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Eine Erntekrone der Landwirte für die Bürger dieser Stadt

Foto: Lothar Kaiser

Aus Anlass des diesjährigen Erntedankfestes hat der Vorstand der Kreisbauernschaft Mettmann e. V., zu dem auch die Remscheider Landwirte gehören, heute Oberbürgermeisterin Beate Wilding stellvertretend für die Bürger der Stadt Remscheid eine Erntekrone übergeben. Sie hängt nunmehr im Eingangsbereich des Rathauses. Der Vorsitzende der Ortsbauernschaft Remscheid, Rolf Felbick, berichtete bei dieser Gelegenheit, dass es zurzeit in Remscheid noch 37 Landwirte gibt, davon 23 im Vollerwerb. Zwölf betreiben Milchviehwirtschaft (mit 14 bis 144 Kühen), zwei sind Schweinehalter (Mast bzw. Zucht), zwei Hühnehalter (mit jeweils mehr als 1.000 Hühnern), fünf betreiben Pferdepensionen und einer züchtet Damwild. Felbick fuhr fort, nahezu alle Remscheider Landwirte würden zugleich Getreide, Futtermais, Raps und Kartoffeln anbauen. Die diesjährigen Ernteerträge seien gut bis sehr gut.

Zur Bedeutung und zur wirtschaftlichen Lage der heimischen Landwirte nahmen ferner der Vorsitzende der Kreisbauernschaft Mettmann e. V., Martin Dahlmann, und  Helga Kempe von der Rheinische Landfrauenvereinigung ausführlich Stellung (Text siehe unten bzw.angefragt)

Oberbürgermeisterin Beate Wilding betonte, das Erntedankfest sei eine schöne Tradition, die Jahrhunderte überdauert habe. Doch was bedeutet das Fest heute, im 21. Jahrhundert? Zitat: „Die wenigsten Deutschen haben noch einen unmittelbaren Bezug zur Landwirtschaft. Der Bauer, der sein Feld bestellt, ist zum Agrarwirtschaftler geworden; auch in der Landwirtschaft gelten die Gesetze des Marktes. Wie Früchte heranreifen und was Ernte bedeutet liegt der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen hierzulande fern. Andererseits ist über Nahrungsmittel vielleicht noch nie so oft und so heftig debattiert worden wie heute.“

Erntedank im Jahr 2008 sei immer noch ein schönes Fest, aber auch eines, das so manche Frage aufwerfe. „Wir können Tag für Tag frische Nahrungsmittel kaufen; wir können zu jeder Jahreszeit so ziemlich alles bekommen, worauf wir gerade Appetit haben. Wir brauchen nicht mehr zu warten, bis etwas reif oder der Vorrat wieder aufgefrischt ist. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber früheren Zeiten; das bedeutet weitaus mehr Lebensqualität, als sie auch heute viele Menschen in anderen Ländern haben. Allerdings müssen heute viele Menschen auch beim Kauf ihrer Nahrungsmittel rechnen.

Deshalb ist es einerseits erfreulich, dass Nahrungsmittel bei uns erschwinglich sind. Und dennoch bleibt zu fragen, ob es richtig sein kann, dass sich die Discounter in Tiefstpreisen zu unterbieten trachten, die oftmals unter dem Erzeugerpreis liegen. Müssen wir einen Preis dafür zahlen, wenn wir immer billigere Lebensmittel haben wollen? Und wenn ein landwirtschaftliches Produkt den Verbraucher weniger kostet, als für seine Herstellung aufgewandt wird, wird ihm damit nicht jeder Wert abgesprochen? Das, was uns am Leben hält, sollte uns doch eigentlich etwas wert sein.“

