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Kaufhaus Remscheid mit fragilem Finanzierungsmodell

Fotocollage aus dem Kaufhaus Remscheid von gestern. Im Bild auch Rald Barsties und Petra Kipp-Schumacher. Fotos: LotharKaiser

In der Hochphase der Corona-Pandemie war auch das Kaufhaus Remscheid geschlossen. Für Ralf Barsties, den Geschäftsführer der Arbeit Remscheid gGmbH, die das „Sozialkaufhaus für jedermann“ betreibt, sowie dessen Leiterin Petra Kipp-Schumacher und ihr Team war das eine echte Herausforderung. Ralf Barsties am 19. Februar 2021 im Waterbölles: „Der wesentliche Teil der Umsätze fällt in dieser Zeit weg. (…) Staatliche Unterstützungsformen, die für normale Einzelhandelsgeschäfte gelten, greifen bei uns leider nicht.“ Gleichwohl waren auch in dieser Zeit die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Arbeitsgelegenheiten im Kaufhaus, verarbeiteten die eingehenden Gebrauchtwarenspenden, arbeiteten Lagerbestände auf und optimierten das Warenangebot für den Tag X, an dem das Kaufhaus Remscheid wieder geöffnet sein würde. „Das Engagement und die Motivation sind ungebrochen und darüber sind wir sehr froh und dankbar!“, so Barsties damals.  

Inzwischen ist das Kaufhaus am Remscheider Markt wieder geöffnet (von montags bis freitags, 10 bis 18Uhr), und das Personal freut sich über jede Kundin, jeden Kunden, der kommt, um im breiten Angebot zu stöbern. Wer von diesen als anerkannt Bedürftige/r eine Kundenkarte vorweisen kann, hat einen Preisnachlass von 30 Prozent sicher. 6000 Kundenkarten wurden bislang ausgegeben. Mit diesen macht das Kaufhaus Remscheid  auf seinen ca. 800 Quadratmetern Verkaufsfläche 50 bis 60 Prozent seines Umsatzes, berichtete Ralf Barsties gestern in einer Pressekonferenz. Willkommen sind ihm natürlich auch jene Käufer/innen, die bei einem Einkauf nicht mit jedem Euro rechnen müssen. Denn die Einnahmen aus dem Verkauf gewinnen umso mehr an Bedeutung, je geringer die finanzielle Förderung durch das Jobcenters Remscheid ausfallen sollte.

Die Kosten für Ein-Euro-Jobber – davon hat das Kaufhaus zurzeit noch zwei – übernimmt das Jobcenter in voller Höhe. Ralf Barsties: „Diese Zuschüsse zu den so genannten Arbeitsgelegenheiten sind stabil, und wir sind dringend darauf angewiesen, dass es so bleibt!“ Die Personalkosten zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten des Kaufhauses trägt das Jobcenter lediglich in den ersten beiden Jahren zu 100 Prozent, in den folgenden drei Jahren dann absinkend um jeweils zehn Prozent bis auf 70 Prozent. Und da kommt es dann darauf an, dass dem Jobcenter die Fördergelder nicht ausgehen, damit das Kaufhaus gut angelernte Ein-Euro-Jobber auf befristete Stellen übernehmen kann, damit der Zwei-Schicht-Betrieb im Verkauf nicht ins Stocken gerät.

Tatsächlich aber hat das Sozialkaufhaus seit 2019/2020 zehn seiner ehemals 14 sozialversichert beschäftigten Mitarbeiter*innen mit öffentlicher Förderung durch das Teilhabechancengesetz verloren – durch Ablauf der individuellen Förderzeit, durch Erreichen des Eintrittes in die Rente, durch Tod usw. Keine dieser Stellen wurden seitdem neu gefördert. Faktisch gibt es bereits seit Ende 2019 einen Bewilligungsstopp seitens des Jobcenters. Bei nur noch vier Mitarbeiter*innen im Gebrauchtwarenbereich und im Kaufhaus fehlen dem Kaufhaus wichtige helfende Hände. d.h. diese zweite Finanzierungssäule für Kaufhaus und Gebrauchtwarenbereich ist brüchig geworden. Barsties: „Während wir 2020 noch gut 300.000 € an Personalkostenförderung erhielten, waren es 2021 nur noch 105.000 €. Und nach jetzigem Stand müssen wir für 2022 mit 85.000€ auskommen!“

Im Beirat der Arbeit Remscheid gGmbH werde das in der nächsten Woche ein Thema sein, heißt es. Ebenso die steigenden Entsorgungskosten für die Sachspenden, die nicht in den Verkauf gehen können oder letztendlich nicht verkauft werden konnten! Früher wurden zum Beispiel unverkäufliche Textilien von Händlern kostenlos abgeholt; in diesem Jahr befürchtet Ralf Barsties, dafür etwa 20.000 Euro ausgeben zu müssen.

