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Mein Bruder wurde 1982 von der „Cap Anamur“ gerettet

Liem van Tran, geboren 1.12.1977 in Ho Nai Bien Hoa / Vietnam, seit 1988 in Remscheid

Die erste „Cap Anamur“ war ein deutsches Frachtschiff, mit dem von 1979 bis 1986 insgesamt 10.375 vietnamesische Flüchtlinge (die sogenannten "boat people") auf dem Chinesischen Meer gerettet und nach Deutschland gebracht wurden. Die Flüchtlinge trieben zuvor auf überladenen, altersschwachen Booten auf dem Meer. Die meisten von ihnen fielen vor einer Rettung den Stürmen, den Piraten oder dem Hungertod zum Opfer. Die Rettungsaktion „Deutsches Komitee. Ein Schiff für Vietnam“ wurde 1979 vom deutschen Journalisten Rupert Neudeck initiiert.

Der Begriff „Boat People“ wurde in den 1970-er Jahren aus dem amerikanischen Sprachgebrauch übernommen. Er bezog sich ursprünglich auf Bootsflüchtlinge in der Folge des Vietnamkrieges in Südostasien Die meisten dieser Flüchtlinge leben heute noch in Deutschland, viele durften im Laufe der Jahre ihre Familienangehörigen nachholen. Eine Minderheit von sechs Millionen Einwohnern, also etwa sieben Prozent der Bevölkerung Vietnams, bekennen sich zum katholischen Glauben.

Mein Bruder wurde bei seiner Flucht 1982 von „Cap Anamur“ gerettet. Hier in Deutschland wollten wir im Rahmen der Familienzusammenführung zum mittlerweile als Flüchtling anerkannten Bruder. Die Ausreise aus Vietnam erfolgte 1987. Mit meinen Eltern und meinen zwei Schwestern bin ich in Frankfurt gelandet. Von dort ging es nach Düsseldorf und dann weiter nach Unna Massen. In Unna war mir alles fremd, es war kalt, es gab Schnee, es war lautlos im Vergleich zu Vietnam. Es war so ruhig in Deutschland. Die Menschen blieben unter sich, nicht die gegenseitigen Besuche auch auf der Straße, so wie in Vietnam. Freundliche Begrüßungen als Ritual wie in Vietnam fehlten, hier war das anders, nur die Menschen die man kennt werden gegrüßt, insbesondere am Morgen.

Es war z.B. ungewohnt, mit Messer und Gabel zu essen und nicht mit Stäbchen. Meine Eltern waren in Vietnam Bauern, hatten Ahnung von Getreide und Vieh, aber nicht, wie Kuchen gebacken wird. Socken anziehen war ungewohnt.

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'Zeitstrahl' der AusstellungEigentlich wollten wir nicht nach Remscheid, sondern in die großen Städte, wo viele Vietnamesen lebten. Aber der Bruder war in Remscheid, deshalb mussten wir nach Remscheid. Die Ankunft in Remscheid war Ende 1988. Die Unterbringung durch die Stadt erfolgte im Übergangsheim Bergfrieder Weg mit der ganzen Familie für ca. ein Jahr. Erst hier in Remscheid besuchte ich die Schule Mannesmann. Aber nur kurze Zeit. Für mich war ein Internatsbesuch vorgesehen.  Im Internat St. Michaelheim, ein Caritasheim mit Förderschule, war ich dann drei Jahre lang zum deutsch lernen -intensiv. Ebenso meine beiden Schwestern. Die sind älter und waren nur ein Jahr im Internat. Meine Eltern haben in Solingen eine Sprachschule besucht. Meine Klasse im Internat bestand aus ca. 25 Schülerinnen und Schüler aus Russland, Polen, Vietnam, Kambodscha, Laos, Thailand. Da mussten wir eine gemeinsame Sprache sprechen, das war dann deutsch. Nach den drei Jahren im Internat bekam ich ein gutes Zeugnis mit der Empfehlung zur Realschule.

Neben deutsch intensiv und dem „normalen“ Unterrichtsstoff habe ich im Internat alles an Regeln und mitmenschlichem Umgang gelernt. Nach dem Internat besuchte ich die Klasse 7 der Alexander von Humboldt Realschule.

