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Das Kreishaus in Lennep im Dritten Reich

Das Lenneper Kreishaus im Jahre 1939.von Johannes Kessler

Für die Erforschung der Geschichte Remscheids in der Zeit des Nationalsozialismus (1933 – 1945) kommt dem ehemaligen Lenneper Kreishaus neben dem Remscheider Polizeipräsidium und dem Zuchthaus in Remscheid-Lüttringhausen die wohl größte Bedeutung zu. In den ersten Jahren der Diktatur fungierte das Gebäude als Stütze des lokalen Herrschafts- und Unterdrückungssystems und wurde so zum Ort des Schreckens und Leidens für politisch Andersdenkende. Später wurde es als Sitz der NSDAP-Kreisleitung Bergisch-Land zur Machtzentrale der Partei und zum Symbol ihrer Usurpation der staatlichen Institutionen. Nicht zuletzt aufgrund der fragmentarischen Quellenlage ist dieser Umstand im historischen Gedächtnis der Stadt Remscheid nur unzureichend verankert. Im Folgenden soll daher der Versuch unternommen werden, diese Forschungslücke anhand einer kurzen, überblicksartigen Darstellung der bislang bekannten Fakten zu reduzieren.[1]

Das bis heute als Schulraum genutzte und äußerlich weitgehend unveränderte ehemalige Kreishaus an der Kölner Straße 82 in Lennep wurde in den Jahren 1887 bis 1889 nach den Plänen des preußischen Regierungsbaumeisters Franz Schwechten[2] errichtet. Bewusst aus der Straßenflucht zurückgesetzt und durch einen schmiedeeisernen Zaun zwischen Vorgarten und Straßenfront abgegrenzt, präsentierte sich der am 1. Mai 1889 bezogene Sitz der Kreisverwaltung als repräsentatives Amtsgebäude mit zwei Vollgeschossen und einem Dachgeschoss. An der Südseite prägte ein markanter Treppenturm mit Haube und Laterne die dreiflügelige Anlage, deren eher schlichte Ziegelsteinfassade durch die in Sandstein gefassten Lichtöffnungen und aufwändig gestaltete Eingangsportale aufgelockert wurde. Der Haupteingang zu den Amtsräumen in das Hochparterre lag mittig in der Hauptfassade zur Kölner Straße. Die Privatwohnung des Landrats, dem auch die Nutzung des rückwärtigen, insgesamt 1236 qm großen Hausgartens zustand, befand sich im 1. Stock und wurde durch ein separates Treppenhaus an der Nordseite betreten.[3]

Nach der Auflösung des Kreises Lennep im Zuge der preußischen Kommunalreform von 1929 fungierte das Gebäude unter der offiziellen Bezeichnung „Kreisverwaltungsstelle“ übergangsweise als Nebenstelle des neugebildeten Kreises Solingen-Lennep, aus dem 1931 der Landkreis Rhein-Wupper hervorging. Der gesamte Personalbestand blieb zunächst am Standort Lennep erhalten.[4] Im Erdgeschoss befanden sich insgesamt neun Büroräume und ein großer, noch 1928/29 aufwändig renovierter Sitzungssaal. Das Dienstzimmer des Landrats lag neben dessen Wohnung im 1. Obergeschoss, von dem eine Seitentreppe zu vier weiteren Büroräumen im Dachgeschoss führte. Im Frühjahr 1930 begann auf Beschluss des Kreisausschuss die Verlagerung der meisten Ämter an den neuen Kreissitz Opladen, so dass die Räumlichkeiten bereits zum Jahreswechsel 1930/31 bis auf wenige noch verbliebene Behörden und die Wohnung des Landrats Dr. Beckhaus leer standen. Über die weitere Verwendung des Kreishauses nach dem Auszug des Landrats Anfang April 1931 gab es nur vage Vorstellungen; projektiert wurde von den zuständigen Amtsträgern die Vermietung des  Objekts an das Finanzamt mit Ausnahme von etwa vier Räumen zur weiteren Eigennutzung durch den Kreis.[5]

