Skip to content

Anzeige

Bau-Innung Remscheid Innung für elektrotechnische Handwerke Remscheid Fachinnung für Metall- und Graviertechnik Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Remscheid
Dachdecker-Innung Remscheid Friseur-Innung Remscheid Maler- und Lackierer-Innung Remscheid Kraftfahrzeughandwerk Remscheid

Albert Schmidt und die Entstehung der Bevertalsperre

Albert Schmidt, der Architekt der Bevertalsperre

Von Wilhelm R.Schmidt

Als am 8. Oktober des Jahres 1898 die Bevertalsperre eingeweiht wurde, wurden für die geladenen Gäste Tischkarten hergestellt. Neben manch poetischem Beiwerk wie Wassergeist und Nixe, einem wasserbetriebenen Mühlrad im sprichwörtlichen kühlen Grunde und einem romantischen Musikanten mit Sackpfeife und mittelalterlicher Kleidung enthält die schön gezeichnete Karte gut erkennbar als Motive die damals neue Beverstaumauer und darüber das gerade dort erst erweiterte Etablissement des Restaurateurs Friedrich Langenberg. Das Gebäude hat seitdem mehrere Gestalt- und Nutzungsveränderungen erfahren. Die Investitionen Langenbergs wurden übrigens nach der damaligen Einweihungsfeier nicht unbedingt durch unmäßige Einnahmen belohnt, und die unter dem Restaurant liegende neue Staumauer, heute nennt man sie „die alte“, die gibt es so nicht mehr. Aber wie hat seinerzeit überhaupt alles begonnen? Am Anfang ging’s mit Kognak ins Bevertal:

Auf der Knusthöhe 13 in Lennep (das Haus gibt es heute noch) hielt die Mutter des Baumeisters Albert Schmidt jeden Sonntag ein Familienkaffeekränzchen ab, zu dem auch die Familienzweige der Haas, Wender, Dürholt und Kühner kamen, und es wurden dort alle anstehenden Angelegenheiten besprochen. Am Ostersonntag 1888 begeisterten sich alle Familienmitglieder an der neuen Idee, im Gebiet der oberen Wupper eine Talsperre zu errichten. Man hatte an das Bevertal gedacht, und es galt zu erkunden, ob dieses Tal dafür geeignet sei. Die Kaffeegesellschaft von 14 Personen begab sich daraufhin mit dem Postbus und sodann angemieteten Kutschen dorthin und durchwanderte in gut drei Stunden die damals noch wilde Gegend, wobei Albert Schmidt mithilfe einer Flasche Kognak, die sein Schwager Fritz Haas zur Stärkung im andauernden Nieselregen mitgebracht hatte, das Terrain nivellierte. Leider wurde die Flasche zur Stärkung beim anhaltenden Regenwetter dabei immer leerer und das Nivellieren aus physikalischen Gründen schwieriger, vielleicht auch aus biologischen Gründen. Jedenfalls ist rund acht Jahre später die Idee zu einer Bevertalsperre konkret geworden. (Diese Erinnerung des bergischen Talsperrenbauers Albert Schmidt wird in der Familie bis heute erzählt.)

„Wir fahren an die Bever“, hieß es in meiner Lenneper Jugendzeit Anfang der 1960er Jahre. Fahren bedeutete damals, dass wir mit den Rädern fuhren. Manchmal liefen wir auch, sogar  in der Nacht. Mit dem Rad ging der Weg meist über Rädereichen hinter Radevormwald zur Talsperre hinunter. Wir wussten damals nicht, dass der Fußweg zwischen der „Bever“ und Lennep früher auch schon vom Baumeister Schmidt beschritten wurde,  u.a. mit Fritz Hardt sen. Nach einer ersten Besichtung des Beverareals stellte der Unternehmer Fritz Hardt damals die Frage: Und wo liegt nun Lennep?  Und entschluss- und tatkräftig wie er nach Albert Schmidts Schilderungen war, beschloss er sogleich, mit dem Baumeister zu Fuß in die heimatlichen Gefilde zurückzulaufen, was gar nicht so einfach war, denn man musste ja irgendwo über die Wupper.