Die Frage nach den Lebensmitteln sei heute so brennend wie damals, als alle direkt von der Ernte betroffen waren. „Unsere Vorfahren, die den Brauch des Erntedankfests begründeten, wussten, dass ihnen das Einfahren einer guten Ernte harte Arbeit abverlangte. Gerade in den Erntewochen war die Anspannung groß, und wenn alles trocken unter Dach und Fach war, fiel eine Last von ihren Schultern. Sie hatten alles getan, um ihrer Verantwortung für die Ernährung ihrer Familien und ihres Landes gerecht zu werden, aber sie wussten eben, dass eine reiche Ernte nicht allein von ihnen abhing. Wetterunbilden, Schädlinge, zu manchen Zeiten auch Kriege konnten die beste Aussaat und alle Anstrengungen zunichte machen. Und das ist bis heute so. Auch heute noch ist jede Ernte gefährdet, wenn auch bei uns weniger als in anderen Ländern; auch heute wächst das Saatgut nicht von allein. Eine gute Ernte war und ist nicht selbstverständlich. Das war im Bewusstsein unserer Vorfahren fest verankert. Und deshalb haben sie für ihre Ernte gedankt. Diese Tradition verbindet Generationen. Sie ist kultureller Bestandteil unserer Geschichte und unserer Gegenwart. Deshalb freue ich mich, die Erntekrone entgegennehmen zu können.“

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Rede des Vorsitzenden der Kreisbauernschaft Mettmann e.V., Martin Dahlmann, anlässlich des Erntedankempfangs der Kreisbauernschaft am 20.10.2008 im Rathaus der Stadt Remscheid

"Mitten in einer Jahreszeit, die arm ist an kirchlichen Festen, ein kleiner Höhepunkt in einer Zeit, in der es grauer und früher dunkel wird, werden in nicht wenigen Kirchengemeinden unserer Region Altäre geschmückt mit Früchten unserer Arbeit, ein wunderbarer Farbtupfer im kirchlichen Leben. Und doch – startete man in der Bevölkerung eine Umfrage, welches Fest am 5. Oktober 2008 gefeiert wird, so müsste die große Mehrzahl unserer Mitbürger – insbesondere in den Städten – wohl passen. Nicht nur weil der Tag der Deutschen Einheit in die Nähe von Erntedank gerückt ist, können nur ganz wenige den ersten Sonntag im Oktober noch als Erntedankfest ausmachen. Nur eine Minderheit schenkt diesem Tag noch Beachtung.

Erntedank ist – oder war ? – lange Zeit  kein Fest mehr mit einem besonderen Stellenwert in der Öffentlichkeit. Muss das erstaunen?  Angesichts der tatsächlichen Ernährungslage in der Welt eigentlich doch. Angesichts reichlich gedeckter Tische in unserem Lande wohl kaum. Erinnern wir uns..... Lange Jahre ging es darum, eine Landwirtschaft der „Milchseen und Getreideberge“ auf andere gesellschaftliche Ziele auszurichten. Da wurden die teilweise subventionierten Exporte oder die Lagerhaltung gegeißelt, weil sie nicht nur die staatlichen Haushalte belasteten, sondern auch zu globalem Preisverfall für Agrarprodukte führten. Da wurde mehr Natur- und Umweltschutz gefordert und die „gute“  Landwirtschaft war in der Regel eine extensive Landwirtschaft, die nach den Regeln des Ökolandbaus stattzufinden hatte.

Vielleicht war dies alles lange Jahre verständlich. Wir alle hatten uns an einen großzügigen Umgang mit dem Produkt "Lebensmittel" gewöhnt. Wo wir als Kinder noch lernten, dass der "Teller aufzuessen sei", dass "gegessen werde, was auf den Tisch kommt", gehen heute große Mengen an Speiseresten noch nicht mal in die Futtertröge, sondern gleich in die Mülltonnen.

Und dann auf einmal im vergangenen Jahr völlig neue Schlagzeilen, die unsere Aufmerksamkeit weckten, die offensichtlich aufrüttelten. "Lebensmittel sind knapp!" - Plötzlich fällt es uns beim Blick auf Hungerunruhen in einigen Schwellen- und Entwicklungsländern wie Schuppen von den Augen: Unser „täglich Brot oder Reis“ ist kein Überschussprodukt, sondern fundamental knapp und diese Tatsache kostet beim Einkauf nicht nur mehr Geld, sondern kann – in der Geschichte ist dies keineswegs neu – unser friedliches Miteinander gefährden. Schon wurde ernsthaft die Frage gestellt, ob wir angesichts der wachsenden Weltbevölkerung auf unserem Planeten mit weitgehend unveränderlicher landwirtschaftlicher Nutzfläche vor unlösbaren Ernährungsproblemen stehen.