Trotz der Eingemeindung Lenneps nach Remscheid als Folge der Kommunalreform blieben die Besitzverhältnisse am Nachlass des aufgelösten Kreises Lennep – und damit auch am ehemaligen Kreishaus – noch lange Jahre ungeklärt. Erst die rechtskräftige Entscheidung des Bezirksverwaltungsgerichts Düsseldorf am 20. Dezember 1935 brachte ein Ende der durchaus erbittert geführten vermögensrechtlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Landkreis Solingen-Lennep/Rhein-Wupper und den Städten Remscheid und Wuppertal.[6] Der Kompromiss auf der Basis der jeweiligen Bevölkerungszahlen und der früheren Kreisumlage übertrug den in Lennep gelegenen Grundbesitz des ehemaligen Kreises rückwirkend zum 1. Januar 1935 an die Stadtgemeinde Remscheid zu treuen Händen. Bei wichtigen Eigentumsfragen war sie zur Absprache mit den beiden anderen Gemeindeverbänden verpflichtet. Nutzen und Lasten des Besitzes waren nach dem vereinbarten Schlüssel zu verteilen.[7]

 

Übernahme durch die Nationalsozialisten

Aufgrund der strittigen Rechtslage bis zum Gerichtsentscheid initiierte die Stadt Remscheid erst mit Jahresbeginn 1936 die Verwaltung des ehemaligen Landratsgebäudes und des sonstigen überlassenen Grundbesitzes. Bis zu diesem Zeitpunkt lag die Verfügung über die Immobilie weiterhin in den Händen des Kreises Solingen-Lennep/ Rhein-Wupper. Schon wenige Wochen nach der Machtübertragung an Hitler im Januar 1933 überließ der Opladener Landrat Fritz Mißmahl,[8] der als langjähriges Parteimitglied und führender NSDAP- Funktionär erst kurz zuvor das Amt im Zuge der nationalsozialistischen „Machtergreifungs“-Phase übernommen hatte, die unteren Räume des Kreishauses dem Lenneper SA-Sturm 21/171 und anderen lokalen NSDAP-Organisationen zur Nutzung. Laut einem am 11. April 1933 in der Lokalpresse veröffentlichten „Aufruf“ des Lenneper Sturmführers Behre verband der Landrat diesen Schritt mit der Auflage, das „Gebäude vor dem Verfall [zu] schützen“.  Schließich sei es, wie der SA-Führer in seinem Spendenappell an die gesamte Lenneper Bürgerschaft weiter ausführte, für die Arbeit der Nationalsozialisten an der „Wiederherstellung unserer alten Stadt und unseres Kreises Lennep unbedingt notwendig, daß uns hierfür das alte Kreishaus erhalten bleibt“.[9]

Zur Vertiefung dieser Begründung und zur Selbstdarstellung der NSDAP als staatstragende Wiederaufbaukraft nach der Zerstörung der Weimarer Republik publizierten sowohl die bürgerliche Heimat- wie auch die NS-Parteipresse schon wenige Tage darauf weitere Artikel zum Kreishaus. In drastischen Worten schilderten sie den „unglaublich verkommenen Zustand“ des Gebäudes als „typisches Beispiel marxistischer Mißwirtschaft“ und hoben die „vorbildliche Arbeit“ der SA bei der „gründlichen Instandsetzung“ hervor.[10] Die offizielle Übergabe des mittlerweile in Hermann- Göring Haus umbenannten Gebäudes erfolgte am 22. April 1933, allerdings ohne die erhoffte Teilnahme des preußischen Ministerpräsidenten und Namengebers. Ein von einer „zahlreichen Menge mit lebhaftem Interesse“ verfolgter „Werbeumzug“ von SA und Hitlerjugend (HJ) mit klingendem Spiel durch die Straßen Lenneps leitete den Festakt ein. In dessen Mittelpunkt standen ideologiekonforme Ansprachen mehrerer lokaler NS-Funktionsträger, die vor den im rückwärtigen Garten angetretenen Formationen einen neuen „Geist“ und „neues Werden“ beschworen.[11]

