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Hof Müngsten: Den alten Hämmern folgte der Tourismus

In historischer Zeit wurde mit Namensnennungen, Ortsbezeichnungen und dergleichen nicht so genau umgegangen wurde, wie es heute der Fall ist. Lesen wir zum Beispiel Mungsten, Müngesten, Müngsthausen, so handelt es sich immer um den gleichen Standort. Die Müngsten oder Mungsten waren ein berühmtes Geschlecht von Klingenschmieden. 1597 wird in Solingen der Bürgermeister Peter Müngsten genannt, der ebenso wie Andreas als Schwertschmied einen guten Namen hatte. Das Berliner Zeughaus besitzt noch Klingen des 16. Jahrhunderts mit dem Zeichen Peter Mungsten und Andreas Mungsten.

Der Hof Müngsten ist uralt. Bis zu ihm ging nach einer Elberfelder Halbachsche Pack- und Wohnhäuser in Müngsten 1900. Foto: Stadtarchiv SolingenAmtsrechnung seit altersher die Fischerei auf dem Morsbach, die bei Clemenshammer begann und zum Amte Beyenburg gehörte. Während des 17. Jahrhunderts geben uns Solinger und Cronenberger Urkunden nebst einem alten Lagerbuch des Amtes Bornefeld recht genauen Aufschluß über die Besitzverhältnisse in Müngsten, und fast immer scheinen dort mehrere Höfe, wohl entsprechend den verschiedenen Hammergründungen, am Ausgang des Morsbachtales nebeneinander gelegen zu haben. Zeitweise hatten auch abseits auf dem Berge wohnende Leute ihren Hammer oder Kotten im Tale.

Müngsten 1932: Das Restaurant und Hotel Sammlung: Manfred Ackermann

​Hendrich zu Müngsten, wohl ein Angehöriger jener alten Solinger Klingenschmiedefamilie, erbaute im Anfang des 17. Jahrhunderts mit landesherrlicher Erlaubnis auf dem verlorenen Wasser neben seinem Gut ein Stahlhämmerchen gegen Abgabe einer Radermark. Selbst während des 30-jährigen Krieges werden Neugründungen an dieser Stelle verzeichnet. 1619 baute Clemens auf dem Sudberg, einen Reckhammer zu Müngsten, den danach Peter Sichelschmidt besaß, dessen Handwerk sein Name deutlich verrät.

Im Cronenberger Lagerbuch von 1598 ist nachzulesen, daß 1594 Andreas Mungsten in dem Haus wohnte, das Eduard Hölterhoff 1841 in seinem Buch "Vaterlandskunde, ein geographisch geschichtliches Handbuch" folgendermaßen beschrieben hat:"Müngsten (Müngsthausen), Ort mit sechs Häusern und Hämmern bestehend, liegt romantisch schön, tief im Thale, da wo die Morsbach in die Wupper mündet. An diesem abgelegenen Orte hielten die reformierten Prediger des Bergischen in den Zeiten der Verfolgung, namentlich 1594, 1599 und 1602 Synoden".

1643 finden wir dann einen der tätigsten Stahlindustriellen jener Zeit, Arnold Hasenclever aus der Lobach, als Gründer eines Rohstahlhammers zu Müngsten auf dem Morsbach, für den er einen Goldgulden als Wasserzins entrichtete. 1659 baute "rnold Hasenclever zu Müngsten" auf einem Schleifkottenplatz einen neuen Reckhammer. Es sind dieselben Hämmer, die nebst zwei weiteren nach mehr als einem Jahrhundert Johann Arnold Halbach teils ererbte, teils erwarb. Einen solchen, anno 1656 erbaut, später im Besitz von Joan Bertrams und dann endlich in Halbachschem Besitz, führt noch die Rekognition der Burger Kellnereirechnungen von 1783/84 an. Es gab demnach zu Müngsten mindestens vier alte Hämmer, gebaut um 1619, 1643, 1656 und 1659.

In Engels'-Legers' "Geschichte der Remscheider und Bergischen Werkzeug- und Eisenindustrie", wird berichtet, daß Gottlieb Halbach sich zunächst mit den in Müngsten gepachteten Hämmern an der "einzuführenden schwarzen Sensenfabrique" beteiligte und durch seinen geeigneten Stahl zum führenden Kopf eines Zusammenschlusses von Kaufleuten und Hammerbesitzern wurde.

