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Beate Wilding zu 100 Jahre Rathaus Lüttringhausen

„Steine können sprechen.“ – So lautet eine bekannte Redewendung aus dem antiken Rom. Wovon könnte das Lüttringhauser Rathaus alles berichten? Seit 100 Jahren prägt das Gebäude an der Kreuzbergstraße am Rande des historischen Dorfkerns Lüttringhausens das Ortsbild. 100 bewegte und bewegende Jahre, die auch Spuren am Gebäude und seinem Umfeld hinterlassen haben.Oberbürgermeisterin Beate Wilding

1908 ist es das stolze Symbol der Bürgerschaft und des Stadtrates für die traditionsreiche Gemeinde Lüttringhausen im Landkreis Lennep, die damals auch die Ortsteile Beyenburg und Herbringhausen umfasste. Der Ruf der Bandwirkerstadt Lüttringhausen reichte weit über die Region hinaus, an diese Tradition erinnert heute in unmittelbarer Nähe des Rathauses der vor wenigen Jahren gestiftete „Bandwirkerbrunnen“.

Beim Bau des Rathauses wurde sehr viel Wert auf die Ausführung künstlerischer Arbeiten an Fassade und Innenräumen gelegt. Der Sitzungssaal der Lüttringhauser Stadtverordnetenversammlung zeugt heute noch davon. Die Außenfassade des Rathauses wurde anlässlich des Jubiläums in ihrer ursprünglichen Gestaltung wiederhergestellt. Wilhelm II. ist deutscher Kaiser, und so endet am Festtag die Übergabe des Rathausschlüssels an den damaligen Bürgermeister Gertenbach mit einem Hoch auf den Regenten. Das Rathaus wird auch Zeuge, als im November 1918 die Monarchie in sich zusammenbricht, und Deutschland zur Republik wird.  Der erste Weltkrieg hat in viele Lüttringhauser Familien unsägliches Leid gebracht, auch die Bevölkerung Lüttringhausens leidet unter den Folgen der Seeblockade, und so werden die Nahrungsmittel im „Rübenwinter 1916“ knapp. Mit der Weimarer Reichsverfassung werden erstmals Frauen zu Wahlen zugelassen, das preußische Dreiklassenwahlrecht wird beseitigt, und die Volkssouveränität wird verankert. Wieder ist das Rathaus in diesen stürmischen Zeiten der Mittelpunkt Lüttringhausens.

Doch die Demokratie ist auch nach den ersten freien Wahlen nicht fest im Sattel. Im März 1920 erschüttert der Kapp-Putsch Deutschland und insbesondere das Bergische Land. Das aufständische Freikorps Lützow hatte sich im Remscheider Rathaus verschanzt und wurde von bewaffneten Arbeitern aus Solingen beschossen. Das gesamte Bergische Land befand sich in Aufruhr. Der Putsch scheitert, die Weimarer Republik hatte eine ihrer ersten Bewährungsproben bestanden.  Doch Inflation und Wirtschaftskrise kennzeichnen die ersten Jahre der noch jungen deutschen Demokratie. Bereits seit Mitte der 20er Jahre erörtert der Preußische Landtag eine Gemeindegebietsreform für die Rheinprovinz. Der Landkreis Lennep steht zur Debatte und mit ihm die Selbstständigkeit der Gemeinden Lennep und Lüttringhausen. Nach heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen kommt es im Landtag zur entscheidenden Abstimmung. Die Mehrheit entscheidet, Lüttringhausen soll künftig der aufstrebenden Industriestadt Remscheid angehören, jedoch die Ortsteile Herbringhausen und Beyenburg an die neu entstandene Stadt Barmen-Elberfeld, das spätere Wuppertal, abgeben. 1929 wird die Eingemeidung vollzogen. Das Rathaus Lüttringhausen wird jedoch weiterhin als zentrales Verwaltungsgebäude in Lüttringhausen bleiben.

Das Ende der Weimarer Republik kündigt sich auch in Lüttringhausen an, als die ersten Hakenkreuzfahnen am Rathaus wehen, und politisch Andersdenkende in das Konzentrationslager in der Kemna verschleppt werden. Die jüdischen Mitbürger Lüttringhausens bleiben vom Terror des NS-Regimes nicht verschont, wem es nicht gelang, ins sichere Ausland zu flüchten, dem widerfuhr das Schicksal von Millionen Menschen jüdischen Bekenntnisses. An sie erinnern – auch in Lüttringhausen – seit einigen Jahren die Stolpersteine. Lüttringhausen wird im April 1945 befreit. Es ist die Geburtsstunde der zweiten deutschen Demokratie, die anstelle von Hass und Rassenwahn das unveräußerliche Recht der Menschenwürde setzt.

100 Jahre nach seiner Einweihung ist das Rathaus Lüttringhausen wie sein großer Bruder – das Remscheider Rathaus – damit das Symbol für die Souveränität der Bürgerschaft. Es ist Heimstatt für die Bezirksvertretung und die Verwaltung, die den Menschen in unserer Stadt dient. Wir – Bezirksvertreter, Ratsmitglieder und Oberbürgermeisterin – werden uns immer dafür einsetzen, dass das fundamentale Grundrecht, nämlich das Recht auf freie Meinungsäußerung, auch in diesem Haus des Volkes stets gewahrt bleibt. Zum Wohle unseres Staates und unserer Stadt. Dazu mahnt uns die Geschichte – auch die zu Stein gewordene Geschichte dieses Hauses. Wenn wir ihre Botschaft verstehen wollen, bedarf es einer steten und aufrichtigen Erinnerung an das Geschehene. Erst aus ihr erwächst zugleich die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft, die wir gemeinsam gestalten wollen. Im Geiste dieser Verantwortung haben sich zahlreiche Lüttringhauser Bürgerinnen und Bürger aktiv daran beteiligt, das Rathaus Lüttringhausen künftig – im wahrsten Sinne des Wortes – in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Ich freue mich, dass das Beleuchtungskonzept für dieses historisches Gebäude im Herzen Lüttringhausens mit den ersten Schritten verwirklicht werden kann. Ich danke allen, die ihren kleinen und großen Beitrag dazu geleistet haben - auf dieses bürgerschaftliche Engagement kann Lüttringhausen mit gutem Recht stolz sein!

(Erschienen im September 2008 in der Sonderausgabe „100 Jahre Rathaus Lüttringhausen“ des  Lüttringhauser Anzeigers)

(Das Grußwort erschien in der Sonderausgabe des „Lüttringhauser Anzeigers“100 Jahre Rathaus Lüttringhausen“, September 2008)

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