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Mitmenschen äußerten: „Da kommen die Polacken!“

Manfred Stremlow, geboren am 15.6.1937 in Rummelsburg / Pommern, seit 1947 in Remscheid:

„Miastko (deutsch Rummelsburg, kaschubisch Miastkò) ist eine Stadt mit 11.900 Einwohnern in Polen. Sie liegt an dem Fluss Stüdnitz (Studnica) und gehört dem Powiat Bytowski, Woiwodschaft Pommern an. Nach Kriegsende kam die Stadt zu Polen, bekam den Namen Miastko und die verbliebene deutsche Bevölkerung wurde vertrieben. Rummelsburg war damals Kreisstadt und hatte 8.900 Einwohner, der Kreis Rummelsburg hatte 49.000 Einwohner.

Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges hat die russische Armee meinen Heimatort Rummelsburg besetzt. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Ortschaft an Polen übergeben. Am 5. Mai 1947 wurden wir von den polnischen Behörden ausgewiesen. Wir hatten zwölf Stunden Zeit, Rummelsburg zu verlassen. Mit dem Zug sind wir über Stettin nach Thüringen in den Ort Schmölln gefahren. Hier wurde uns, meiner Mutter und uns drei Kinder, eine kleine Wohnung zugewiesen.

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Mein Vater war zu dieser Zeit bereits hier in Remscheid, in einem Lager in Tocksiepen. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Deutschland in Sektionen aufgeteilt war. Meine Mutter hat mit Hilfe des Roten Kreuzes meinen Vater hier in Remscheid gefunden und ihm per Telegramm mitgeteilt, wo wir waren. Er hat in weiser Voraussicht die „Einreisepapiere“ für die britische Zone hier besorgt. Er hat uns dann in Schmölln besucht und wir sind dann gemeinsam „schwarz“ über die Grenze mit Hilfe eines älteren Herrn für 20 Reichsmark.

 

Am 10. Juni 1947 sind wir hier in Remscheid angekommen, alle zusammen. Wir hatten nur mitgenommen, was wir tragen konnten bzw. was wir am Körper hatten. Wir mussten uns im Laufe der Zeit alles neu beschaffen.

Bis August oder September 1947 haben wir im Lager Tocksiepen in Lennep gewohnt. Das Lager Tocksiepen wurde dann aufgelöst. Wir wurden dann im Lager der Turnhalle in der Hardtstraße untergebracht. Dort lebten wir mit ca. 140 Personen bis zum 8. Juli 1949. In der Turnhalle gab es einen Waschraum, neben der zu Halle gehörenden „Bühne“ gab es einen Raum. Dort hatten wir, wie auch die anderen Kochgelegenheiten; jede Familie hatte eine Kochplatte. Es gab damals nur Eintopf. Wir fünf Personen hatten zwei Etagenbetten.

Am Jahnplatz gab es eine evangelische Schule, meine Geschwister und ich besuchten diese evangelische Schule. Ich kam im September 1947 in die zweite Klasse im Alter von 10 Jahren. Damals war die Einschulung Ostern, nicht wie heute nach den Sommerferien. Nach den Osterferien 1948 erhielt ich mein Zeugnis mit der Versetzung in die dritte Klasse. Da hat mein Vater protestiert. Ich musste dann vor den Lehrern einige Aufgaben lösen; nach zwei Stunden wurde ich dann in die vierte Klasse versetzt.

In den Schulen wurde bereits 1947 dazu aufgerufen, dass einheimische Familien zu Weihnachten Flüchtlingskinder aufnehmen und beschenken. Ich verbrachte Weihnachten 1947 bei der Familie des Architekten Schmitz. Ich bekam einen Stabilo- Metallbaukasten geschenkt. Unsere Eltern hatten kein Geld, um uns etwas zu schenken. Wir haben mit dem Baukasten noch viele Jahre gespielt. Meine Schwester war auch bei einer Familie, meinen Bruder hatte man einfach vergessen, er hat da sehr drunter gelitten. Aber mein Baukasten hat ihm darüber hinweg geholfen.

In der Zeit, in der wir in der Turnhalle lebten, gab es kein Spielzeug, wir haben draußen gespielt. Wenn der Zirkus auf den Jahnplatz kam, haben wir immer mitgeholfen, damit wir eine Eintrittskarte bekommen oder mal die Tiere sehen konnten. Mein Vater hatte bereits vorher hier in Remscheid einen Arbeitsplatz bei der Firma Fahrrad Drosten am Ebert Platz. Dadurch war es möglich, Lebensmittel zu kaufen.

1949 sind wir dann in eine Zwei-Zimmerwohnung und ein Dachzimmer in der Siedlung Neuenhof eingezogen. Vom Flüchtlingsamt erhielten wir einen Gutschein, mit dem wir uns Metallbetten und einen Kleiderschrank beschaffen konnten. Erst in den 60- er Jahren, als eine andere Familie aus dem Haus auszog, bekamen wir zwei weitere Zimmer.

