat sich während dieser Zeit als ein sehr moralischer und gebildeter junger Mann bewiesen und sich auch hinreichende Dienstkenntniße erworben um hierdurch zur einstigen Beförderung zum Offizier in der Landwehr empfohlen zu werden. Die Wahrhaftigkeit dieses Zeugnißes verbürge ich auf Ehre und Pflicht durch meine Namens Unterschrift. Düsseldorf den 31ten März 1836 Unterschrift (Lüntge) Rittmeister und Eskadrons Chef Das Obige bestätigen Unterschrift (v. Simolin) Oberst und Regiments Kommandeur Major und etatmäßiger Staabsoffizier 43 Mit diesem Zeugnis gehörte er nun rein rechtlich für weitere vier Jahre im Rahmen der Landwehr zur Reserve der preußischen Armee.

Der Vorschlag der Beförderung zum Offizier war bei Entlassungen von Einjährig-Freiwilligen nicht unüblich und war nicht unbedingt mit einer besonderen Leistung verbunden. Doch Ernst bewegten zu diesem Zeitpunkt sicher andere Gedanken als eine militärische Karriere. Der Entschluss, seine Ausbildung als Kaufmann im Ausland weiterzuführen, muss zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen sein. Nach der Beendigung der napoleonischen Herrschaft lag ein Großteil der bergischen Wirtschaft darnieder. Das wirtschaftlich weiter entwickelte England überschwemmte mit seinen industriell gefertigten Gütern den europäischen Markt und verhinderte so eine schnelle wirtschaftliche Erholung. Die bergische Kaufmannschaft und mit ihnen die Familie Hasenclever begaben sich auf die Suche nach neuen Absatzmärkten.

Sehr viele süd- und mittelamerikanische Kolonien hatten die Wirren der napoleonischen Ära und die kurze Zeitspanne danach genutzt, um die Loslösung von ihren Mutterländern Spanien und Portugal zu betreiben. So richtete sich der Blick vieler Handelsunternehmen zu Beginn der 1820er Jahre in Richtung Westen, in die Karibik und vor allem nach Südamerika. Dort hatte man bereits am Ende des vergangenen Jahrhunderts Geschäfte gemacht. Die Gewinne waren damals nur mäßig geblieben, da Zwischenhändler einen Großteil davon abschöpften. Von einer direkten Beteiligung am Überseehandel versprach man sich nun gute Gewinne. Auch hier zeigte England den Weg. Zwischen 1814 und 1818 hatte das Land Waren im Wert von 200 Millionen Pfund ausgeführt. Das entsprach einem Gegenwert von 2,4 Milliarden Talern. Eine ungeheure Summe für damalige Verhältnisse. Waren aus deutschen Landen hatten an diesem Handel so gut wie keinen Anteil, obwohl sie von der Qualität her durchaus mithalten konnten. Ein Problem stellten die unsicheren politischen Verhältnisse in vielen der neu gegründeten mittel- und südamerikanischen Staaten dar. Ein Kaufmann, und ganz besonders der Bergische, scheute größere Risiken. Um der Geschäfte willen wollte man sich aus allen politischen Zwistigkeiten heraushalten.

1821 beteiligte sich Josua Hasenclever an der Gründung der „Rheinisch- Westindischen Kompagnie“ des Elberfelder Textilkaufmanns Johann Jakob Aders. Vorfinanzierte, erste Probesendungen gingen nach Haiti, mit deren Hilfe der Vertreter der Gesellschaft vor Ort die Bedürfnisse und Absatzmöglichkeiten erkunden sollte. Enge Direktiven untersagten ihm „riskante“ Geschäfte vor Ort. Lieber sollte er bei kleinem Gewinn für einen schnellen Warenumsatz sorgen und mit dem Geld Güter für den Rücktransport, vorzugsweise Kaffee, kaufen.

(Mit freundlicher Genehmigung des Bergischen Verlages, Remscheid. Jörg Holtschneider : „Ernst Hasenclever – von Remscheid nach Brasilien“, Bergische Monographie, Band 2; 235 Seiten, kartoniert mit Klappen; ISBN: 978-3-943886-69-6; 1. Auflage 2014; © Bergischer Verlag)

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