Dieser Fritz Hardt, er lebte von 1844 bis 1906, war allerdings für Baumeister Albert Schmidt seinerzeit gar nicht der sen., sondern eher der „junge“, bereits im Auftrag seines Vaters „Friedrich Hardt von Dahlerau“ (1817-1880) hatte die Familie Schmidt viele Fabrikbauten an der Wupper errichtet. Die Hardts sprachen von Albert Schmidt allgemein als „unserem Baumeister“. Albert Schmidt war aber auch der bevorzugte Baumeister der übrigen bedeutenden Fabrikanten in Lennep und an der Wupper. In Lennep baute er die Villen der dort zumeist lebenden Fabrikanten, an der Wupper baute er ihre Produktionsstätten. Schon vor der eigentlichen sog. Gründerzeit nach dem Sieg über Frankreich im Jahre 1870/71 war er eine Art „Baulöwe“, und es hieß später über ihn: er hat halb Lennep gebaut. In seinen Familienerinnerungen zählt er selbst, chronologisch angeordnet, über 400 Bauten auf. Die meisten hatten irgendwie mit der Lenneper Industrie zu tun, bzw. mit den Industrieanlagen an der Wupper. Während seiner geschäftlichen Tätigkeit, die er aufgrund der Folgen eines Bauunfalls seines Vaters de facto mit ca. 16 Jahren, also lange vor seiner Meisterprüfung begann, standen zunächst aufgrund der bereits seit drei Generationen bestehenden Familientradition (überwiegend) gewerbliche Hochbauten im Vordergrund. Bereits sein Großvater jedoch, Leopold Schmidt, war mit Leib und Seele auch Wasserbauer.

Der erste Spatenstich zur ersten oder „alten“ Beverversion erfolgte im Dezember 1895, am 8. Oktober 1898 wurde die Bevertalsperre schließlich eingeweiht. Rund fünfzehn Jahre zuvor hatte Albert Schmidt als Generalunternehmer für die Familie Hardt in Lennep bereits die Kammgarnspinnerei in der Kreisstadt Lennep errichtet.

Wenn wir heute von der Bevertalsperre sprechen, und dies meist unter dem Gesichtspunkt des Freizeitvergnügens, dann meinen wir die „neue Bevertalsperre“, die am 14. Juni 1938 eingeweiht wurde. Sie hat nun keine Sperrmauer mehr, sondern sie wird durch einen Damm gestaut. Zur Schaffung eines wesentlich größeren Staubeckens wurde die alte Bruchsteinmauer ab 1940 in mehreren Etappen gesprengt, niedergemacht und eingerissen, so dass das Wasser im größeren Becken ungehindert fließen kann. Wie bei allen Wasserbauten an der Wupper, die den ganz frühen Bauphasen im 19. Jahr-hundert entstammen, und die heute und seit langem nicht mehr genutzt werden, tritt das ursprüngliche Bauwerk auch hier bei Niedrigwasser wieder hervor und kann bestaunt oder sogar begangen werden.

Der Begriff „Talsperre“ ist bei uns im Bergischen und auch im benachbarten Sauerland sehr geläufig. Man spricht ja sogar vom Land der künstlichen Seen. Es gibt heute 16 bergische und sauerländische Talsperren. Natürlich gab es auch schon in der Antike, bei den Griechen und Römern, Bewässerungskonstruktionen, man denke nur an die Hängenden Gärten der Semiramis, die Nilregulierung oder die Aquädukte der Römer. Aber gemauerte Sperranlagen im Sinne der heutigen Talsperren gibt es in Europa erst seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Sie entstanden etwa gleichzeitig an mehreren Stellen. Die Vorläufer in Deutschland waren vor allem die sog. „Oderteiche“ im südöstlichen Niedersachsen. Bereits damals erkannte man hier im Harz den Vorteil künstlicher Stauanlagen. Zahlreiche Waldtäler wurden dort abgesperrt, so dass Teichanlagen für industrielle Zwecke, etwa für den Bergbau, entstanden.

