Skip to content

Anzeige

Bau-Innung Remscheid Innung für elektrotechnische Handwerke Remscheid Fachinnung für Metall- und Graviertechnik Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Remscheid
Dachdecker-Innung Remscheid Friseur-Innung Remscheid Maler- und Lackierer-Innung Remscheid Kraftfahrzeughandwerk Remscheid

Auf das „Fürberger Land“ fiel im Krieg nur eine Bombe

Der Fürberg, fotografiert von Paul Reifenrath. Sammlung im Historischen Zentrum RemscheidAuf alten Fotos ist die Ackerstraße nur als Schotterweg zum Fürberg zu erkennen. Das änderte sich heftig, als die Stadt Remscheid 1938 beschloss, 24 Grundstücksparzellen an die Rheinische Kleinsiedlung GmbH zu verkaufen. Diese wurden nach den Bestimmungen des Reichsarbeitsministeriums wiederum an die Siedlungsbewerber verlost, und so konnte dann alles losgehen. Die Erstellung der Siedlungshäuser erwies sich als äußerst schwierig, da die umfangreichen Eigenleistungen dadurch beeinflusst wurden, dass die spärlich fließenden Baumaterialien teilweise von S -Leuten, die ebenfalls eine Siedlung bauten, wieder abgenommen wurden. Der Baustoffklau hatte also Hochkonjunktur.

Mitte 1938 begannen die Bauarbeiten. Das heutige Siedlungsgebiet stellte sich als große Weide mit teilweisem Baumbestand dar, an deren Rand die Ortschaft Fürberg und die Häuser Wilms und Bornemann standen. Im Frühjahr 1939 wurde mit den Häusern auf dem Fürberger Land begonnen, während die ersten Häuser an der Ackerstraße schon fast bezugsfertig waren.

Anders als in vielen anderen Remscheider Siedlungen wurden die einzelnen Baulose den Siedlern schon vor Ausschachtungsbeginn zugeteilt, so dass jeder Bauherr sein eigenes Haus baute, während anderswo Siedlungen in Gemeinschaftsarbeit erstellt und dann erst verlost wurden. In der ersten Siedlergeneration wurden vor allem kinderreiche Familien berücksichtigt, und es waren überwiegend Sägenrichter, Sägenschmiede, Gießer, Schlosser, Dreher Schleifer, Former, Dampfkranführer und zu guter Letzt ein Geflügelzüchter vertreten.

Blick vom Volkeshaus zum Fürberg um 1935. Ein ,’Volkwin auf dem Bruch’ (1469) oder ein ‚Volkern zom Hytz" (1513) soll der Namensgeber dieser alten Ortschaft gewesen sein. Hingegen ist der Namensursprung von Fürberg einleuchtend. Fürberg, im Verbund der ‚13 Hastener Höfe’ wurde schon 1369 als Vurberch erwähnt, was nichts anderes als ‚vor dem Berg’ bedeutet. Das Foto setzt diesen Namen schön ins Bild. (aus: ‚Remscheid. Ein verlorenes Stadtbild’, von Rolf Lotzmann, erschienen 1994 im Wartberg-Verlag)Jeder Siedler hatte an seinem Bau Eigenleistungen zu erbringen, die ihm als Anzahlung auf die Bausumme gutgeschrieben wurden. Über die pünktliche Erfüllung der Eigenleistungen wachte der Siedlungsobmann Erich Koch. Aufgrund der damaligen 48-Stunden-Woche und notwendiger Überstunden war die Pünktlichkeit nicht immer zu gewährleisten, denn die Anfahrt mit der Straßenbahn wurde Opfer der Sparmaßnahmen. Viele Siedler kamen mit dem Fahrrad, bauten am Haus und übernachteten (was verboten war) teilweise in den Rohbauten, um am anderen Morgen früh weitermachen zu können.