In den Jahren in Lennep gab es keinerlei Probleme mit der Bevölkerung, wir wurden akzeptiert. Später, als wir nach Neuenhof gezogen sind, war die Freundlichkeit nicht mehr so groß. Da gab es schon Mitmenschen, die äußerten: „da kommen die Polacken“. Es hat schon eine Weile gedauert, bis wir als gleichwertige Menschen akzeptiert und behandelt wurden.

Bei der Vertreibung gingen alle Papiere verloren. Wir hatten keine Originale. Das hat später zu vielen Problemen geführt. Mein Vater hatte seinen Ausweis und sein Soldbuch. Dass wir Papiere erhielten, verdanken wir der Beglaubigung meines Vaters; er musste bezeugen, dass wir seine Kinder sind, wo und wann wir geboren wurden usw.

1952 begann ich meine Lehre als Handelsfachpacker bei der Fa. Union Trading Company. Das war ein Schweitzer Unternehmen mit Sitz hier in Remscheid und in Hamburg. Der Sitz hier in Remscheid wurde am 30.06.1984 aufgelöst. Mein Lehrlingsgehalt betrug 20 DM monatlich zuzüglich Fahrgeld von fünf DM monatlich. Ich bin zunächst immer mit der Straßenbahn gefahren, später bin ich dann zu Fuß gegangen, um das Fahrgeld zu sparen. Der Fußweg betrug hin und zurück jeweils 4,5 km. Nach meiner Ausbildung hatte ich ein Monatsgehalt von 150 DM brutto, nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung verblieben mir ca. 100 DM.

Als die Firma geschlossen wurde, war ich erst einmal sechs Monate ohne Arbeit, fand dann in Solingen eine Anstellung bei der Exportfirma Weyersberg als Versandleiter. In dieser Zeit wurde ich sehr krank. Als ich wieder gesund war, erhielt ich die Kündigung. Ich war wieder arbeitslos. Ich fand aber schnell eine Anstellung als Produktionsleiter bei der Firma Zangen Möller hier in Remscheid-Hölterfeld. Dort habe ich bis September 1987 gearbeitet, danach war ich wieder ohne Arbeit.

Nebenher war ich zwölf Jahre lang, von 1976 bis 1989 ehrenamtlicher Richter bei der 5. Kammer des Verwaltungsgerichtes Düsseldorf. Zu dieser Zeit gab es hier in Remscheid einen Vertriebenenbeirat. Bei diesen Beiratssitzungen war ich auch anwesend. In einer solchen Beiratssitzung wurde erwähnt, dass die Stadt zwei Wohnungsakquisiteure sucht. Im Anschluss an die Sitzung habe ich den Kontakt zu Herrn Hlusiak aufgenommen. Es gab ein Vorstellungsgespräch. Ich habe dann zunächst mit einem Jahresvertrag am 8.10.1988 als Wohnungsakquisiteur bei der Stadt angefangen. Der Vertrag wurde später in einen unbefristeten verlängert. Im Laufe der Zeit habe ich dann auch die Obdachlosen betreut.

Als dann auch auf Remscheid die Welle der Spätaussiedler zuströmte und auch hier die Handlungsbedarfe bestanden, war ich zuständig für die Möblierung und Hausverwaltung, und Gebührenbescheide sämtlicher Übergangsheime. Es gab damals keine Trennung zwischen Heimen für Spätaussiedler und Asylbewerbern. Diese Arbeit habe ich bis Dezember 2000 gemacht, bis zu meiner Pensionierung.

1977 habe ich, gemeinsam mit meinem Bruder, hier an der Rotdornallee mein Haus gekauft. Das kann man nicht allein bewerkstelligen, aber gemeinsam ist das durchaus zu schaffen. Im Erwachsenenalter habe ich das Verhältnis zu Nachbarn und Kollegen eigentlich immer als ein gutes Verhältnis empfunden, nur in der Kinderzeit gab es mal von anderen Kindern und Jugendlichen Äußerungen wie: „da kommen die Flüchtlingskinder! Da kommen die Polacken, die daher Gelopenen“. 1982 habe ich geheiratet. Meine Frau stammt aus Schlesien. Meine Schwägerin hat uns bekannt gemacht, und so haben wir zusammen gefunden.

Ich habe inzwischen viermal meine alte Heimat besucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Leben in Rummelsburg so positiv verlaufen wäre. Natürlich hänge ich an meiner alten Heimat, das beweist auch meine Aktivität in verschiedenen Landsmannschaften. Aber Remscheid ist meine neue Heimat, meine zweite Heimat geworden.

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