Das in diesem Zusammenhang vorkommende Wort Regulierung bedeutet nicht Begradigung, sondern die Schaffung von Reservoirs, aus denen in den wasserarmen Zeiten das für die Mühlen, Hämmer und späteren Industrieanlagen notwendige Bewegungswasser zur Verfügung gestellt werden konnte, ein Lebensthema auch für Albert Schmidt. Der Baumeister und Industriearchitekt sah sich nämlich im Bergischen Land an der Wupper vor genau die gleichen Probleme gestellt, und er hat dies in vielen Veröffentlichungen beschrieben. Das größte Interesse an seinen Erkenntnissen hatte vor Ort die Wupperindustrie, u.a. die verschiedenen Betriebe der Familie Hardt. Noch vor der eigentlichen Gründerzeit entstand hier eine Symbiose zum gegenseitigen Nutzen, die ein Leben lang, über gut drei Generationen, anhielt. Die Errichtung der Bevertalsperre ist hiervon nur eine, wenn auch sehr bedeutsame Periode.

Die Gileppe-Talsperre war wie die genannten Oderteiche ein Vorbild für den deutschen Talsperrenbau. Ihre ursprüngliche Mauer war Europas älteste Beton-Staumauer und als solche auch ein Vorläufer der sog. Gewichtsstaumauern Prof. Intzes. Sie wurde durch den belgischen König im Jahre 1878 eingeweiht. Ihre ursprüngliche Bestimmung war die Regulierung der Brauchwassermengen für die Textilindustrie bei Verviers. Baumeister Schmidt war zusammen mit Fritz Hardt bereits knapp zwanzig Jahre vor der Eröffnung der Bevertalsperre dorthin gereist. Damals interessierte die neue Talsperre dort nur nebenbei, der eigentliche Reisegrund war seinerzeit, die Spinnereibetriebe im Hinblick auf die Errichtung der Kammgarnspinnerei in Lennep kennen zu lernen. Verviers war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein weltweit bekannt als Zentrum des Wollhandels und der Textilindustrie. Albert Schmidt erinnert sich auch im Zusammenhang der Bevertalsperre an die diese Vorgeschichte zurück. Damals war es in Deutschland noch nicht möglich, eine Talsperre zu bauen. Und die preußischen Behörden waren auch später bei der Errichtung von Gewichtstaumauern immer noch skeptisch und  hielten sich mit Genehmigungen zurück. Kein Wunder also, dass der Bau der Bevertalsperre von der Obrigkeit mit Misstrauen beobachtet wurde. Alles wurde argwöhnisch beäugt. Nach Albert Schmidt gab es sogar bewusst negativ gestaltete Berichte an die Obrigkeit.

Der Aachener Professor Otto Intze (1843-1904) lehrte an seiner Hochschule die Fächer Baukonstruktion, Wasserbau und Baustofflehre. Er machte mehrere, heute nach ihm benannte Erfindungen. Auf seine Ideen geht es zurück,  in dazu geeigneten Regionen vermehrt Talsperren zur Wasserversorgung und zum Hochwasserschutz zu bauen und damit im Interesse besserer Wirtschaftlichkeit die Stromgewinnung zu verbinden. Im Bereich Talsperrenbau schuf er nicht nur die maßgeblichen wissenschaftlich–technischen Grundlagen, sondern er setzte sie in vielen Fällen persönlich auch praktisch jeweils vor Ort um. In den 1890er Jahren leitete er im Rheinland und in Westfalen die Planung von 16 Talsperren von Anfang an. In den Jahren 1889 bis 1891 erstellte Prof. Intze für Remscheid die erste deutsche  Trinkwassertalsperre, es folgten im Bergischen Land dann die Begutachtung der von Albert Schmidt konzipierten Panzertalsperre in Lennep und die Bevertalsperre.

Die Bauvorhaben bei Talsperren waren bereits um 1890 zahlenmäßig so angestiegen, dass Prof. Intze sich vor Ort jeweils durch einen Ingenieur vertreten ließ und nur noch zu wichtigen Besprechungen erschien. Die auf seinen Konzepten beruhende Bauphase im Bergischen Land und im Sauerland war im Wesentlichen zwei Jahre nach seinem Tod abgeschlossen. Prof. Intze starb im Jahre 1904.