Doch heute, gut ein Jahr später, erinnert sich noch kaum jemand an die Schlagzeilen des Sommers 2007, als die Presse mit Sonderberichterstattungen und Extrasendungen bis hin zu einer intensiven Diskussion über eine gefährliche Konkurrenz zwischen "Teller und Tank" Schlagzeilen machte. Diesen "Aufreger" im Sommerloch 2007 gab es in diesem Jahr nicht. Dabei hätte auch die deutsche und europäische Ernte in diesem Jahr große Aufmerksamkeit verdient. Leider war sie Bundesminister Horst Seehofer nur eine Pressemeldung, noch nicht einmal eine Pressekonferenz, wert. Hier hat unser Landesminister Eckehard Uhlenberg mehr Fingerspitzengefühl gezeigt, als er zusammen mit Kammerpräsident Johannes Frizen die Ernteergebnisse des Landes vor der Landespressekonferenz in Düsseldorf vorgestellt hat.

In der Tat gibt es wirklich gute Nachrichten zu melden: Wir Bauern haben Wort gehalten und äußerst sensibel auf neue Marktsignale reagiert. Wir haben – deutschlandweit – bei der Getreidefläche fast ein halbes Flächenbundesland mehr in Produktion genommen, weil die Flächenstilllegung weggefallen ist, und damit gezeigt, dass wir uns unserer Verantwortung für die Nahrungsmittelproduktion durchaus bewusst sind. Überall wurde der Anbau bei Getreide und Ölsaaten ausgedehnt, Dünger und Pflanzenschutzmittel gezielter eingesetzt.

Das hat den Abbau der Lagerbestände gestoppt – leider aber auch den Erzeugerpreisanstieg. Zusammen mit einer regelrechten Preisrallye bei Dünger- und Pflanzenschutzmitteln und erheblich verteuerten Treibstoffen hat dies die gute  Laune der Ackerbauern eingetrübt. Wir werden am Ball bleiben müssen, was Kostenentlastung zum Beispiel über wettbewerbsneutrale Steuern auf Dieselkraftstoff angeht.

Die gute Laune des zweiten Halbjahres 2007 ist auch den Milcherzeugern hierzulande abhanden gekommen. Milcherzeugerpreise über 40 Cent, wie sie Ende vergangenen Jahres gezahlt wurden, sind leider Schnee von gestern. Die Diskussion um die künftige Gestaltung der deutschen und europäischen Milchpolitik, um bessere Preise für die Erzeuger zu erzielen, ist wieder voll im Gang.

Besondere Brisanz brachte aber – wie Sie wissen – der Milchlieferstreik Mitte dieses Jahres. Wir haben uns angesichts der unterschiedlichen Positionen unserer Mitglieder weder positiv noch negativ erklärt, sondern gesagt, dass die Teilnahme wie die Nicht-Teilnahme Entscheidung eines jeden einzelnen Milcherzeugers war. Und – wir haben das große Engagement vieler Bäuerinnen und Bauern und das hohe Maß an Solidarität unter den Berufskollegen, das so kaum jemand für möglich gehalten hätte, ausdrücklich anerkannt. Mit allen Milcherzeugern hoffen wir natürlich, dass das Preishoch vom vergangenen Jahr keine Eintagsfliege war. Unsere Milcherzeuger brauchen kostendeckende Preise und brauchen dazu auch die Solidarität mit allen Verbrauchern.

Diese Solidarität brauchen aber auch andere Landwirte. Schweinemäster, mehr aber noch Ferkelerzeuger, sind nun seit langer Zeit in eine Zange zwischen den enorm gestiegenen Produktionskosten und historisch tiefen Verkaufserlösen geraten. Es wird Zeit, dass insbesondere auch dieser Bereich von Preiserhöhungen profitiert. Eine Anpassung der Erzeugerpreise an die extrem gestiegenen Futterkosten ist längst überfällig. All diese Beispiele mögen zeigen, dass für die Landwirtschaft – trotz der durchaus erfreulichen Entwicklungen in der Vergangenheit die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Ich spreche diese Dinge heute hier an, weil Erntedank für uns Landwirte zu einem politischen Tag geworden ist. Wir möchten diesen Tag nutzen, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, wie wichtig der Erhalt der Landwirtschaft, der bäuerlichen Betriebe, gerade auch hier im Kreis, ist. Unser Ziel wird es weiterhin sein, qualitativ hochwertige, gesunde und nachhaltig erzeugte Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen auf den Markt zu bringen. Die Konsumenten können sicher sein, dass wir Landwirte diese Leistung bieten können. Denn wir garantieren effektivste Produktions- und Verarbeitungsqualität, wir halten weltweit die höchsten Umwelt-, Naturschutz, Tierschutz- und Hygienestandards ein und wir sind ein Garant für den Erhalt unserer Kulturlandschaft.