Vermutlich schon seit dem 1. April 1933 wurden die Dienststellen von Sturmabteilung (SA), Motor-SA, Schutzstaffel (SS), Nationalsozialistischer Betriebszellenorganisation (NSBO), Kriegsopferversorgung (KV), Nationalsozialistisches Kraftfahrzeug-Korps (NSKK) und Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes in den Räumen auf dem Hochparterre untergebracht. Die Büros des Kampfbundes, der NSBO, des NSKK, der SS sowie der KV lagen rechts vom Haupteingang, teilweise zur Straßenfront, teilweise im rückwärtigen Bereich. Auf der linken Seite befanden sich die Zimmer der SA-Führer, die Wachstube sowie der Schlafraum der SA,[12] der nach der Erinnerung eines Augenzeugen zeitweise mit 8 – 10 Personen belegt war.[13] Eine Wendeltreppe führte zu den Sanitärräumen im Kellergeschoss hinab. Ebenfalls im Keller wurde der SA ein nur von der Gartenseite zugänglicher Raum überlassen, in dem eine Küche für arbeitslose SA-Leute betrieben wurde. Der ehemalige Sitzungssaal diente den genannten Parteiformationen im Wechsel für Appell- und Schulungszwecke; der SA stand er an zwei Wochentagen zur Verfügung. Darüber hinaus wurde er von der NSDAP immer wieder für kleinere repräsentative Veranstaltungen genutzt, so im September 1933 für eine Trauerfeier zu Ehren des verstorbenen sog. „Alten Kämpfers“ Karl Baack und noch im Januar 1945 für die feierliche Übergabe eines posthum verliehenen Ordens an die Witwe einen gefallenen Lenneper Offiziers.[14]

Die weitere Nutzung des Gebäudes in den nächsten Jahren ist aus den überlieferten Unterlagen nur grob zu rekonstruieren. Nach einer aus der Erinnerung erstellten Grundrisszeichnung eines Zeitzeugen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit den Zustand im Zeitraum 1934/35 widergibt, blieb die Belegung der Räumlichkeiten vorerst konstant, wenngleich organisatorische Änderungen in der Gesamtpartei zu Umbenennungen. verschiedener Parteiformationen (NS-Hago, D.A.F.) führten.[15] Im Sommer 1933 soll sich zudem die Lenneper Geschäftsstelle des Parteiorgans „Bergischer Beobachter“ im Gebäude angesiedelt haben.[16] Belegt ist der Dienstsitz der NSDAP-Ortsgruppe Lennep im Hermann- Göring Haus zumindest ab Mai 1934.[17] Als deren Leiter (1932 – 1935) fungierte der Vorsitzende der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Lennep, Fritz Thoenes.[18] Sein Nachfolger, der Kaufmann Ernst Westhoff, stand der Ortsgruppe bis 1945 vor. Der Einzug der NSDAP-Kreisleitung Bergisch-Land, offiziell zum 1. Juni 1935, bewirkte einen deutlichen Umbruch. Die Gründe der Parteileitung für die Verlegung ihres Dienstsitzes vom Standort Schloss Burg, wo sie seit dem 1. August 1933 residiert hatte, nach Lennep sind nach dem aktuellen Forschungsstand nicht zu eruieren. Wieweit hier rein pragmatische Überlegungen oder die prestigeträchtige Übernahme eines wichtigen ehemaligen staatlichen Amtsgebäudes in zentraler Lage durch die Partei eine Rolle gespielt haben, muss offen bleiben.

