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Ein Pferdestall in Lütterkusen und ein Brief von 1780

Von Dr. Wilhelm R. Schmidt

Das Jahr geht zu Ende, Weihnachten (zunächst) steht vor der Tür. Beinahe hätte ich jetzt "Thür" geschrieben, kramte ich doch mal wieder in meinem umfangreichen historischen Lenneparchiv. Dort finden sich auch zunächst unspezifisch oder belanglos erscheinende Dokumente aus der Region. So fiel mir ein alter, zusammengefalteter Brief in die Hände, auf dem ich zunächst nur die Jahreszahl 1780 und das Wort Lüttringhausen entziffern konnte, und den Namen Goldenberg, der hier ja nicht ungewöhnlich ist. Und irgendetwas sollte bezeugt werden, weitere Namen waren für mich zunächst unentzifferbar, ihre Träger hätte ich sowieso nicht gekannt. Der Wert des Briefes lag also augenscheinlich in seinem bloßen Alter, immerhin 228 Jahre, und so was schmeißt man doch nicht einfach weg, auch wenn das Papier heute altersbedingt ziemlich (rost-)fleckig ist.

Da packte mich dann doch die Neugier, etwas genauer zu wissen, worum es eigentlich ging. Es wurde augenscheinlich etwas bezeugt, das Wort  "Missverständnis" konnte ich lesen usw.  Zunächst machte ich mich an die  Namen und entdeckte bald, dass im Zeitalter des Internets und der retrospektiv digitalisierten historischen Zeugnisse so manches wieder ans Tageslicht kommt, was eigentlich schon längst vergessen war oder unwiederbringlich vernichtet schien.

So fand ich ziemlich schnell Jakob Friedrich Lösch, einen Kaufmann in Lüttringhausen, gestorben daselbst am 25.6.1810. Seine Tochter Auguste Lösch, geb. in Lüttringhausen am 22.6.1804, heiratete in Solingen den  Buchbinder Gustav von den Steinen. Auch ein Kaufmann Peter Melchior Goldenberg war in einer Festschrift der Evangelischen Kirche  Lüttringhausen zur "Wiederherstellung des Gotteshauses vor 250 Jahren" bald verifiziert.

Das alte Schriftstück enthielt weiterhin in der Form zweier Unterschriften die Namen Anton Morian und Johann Anton Morian. War schon ein Pate der oben erwähnten Auguste Lösch ein "Fuhrmann" gewesen, so verband sich spätestens hier das Ergebnis der Internetrecherche auch wieder mit der Tuchgeschichte meines eigenen Lenneper Heimatorts: In Lütterkusen war, spätestens seit Anfang des 17. Jahrhunderts, die Tuch- und Seidenweberei zu Hause, und als nach dem Lenneper Stadtbrand von 1746 die Tuchfabrikation in Lüttringhausen einen weiteren Auftrieb erhielt, da wurden alle damit untrennbar verbundenen Begleitindustrien ebenfalls hier heimisch. Besondere Erwähnung unter den Tuchfabrikanten dieser Zeit verdienen Caspar Moll und sein Schwiegersohn Johann Anton Morian (na also, das muss er  gewesen sein!), die beide von Lennep kamen und im Dorf Lüttringhausen die Fabrikation von Wolltüchern aufnahmen. Sie errichteten hier auch Färb- und Waschhäuser und haben nicht wenig zum Ausbau des Ortes beigetragen.

Die ermittelten Personen waren also die Akteure des Ereignisses, das auf dem alten Schriftstück festgehalten war, aber was war das genau, was wurde hier per Niederschrift unter der Benennung von Zeugen verewigt, so dass wir es heute noch zur Kenntnis nehmen können? Mit einer Lupe und unter Hinzuziehung von Schriftkundigen in fortgeschrittenem Alter (mein Schwiegervater) kam dabei heraus, dass es sich hier um die Festlegung eines Wegerechts handelte.

Herr Matheus Loesch hatte nämlich seinerzeit einen neuen Pferdestall erbaut und die damit veränderte Wegnutzungsmöglichkeit mit den Eigentümern der anliegenden Grundstücke zunächst freundschaftlich abgesprochen. Das nunmehr  wiedergefundene Schriftstück gibt darüber bleibend Auskunft, ausdrücklich auch, weil bei den Nachkommen ja Missverständnisse entstehen könnten. Es wurde in zwei gleichlautenden Ausfertigungsscheinen von den Beteiligten „fertig unterschrieben und mit Zeugen bestätigt“. Dass die historischen Namen jetzt ziemlich leicht ermittelt werden konnten, ist sicherlich nicht nur ein Erfolg der fortgeschrittenen technischen Suchmöglichkeiten, sondern es hängt auch mit der damaligen Bedeutung der Beteiligten zusammen, in einer Zeit , die wie oben erwähnt, wirtschaftlich aufstrebend war und vermutlich den Bau eines zusätzlichen Pferdestalles notwendig machte

Übrigens ist das Dokument auf den 16. Dezember 1780 datiert. Es passt also in unsere jetzige Jahreszeit, Advent hat etwas mit dem "Kommen" zu tun, auch der oben stehende Brief "kam" jetzt ans Tageslicht, dem Schreiber dieser Zeilen "kommt" er jetzt gelegen, denn er will Sie alle grüßen, und zwar mit einem jahreszeitgemäßen Bezug.

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