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Schneewehen bis hinter die Toilettenschüssel

Auszug aus
Lothar Vieler
"Tante Mary und das Wirtschaftswunder - Eine Jugend im Bergischen“

Bergischer Verlag, Kartoniert mit Klappen | 304 Seiten | 16 Euro | ISBN 978-3-96847-009-2 (Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags)

Mein Bruder war 1945 kurz nach Kriegsende während der Internierung der jungen Familie meiner Eltern noch in Hessen im Elternhaus unserer Mutter geboren worden. Die Wohnung der Eltern meines Vaters in der Bahnhofstraße in Lennep war bei dem letzten Luftangriff im April 1945 zerstört worden. Erst 1947 zog die junge Familie in eine geräumige Wohnung mit angrenzendem Herrenschneideratelier, insgesamt einundsechzig Quadratmeter, in einem sehr kleinen bergischen Fachwerkhaus gegenüber dem alten Kreishaus.

Das Kreishaus wurde zwischen 1887 und 1889 im Stile des Historismus als Sitz des Landratsamtes von dem Berliner Regierungsbaumeister Franz Schwechten gebaut, der sich zuvor schon mit dem Bau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche einen Namen gemacht hatte. Im Erdgeschoss waren nicht nur die Amtsstuben der Kreisverwaltung, sondern auch die Büros der Bergischen Handelskammer und der Rheinisch-Westfälischen Textilberufsgenossenschaft untergebracht. Die Privatwohnung des Landrates erstreckte sich über das gesamte erste Obergeschoss. Während der Zeit des Nationalsozialismus hieß dieses Gebäude, an der zur Hermann-Göring-Straße umbenannten Kölner Straße liegend, als Domizil der NSDAP Hermann-Göring- Haus. Nach Kriegsende zog 1953 die Realschule ein, bis sie 1974 in den Neubau am Hackenberg umzog.

Dieses anheimelnde Häuschen mit einer Gesamtgröße von rund hundert Quadratmetern teilten wir als vierköpfige Familie mit weiteren drei Mietparteien bestehend aus insgesamt vier Personen. Das Schneideratelier meines Vaters mit bis zu drei Gesellen fand dort ebenfalls Platz. In dieser räumlichen Enge herrschte eine erstaunliche Lebensqualität, die man sich heute nur schwer vorstellen kann. Man half sich nicht nur gegenseitig, wo man konnte, sondern wir teilten auch Freud und Leid miteinander. Im gesamten Haus gab es zwei Wasseranschlüsse, eine Toilette und eine Badewanne. Die Wasseranschlüsse befanden sich im Treppenflur im ersten Stock und in der Küche unserer Zweizimmerwohnung. Die Toilette lag hinter dem Haus, mit eigenem Wasserkran und darunter stehendem Eimer. Der Wasserhahn tropfte nämlich ständig. Einen Haken zum Verschließen der Tür gab es auch. Dieses WC war nicht nur für die acht Bewohner dieses Hauses plus die zu besten Zeiten drei Gesellen meines Vaters, sondern auch für den Geschäftsmann vorgesehen, der einen vor dem Haus an der Haltestelle liegenden Laden betrieb.

Ein nicht selbstverständlicher und deshalb besonderer Luxus war die Badewanne. Sie stand im Keller, war aus Zink und wartete die Woche über auf Freitag, den Tag, an dem sie beim großen Badevergnügen ihren wöchentlichen Auftritt hatte. Dazu benötigte man jede helfende Hand, denn eine lange Kellertreppe aus Stein galt es zu überwinden, die kleine Fehler beim Auftreten auf die meist etwas schlüpfrigen Stufen schneller als einem lieb war in freien Fall umwandeln konnte. Außerdem waren die Innenseiten dieses Abganges mit Regalen bestückt, in denen von allen Bewohnern unseres Hauses alle Dinge abgestellt werden konnten, die man nicht unbedingt in den Wohnungen benötigte, zum Beispiel gebrauchte Schuhe oder Regenschirme. Überall in diesem Haus war es so eng, dass ein jeder froh sein konnte, nicht so viele Dinge unterzubringen zu haben, wie wir heute meinen, unbedingt besitzen zu müssen. Deshalb tat sich unter allen Beteiligten große Freude auf, wenn der Transport dieser sehr sperrigen Badewanne sowohl nach oben als auch später wieder nach unten erfolgreich ohne Nachräumen der unglücklicherweise eventuell mit gezogenen Schirme und Schuhe abgeschlossen werden konnte.

Meine Mutter hatte am Badetag schon des Mittags ihr Heiligtum, den großen Einkochkessel, mit Wasser gefüllt auf dem Kohlenherd stehen. So konnte am Abend auch die letzte Abteilung in der Badefolge noch etwas warmes Wasser erwarten. Das war in der Regel sie selbst, denn unserem Vater wurde immer Vortritt gewährt. Danach kamen wir Kinder an die Reihe. Nach erfolgtem Bad mit eingehenden Waschungen mit Schwamm und Waschlappen wurden wir schließlich mit einem großen Badetuch intensiv trocken gerubbelt. Ein frisches Unterhemd wurde uns mit den Worten „Gott segne dich“ übergezogen, und dann wurden wir mit einem zugeklappten Butterbrot auf einem Teller in das an die Küche angrenzende Schlafzimmer entlassen. Jeden Freitag.

Die Außentoilette, die sich unmittelbar hinter der Tür zum Hof befand, hatte ihre besonderen Regularien. Obwohl ein Haken von innen zur Sicherung der ungestörten Verrichtungsruhe angebracht war, konnte die Beschaffenheit der Tür nicht unbedingt als stabil bezeichnet werden. Ein Ruck an der Außenklinke reichte aus, um eine ruhige Sitzung unwirsch zu stören. Immerhin sorgten die breiten Ritzen, die an allen Seiten der Tür unübersehbar klafften, für eine ausgiebige und permanente Frischluftversorgung. Im Winter jedoch, und harte Winter gab es regelmäßig, kam es aufgrund dieser Luftschlitze an diesem sonstigen Örtchen der Ruhe zu Schneegestöber mit anschließender Schneewehe bis hinter die Toilettenschüssel. In dieser Jahreszeit hieß es ohnehin, den Gang zur persönlichen Erleichterung sehr ausgiebig vorher zu planen. Ohne einen gut gefüllten Wasserkessel mit möglichst heißem Wasser und einen Eimer mit ebenfalls im Hause frisch gezapftem Wasser zum Nachspülen konnte die oftmals wegen der vorwiegend geringen Außentemperaturen  eingefrorene Toilette mit eigenem Wasserkran gar nicht besetzungsfähig gemacht werden. Auch die Erfindung der Wassertoilettenschüssel wäre ohne vorheriges Antauen mit dem heißen Wasser nicht möglich gewesen. Nur so war der Komfort einer spülbaren Schüssel sichergestellt. Das war weit besser als die nach dem Kriege noch oft anzutreffenden Herzhäuschen. Schon von Weitem fielen sie durch ihren besonders intensivpenetranten Geruch und, wenn man näher kam, durch das in die Tür gesägte Herz auf. Dagegen hatten wir es wirklich gut.

Toilettenpapier gab es nicht. Wir Kinder hatten den ständigen Bastelauftrag, alte Zeitungen in handliches Format zu schneiden und mittels Bindedraht zu bündeln. Diese immer sehr schön anzusehenden Heftchen wurden auf der Toilette zum allgemeinen Gebrauch aufgehängt. Bei uns wurde eben auch so manche Kleinigkeit, die das Leben einfacher machte, mit allen geteilt.

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