Insgesamt konnten die Kriegswirren dem Bautrieb der Siedler nichts anhaben. Ein großes Problem entstand, als die Stadt Remscheid den Siedlern 1945 auferlegte, den Schutt der Ausschachtungsarbeiten (ca. 50 Kubik eter) wegzuräumen, um mit dem Ausbau der Ackerstraße beginnen zu können. Ein Lkw seitens der Stadt war nicht zu bekommen, und per Handkarren und Schubkarre war es ein hoffnungsloses Unterfangen, da die Kippe Solingerstraße 1,5 Kilometer weg war. Welche Lösung letztlich gefunden wurde, ist nicht überliefert.

Im Fürberger Land ergab sich ein umgekehrtes Problem: Hunderte von Karren Erde wurden aus dem Wald am Ende der Straße geholt, um das Gelände vor den Kellern anzuschütten. An Wochenenden war eine wahre Prozession von Schubkarren in den und aus dem Busch zu beobachten. Die Arbeiten an den 1939 fertiggestellten Häusern hatten noch nicht so unter dem Materialmangel zu leiden wie die späteren. Der monatliche Arbeits lohn eines Facharbeiters betrug damals im günstigsten Fall etwa 195 RM (Reichsmark) netto, der Stundenlohn etwa  eine- bis 1,10 RM. Für die Miete zahlte man in der Regel zwölf bis 15 Prozent vom Nettolohn, also 25 bis 30 RM, wobei die Wohnungen, in denen oft vier und mehr Personen lebten, kaum größer als 30 bis 40 qm waren. Da war es verständlich, dass die Siedler so schnell wie möglich in das eigene Heim ziehen wollten, um die Doppelbelastung der Miete und die Baukosten zu reduzieren.

Mit Beginn des 2.Weltkrieges wurde das Bauen erheblich schwieriger. Da wurden nur noch gelb-graue Steine aus Formsand (Rückstand der Stahlverarbeitung) gepresst und für die Kellerwände benutzt. Der Rest wurde aus Schwemmsteinen gemauert, und die Wandstärke betrug 24 cm. Verbunden waren die Steine durch eine Mischung von sehr viel Sand und möglichst wenig (teurem) Zement, was der Festigkeit des Mörtels nicht gerade zugute kam. Manch eine Wand wurde eher von Putz und Tapeten zusammen gehalten. Außerdem wurden Stahl und Bauholz Mangelware und selbst auf Bezugsschein nicht mehr erhältlich. Auch der Mangel an Arbeitskräften, sowohl bei den beauftragten Firmen als auch bei den Siedlern, machte sich nun empfindlich bemerkbar. Sogar die Stadt schaltete sich ein, um z.B. die zeitweise Zurückstellung eines Arbeiters vom Kriegsdienst zu erwirken. Insbesondere bei der Eindeckung der Häuser machte sich der Arbeiter- und Materialmangel bemerkbar, was auch die Qualität minderte. So war die Freude über das sprichwörtliche "Dach über dem Kopf" bei einigen Bauherren schnell getrübt, da es oft durchregnete und manch ein Dachdecker zur Beseitigung der Schäden gezwungen werden musste.

Als 1941 schließlich auch die weiter oben am Hang gelegenen Siedlungshäuser bezogen werden konnten und alle ein neues Heim hatten, stand natürlich die Frage der Straßenbenennung an. Die Stadt Remscheid wollte den "Lusbusch" (Läusebusch) daraus machen. Das wiederum fanden die Siedler absolut suspekt, zumal sie immer an das oberhalb der Siedlung befindliche Obdachlosenasylheim und die Mengen von Unrat im Wald erinnert werden würden. Sie protestierten, hatten Erfolg, und so heißt es seit dem 23. Juni1941 „Fürberger Land“.

Bei der Planung der Siedlung ging man davon aus, dass die Bewohner Selbstversorger seien. Zu den Häusern gehörte jeweils ein Grundstück von 720 bis 1000 qm, welches als Garten genutzt wurde. Kleintierhaltung war selbstverständlich. So bekam jeder Siedler (man höre und staune) vom Siedlungsträger, dem Reichs- Heimstättenwerk, nicht nur Baumaterial, sondern auch als "Inventar" sechs Hühner, zwei Kaninchen, eine Ziege, ein Schwein, (Gesamtwert = 90 RM), Gartengeräte für 90 RM sowie Obstbäume und Beerensträucher für 70 RM zugeteilt. Das stellte eine beträchtliche Summe dar, verglichen mit dem damaligen Durchschnittsverdienst.