Ich möchte das heutige Erntedankfest deshalb zum Anlass nehmen, um mich auch bei den Verbrauchern, die die Leistung unserer heimischen Landwirtschaft zu schätzen wissen und dies mit ihrem Kaufverhalten an der Ladentheke kundtun, sehr herzlich zu bedanken. Diesen Rückenwind, meine Damen und Herren, brauchen wir Landwirte, um auch in Zukunft in einem der am dichtesten besiedelten Bundesländern mit modernster Technik und höchstem Können Lebensmitteln zu erzeugen, ohne die Grundlagen – unsere natürlichen Ressourcen – für die kommenden Generationen zu gefährden.

Sehr geehrte Damen und Herren,  lassen Sie mich zum Schluss einen Bogen zu dem am Anfang Gesagten schlagen. Vor nicht allzu langer Zeit fand man im Quellgebiet von Euphrat und Tigris nicht nur die Urform des Weizens, sondern auch Spuren davon, dass dieser Weizen bereits vor 10 000 Jahren dort kultiviert und züchterisch bearbeitet wurde. Heute im Zeitalter hoch entwickelter Technik, können wir kaum noch die Bedeutung dieses Augenblicks erfassen, in dem ein Mensch zum ersten Mal die Körner einer Getreideähre sammelte und sie wieder in die Erde legte, um nicht "von der Hand in den Mund", sondern von den Früchten seiner Arbeit zu leben. Dieser Urahn dürfte für seine Sippe – und ich behaupte für die gesamte Menschheit – mehr geleistet haben, als sein Bruder, der die Steinschleuder erfunden hat.

Nicht umsonst beginnt nach der allgemeinen Auffassung menschliche Kultur dort, wo der Mensch sein "Jäger- und Sammler-Dasein" aufgab, sesshaft wurde und anfing zur Sicherung seiner Ernährung Acker zu bebauen – zu kultivieren – und Nutztiere zu halten. Deshalb bleibt Fortschrittsorientierung ein Zeichen für das Verantwortungsbewusstsein des Menschen. Wir brauchen eine neue Ernsthaftigkeit bei der Diskussion um die Weiterentwicklung einer modernen Landwirtschaft. Dies ist mehr als nur Fortschritt im technischen Sinn, ist mehr als die Gewinnchance einzelner Unternehmen.

Bereitschaft zur Innovation ist eine gesellschaftliche Grundeinstellung, die ihren Ausdruck im Mut zur Veränderung findet. Zu glauben, man könne mit Idealisierung von Stillstand und Nullwachstum den globalen Herausforderungen begegnen, ist meiner Meinung nach eine angstgesteuerte, gefährliche Illusion. Die Bauern in der Kreisbauernschaft Mettmann, im Rheinland und darüber hinaus werden deshalb auch weiter der Unterstützung durch Politik und Gesellschaft bedürfen, um ihre wichtigen Aufgaben – offen für Innovativationen – für eine nachhaltige Entwicklung unser Gesellschaft und der ländlichen Räume erfüllen zu können.

Lassen Sie mich deshalb zum Schluss meiner Ausführungen im Namen unserer Bauern und ihrer Familien ein herzliches Dankeschön sagen. In unserem Kreis, in unseren Städten und Gemeinden haben Sie, meine Damen und Herren, immer ein offenes Ohr für die Landwirtschaft. So manchen Konflikt und so manches Problem haben wir mit Ihnen zusammen positiv und einvernehmlich gelöst. Dieses Miteinander wissen wir sehr wohl zu schätzen. Lassen Sie uns diese Zusammenarbeit fortsetzen und auch weiterhin mit Leben füllen und dort wo es angezeigt scheint, weiter intensivieren und optimieren.