Wohl nicht zuletzt aufgrund des größeren Repräsentations- und Platzbedarfs des ranghöchsten regionalen NS-Funktionsträgers und seines Mitarbeiterstabs wurde ein Teil der ursprünglichen Parteidienststellen wieder ausgelagert. So bezog die SA offenbar erneut ihre vormalige Heimstätte in den Hinterräumen der Lenneper Sparkasse in der Bahnhofstrasse. An ihre Stelle im Hermann-Göring Haus traten nach dem Stand von 1936/37 neben der Kreisleitung (Alfred Straßweg)[19] fünf Kreisämter: Kreiskassenverwaltung (Emil Rafflenberg), Kreisorganisationsamt (Fritz Bender), Kreispersonalamt (Ernst Westhoff), Kreispresseamt   (Karl Lange) sowie das Kreispropagandaamt (Karl Lange). Daneben existierten weitere Ämter der NS-Sonderorganisationen: Kreisamt der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) (Franz Brinkschulte),[20] NS-Beamtenbund (Willi Vette) und NS-Frauenschaft (Annemarie Ziesche).[21] Wohl etwa zeitgleich kam es auch zur vertraglichen Regelung der Nutzungsbedingungen. Da der Opladener Landrat einen Vertragsabschluss zurückgestellt hatte, „da zunächst einige Fragen zu klären“ und auch „sonstige Vereinbarungen nicht getroffen“ waren, übernahm die nunmehr federführende Stadt Remscheid die Verhandlungen mit der Kreisleitung. Als deren Vertreter erklärte sich Brinkschulte bereit, „die Kosten des laufenden Unterhalts des Gebäudes, Abgaben usw. zu übernehmen“.[22] Etwa vier Jahre nach der nationalsozialistischen Machteroberung fand damit die Umwandlung des ehemaligen Landratsamts zur NSDAP-Kreisverwaltungsstelle ihren Abschluss. Weitere Veränderungen sind nicht bekannt. Bis zum Untergang des NS-Regimes 1945 blieb das Hermann-Göring Haus die im Stadtbild fest verankerte Machtzentrale der Partei für Remscheid und die umliegende Region.

Folterstätte

Die Zahl der Menschen, die im Hermann-Göring Haus misshandelt und brutal gefoltert wurden, ist noch nicht abschließend ermittelt. Nach dem aktuellen Forschungsstand sind die Namen von insgesamt 12 Personen erfasst, zumeist ortsbekannte Funktionäre der KPD.[23] Ihre Verfolgung stand im Zusammenhang mit der unmittelbar nach der Machteroberung 1933 einsetzenden Terrorwelle gegen politische Gegner und andere Opfergruppen. Wie überall im Deutschen Reich beteiligten sich auch Angehörige der Lenneper SA- und SS-Einheiten schon bald nach der Überlassung des Gebäudes an den lokalen Verfolgungs- und Unterdrückungsmaßnahmen, die sich bis zur organisatorischen Neuausrichtung des Hermann-Göring Hauses als NSDAP-Kreisverwaltungsstelle hinzogen. Danach gingen die Aktionen gegen politische und weltanschauliche Opponenten im Remscheider Stadtgebiet zentral von der Gestapo-Stelle aus, die als wichtigstes Herrschaftsinstrument des NS-Staates im Remscheider Polizeipräsidium in der Uhlandstraße angesiedelt war.

Die für den Zeitraum 1933-1935 dokumentierten Fälle in Lennep erscheinen teilweise als Akte spontaner Willkür, persönlicher Rachsucht und individueller, von den Fesseln der Rechtsstaatlichkeit befreiter Machtausübung. Zum anderen lassen sie durchaus systematische, ideologisch gesteuerte Vorgehensweisen der NS-Täter erkennen. So griffen die Lenneper SA- und SS-Kommandoführer bei den Vernehmungen ihrer Opfer offenbar gezielt auf ortsfremde Angehörige, vorwiegend aus Wuppertal und Hückeswagen, zurück, wohl um eine gewaltfördernde Anonymität der Täter zu sichern und ihre Wiedererkennung zu vermeiden.[24] Zudem versuchten sie mehrfach, durch vorbeugende Maßnahmen die Schreie der Gefolterten nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Nach Zeugenberichten habe der Lenneper SA-Sturmführer zumindest in einem Fall „vor dem Kreishaus die SA während der Misshandlungen trommeln lassen, um die Hilfeschreie zu übertönen“.[25] Ein anderes Mal habe er „als die 3 S.A. Leute schlugen, den Lautsprecher [eines Radios] so laut gestellt, daß man sein [des Opfers] Schreien draußen nicht hören sollte“.[26] Hinweise auf die Einrichtung eines Gefängnisraums zur längerfristigen Inhaftierung der Verschleppten oder gar eines separaten Folterkellers im Hermann-Göring Haus lassen sich anhand der Unterlagen jedoch nicht verifizieren. Soweit bekannt, geschahen die Misshandlungen in den Dienstzimmern von SA und SS auf dem Hochparterre. Lediglich in einem Fall nutzte die SA einen kleinen  angrenzenden, als „Waffenkammer“ bezeichneten Raum, um den Beschuldigten zwischen den Verhören übergangsweise festzuhalten.