Nach und nach wurden die Ställe aus den Kellern nach draußen verlagert, indem man "Schwarzbauten" errichtete, die teilweise heute noch vorhanden sind. Die Ställe, heute zum Teil selbst als Wohnraum genutzt, machten im Keller den Platz frei für weitere Zimmer. Dachausstiege vergrößerten die Räume im Dachgeschoß. Garagen baute man, nachdem es der wirtschaftliche Aufschwung erlaubte und man sich ein Auto leisten konnte. So lassen nur noch wenige Häuser erkennen, wie man in den  0-er Jahren wohnte:

Im Souterrain, das wegen der Hanglage einen ebenerdigen Zugang nach außen hatte, befand sich neben Ställen (etwa 10 - 11qm), Keller- und Wirtschaftsräumen (etwa 21qm) die Toilette. Wasserspülung war unbekannt, denn es handelte sich um Torfklos: Unter der Toilette stand ein Kübel, welcher die Fäkalien auffing und in den man nach jedem erfolgreichen Besuch eine Schaufel Torf warf, der sich in einem Eimer oder einer Schublade neben der Toilette befand. Einmal in der Woche wurde der Kübel geleert, normalerweise in den Garten, wo Jauche und Torf als Düngemittel dienten. Im Erdgeschoß befanden sich normalerweise drei Räume und ein kleiner Flur, die sich folgendermaßen aufteilten: Eine Wohnküche etwa 14qm, das Elternschlafzimmer etwa 12qm und das Kinderschlafzimmer etwa 5qm. Manchmal wurde eines der Zimmer noch vermietet.

Der Krieg zwang die Siedler zu gemeinsamen Anstrengungen, und die wenigen Männer und Heranwachsenden, die noch zu Hause waren, bauten für die Anwohner des Fürberger Landes einen Bunker auf dem heutigen Grundstück Krause und für die Anwohner der Ackerstraße einen Bunker nahe der Morsbachtalstraße unterhalb des Hauses Disteler. Der obere Bunker wurde als offener Gang in das Erdreich getrieben, mit selbst gefällten Baumstämmen abgestützt und mit Erde, die auf einer Holzdecke von Baumstämmen lag, bedeckt. Während der Luftangriffe auf Solingen und Remscheid wurden die Bunker ständig von den Anwohnern genutzt. Im allgemeinen blieb die Siedlung von großen Schäden verschont, auch wenn etwa 100 Brandbomben in die Gärten fielen und zahlreiche Splitter und Flakgeschosse (die Flak war auf Sudberg stationiert) niedergingen. Lediglich ein Haus wurde von einer Bombe getroffen: Emma Bohm (damals hochschwange),war in der Wohnstube, als die Bombe einfiel. Bevor sie sich versah, fand sie sich im Keller auf dem Schwein wieder. Was war passiert? Die Bombe war zum Glück nicht explodiert und zerriss nur das Dach und die Zwischendecke zum Keller. Bis auf ein paar Blessuren kamen Frau Bohm, und das Schwein mit dem Schrecken davon - Schwein gehabt...! (Aus „Die Morsbach, Hämmer- und Kottenforschung in Remscheid“ von Günther Schmidt, einem 1999 erschienenen Bildband zum 630-jährigen Bestehen einer der ältesten Remscheider Hofschaften..)

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen

Die einzelnen Beiträge im "Waterbölles" geben allein die Meinung des Autors / der Autorin wieder. Enthalten eingeschickte Texte verleumderische, diskriminierende oder rassistische Äußerungen oder Werbung oder verstoßen sie gegen das Urheberrecht oder gegen andere rechtliche Bestimmungen oder sind sie nicht namentlich gekennzeichnet nebst E-Mail-Adresse, werden sie nicht veröffentlicht. Das gilt auch für substanzlose Bemerkungen ("Find ich gut/schlecht/blöd...etc."). Aus den oben genannten juristischen Gründen sowie bei längeren Texten sind auch Kürzungen nicht ausgeschlossen.