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Ein Taufschuh plumpste in die Erbsensuppe

Auszug aus
Lothar Vieler
"Tante Mary und das Wirtschaftswunder - Eine Jugend im Bergischen“

Bergischer Verlag, Kartoniert mit Klappen | 304 Seiten | 16 Euro | ISBN 978-3-96847-009-2 (Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags)

An den Tag meiner Taufe kann ich mich, wenig überraschend, nicht mehr erinnern. Es muss für mich ein großes Ereignis gewesen sein. In der Lenneper Stadtkirche, der größten Predigtkirche im Bergischen Land, die gleichzeitig eine der ältesten ist, im Mittelpunkt zu stehen und dabei auf Händen getragen zu werden, kommt ja nicht alle Tage vor. Tante Gretel, eine Schwester meiner Mutter, durfte mich als eine meiner Taufpaten während der Taufe halten. Sie war mit ihrem Mann mit dem Zug aus Bochum gekommen. Zu der Zeit arbeitete Onkel Gustav noch unter Tage, also tief unter der Erde als Bergmann in einer Zeche. So war es auch für ihn ein großes Erlebnis, zur Feier des Tages seinen schwarzen Hochzeitsanzug zu tragen. Dass der Anzug auch nach vielen Jahren noch in Mode war und passte, war nicht außergewöhnlich. Schließlich waren die vier Jahre nach einem verlorenen Krieg nicht die richtige Zeit zum Zunehmen und auch nicht die Zeit für modische Finessen.

Die Geschwister meines Vaters, die zum Teil in Lennep wohnten, waren ebenso festlich gekleidet zur Feier gekommen. Es muss eine sehr große Taufgemeinschaft gewesen sein, die sich um das Baptisterium herum versammelt hatte, dessen Sockel von einem Pelikan, der an seiner Brust seine Jungen füttert, gebildet wurde. Inzwischen weiß ich, dass dieser Sockel der Taufschale eine Stiftung der Familie Hardt ist. Als Mahnmal christlichen Denkens steht eine Skulptur mit gleichem Motiv noch heute in der Mitte des Burghofes der Marienburg, der Heimburg des Deutschen Ritterordens.

Als das Taufwasser meine Stirn befeuchtete, muss ich den Erzählungen nach sehr unwillig geschrien haben. Heute weiß ich, dass dieser spontane Unwille nicht etwa gegen das Sakrament der Taufe gerichtet war, sondern meiner frühen und lang anhaltenden Abneigung gegen Wasser galt. Auf die Kirchendecke, die zu dieser Zeit noch mit ausfüllenden Darstellungen der zwölf Apostel bemalt war, habe ich in dem Moment wohl kaum geachtet. Bei späteren Besuchen des Kindergottesdienstes konnte ich das dafür umso ausgiebiger nachholen und mich an den großen Freskenmalereien mit den verschiedenen Gesichtern und Gewändern hoch oben an der Kirchendecke erfreuen.

Leider hat uns niemand aufklären können, in welcher Reihenfolge die Apostel hier abgebildet waren. Als zu einer späteren Zeit die Decke restauriert wurde, waren die einzigen Deckengemälde, die ich je in einer evangelischen Kirche erleben durfte, schließlich Geschichte. Nach diesem Erlebnis in einer so großen Kirche muss der gemeinsame Spaziergang der Taufgemeinschaft zum Kreishaus eine Erholung gewesen sein. Gegenüber diesem geschichtsträchtigen roten Backsteingebäude lag mein Elternhaus. Die Wohnküche war an diesem Tag sicherlich mit Blumen geschmückt, denn im Leben meiner Mutter spielten Blumen eine sehr große Rolle. Trotzdem konnte diese Dekoration nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für eine so große Gemeinschaft in unserer kleinen Wohnküche sehr eng gewesen sein muss.

Zum Mittagessen soll es einen großen Topf Erbsensuppe gegeben haben. Aus Platzgründen war er unter den Tisch gestellt worden. Man hat mich dann als munter strampelnden Täufling so herumgereicht, dass einer meiner Taufschuhe dabei in die Erbsensuppe gefallen ist. Diese Geschichte musste ich mir immer dann anhören, wenn meine Mutter ihre kostbaren Erinnerungsstücke wieder einmal durchschaute. Sehr liebevoll in Seidenpapier gehüllt, in einer kostbaren Schachtel aufbewahrt, kamen dabei stets meine Taufschuhe zum Vorschein, von denen einer von der Suppe für alle 15 Zeiten nachhaltig grünlich verfärbt war. Aber Grün ist bekanntlich die Farbe der Hoffnung und das war schon immer Grundhaltung unserer Familie, geprägt durch die Zeiten, die man hinter sich hatte.

Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass die mir immer noch aus meiner Erinnerung als Apostel vorschwebenden Figuren an der alten Kirchendecke in Wirklichkeit Engel waren. Wie Prof. Dr. Hensen in seinem Buch „Die Stadtkirche von Lennep. Ihre Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart“ schreibt, hatte der in Bradford/UK lebende Ur-Lenneper Arthur Hentzen, Kaufmann für Wolle und Lenneper Tuche, 1925 während eines Besuches in seiner Heimatstadt den schlechten Zustand des Innenraumes dieser Kirche reklamiert. Als Mann der Tat mahnte er die Renovierung seiner Kirche, in der er getauft und konfirmiert worden war, sofort an. Er erkundigte sich auch nach den erforderlichen Kosten, die eine Ausmalung des Innenraumes nach reich bebildertem englischem Vorbild verursachen würde und stiftete hierzu 15.000 Mark. Davon wurde diese Kirche nicht nur nach bestem Wissen und Gewissen renoviert. Zudem wurde der Düsseldorfer Kirchenmaler Rüter, zu damaliger Zeit ein sehr bekannter Künstler für die Wandbemalung von Kirchenräumen, beauftragt, den Innenraum zu verschönern. Für die rückseitige Wand, an der zu diesem Zwecke sowohl die Fenster zugemauert als auch die Uhr entfernt wurde, sah er die Szene der Himmelfahrt Christi vor. Die gesamte Deckenfläche widmete er den Zehn Geboten. Je eins war auf einer Gesetzestafel künstlerisch dargestellt und jede Gesetzestafel wurde von einem Engel gehalten. Die noch erkennbaren Fresken-Reste wurden durch eine große Renovierung 1954 der Nachwelt für immer genommen.

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