In der Regel wurden die Misshandelten noch am selben Tag nach Hause entlassen oder in die Polizeigefängnisse Remscheid oder Wuppertal überführt. Allerdings führte dies nur selten zur Beendigung ihrer Torturen. Einige Betroffene wurden zu einem späteren Zeitpunkt erneut in das Hermann-Göring Haus einbestellt und dort weiteren gewaltsamen Befragungen unterzogen. Andere gerieten nach ihrer Übergabe an die Polizei noch tiefer in das NS-Terrorsystem und wurden monatelang ohne Gerichtsverhandlung im berüchtigten Wuppertaler KZ Kemna gefangen gehalten. In nahezu allen Fällen sind zudem schwere körperliche Schäden und traumatische Nachwirkungen bezeugt. Ein Opfer, der 1933 wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe brutal misshandelte Installateur Jacob Mang, starb nach seiner späteren Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt „Tannenhof“ (Remscheid-Lüttringhausen) laut einem ärztlichen Gutachten im Jahre 1944 an den Spätfolgen seiner erlittenen Gehirnverletzung.[27]

Verhöre

Die Verhöre vollzogen sich in roher und brutaler Weise. Zumeist sollten die Verhafteten mit Gewalt zum Eingeständnis ihrer Betätigung für die illegale KPD gezwungen werden. Exemplarisch zeigen dies die Vorgänge um drei ehemalige KPD-Funktionäre aus Lennep und Solingen im Juli 1933. Sie waren im Zuge einer großangelegten Durchsuchungsaktion eines abgesperrten Häuserblocks zur Aushebung einer vermeintlichen KPD-Versammlung verhaftet und mit vorgehaltener Waffe von SS-Leuten in das nah gelegene Kreishaus verschleppt worden. Laut der Anklageschrift der Wuppertaler Staatsanwaltschaft aus dem Jahre 1948 gegen zwei Lenneper SS-Angehörige „schlugen die beiden Angeschuldigten und die anderen SS-Leute mit scharfkantigen Buchenlatten, Peitschen und Stahlruten auf Leuckert, Köster und Hahnenfurth ein. Die Misshandelten wurden einzeln über einen Tisch gelegt und von den Angeschuldigten und den anderen SS-Leuten so geschlagen, daß sie erhebliche Verletzungen erlitten“.[28] Zwei der Verhafteten wurden unmittelbar nach dem stundenlangen Verhör von SS-Leuten in das Wuppertaler Polizeigefängnis transportiert, wo sich die Misshandlungen fortsetzten. Auf ihrem Weg unterbrach das SS-Kommando die Fahrt mehrfach an schwer einsehbaren Stellen und drohte den Opfern mit sofortiger Exekution. Nicht weniger brutal ging auch die SA vor.

Der im Sommer 1949 angestrengte Strafprozess gegen den angeklagten Lenneper SA-Sturmführer vor dem Wuppertaler Landgericht veranschaulicht dieses menschenverachtende Verhalten anhand eines konkreten Falls. Der im November 1933 bei einem abendlichen Spaziergang verhaftete und in das Kreishaus verbrachte Dachdecker Suplicki wurde „nach einiger Zeit des Wartens dem Angeklagten vorgeführt. Dieser empfing ihn mit den Worten: “Verbrecher, Kommune“ und fragte ihn, wo er gewesen sei und was er gemacht habe. Als der Zeuge erwiderte, daß er mit seiner Braut Bekannte besucht habe, schlug ihm der Angeklagte ins Gesicht-Darauf fielen mehrere im Zimmer anwesende SA-Leute über den Zeugen her und schlugen mit Knüppel und anderen Gegenständen auf ihn ein. Der Zeuge Suplicki stürzte zu Boden. Wenige Augenblicke später fragte ihn der Angeklagte, ob er nunmehr gestehen wolle. Als der Zeuge Suplicki antwortete, er könne nichts gestehen, da er nichts gemacht habe, wurde er wiederum von dem Angeklagten und den anderen SA-Leuten geschlagen und getreten. Die Mißhandlungen wurden selbst dann noch fortgesetzt, als Suplicki blutüberströmt am Boden lag“.[29]