Diese Talsperrenbauphase war insbesondere durch das sog. Intze-Prinzip gekennzeichnet. Eine nach diesem Prinzip errichtete Talsperre hatte knapp zehn spezielle Merkmale, von denen hier nur vier genannt werden sollen: es handelte sich um eine sog. Gewichtsstaumauer mit einem nahezu dreieckförmigen Querschnitt, die Mauer bestand aus einem Bruchsteinmauerwerk mit hohem Mörtelanteil, hatte einen bogenförmigen Grundriss, und sie besaß auf der Wasserseite eine Anschüttung aus Lehm, den sog „Intze-Keil“. Nach dem Intze-Prinzip wurden in Deutschland insgesamt über 40 Talsperren errichtet, die letzte in Sachsen um 1933.

Das Intze-Prinzip beim Talsperrenbau hatte Vorbilder in Frankreich und Belgien gehabt und war insbesondere in Gegenden mit eingeschnittenen Bachtälern sinnvoll. Im weiteren Verlauf der Talsperren-geschichte wurden dann eher Dämme errichtet, auch weil die Intze-Talsperren bestimmte, grundsätzliche konstruktionsbedingte Nachteile aufwiesen. Ein lebendiges Zeugnis für diese Entwicklung ist auch der Errichtung des neuen, noch heute bestehenden Staudamms der „neuen“ Bevertalsperre, deren Entstehung in dem Bildband von Norman Schorl und Wolfgang Völkel eindrucksvoll und mit vielen Bildern dokumentiert ist. Albert Schmidt schätzte die Idee eines Beverdamms nicht und bevorzugte stattdessen die Errichtung eines weiteren Intzetalsperre im Wiebachtal. Die Errichtung des Beverdamms hat er persönlich nicht mehr erlebt.

Die Vorfahren Albert Schmidts kamen aus Freckhausen bei  Eckenhagen im Oberbergischen. Alle hatten schon frühzeitig mit Wasserbauten an der Wupper zu tun. Vom Großvater Leopold erzählte man sich, er habe immer mit einem Bein im Wasser gestanden. Leopold Schmidt hatte schon von Freckhausen aus als Unternehmer viele Wehrbauten und Hammerwerke an der oberen Wupper bis Beyenburg ausgeführt, ab 1835 dann mit seinem Sohn Christian von Dahlhausen aus.

Diese Tradition nahm auch Albert Schmidt auf, die Wasserbauten beschäftigten ihn dann bis ins hohe Alter. Schon früh, lange vor der Zeit des Talsperrenbaus interessierte ihn der Zusammenhang zwischen dem  Regen und Wasserabfluss der Wupper. Durch Messungen fand er so empirische gestützte Grundsätze, die es ihm ermöglichten, das Eintreten und die Höhe einer Wupperflut vorherzusagen. Albert Schmidt maß meteorologisch eigentlich überall, zuhause im Garten an der Lenneper Knusthöhe, aber vor allem an der Wupper, insbesondere am sog. Dahlhauserwehr, wo er ab 1881 täglich die Abflussmengen ermitteln ließ. Diese Messungen sollten sich später bei der Umsetzung der Talsperrenidee als besonders wertvoll erweisen, weil die exakt erhobenen Wasserverhältnisse eine wesentliche Grundlage der technischen Konzeption jeder Talsperre darstellen.

Albert Schmidt baute im Wesentlichen drei Talsperrenanlagen selbst, in Lennep zunächst die Panzersperre, selbstverständlich nach Intzes Prinzipien, aber in eigener Gesamtplanung und Ausführung. Auch die Erhöhung der Lenneper Talsperre im Jahre 1905, die bereits sein Sohn Arthur praktisch ausführte, stand noch unter seiner Aufsicht. Die Bevertalsperre von 1898 wurde von ihm nach den Berechnungen Intzes geplant und ausgeführt, bei der Bruchertalsperre machte er den ingenieurmäßigen Entwurf.