1990 haben wir endlich gemeinsam mit den Eltern eine Wohnung gefunden, die Wohnungssuche war schwierig, es gab nicht viele freie Wohnungen, obwohl die Pfarrgemeinde geholfen hat. Wir hatten mit fünf Personen eine 75 qm große Wohnung in der Burger Straße gefunden. Später kam dann noch eine kleine Wohnung hinzu, so wie ein paar Familienangehörige. Jetzt hatten wir 120 Quadratmeter.

Ich habe an der Alexander von Humboldt Schule meine Realschulabschluss gemacht, 1995 habe ich meine Ausbildung bei Elektrotechnik Müller als Elektroinstallateur begonnen. 1998 habe ich die Ausbildung erfolgreich mit meinem Gesellenbrief abgeschlossen. Einige Zeit nach der Ausbildung habe ich meinen Arbeitgeber gewechselt und hatte inzwischen verschiedene Arbeitgeber. Es lag eigentlich immer am Verdienst, es gab Firmen die nur über Zeitverträge anstellen oder sogar versuchen unter dem Tariflohn zu zahlen.

Weder im Internat noch in der AvH hatte ich je das Gefühl ein Fremder zu sein, ich wurde angenommen. Deutsche Pünktlichkeit ist bewundernswert, man muss das lernen. In Vietnam lief ich barfuß oder auch im Schlafanzug draußen auf der Straße, das war normal, viele machten es. Das geht hier nicht. Ich habe sehr schnell erkannt, die Wichtigkeit, Termine einzuhalten, dass das Leben nach der Uhr geht, dass alles geplant werden muss. Im Vergleich dazu fehlt aber oft die Toleranz, wenn es mal nicht so funktioniert,

Wir waren bereits in Vietnam Christen und hatten über unsere Religion Kontakte zu unseren anderen Gemeindemitgliedern. Als Christ habe ich über die Kirche Kontakt zu anderen Gemeindemitgliedern aufgenommen. Durch eine Zeitungsanzeige bin ich auf den CVJM aufmerksam geworden, und einfach mal dahin gegangen, mit dem Ziel, Kontakte zu knüpfen, Menschen kennen zulernen. Es hat geklappt, ich habe mittlerweile viele Freunde und Bekannte.

Über die christliche Arbeit in St. Josef habe ich als Gruppenleiter Jugendzeltlager begleitet. Über eine Nachbarin, Frau Muckel, bin ich in einen Tischtennisverein gekommen. Dort habe ich noch weiter neue Menschen kennen gelernt. Ich bin in Remscheid verwurzelt, ich kann mir gar nicht vorstellen wo anders zu leben.

Rückblickend kann ich sagen, die Art und Weise des Erlernens habe ich damals nicht annehmen wollen, aber ich hatte im Internat keine Wahl. Jetzt habe ich mir all die Dinge zueigen gemacht, viele typisch deutsche Angewohnheiten oder auch Tugenden habe ich jetzt auch.

Einige Dinge wie z.B. Umweltschutz, Rücksicht auf die Natur sind hier in Deutschland viel besser als in Vietnam. Was mir nicht gefällt ist, dass die Menschen z.B. Zigarettenkippen auf die Straße schmeißen. In letzter Zeit vermehrt sich leider den Eindruck, dass die Akzeptanz mancher Menschen nachgelassen hat. Ich weiß nicht woran das liegt, aber es ist schon mal ein komisches Gefühl. Ich gehe dann woanders hin.

In Remscheid fühle ich mich sicher. Remscheid ist umgeben von grüner Natur. Die hügelige Landschaft hier gefällt mir. Wenn ich nach Köln oder Düsseldorf will, ist das schnell mit der Bahn möglich. Besuche in den großen Städten sind ja ok, aber leben wollte ich da nicht. Das wäre mir zu laut. Da ist mir Remscheid lieber, ich lebe gerne hier. Ich bin seit März 2000 eingebürgert. So etwas macht man nicht, wenn man sich nicht verbunden fühlt.

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