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Zur Diskussion gestellt: Spaziergänge in Stakelhusen (1)

Ein Mann, Anfang 50, stoppt sein Auto auf der Stachelhauser Straße. Er möchte wissen, was ich fotografiere. Sehenswürdigkeiten? Hier ist es schon lange abgefahren, da ist nix mehr. Vielleicht mal eine Kneipe, wenn die überhaupt offen ist. Die meisten Leute leben von Hartz 4. Ehemalige Thyssenarbeiter. Damals war das anders, die haben gearbeitet, haben Geld gehabt, und dann lief das natürlich alles. Ich hab viel erlebt, wir haben ein Clubheim gehabt, da auf der Straße. Runter nach Honsberg, da geht die Straße runter bis zum Sportplatz. Das sind so Gebiete, da ist wirklich der Zug abgefahren, die Integration kann nicht stattfinden. Honsberg, Rosenhügel, Kremenholl. Damals, da waren die Politiker da. Und da haben wir ein Gespräch gehabt. Sie sagten so: Integration - die Kinder, die hier geboren sind, die können kein Deutsch. Ich sage: Natürlich ist das bitter, wenn Kinder nicht Deutsch können, die hier geboren sind. Wenn ein Kind hier geboren ist, dann ist das sein Land. Ist von Natur so. Das Problem: Das wollt ihr gar nicht.

Es kann nicht sein, wenn die Kinder nach der vierten Klasse zur Realschule oder zum Gymnasium gehen müssen, dann sammelt man den Rest in Albert Einstein (Anm.: Gesamtschule in Stachelhausen). Da sind in einer Klasse 25 Kinder, davon 20 türkische Kinder. Und dann noch ein Italiener und eine Deutsche. Welche Sprache gibt es da überhaupt? Mit welchem Recht sammelt ihr alles da? So kann die Integration nicht wachsen. Das haben sie mit Sicherheit mit Absicht gemacht. Und dann reden sie noch jetzt, dass die Kinder kein Deutsch können.

Das heißt - absichtlich, damit die Integration nicht erfolgt? Ja! Ich kann das nicht anders beurteilen. Ich hab ja früher auch da gewohnt. Bin extra ausgezogen, so Richtung Morsbach, damit die Kinder da in den Kindergarten und in die Schule kommen. Mit deutschsprachigen Kindern. Damit sie sich mehr integrieren können. So sind sie auch gut weiter gekommen.

Wann sind Sie hierher gezogen? Ich bin nach Remscheid gezogen 1985. Sechs Jahre habe ich in Saarbrücken gewohnt. Ursprünglich komme ich aus der Türkei, aus Nord-Ost. Zwischen Schwarzem Meer und Ost-Anatolien. Kurdisch-alevitisch bin ich. Ist ein Unterschied. Sie sind offener, nicht so religiös. Und weil ihr verfolgt seid, politisch sehr engagiert? Ja, das Volk ermordet, viel Elend. Heute ist es nicht anders. Mittelalterführung, so wollen die Amerikaner und die Europäer die Türkei. Und Afghanistan, was haben die da gemacht! So lange das nicht gestoppt wird, passiert immer Ähnliches. Was denken Sie, was müsste hier noch passieren? Was würden Sie sich wünschen? Für Remscheid, für Stachelhausen? Das ist 'ne gute Frage. Erstmal genügend Lehrstellen. Da hat man früher Thyssen und Mannesmann gehabt. Die Handwerker sterben aus. Remscheid ist eine Hand­werkerstadt. So viel Kenntnis, das stirbt alles aus. Mangelnde Arbeit, mangelnde Bezahlung, auch das Soziale. Und dann hat man natürlich die Lebensqualität hier nicht.

Im Zentrum zum Beispiel: Es hat lange gedauert, bis nochmal ein Kino kommt. Fünf oder sechs Jahre. Immer Klagen. Dann hieß es dies, dann das. Dann sollen sie doch sagen, dass sie das Kino nicht haben wollen. In der Einkaufszone, das kleine Kino, meinen Sie das? Ja, in der Mitte. Rex. Wenn man von der Alleestraße runter geht, auf der linken Seite. Und auf dem Markt war auch eines gewesen. Sind alle zu. Die haben jetzt ein Kino, Cinestar. Es ist nicht schlecht. Kino ist erstmal gut. Dann müssen die Leute nicht nach Wuppertal oder nach da und da fahren. Und in der Umgebung kann man was entwickeln, für die Jugend, was die so haben wollen, heutzutage. Überall nur ShishaBar. Und da wird die Polizei sehr aktiv. Mein Sohn geht da ab und zu hin, da mach ich mir Gedanken. Das bildet nur Kriminalität. Ich sammle Sehenswürdigkeiten. Von Stachelhausen, von Remscheid ... Was ist hier besonders? Was muss ich sehen? Stachelhausen hoch, ist ne Moschee. Auf der anderen Seite die ehemaligen Thyssenhäuser, so wie Ziegelsteine. Werden teilweise für Wohnwagen vermietet. Aha, Wohnwagenvermietung? Der vermietet den Platz, da ist ein großer Aufzug, da kommst du auf die Etage, da hast du deinen Platz, da hast du Strom. Und weiter auf der Stachelhauser Straße, da war lange Zeit ne Kneipe. Und ne Spielhalle. Ist zu. Besonderes gibt‘s nicht mehr in Stachelhausen, was man sehen kann. Das zieht sich bis oben in die Stadt.

Was haben Sie denn gelernt? Wo haben Sie vorher gearbeitet? Maschinen bedient im Betrieb, Sagemaschinen. Messen, auf Tausendstel! Ich weiß alles, und wenn ich jetzt in Metallbau reingehe, dann kann ich das. Dann weiß ich, welche Metalle ich nehme. Also, ich hab schon mal was gelernt, aber den Beruf nicht abgeschlossen. Weil früher im Saarland, da hab ich keine Lehrstelle gefunden, aber Arbeit. Bevor ich kein Geld hab, geh ich lieber arbeiten. Hier in Remscheid hab ich bei Thyssen gearbeitet, ehemalige BSI, Bergische Stahlindustrie. Was habt ihr da hergestellt? Autoachsen gegossen bei der BSI. Bei Thyssen Schaufeln, für Flugzeuge. Das sind so Schaufelhalterungen, für Propeller. Die Arbeit war gesundheitlich nicht gut. Einmal bin ich dann sehr schwer ausgerutscht, konnte den Beruf nicht mehr ausüben und hab dann gewechselt. 14 Jahre im Krankenhaus in Küche und Lager gearbeitet. Dann haben die das ausgegliedert. Jetzt arbeite ich in einem Projekt mit einer Künstlerin, da arbeiten Menschen mit Problemen, um wieder in Arbeit reinzukommen. Ich mach da alles mit Garten.

(aus „Spurensicherung in Stakelhusen“, herausgegeben vom Caritasverband Remscheid e.V. im August 2019, 94 Seiten, Auflage: 500. Redaktion: Roland Brus, Ursula Lauterjung und Martina Richard. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Caritas.)

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