In seinen letzten Erinnerungen aus dem Sterbejahr 1932 beschreibt Albert Schmidt, wie es mit der Umsetzung der Talsperrenidee ernst wurde: „Im Frühjahr 1896 sollte ich die Ausführung der Bevertalsperre übernehmen, ein Bauobjekt von 700 000 Mark. Ich wollte eigentlich nicht, aber man wünschte es, da ich ja acht Jahre lang für das Zustandekommen der Talsperrenbauten gearbeitet hatte und ich volles Vertrauen beim Baukomitee genoss. Um jedes Bedenken wegen der großen Bausumme zu verdrängen, ging Fritz Hardt zur Volksbank und übernahm einen Kredit für mich über 150 000 Mark. Bei dem Ankauf des Grunderwerbs für die Bevertalsperre übernahm dann Fritz Hardt die für die Talsperre nicht notwendigen Restgrundstücke von den meistens ganz erworbenen Gütern. Er hat sie dann zu seinem „Jagdgut Höh“ auf einer Halbinsel des Talsperrenbeckens verwertet.“

Albert Schmidt kommt in seinen Erinnerungen immer wieder auf den damaligen Landrat Richard Königs zurück. Er führte den Vorsitz in den Talsperren-Komitee, dessen Aufgabe es war, durch Vorträge und Schriften die Bevölkerung die Beteiligten und die Behörden über den positiven Sinn des Vorhabens aufzuklären. Man kann durchaus behaupten, dass die Bildung dieses Baukomitees im Herbst 1887 die Geburtsstunde des Talsperrenbaus in Deutschland gewesen ist. Insbesondere durch die Klugheit und Zähigkeit des Landrats Richard Königs kam es dann zu einem Genossenschaftsgesetz. Aufgrund dessen wurde dann die Wuppertalsperrengenossenschaft im Dezember 1895 gegründet. Der Hückeswagener Bürgermeister Hagenkötter war zeitweilig Vorsteher der Wuppertalsperrengenossenschaft. Er veröffentlichte die überregionale Zeitschrift „Die Thalsperre, Zeitschrift für Wasserwirtschaft, Meliorationswesen und allgemeine Landekultur“. Albert Schmidt verfasste rund 20 Beiträge für die Zeitschrift, u.a. zum „Bergischen Elektrizitätswerks“ Müngsten.

Die Rolle Albert Schmidts beim Gesamtvorhaben „Bevertalsperre“ war vielfältig. Es ist klar, dass er mit seinem eigenen Baugeschäft nur Ausschnitte bewältigen konnte. Alles wurde selbstverständlich ausgeschrieben, und der Baumeister erhielt zuvor für seine achtjährigen  Planungsleistungen 10.000 Mark, damit bei seiner ggf. erfolgreichen Mitbewerbung hier nicht der Verdacht aufkommen konnte, er werde dafür mit dem Zuschlag belohnt. Schmidt konkurrierte u.a. gegen die Frankfurter Großfirma Philipp Holzmann und erhielt schließlich den Zuschlag. Seine Rolle war auf Wunsch der Komiteemitglieder wie zuvor bei der Kammgarnspinnerei die eines Gesamtkoordinators und Gesamtunternehmers. Anlage- und Betriebskosten, Maschinen und Arbeitslöhne mussten für drei Jahre Bauzeit im Voraus kalkuliert werden. Alle finanziellen Abwicklungen gingen über Albert Schmidt. Selbst die Bewirtung von Besuchern und der Festgäste bei der Eröffnung. Diese Rolle hat ihn nach eigener Bekundung unter dem Strich so belastet, dass er die ihm angetragene gleiche Aufgabe beim Bau der Barmer Talsperre im Herbringhauser Tal später ablehnte.