Gerichtsverfahren in der Nachkriegszeit

Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen im Kreishaus kam erst mehrere Jahre nach Kriegsende in Gang. Wegen der zeitlichen Distanz zu den Vorgängen, den teilweise widersprüchlichen Zeugenaussagen und der Anonymität der meisten beteiligten SA- und SS- Angehörigen konnte die Staatsanwaltschaft in den Jahren 1948/49 nur einen kleinen Täterkreis ermitteln. Da zudem mehrere namentlich bekannte Täter bereits verstorben waren oder als vermisst galten, konzentrierten sich die Strafverfolgungsbehörden auf die Verurteilung dreier Hauptbeschuldigter, des SA-Sturmführers Rudolf Behre[30] (Gefängnistrafe ein  Jahr und drei Monate) und der Mitglieder der Allgemeinen SS Heinz Berg[31] und Heinrich Schnettker[32] (jeweils Gefängnisstrafe ein Jahr und zwei Monate). Wie die Urteilsbegründung hervorhob, sollte durch die „Misshandlung … der politisch anders Denkende, der den Machtanspruch des nationalsozialistischen Regimes nicht anerkannte, getroffen werden … Der der SA [und der SS] gegebene Freibrief, den politischen Widersacher mit allen Mitteln bis zur physischen Vernichtung zu bekämpfen, ohne befürchten zu müssen, deshalb zur Verantwortung gezogen zu werden, ist … in unmenschlicher Weise ausgenutzt worden. Ein solches Verhalten spricht den allen Kulturnationen heiligen Grundsätzen auf persönliche Freiheit und körperliche Unversehrtheit Hohn. Nicht nur das einzelne Opfer, sondern die Menschheit, die humanitas, sind verletzt“.[33]

 

[1] Die historische Aufarbeitung beschränkt sich auf mehrere Zeitungsartikel im Kontext der Prozesse gegen die NS-Täter (z. B. Rhein Echo v. 21.6.1949) und – nach langen Jahrzehnten – weitere Artikel in der Remscheider Lokalpresse (z. B. Bergische Morgenpost v. 17.11.2001). Den umfangreichsten Beitrag (unter besonderer Konzentration auf die Opfer) bietet Armin Breidenbach, Einst war es Landratsamt, in: Geschichte und Heimat, November 2008 (Nr. 6/75. Jg.), (Teil I) u. Dezember/Januar 2008/2009 (Nr. 6a/75. Jg.) (Teil II). Aktuell ist die Thematik wegen der politischen Diskussion über die Anbringung einer Gedenkplakette für die Opfer ansatzweise in das öffentliche Bewusstsein geraten.

[2] Vgl. zu Biografie und Wirken: Walther Killy u. Rudolf Vierhaus (Hg. ), Deutsche Bibliographische Enzyklopädie, Bd. 9, München 1988, S. 233.

[3] Grundlegend zur Geschichte des Kreishauses bis 1929: Willi R. Dresbach, Das Kreishaus in Lennep an der Kölner Straße und das vorhergehende Landratsamt des Kreises Lennep an der „Alleestraße“ in Lennep, mschr. Manuskript, Solingen 2001; zur Architektur: Angela Koch, Jens Mennenöh, Klaus Udo Quadflieg,  Architektenführer Remscheid, Remscheid 2002, S. 198.

[4] StA Leverkusen, 4010-0182, Kreisausschussbeschluss v. 7.11.1929.

[5] Ebd.,  Aktennotiz Landratsamt Opladen v. 27.8.1929.

[6] StA Leverkusen, 4010-0186, diverse Schreiben der Konfliktparteien 1930-1935; zum 1.1.1931 wurde der Einheitswert des Gebäudes Kölner Str. 82 (Flur 18, Parz. 42/9) mit 26.900 RM und des anschließenden Gartens (Parz. 43/10) mit 20.000 RM beziffert.

[7] StA Leverkusen, 4010-5033, Beschluss d. Bezirksverwaltungsgerichts Düsseldorf v. 20.12.1935, nach dem Schlüssel entfielen auf den Rhein-Wupper-Kreis 48,27 %, die Stadt Remscheid 30,5 % und die Stadt Wuppertal 21,23 %.

[8] Vgl zur Biografie: Horst Romeyk, Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816–1945 (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde. Bd. 69). Düsseldorf 1994, S. 634.

