Skip to content

Gewerkschaften: Raus aus der Krise!

Die Gewerkschaften befinden sich in einer Krise, meint Oskar Negt in seiner im Göttinger Steidl-Verlag  erschienenen Streitschrift „Wozu noch Gewerkschaften?“. Darin sieht er „das dringende Bedürfnis nach Orientierung gewerkschaftlichen Handelns“. Eine Krise, „die von den Vorständen … öffentlich kaum eingestanden wird“. Dabei steht für Negt fest, dass „die sinnstiftende Identität von Organisationen (gemeint sind Parteien und Gewerkschaften gleichermaßen) verloren geht“ und es an der Zeit sei, „dass die Gewerkschaften … wieder deutlicher politisches Selbstbewusstsein und Profil entwickeln“.

Gerade diejenigen seien dringend aufgerufen, „den gesamten Ideenhaushalt ihrer versteinerten Apparaturen … in Frage zu stellen, (…), die über … Mitgliederemigration klagen“. Statt dessen werde „jede Streikdrohung, die wenigstens ein Minimum an Erfolg einbringt, … als gelungener Existenzbeweis gewertet“. Und: „Offene Selbstkritik ist ein Tabu“. (Letzteres, das sei hier angemerkt, gilt auch für Parteien.)

Negt fordert von den Gewerkschaften die Entwicklung eines eigenen Politikbegriffs, „der viel stärker als bisher auf außerparlamentarische Bewegungsformen des sozialen Kampfes bezogen ist, auf Bürgerinitiativen, Widerstandsaktionen gegen soziale Verödungen, gegen Arbeitslosigkeit und organisierte Verantwortungslosigkeit der wirtschaftliche Mächtigen“. Um zukunftsfähig und erfolgreich sein zu können, bedürften die Gewerkschaften einer „Erweiterung und Anreicherung des politischen Mandats“ unter „Einbeziehung von Lebensinteressen der in dieser Gesellschaft in Abhängigkeit lebenden Menschen“. Denn politisches Handeln, wie Negt es versteht, „setzt dort an, wo die Menschen sich bewegen, wo sie wohnen und arbeiten“. Der isolierte, von politischen und sozialkulturellen Beziehungen abgetrennte Verteidigungskampf von Arbeitnehmerrechten sei im Grunde aussichtslos. Negts Prophezeiung: „Der eigentliche machtpolitische Kampf … um die Existenz der Gewerkschaften … hat noch gar nicht richtig begonnen“.

Das schrieb er im Jahre 2004. Sind die aktuellen Streiks im öffentlichen Dienst und der Kampf der AEG-Beschäftigten in Nürnberg um ihre Arbeitsplätze ein Zeichen dafür, dass die Streitschrift des 71jährigen Sozialphilosophen in den Gewerkschaften gelesen wurde? Können „außerparlamentarische Bewegungsformen des sozialen Kampfes“ einen Streik wirklich ersetzen? Was meinen Sie?

Aktueller Nachtrag: Ende 2004 gehörten in Nordrhein-Westfalen noch knapp  1.730.000 Arbeitnehmer einer Gewerkschaft an. Das waren allerdings vier  Prozent weniger als im Jahr davor.

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!