Immer wieder gab es Schwierigkeiten mit dem amtierenden Regier- ungsbaumeister, weiterhin musste man sich mit dem Vertreter Prof. Intzes abstimmen, und zahlreiche Poliere und Subunternehmer wie Schachtmeister, Lokomotivführer und Fuhrunternehmer waren anzu-werben, zu koordinieren und zu bezahlen. Albert Schmidt hatte dafür selbst im ersten Baujahr zur Unterstützung auch einen Ingenieur als Vertreter eingestellt, aber die Gesamtleitung nie aus der Hand gegeben.

 Es kam auch zu einer größeren Dissonanz zwischen Albert Schmidt und Prof. Intze, da sich bei Schmidt die Erkenntnis durchsetzte, dass Intze seine empirisch festgestellten Wasserab-flussmessungen nicht gänzlich, sondern nur ausschnittsweise für die Planung berücksichtigt hatte. Konkret hieß das, er hatte laut Schmidt längere Trockenperioden nicht berücksichtigt, wodurch seine Talsperren zu klein gerieten. Daraus ergab sich bereits 1911 ein Plan zur Erweiterung der Bevertalsperre, verbunden mit einer Erhöhung der Staumauer. Albert Schmidt arbeite auch diesen Plan für die Talsperrengenossenschaft aus, und der Plan fand 1915 durchaus Beifall bei der Regierung. Die Kosten und sodann der Erste Weltkrieg verhinderten dann das Projekt.

Albert Schmidts Beschreibung des Baus der Bevertalsperre beinhaltet sehr viele weitere interessante Aspekte, wie z.B. den der italienischen Gastarbeiter, denen ja besondere Fähigkeiten beim Tiefbau nachgesagt wurden, den Einsatz einer Kraftzentrale und von Lokomobilen. Es handelte sich ja insgesamt um eine Großbaustelle mit zeitweise bis 300 Beschäftigen, deren Umfang und Schwierigkeiten  uns auch heute noch beeindruckt. Eine sehr persönliche Note weisen seine Bemerkungen zur Familie des Wirtes Langenberg und ihren Kindern auf, denen er öfters Schokoladentäfelchen mitbrachte, was seine sparsame Frau in Lennep dazu brachte, diese sich en gros liefern zu lassen. Freundlich erinnert sich Albert Schmidt auch an Intzes Vertreter Sax, der später Stadtbaumeister in seiner Heimatstadt Luxemburg wurde. Prof. Intze kam nur bei Festlichkeiten, oder wenn es galt, Minister über die Mauer zu geleiten.

Nach der Einweihung der „alten“ Bevertalsperre am 8. Oktober 1898, bei der Richard Königs, Prof. Intze, Fritz Hardt und Albert Schmidt Orden erhalten hatten, fuhr die Gesellschaft in 20 Wagen in die Kreisstadt Lennep, wo im Berliner Hof nahe des Bahnhofs noch einmal mit vielen Reden gefeiert wurde. Landrat Königs hatte den Baumeister erst überreden musste, den Orden anzunehmen; eine Verweigerung wäre einer Majestätsbeleidigung gleich gekommen.

Albert Schmidt starb 1931 auf seinem Anwesen an der Lenneper Knusthöhe 15, das er viele Jahre zuvor von Fritz Hardt übernommen hatte.

********

Wilhem R. Schmidt

Voraussichtlich Mitte Oktober 2008 erscheint „Albert Schmidt. Ein bergischer Baumeister“, hrsg. von Wilhelm R. Schmidt (Foto): 192 Seiten, 90 Bilder, 15,5 x 23,5 cm, ISBN 978-3-86680-400-5, 18.90 Euro. Dr. Wilhelm R. Schmidt, geb. 08.03.1947 in Remscheid-Lennep, studierte Germanistik, Philosophie und Öffentliches Recht. Nach dem Referendariat in Darmstadt und einer Tätigkeit bei der Deutschen Bibliothek arbeitete er von 1985 -1989 als Stellvertretender Amtsleiter in Hannover, seitdem als Bibliotheksdirektor bei der Universität Frankfurt am Main. Insbesondere zur Tuchindustrie an der Wupper und deren Zentrum in der ehemaligen Kreisstadt Lennep veröffentlichte er (u.a. im Sutton Verlag, Erfurt) seit dem Jahre 2000 mehrere Bücher.

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!