1963 wurden die Halbachschen Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Sammlung: Paul Bulang

Zu der Besitzung gehörten ein Herrenhaus mit Nebenhäusern, die Hämmer, Schuppen, Stallungen, Höfe, Gärten, Ackerland, Wiesen, der Flaghof vom oberen Wupperstrom bis an den Küppelsteiner Weg und der sogenannte Heidebusch. Von den Hammeranlagen schreibt Eversmann 1804 in seinem Nachweis der im Herzogtum Berg mit Werkstätten belegten Wassergefälle: "Müngesten, ein Werk, das am Ausfluß der Maasbach in die Wupper liegt, besteht aus einem Raffinierstahlhammer, einem Blausensenreckhammer, einem Sensen- Breithammer, einem Breithammer, einem Sensen-Plätthammer und einer Fabrikanstalt." Eine bildliche Darstellung der Anlagen ist bis heute nicht aufgetrieben worden.  Eine vage Bleistiftskizze aus der Hand des Vaters von Dr. Krupp von Bohlen und Halbach ist zurzeit das einzige bildliche Zeugnis der Müngstener Hämmer.

1854 schreibt E.Voßnack ein Buch mit dem Titel "Der Kreis Lennep". Hier findet sich eine eindrucksvolle Schilderung aus damaliger Sicht: "An der Wupper gewährt Müngsten mit seinem Herrenhause, seinen Hammerwerken und den Schleifwerken auf der Wupper von dem nahen Schaltkopfe und der Teufelsklippe, die sich 400 Fuß steil über den Wupperspiegel erheben, einen überraschenden Anblick. An dem Winkel, den der hier einmündende Morsbach mit der Wupper bildet, stoßen die Kreise Elberfeld, Lennep und Solingen aneinander. Heute (also 1898) sind die Hämmer und Schleifkotten verschwunden, nur das kleine, von Johann Arnold Halbach erbaute Herrenhaus mit seinen Stall- und Wirtschaftsräumen liegt noch, leider zu anderen Zwecken (Gartenwirtschaft) gebraucht, wie vor 100 Jahren an dem schönen dazugehörigen Garten neben der Wupperbrücke. An der gegenüberliegenden Seite des Weges bezeichnet ein noch bedeutend älteres Wirtshaus den ungefähren Platz der ehemaligen Hämmer, und ein großer, von grünen Waldwiesen umfaßter Weiher, der jedoch erst neuerdings entstanden ist, ladet zur Kahnfahrt ein.

1960 wurde dieses Haus rechts vor der Wupperbrücke Richtung Solingen abgerissen.

Breite gepflegte Straßen, die zum großen Teile Napoleon und dem Halbachschen Unternehmergeist zu verdanken sind, steigen von dem Mündungswinkel an der alten steinernen Wupperbrücke nach Remscheid und Solingen empor, eine andere Straße folgt dem breiten, viel gewundenen Morsbachtal und führt in mehrstündiger Wanderung zu den früheren Halbachschen Ursprungsstätten, nach Halbach, Kranenholl und dem Wüstenhammer zurück.“

Die Friedenszeit von der Übernahme der Müngstener Werke bis zum Ausbruch der französischen Revolution dürfte wie allenthalben im Bergischen auch in den Geschäften von Johann & Caspar Halbach und Söhne günstig gewirkt haben, wuchs doch von 1763 bis 1803 die Zahl der verschiedenen Stahl- und Eisenerzeugnisse des Remscheider Industriebezirkes von 300 auf 600 Sorten, das Kirchspiel Remscheid (damals 1689) nur 1400 Einwohner zählend, wuchs bis auf 8000 Seelen, und ein Hauptverdienst an diesem Aufschwung gebührte einfach den Kaufleuten.

Für das Halbachsche Geschäft aber war es von besonderer Bedeutung, daß seine Inhaber neben dem Handel und der Fertigfabrikation zu allen Zeiten die Eisengewinnung und Raffinierung des Stahles betrieben und seit dem Beginn der Sensenfabrikation wohl noch gesteigert hatten. Dadurch waren sie ebenso wie einige Zweige der Hasencleverschen Familie in der Lage, auch bei der nachfolgenden Unterbrechung des Außenhandels durch die Grenzsperrungen Frankreichs, wodurch viele Kaufleute zugrunde gerichtet wurden, die wirtschaftliche Lage noch längere Zeit auszunutzen. Beispielsweise blühte zur Zeit des Rheinbundes, nachdem die Einfuhr österreichischer Erzeugnisse, darunter die steyrischen Sensen, nach Frankreich ganz abgeschnitten war, die bergische Sensenfabrikation, an welcher die Hämmer von Halbach, Hasenclever und Busch am stärksten beteiligt waren, besonders auf und warf gerade in den Jahren 1795 bis 1799, als der Handel im allgemeinen tief danieder lag, großen Gewinn ab.  Johann Gottlieb Halbach verstarb im Jahre 1803 und wurde von seinem Bruder Caspar um 28 Jahre überlebt. Johann Arnold Halbach (1745-1825) gab im Jahre 1807 die Größe seines Hofes Müngsten nach eigener Schätzung auf 90 Morgen, 165 Ruten an. Er ließ in Müngsten nicht nur ein prächtiges Wohnhaus und ein Geschäftshaus, sondern 1772 auch ein zusammenhängendes Blausensenwerk mit fünf Hämmern entstehen. Im Bergischen hatte das Fabrikenzeitalter seinen Einzug gehalten. Kapitaleinsatz, kurze Wege in der Fertigung und Erfindergeist zeigten die positive Seite des Fortschritts. Der ohrenbetäubende Lärm, den mehrere Klipperhämmer an einer Achse (nur 35-50 kg schwer), mit 800 bis 900 Schlägen in der Minute vereint vollführten, war eine der negativen Seiten.