[9] Lenneper Kreisblatt v. 11.4.1933; „Aufruf!“.

[10] Lenneper Kreisblatt v. 12.4.1933, „Neues Leben im Landratsamt“ u. Bergischer Beobachter –Stadtkreis Solingen v. 19. April 1933, „Marxistische Mißwirtschaft im Lenneper Kreishaus“.

[11] Lenneper Kreisblatt v. 24.4.1933, „Einweihung des Herm. Goering-Hauses“.

[12] Remscheider General Anzeiger v. 24.4.1933, „Das Hermann Göring-Haus in Lennep eingeweiht“.

[13] LAV NRW R, Bestand: NW 1037- BI, Sign. 17893, Entnazifizierungsakte Rudolf Behre, Schreiben v. 25.2.1949, Einspruch gegen die Entscheidung des Berufungsausschusses im Entnazifizierungsverfahren.

[14] Dresbach, S. 6

[15] LAV NRW R, Bestand: NW 1037- BI, Sign. 17893, Entnazifizierungsakte Rudolf Behre, Schreiben v. 25.2.1949, Einspruch gegen die Entscheidung des Berufungsausschusses im Entnazifizierungsverfahren

[16] Dresbach, S. 5

[17] StA Leverkusen, 4010-0848, Schreiben Fritz Thoenes an Landratsamt Opladen v. 24.5.1934.

[18] LAV NRW R, Bestand: 1037-BVI, Sign. 10317, Entnazifizierungsakte Fritz Thoenes,

[19] Vgl. zu Biografie u. politischem Werdegang: Peter Klefisch, Die Kreisleiter der NSDAP in den Gauen Köln-Aachen Düsseldorf und Essen, Düsseldorf 2000, S. 220 f. u. Joachim Lilla, Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933 -1945. Ein biographisches Handbuch, Düsseldorf 2004, S. 653 f.

[20] Vgl. zu Biografie u. politischem Werdegang: Klefisch, S. 95 f.

[21] Vgl. Einwohnerbuch Unterer Rhein-Wupper-Kreis 1937, Hösel bei Düsseldorf 1937, S. 1 ff.

[22] StA Leverkusen, 4010-5033, Schreiben Landrat Opladen an Oberbürgermeister Remscheid v. 21.2. 1936.

[23] Ermittlung der Namen über: LAV NRW R, Gerichte Rep.240 Nr. 187-189, Strafprozesse Behre u.  Berg/Schnettker; StA Remscheid, Wiedergutmachungsakten, zu den Biografien: Breidenbach, Einst war es Landratsamt: Dudde, Franz, geb. 28.5.1898, Kraftfahrer, Mitglied d. Kampfbundes gegen d. Faschismus; Hahnenfuth, Arthur, geb. 5.4.1897, Mitglied der USPD, dann KPD, 1929 Stadtverordneter Solingen u. Provinziallandtagsabgeordneter; Köster, Walter, geb. 30.11.1895, Mitglied der KPD, 1924 KPD-Ratsmitglied Lennep; Leuckert, Walter, geb. 17.3.1901, Walzer, KPD-Funktionär; Mang, Jacob, geb. 11.9.1881, Installateur, USPD, 1924 KPD-Ratsmitglied Lennep, 1929 wohl KPD-Vorsitz Lennep; Potthoff, Hubert, Kaufmann, nach Misshandlung im Hermann-Göring Haus zwei Wochen Polizeigefängnis Remscheid; Salz, Hans, KPD-Parteisekretär u. nach 1933 führender Remscheider Widerstandskämpfer, nach eigenen Angaben August/September 1934 im Hermann-Göring Haus misshandelt, Aussage gerichtlich nicht bestätigt; Schmidt Hermann, geb. 9.8.1874, USPD, 1924 KPD-Stadtrat in Lüttringhausen, nach 1933 aktiv im Widerstand sowie seine beiden Söhne; Seidler, Arthur, geb. 27.11.1901, Heizer u. Maschinist, nach eigenen Angaben 1933 im Hermann-Göring Haus misshandelt; Suplicki, Paul, geb. 13.8.1900, Dachdecker, Mitglied der KPD.