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, Sie wissen, dass zu unserer Kreisbauernschaft neben dem Kreis Mettmann die bergischen Großstädte Remscheid, Solingen, Wuppertal sowie die Landeshauptstadt Düsseldorf gehören. Und so hat sich mittlerweile eine Tradition entwickelt, im Wechsel jedes Jahr in einer anderen Stadt dem Oberbürgermeister stellvertretend für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt diese Erntekrone zu überreichen.

Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass das Erntedankfest seinen Stellenwert nicht nur in der Landwirtschaft hat. Die Landwirtschaft produziert nicht nur preiswerte und gute Nahrungsmittel – unlängst konnten Sie sich ja selber auf verschiedenen Bauernmärkten wie beispielsweise in Wuppertal darüber informieren – sondern eine weitere Nebentätigkeit unseres bäuerlichen Schaffens ist die Erhaltung der Kulturlandschaft und dies trägt sicherlich zu dem Erholungswert für unsere Bürgerinnen und Bürger bei."

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Rede von Helga Kempe, Rheinischer Landfrauenverband, Ortsverband Remscheid

„Eben geht mit einem Teller

Witwe Bolte in den Keller,

dass sie von dem Sauerkohle

eine Portion sich hole.

Wofür sie besonders schwärmt,

wenn er wieder aufgewärmt.“

Diese Zeilen aus Wilhelm Busch’s   Max und Moritz führen uns vier bis fünf Generationen zurück in die Vergangenheit. Noch zu dieser Zeit waren Missernten durch ungünstige Witterung, Unwetter, Schädlings- oder Pilzbefall sehr häufig. Umso dankbarer war man, wenn im Herbst eine reiche Ernte eingebracht werden konnte, die das Überleben im Winter sicherstellte. Die Garben waren in die Scheune eingefahren worden, der Weißkohl in der Tonne zu Sauerkraut eingestampft, die Schnippelbohnen eingesalzen, Obst gedörrt oder süß- sauer eingelegt und das Wurzelgemüse in Erdmieten für den Winter eingelagert.

Eine gute Ernte und damit gut gefüllte Vorratsräume für den Winter galten früher als Glücksfall für die Bauern, aber auch für die Städter, die dafür sehr dankbar waren. In tiefer Dankbarkeit für die Gaben Gottes feierte man  im Herbst das Erntedankfest. Heute  leben wir rund ums Jahr im Überfluss. Sommer wie Winter sind die Marktstände und die Obst- und Gemüseauslagen in den Supermärkten brechend voll und vielseitig.  Vom anderen Ende unserer Erde werden wir per Schiff oder Flugzeug  täglich mit frischen Produkten versorgt und nahezu Alles ist zu allen Jahreszeiten verfügbar.

Aber auch unser  Erntejahr ist heute nahe zu rund. Gewächshäuser, Vlies und Folien ermöglichen es,  immer früher  im Jahr die Beete oder Felder zu bestellen, Licht-, Belüftungs- und Heizprogramme schaffen  in Treibhäusern optimale Wachstumsbedingungen  auch in der Winterzeit und aufgrund der züchterischen Erfolge gibt es winterharte Gemüsesorten, die noch geerntet werden können, wenn schon bald die nächste Vegetationsperiode beginnt. Optimale technische Lager- und Konservierungsmöglichkeiten sorgen dafür, dass wir rund ums Jahr einwandfreie Produkte zur Verfügung haben.

Wer denkt bei solch einem  über das ganze Jahr hindurch gleich bleibend üppigem Lebensmittelangebot noch ans Danken und daran, dass nicht alles von selbst auf unseren reich gedeckten Tisch kommt. Neben der Arbeit der bäuerlichen Familien und der in der Landwirtschaft Beschäftigten, des großen technischen Aufwandes ist es letzten Endes immer noch die Natur - der Grund und Boden,  das Wasser und die Sonne – und der Schöpfer, dem wir, alles was wächst und gedeiht, verdanken.

Wenn  wir uns eine zum Erntedankfest geschmückte Kirche vorstellen  oder einen Erntewagen  bei einem  Erntedankumzug oder die Erntekrone betrachten, sehen wir bunte Arrangements aus Obst, Gemüse, Garben und Blumen vor uns. Aber nicht nur was auf unserer Erde, unseren Feldern gewachsen ist, sondern auch was wir an Lebensmitteln unserem Vieh verdanken, dass wir Fleisch und Wurst essen dürfen,  verdient unsere Dankbarkeit.