Brücke über dem Morsbach in Müngsten Repro : Günther SchmidtDer schnelle Aufstieg der Remscheider Stahlsensenindustrie war nur von kurzer Dauer und führte mit den Kriegen Napoleons und seiner Kontinentalsperre 1810 zum jähen Absturz. Schon 1803 verlegte Halbach den Hauptbetrieb an die Ruhr, näher an die Kohlenzechen, in ein Gebiet mit besseren Straßen- und Wasserbedingungen, denn in den Sommermonaten reichte das Morsbachwasser nicht aus. Betriebseinschränkung und Stillstand wegen Wasserknappheit (wie seit eh und je), konnte sich ein moderner Fabrikant nicht leisten. 1830 wurde das Sensenwerk in Müngsten stillgelegt.

Alte Postkarten belegen, daß nach dem Abriß der Müngstener Hämmer (in späteren Jahren) ein gründliches Umdenken in der kleinen Ortschaft stattfand. Geld verdienen ließ sich nur noch im Hinblick auf die Attraktion "Müngstener Brücke" und dem zugehörigen Touristenrummmel. Somit wurden die Halbachschen Häuser zu Restaurants umgebaut. Der lange Obergraben zu den ehemaligen Kotten wurde mit einer Staumauer versehen und ein großflächiger Kahnteich entstand zum Vergnügen der Besucher. Dieser wurde wiederum um 1905 mit einer neuen Abgrenzung versehen, indem man den Morsbach separat bergab gesehen rechts am Teich vorbeiführte.

Die Ronsdorf-Müngstener-Eisenbahn nahm den Betrieb 1891 im Morsbachtal auf. Das Ziel Müngsten wurde schnell zu einem Renner. Weil Personenwagen so schnell nicht zu besorgen waren, baute man Güterwagen um, indem man sie mit Holzbänken versah. Die Einnahmen in der Zeit von 1903/04 und 1908 steigerten sich um 163 Prozent! Ich erinnere mich noch gerne an die Kirmessen "Pfingsten in Müngsten". Es war eine Pflichtaufgabe, zu Fuß zu gehen oder - ein besonderes Erlebnis -  mit der Straßenbahn dorthin zu fahren. Die letzte Sonderfahrt bis Müngsten habe ich 1956 noch miterlebt. Die Wagen waren wunderschön bekränzt und es war viel Wehmut bei allen Beteiligten spürbar. Mit dem Ende der Straßenbahn kam dann auch schnell das Ende der Restaurants in Müngsten. 1963 wurden die Halbachschen Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Nur wer heute noch genau hinschaut, entdeckt hier und da ein paar Grundmauern. Erhalten ist allerdings die historisch bedeutsame erste Bogenbrücke aus Feldsteinen, die seit 1850 die Verbindung zwischen Solingen und Remscheid darstellte. Der Denkmalschutz konnte den Abriß im Zuge der Erweiterung des Müngstener Kreuzes verhindern. (aus: „Von Müngsten bis Gerstau - Hämmer- und Kottenforschung in Remscheid“ von Günther Schmidt, im Jahr 2000 im Verlag: Buchhandlung R. Schmitz, Remscheid-Lennep, erschienen.)

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Markus Kiel am :

Die beschriebene Gegend ist meine bevorzugte Wanderecke... nachdem ich dort eine Zeit lang in den 1970ern Brezeln und die Verkaufsbuden und in den 1990ern das "Exit" (Disco) interessant fand. :-) Ich bin begeistert von diesem Artikel.... danke für die Inhalte, vieles war mir fremd, interessant waren auch die Fotos, die ich beim nächsten Besuch dort mal gezielt in Gedanken rausholen werde.

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