[24] LAV NRW R, Gerichte Rep.240 Nr. 187-189, Aussage Zeuge Dudde v. 6.11.1948.

[25] Ebd., Aussage H. Suplicki v. 9.10.1948.

[26] Ebd., Aussage Zeugin A. Mang v. 2.11.1948.

[27] Ebd., Gutachten Stiftung Tannenhof v. 23.12.1948.

[28] Ebd., Strafsache Berg/Schnettker, Anklageschrift d. Staatsanwaltschaft Wuppertal v. 18.11.1948.

[29] Ebd., Strafsache Behre, Urteil des Landgerichts Wuppertal v. 20. 7. 1949.

[30] LAV NRW R, Bestand: NW 1037- BI, Sign. 17893, Entnazifizierungsakte Rudolf Behre, geb. 5.8.1898 in Elberfeld, Volksschule, Schlosserlehre, 1916 Soldat,  Tätigkeit in Autowerkstatt, 1931 Teilhaber, Oktober 1932 Eintritt in NSDAP und SA, 30.1.1933 Sturmführer, 1934 Obersturmführer, 1935 Sturmhauptführer, 1940 Rückzug v. aktiven SA-Dienst.

[31] LAV NRW R, Gerichte Rep. 240 Nr. 187-189, Urteil d. Landgerichts Wuppertal v. 15.7.1949,  Heinz Berg, geb. 6.6.1911 in Bochum, Volksschule, kaufmännische Lehre, Angestellter bei verschiedenen Firmen, 1927-1928 Mitglied d. SA, 1.5.1933 Eintritt in die NSDAP u. Allgemeine SS, 1938 Unterscharführer, 1939 Mitglied d. Waffen-SS, 1945 SS -Obersturmführer.

[32] LAV NRW R, Bestand: NW 1022-SCH, Sign. 41420, Entnazifizierungsakte Heinrich Schnettker, geb. 23.6.1890 in Lennep, Volksschule, Ausbildung zum Schreinergesellen, 1.1.1931-30.6.1933 erwerbslos, 1.7.1933-1.7.1935 Rottenarbeiter bei der Deutschen Reichsbahn, Standort Lennep, 1.8.1932 -1945 Mitglied der NSDAP, 6.4.1932-1939 Allgemeine SS.

[33] LAV NRW R, Gerichte Rep. 240 Nr. 187-189, Strafsache Behre, Urteil des Landgerichts Wuppertal v. 20.7.1949.

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Armin Breidenbach am :

Abgesehen von einigen wenigen Artikeln, die Ende der 1940er Jahre in der damaligen Remscheider Lokalpresse erschienen waren, dürften die von Nationalsozialisten im „Hermann-Göring-Haus“ begangenen Misshandlungen erstmals 1983 im Rahmen der im Historischen Zentrum Remscheid archivierten Dissertation von David Thompson über die Remscheider Arbeiterbewegung von 1918 bis 1945 (The Remscheid Workers’ Movement From 1914 To 1945) thematisiert worden sein. Als angesichts des „Tages des offenen Denkmals“ am 10. September 2000 der damalige Remscheider Baudezernent Helmut Kennepohl über die Geschichte des ehemaligen Kreishauses Lennep referierte, blieb die Nutzung dieses Gebäude während der NS-Diktatur ebenso unerwähnt wie in den von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Remscheid zu diesem Anlass herausgegebenen Informationsblättern über das "Baudenkmal Kölner Straße 82 (ehem. Kreishaus)". Erst im Remscheider General-Anzeiger vom 18. November 2000 erschien ein längerer Artikel über die Geschichte des „Hermann-Göring-Hauses“; die späte Aufarbeitung der Geschichte des „Hermann-Göring-Hauses“ dürfte vor allem an der nur "fragmentarischen Quellenlage" gelegen haben, wie Johannes Kessler zu Recht einschätzt. Der nun von Kessler vorgelegte Beitrag stellt den aktuellen Forschungsstand zur Geschichte des ehemaligen Kreishauses Lennep dar. Es bleibt zu wünschen, dass die geplante Gedenktafel (siehe hierzu https://www.waterboelles.de/archives/25173-Stadt-schlaegt-Gedenktafel-fuer-NS-Opfer-in-Lennep-vor.html) bald dort angebracht wird.

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