Die Witwe Bolte trauerte noch um ihre Hühner, die so plötzlich und unverhofft in ihrem Bratentopf landeten. Wer denkt aber heute noch an das Huhn, das in seinem kurzen Leben weit über 200 Eier gelegt hat und schließlich getrocknet und in zehn Gramm-Portionen zerteilt in einer Tütensuppe landet. Oder an das Schwein, wenn er die lustige Bärchenwurst, die die lieben Kleinen doch verschmäht haben, in den Mülleimer wirft. Oder an das Rind, wenn er einen für die SB-Verpackungschale vorgegarten und in genormte Stücke portionierten Rinderbraten kauft?

Viele tierische Lebensmittel sind heute so weit verarbeitet, dass ihre Ursprünglichkeit nicht mehr erkennbar ist und wir deshalb an ihre Herkunft nicht mehr denken. Das Fertigprodukt ist  anonym und deshalb fällt es uns so leicht, so viel wegzuschmeissen. Wir leben in einer Zeit des Überflusses und der Bequemlichkeit. Wurden die Menschen früher durch Mangelernährung krank, so ist heute die Überernährung Schuld  an den ernährungsbedingten Krankheiten. Nicht nur Erwachsene, sondern Kinder und Jugendliche  erkranken heute durch falsche Ernähung und ungesunde Essgewohnheiten. Ohne Frühstück in die Schule oder zur Arbeit, Fast Food zwischendurch und vor dem Fernseher oder dem Computer wird nebenbei und gedankenlos irgendetwas verkonsumiert.

Zusatzstoffe ohne Ende lassen Fertigprodukte appetitlich aussehen, Farbstoffe  und Aromen in Süssigkeiten, Joghurts und Getränken gaukeln gesunden Fruchtgehalt vor. Die Herstellung von Fertigprodukten boomt mehr denn je. Allergien, Übergewicht, Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes sind bei Erwachsenen und  insbesondere bei Kindern aufgrund der ungesunden Ernährung in erschreckendem Maße auf dem Vormarsch.

Qualifizierte Landfrauen gehen in Kindergärten und Ganztagsgrundschulen, um die Kinder über die Herkunft unserer Nahrungsmittel  aufzuklären.  Die Kinder lernen, frische Produkte zuzubereiten , appetitlich anzurichten und  sie essen schließlich gemeinsam an einem gedeckten Tisch. Wir müssen den Grundstein für eine gesunde, abwechselungsreiche Ernährung bei unseren Kindern heute legen, denn: „Was Hänschen heute nicht kennen lernt, will Hans morgen nicht essen“.

Landfrauen sind es, die heute noch mit der Erzeugung unserer Lebensmittel vertraut sind, und können Herkunft und Zubereitung den Kindern überzeugend und nachhaltig näher bringen und Interesse daran wecken. Die rheinischeLandfrau und Oecotrophologin Frau Maria Nacke –Pollmann stellt in der WDR-Sendung „ Daheim und unterwegs“ wöchentlich heimische Lebensmittel der Saison vor und bereitet sie zu. Viele Städter wissen gar nicht mehr, wann welches Obst oder welches Gemüse Saison hat und wie vielfältig und abwechselungsreich es zubereitet werden kann. Diese Sendung ist eine gute Möglichkeit, sich über eine gesunde und preiswerte Ernährung zu informieren und die vorgeschlagenen Gerichte  nachzukochen.

Regionale Kreisläufe des Erzeugens und des Verbrauchens erhalten die natürlichen Lebensgrundlagen für uns Menschen, für die Tiere und die Pflanzen. Und das nicht nur bei uns. Überlassen wir nicht den Food-Designern das Feld, sondern werden wir selbst kreativ und entdecken die Vielfalt und den Wert unserer Produkte. Wir sollten es uns wert sein, uns natürlich gesund zu ernähren. Und die Dankbarkeit, für alle guten Köstlichkeiten, die wir reichlich zur Verfügung haben, dürfen wir dabei nicht vergessen.

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