Rein theoretisch/rechnerisch wäre es eine Lösung, das wachsende Finanzloch durch Preiserhöhungen zu schließen. Praktisch aber nicht! Ein Sozialkaufhaus mit Preisen, die der größte Teil der Kundschaft nicht bezahlen kann – undenkbar! Soweit will es Ralf Barsties deshalb nicht kommen lassen. Doch völlig auf Preiserhöhungen zu verzichten wird wohl nicht möglich sein: „Die Kosten steigen und werden weiter steigen!“ Zumal voraussichtlich im Oktober der Mindestlohn bei zwölf Euro liegen wird.

Bei diesem fragilen Finanzierungsmodell bleibt die Hoffnung, insgesamt mehr Kunden gewinnen zu können. Das vielfältige, um echte Raritäten ergänzte Angebot lässt das aussichtsreich erscheinen. Das Kaufhaus Remscheid beschreibt das auf seiner Homepage so: „Ob Sie sich neu einrichten wollen und die passenden Möbel suchen, ein dekoratives oder nützliches Geschenk für den nächsten Anlass brauchen, Ihnen nach einem neuen Outfit zumute ist oder wenn Sie einfach etwas Praktisches für Küche und Co. benötigen – bei uns gibt es, verteilt auf, alles unter einem Dach. Nützliches und Praktisches, Dekoratives und Schickes, Seltenes, Kurioses, Ausgefallenes – alles was Ihr Herz begehrt. Frei nach dem Motto: nachhaltiges Shoppen für Jedermann zu fairen Preisen!“

„Die Sachspendenbereitschaft der Remscheider*innen ist klasse, und wir sind darauf angewiesen, dass das so bleibt“, sagt Ralf Barsties. Vergrößert wurde inzwischen das Angebot an Gebrauchtmöbeln im Kaufhaus, wo u.a. auch aus einem Katalog anhand von Fotos das Geeignete ausgesucht werden kann. Gut, dass die Angebote aus Gebrauchtmöbeln von Leuten, die in ihrer Wohnung Platz für Neues gemacht haben, nicht abreißt. Petra Kipp-Schumacher: „Es kommt auf die Zahl der angebotenen Möbelstücke und auf ihren Wert an… Um nur eine kleine Kommode abzuholen, lohnt sich die Fahrt nach Wermelskirchen natürlich nicht, für eine große, schöne Küche natürlich schon!  Dann holen wir Möbel in einem Umkreis von zehn Kilometer rund um Remscheid ab!“

Wer im Kaufhaus Remscheid selbst Möbel, Textilien und Haushaltsgegenstände abgeben möchte, kann am Hintereingang (Parkplatz Johanniter Straße) des Kaufhauses montags bis freitags zwischen 10 und 18 Uhr und samstagsvon 10 bis 14 Uhr (während der Ladenzeiten)  klingeln, oder (bei größeren Liegerungen) das Lager & Logistik Center, Am Bruch 14, nahe der Freiheitstraße, anfahren (montags bis freitags, 9 bis 15.30 Uhr).

Die Lager des Kaufhauses Remscheid sind noch immer gut gefüllt. Durch regelmäßige Warenrotation fänden Kund*innen jede Woche Neues, sagt Barsties. Der Zustrom und die Verkaufsumsätze hätten sich nach den Schließungen und Erschwernissen der Corona-Zeiten zwar wieder verbessert, befänden sich aber auf einem deutlich geringeren Niveau: „Konnten wir noch 2019 in Kaufhaus und Möbellager monatliche Verkaufsumsätze von durchschnittlich 38.000 € verzeichnen, lagen wir dann 2020 bei noch bei knapp 23.000 €. Und seit der Öffnung nach dem Lockdown vor einem Jahr liegen wir bei 20.000 €!“

Damit die Umsätze wieder steigen, plant das Team von Kaufhaus Remscheid für die nächsten Wochen und Monaten verstärkt Aktionen, Sonderverkauf usw. Barsties: „Da brauchen wir dann die Unterstützung von Menschen die kaufen – gerne auch solche, die nicht bedürftig sind!“

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